Verschwundene Notizen zu Wolfgang Staudte

Wenn ich ins Kino gehe, ist das Notiz­buch in der Regel ein treu­er Beglei­ter. Vor allem dann, wenn ich mehr als einen Film sehe. Gele­gent­lich sam­meln sich dar­in Tickets, die beim Auf­schla­gen immer aus den Sei­ten her­aus­zu­fal­len dro­hen. Die meis­te Zeit ruht es anteil­nahms­los in der Tasche unter dem Sitz­platz. Sein schwar­zer Ein­band macht sich im Dun­kel des Saals unsicht­bar. Oft den­ke ich beim Schau­en dar­an, wor­an ich mich spä­ter noch ein­mal erin­nern will. Man könn­te den­ken, es liegt wohl des­halb nahe, sich wäh­rend des Films Noti­zen zu machen. Aber selbst wenn ich es tue, stößt die­se merk­wür­dig aka­de­misch gepräg­te Dis­zi­plin im glei­chen Moment auf ein gewis­ses Unbe­ha­gen – als wol­le man den Film mit einem vor­ei­li­gen Urteil bezwin­gen. Meist sind die­se unle­ser­li­chen Bemer­kun­gen im Nach­hin­ein sowie­so nutz­los und die­nen höchs­tens dazu, die Ein­drü­cke bloß in der rich­ti­gen Chro­no­lo­gie zu ord­nen. Dann doch bes­ser direkt nach Ver­las­sen des Saals? Auch dann ist sel­ten der rich­ti­ge Zeit­punkt. Ent­we­der ist es Erschöp­fung oder die Suche nach Ablen­kung, die sich auf ein­mal in den Weg stellt. Als wür­de man ver­su­chen, mit Auf­blen­den des Saal­lichts, die ange­spann­te Auf­merk­sam­keit zu ver­tei­ben, fällt es mir schwer direkt im Anschluss einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen. Meist den­ke ich erst eini­ge Stun­den oder Tage spä­ter wie­der an den Film, der nun aller­dings ein ganz ande­rer ist. Manch­mal hal­te ich die­se Gedan­ken fest, oft ver­ges­se ich sie wie­der. Lose Wort­fet­zen, die zuneh­mend ihre Bedeu­tung ver­lie­ren, nie­der­zu­schrei­ben, wird so mehr und mehr zum Zwang. Noch nie habe ich mich jedoch gefragt, wes­halb ich die­se Noti­zen wirk­lich sammle.

Eini­ge Tage sind jetzt ver­gan­gen nach­dem ich vier Fil­me von Wolf­gang Staud­te beim dies­jäh­ri­gen Il Cine­ma Ritro­va­to sah. Das nach­leuch­ten­de Bild in mei­nem Gedächt­nis hat sich mitt­ler­wei­le ver­ne­belt. Mei­ne Noti­zen sind spär­lich bis gar nicht vor­han­den – die Grün­de sind bekannt. Selt­sam flie­ßen die Fil­me jetzt inein­an­der. Schon beim Sehen such­te ich nach ver­bin­den­den Ele­men­ten. Nach etwas, das Ori­en­tie­rung schafft in Wolf­gang Staud­tes so umfas­send wie unüber­sicht­li­chem Œuvre. Bis ich die Fil­me sah, war mir sei­ne Bedeu­tung kaum bewusst. Ein paar sei­ner Fil­me kann­te ich aus der Kind­heit. Sei­ne son­der­ba­re Stel­lung als Grenz­gän­ger im geteil­ten Deutsch­land in dop­pel­ter Hin­sicht spiel­te damals aber kei­ne Rol­le. Auch wenn die Fil­me, die ich sah, unter­schied­li­cher nicht hät­ten sein kön­nen, schie­nen sie alle zur Beschrei­bung einer fra­gi­len, unwirk­li­chen Gestalt, der eines Grenz­gän­gers, hin zu drängen.

Das Lamm, ein DEFA-Film gedreht im Schat­ten der Metall­wer­ke des Ruhr­ge­biets, ver­folgt einen eigen­bröt­le­ri­schen Jun­gen auf Abwe­gen durch eine Nacht gemein­sam mit sei­nem Tier. Die Erfah­run­gen, mit denen er kon­fron­tiert wird, bil­den das gan­ze Spek­trum einer Nach­kriegs­ge­sell­schaft ab, die sich eigent­lich auf dem Weg zum Wirt­schafts­wun­der befin­det. Das ist für Staud­te aber zweit­ran­gig. Wich­ti­ger ist offen­bar, dass sich der eigen­sin­ni­ge Jun­ge gleich sei­nem Tier am Ende in das Kol­lek­tiv – also in die Gemein­schaft und nicht vor­an­gig die Gesell­schaft – ein­reiht. Die Rebel­li­on greift die­sen Impuls auf, aber wen­det ihn augen­blick­lich ins Gegen­teil. Gera­de noch, wenn der Kriegs­in­va­li­de Andre­as Pum inte­griert zu sein und sei­ne Rol­le gefun­den glaubt, stößt ihn die Gesell­schaft ab wie einen Fremd­kör­per. Zu Unrecht sitzt er im Gefäng­nis und ver­liert alles was ihm blieb. Sein unaus­ge­füll­tes Leben endet schließ­lich an sei­nem untröst­li­chen Arbeits­platz – von Ver­söh­nung kei­ne Spur. Der Film Zwi­schen­gleis beschreibt das Leben einer Per­son mit einer ähn­li­chen Bio­gra­fie: Eine Frau die mit ihrem Trau­ma aus Kriegs­zei­ten ringt, wird tot unter einer Brü­cke auf­ge­fun­den. Ihr Selbst­mord stellt die Ermitt­ler vor ein Rät­sel. All­mäh­lich rollt der Film ver­gan­ge­ne Epi­so­den auf, als wären sie Erin­ne­run­gen eines Lebens, das immer nur am Rand aber nie im Mit­tel­punkt gelebt wur­de. Der Film ver­sucht so, dem Trau­ma in all sei­nen wider­sprüch­li­chen Facet­ten ein Gesicht zu geben und doch bleibt er in bestimm­ten Wei­se unde­fi­niert. Wie eine Ant­wort dar­auf ver­schwin­det auch im Film Heim­lich­kei­ten eine Frau auf bis zuletzt unge­wis­se Wei­se. Wie in den Fil­men zuvor ver­kör­pert der Film einen unter­grün­di­gen dif­fu­sen Zustand, der die Men­schen und das zeit­ge­schicht­li­che Gesche­hen zusam­men­hält. So spielt die Hand­lung am Gold­strand, also gera­de dort, wo der poli­ti­sche Osten mit dem Wes­ten gemein­sam wäh­rend des Kal­ten Krie­ges sei­ne Feri­en verbringt.

An die Gren­ze zu gehen, bedeu­tet bei all die­sen Fil­men wohl kaum, die Extre­me aus­zu­lo­ten, son­dern sie zu ver­ste­hen und ler­nen mit ihnen umzu­ge­hen. Es gibt immer wie­der die­se Momen­te in Staud­tes Fil­men, die sich gera­de nicht auf ein dezi­dier­tes poli­ti­sches, his­to­ri­sches oder ästhe­ti­sches Bewusst­sein stüt­zen. Die­se klan­des­ti­nen Augen­bli­cke beschrei­ben eine unent­schlos­se­ne, zöger­li­che Hal­tung. Sie drü­cken sich dabei in einer eben­so ver­spiel­ten wie schwel­ge­ri­schen Form aus. Das kann ein ero­ti­scher Tanz sein, den das früh­rei­fe Mäd­chen auf einer Hoch­zeit mit einer flüch­ti­gen Bekannt­schaft führt (Das Lamm). Zwei Augen­paa­re bli­cken tief ein­an­der an, wäh­rend alles um sie her­um ver­schwin­det. Alles das, was zuvor als müh­se­lig und unge­wiss erschien. Weni­ge Augen­bli­cke spä­ter sind bei­de tot. Vom Unfall ist nichts zu sehen, nur zwei leb­lo­se Kör­per lie­gen im feuch­ten nächt­li­chen Gras. Die­ses Bild scheint genau­so ein Ver­weis zu sein, auf die tote Frau zu Beginn des Films Zwi­schen­gleis. Sie ist unver­sehrt, nichts deu­tet auf die Gewalt eines Stur­zes hin. Erst die letz­ten Ein­stel­lung offen­bart die­ses Geheim­nis. Sanft, wie ein Laub­blatt sinkt die Kame­ra krei­selnd von der Brü­cke zu Boden. Schließ­lich über­blen­det das Bild in die schier end­lo­se Pirou­et­te einer Eis­kunst­läu­fe­rin. Wat­te­wei­cher Traum und stein­har­te Rea­li­tät sind bei Staud­te nie weit von ein­an­der ent­fernt. Es han­delt sich dabei immer um Momen­te des Aus­bru­ches. Plötz­lich kann sich mit­tels eines Traums das gut­bür­ger­li­che Eta­blis­se­ment in einen sur­rea­lis­tisch über­höh­ten Gerichts­saal ver­wan­deln (Die Rebel­li­on). Staud­tes Fil­me wer­den in die­sen Momen­ten unver­mit­telt mora­lisch. Wo Ver­zweif­lung herrscht, bleibt immer noch eine Spur Hoff­nung erhal­ten. Leicht­fer­tig lie­ße sich dies als Ver­kit­schung hin­stel­len, jedoch in jedem die­ser raren Bil­der scheint sich für einen Wim­pern­schlag das Schick­sal von den Figu­ren zu tren­nen und ihnen einen ande­ren Aus­blick zu ermög­li­chen. Es wirkt fast so, als wol­le sich Staud­te gegen etwas auf­leh­nen, das er anders nicht zu beschrei­ben weiß.

Immer wie­der, wenn ich an die­se ver­träum­ten, selbst­ver­ges­se­nen Bil­der den­ke, mer­ke ich, dass sie sich leicht ver­schie­ben und sich mir ihr Kon­text nicht mehr ganz erschließt. Ich wünsch­te, ich hät­te mir genau­er notiert, was ich in ihnen gese­hen habe. Aller­dings fra­ge ich mich, ob sich die­se Bil­der dann über­haupt so benen­nen oder beschrei­ben lie­ßen. Oder wür­den sie nicht eher Gefahr lau­fen, zwi­schen ana­ly­ti­schen Stich­wor­ten zu ver­schwin­den, wie es den Men­schen in den Fil­men letzt­lich erging? Staud­tes Film Heim­lich­kei­ten han­delt von die­ser merk­wür­di­gen Unge­wiss­heit im Beson­de­ren. Die Bil­der erge­ben zwar das ansehn­li­che Pan­ora­ma eines Urlaubs­pa­ra­die­ses, aber sie schei­nen nicht recht zuein­an­der gehö­ren zu wol­len. Jede Spur ver­liert sich im Sand. So kon­ven­tio­nell Heim­lich­kei­ten daher­kom­men mag, ist es viel­leicht Staud­tes radi­kals­ter Film, weil sich eine trü­ge­ri­sche Nor­ma­li­tät zu erken­nen gibt. Das rät­sel­haf­te Ver­schwin­den greift um sich, als wür­de jemand ein Stück der Wirk­lich­keit dem Zusam­men­hang ent­rei­ßen und ver­ste­cken wol­len. Jedes Bild wird damit auto­ma­tisch zu einer Fra­ge. Vom Ver­schwin­den lässt sich so nicht abse­hen. Man könn­te den­ken, Wolf­gang Staud­te ver­sucht in die­sen Fil­men das Ver­schwun­de­ne zu bewahren.