Mein ers­ter Aus­flug ins Werk­statt­ki­no, im Regen. Blu­ti­ge Under­dox-Pla­ka­te trop­fen vom Ein­gang, der geheim­nis­voll, ver­lo­ckend in den Kel­ler führt. Eini­ge Gestal­ten lun­gern rau­chend dort unten an den Trep­pen, Fahr­rä­der im Hof wir­ken so, als wären sie immer dort gewe­sen. Es ist gemal­tes Bild, das trotz­dem gefähr­lich wirkt. Ich habe das Gefühl, dass ich durch eini­ge dicke Vor­hän­ge gehen muss, um ins Kino zu kom­men, aber das ist eine Täu­schung. Die­se Vor­hän­ge sind in der Luft, sie sind die Schwel­le in eine ande­re Welt. Schon den Hof erreicht man durch eine gro­ße Tür von der Frau­en­ho­fer­stra­ße, die in alles füh­ren könn­te. Sie führt in einen Hof im Regen, man sieht ein Schild, einen Ein­gang in den Kel­ler. Es wirkt hand­ge­macht. Jemand raucht, sieht mich an, ich habe ihn am Vor­tag gese­hen. Wir spre­chen nicht. Da sitzt auch jemand und liest im Regen. Ich hat­te ihn zuerst nicht gese­hen. Er schaut mich nicht an. Und zwei Frau­en unter­hal­ten sich durch ein Fens­ter. Sie schei­nen an die­sem Fens­ter zu leben, nur dort. Es ist die­se Art von Dia­log, die man nicht hören kann in der Erin­ne­rung. Sie sind wie eine Kulis­se, gefro­re­ne Frau­en aus Duras, Sta­tu­en. Ich gehe also in den Kel­ler, die Stu­fen hin­ab, schaue die Pla­ka­te an. Sie erge­ben ein Mus­ter, ich erken­ne nicht wel­ches. Dort sit­zen jun­ge Fass­bin­der-Män­ner mit Leder­ja­cken, sie rau­chen an der Trep­pe, dort kann man auch sit­zen. Vor und doch schon im Kino. Sie wer­den ihre Jacken im Kino nicht aus­zie­hen. Die Jacken reflek­tie­ren rot, weil die Wän­de rot sind. Ich gehe durch die Vor­hän­ge und lan­de im Vor­raum. Man zögert dort, weil es so direkt ist. Vor mir die Kas­se und neben ihr das Kino. Das ist es, man sieht, für was man bezahlt, ein Mann sitzt dort wie neben einer Attrak­ti­on im Pra­ter. Du kannst ihn bezah­len und ihn dann pas­sie­ren, es ist eine Pfor­te. Hier ist das Kino, hier ist der Ein­gang. Du kannst es dir noch über­le­gen, es sieht gefähr­lich aus, die Män­ner drau­ßen rau­chen, die Wän­de sind rot. Ich gehe noch mal hin­aus in den kal­ten Regen. Nicht, weil ich nicht hin­ein will, son­dern weil ich noch Zeit habe. Zeit für die­se Trep­pen, die­se Pos­ter. Es ist ein Kino, den­ke ich mir und fra­ge mich, war­um man immer die­ses Gefühl von „Kino“ hat, wenn es ein Gefühl des Unter­grunds gibt, etwas Ver­bo­te­nes, Frei­es. Ich gehe auch ger­ne in insti­tu­tio­nel­le Kinos, in gro­ße Kinos. Aber die wirk­li­chen Schät­ze, das wirk­lich Ver­bor­ge­ne, das mei­ne ich immer dort fin­den zu kön­nen. Es ist nur ein Ein­druck, kei­ne Statistik.

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@ Hei­mat-Film

Es fühlt sich beson­ders an, dort zu sein. Wenn einen ab einem gewis­sen Alter die Grö­ße der Lein­wand kühl lässt, sind es die­se Augen­bli­cke, die zei­gen, dass Kino weni­ger mit Fest­lich­keit zu tun hat, als mit Ver­dor­ben­heit. Mit die­ser Vor­stel­lung davon, dass man etwas mit ande­ren allei­ne ent­deckt. Hier ist noch nichts ent­deckt wor­den, hier wird noch ent­deckt. Das Werk­statt­ki­no also, eine Wider­stands­be­we­gung nahe an der Isar, die­ser Fluss, der schon so vie­le Fil­me hat ertrin­ken sehen. Die Män­ner dort sehen sich an. Ich stel­le mir vor wie sie auf Motor­rä­dern ange­kom­men sind, aus dem Mün­chen einer ande­ren Zeit. Sie leben immer in der Nacht. Ich stel­le mir vor, dass die Hän­de des Pro­jek­tio­nis­ten voll mit roter Far­be sind, er hat gestri­chen. Er berührt den Film, der dre­cki­ger flim­mert und ech­ter. Ich stel­le mir das nur vor, denn gezeigt wird ein digi­ta­ler Film. Die Toi­let­te ist nicht mehr als drei Meter von den Kino­sit­zen ent­fernt. Eine dün­ne Tür trennt sie vom Kino. Wenn es auf der Lein­wand tropft, könn­te es auch täu­schen. Ich gehe wie­der hin­ein. Eini­ge Gestal­ten sit­zen dort stumm. Man sieht nur ihre Augen in schwar­zen Gesich­tern. Sie sit­zen dort und aus ihren Augenecken sehe ich die­se cine­phi­le Neu­gier, die­se nach Zuge­hö­rig­keit suchen­de Sehn­sucht. Der Kino­saal ist wie die schwar­ze See­le, die nach der roten Zun­ge die­ser Trep­pen und des Vor­raums kommt. Eine schwar­ze See­le, die nur vom Weiß der Lein­wand erleuch­tet wird. Man ver­fällt in die­se Beschrei­bun­gen, wenn man in einem Kino ist. Es gibt Kinos, in denen spürt man die Geschich­te durch eine Art Aura, die von Erha­ben­heit und Grö­ße erzählt. Wenn ein Kino nach Debus­sy benannt ist, dann wird man das füh­len, die Grö­ße des Thea­ters auch, die Men­schen, die dort waren. Im Werk­statt­ki­no mit den Fass­bin­der-Jungs ist das nicht so, dort ist die Geschich­te etwas ande­res. Sie ist eine Sache der Zuse­her, ihrer Spu­ren, ihrer Bewe­gun­gen, ihrer Geräu­sche, ihres Geruchs. Eine Werk­statt eben. Ein Ort, an dem Men­schen gear­bei­tet, gelit­ten und gelacht haben, an dem sie frei waren und mit einem Gegen­stand, den man Kino genannt hat. Nicht dass, was auf der Lein­wand pas­siert, ist in einem sol­chen Kino ent­schei­dend, son­dern dass es pas­siert. Da ist dann wirk­lich ein schwar­zer Vor­hang, er trennt bei Beginn der Vor­füh­rung den Vor­raum vom Kino. Man wird allein gelas­sen, die Fahrt beginnt. Ab und zu huscht ein Licht­stück durch die offe­ne Stel­le am Vor­hang und man wird durch die­ses Licht erin­nert, dass es eine ande­re Welt gege­ben hat, drau­ßen im Hof mit den bei­den star­ren Frau­en, den Fahr­rä­dern, dem Regen. Die Men­schen sit­zen so, dass sie sich nicht behin­dern, denn die Blick­frei­heit ist nicht auto­ma­tisch gege­ben. Es ist sicher kein per­fek­ter Ort für das Kino, es ist die Ener­gie, die man spürt, um es trotz­dem zu machen, die einen so berüh­ren kann. Die­se Augen sind dort zusam­men, weil der Ort es erlaubt. Es gibt Orte, an denen wird das Kino ver­kauft, an die­sem Ort wird Kino gemacht oder auch: Man lässt das Kino machen.