Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Vetre, pričaj sa mnom: Trauer um die Geliebten (cine amandi VII)

Dien­te das Som­mer­häus­chen sei­ner Mut­ter zeit ihres Lebens als ruhi­ger Zufluchts­ort, hat es mit ihrem Dasein sei­ne Bestim­mung ver­lo­ren. Neg­ri­ca ver­brach­te dort viel Zeit, lausch­te dem Wind, dehn­te ihren Kör­per, genoss die Natur und küm­mer­te sich schon lan­ge nicht mehr dar­um, was ande­re Leu­te den­ken. Ihr Sohn, Ste­fan Djord­je­vic besuch­te und film­te sie dort immer wie­der, star­tet ein Pro­jekt, doch sieht sich nach ihrem Tod zu einem Neu­an­fang gezwun­gen. In Vet­re, pričaj sa mnom (Wind talk to me) ver­bin­det er die Ver­gan­gen­heit mit der Gegenwart.

Wenn die Eltern krank wer­den, sich von einem abwen­den oder ster­ben, bricht ein Teil des eige­nen Lebens weg. Gleich­zei­tig bestehen sie dar­in aber auch wei­ter fort, nicht nur als Erin­ne­rung, son­dern in den eige­nen, erlern­ten Ges­ten, Rede­wei­sen und Bli­cken. Sie bestehen fort in all­täg­li­chen, poli­ti­schen oder spi­ri­tu­el­len Ein­stel­lun­gen, die wir tei­len oder ableh­nen; in Gegen­stän­den, die in den Besitz ihrer Kin­der über­ge­hen, deren emo­tio­na­ler den mate­ri­el­len Wert über­steigt. Nicht nur die Hüt­te blieb, auch jene Gesprä­che und Beob­ach­tun­gen, die Djord­je­vic dort mit Neg­ri­ca auf­nahm. Doch ihr Tod trat schnel­ler ein als die Fer­tig­stel­lung sei­nes fil­mi­schen Por­träts. Er über­schat­tet die Ereig­nis­se und lässt die Fra­ge auf­kom­men, wie mit die­ser Lücke umge­hen, künst­le­risch und per­sön­lich. Bei­des ist ohne­hin eng inein­an­der verschlungen.

Dem Umgang mit dem Ver­lust der Eltern wid­me­ten sich im Pro­gramm des dies­jäh­ri­gen 36. FID Mar­seil­le eini­ge wei­te­re Film­bei­trä­ge – etwa Car­tas a mis pad­res muer­tos, Esa otra sel­va blan­ca, Next Life. Zwar bestim­men Trau­er und Lie­be unser aller (Gefühls-)Leben; was von den Gelieb­ten hier­bei bleibt, sind aber nicht nur die Gefüh­le zu ihnen, son­dern auch ihre Bil­der, die sie plötz­lich wie­der näher erschei­nen las­sen. Die Sehn­sucht, Ver­stor­be­ne wie­der­zu­se­hen, mag sich in jenen Augen­bli­cken fast erfül­len, in denen sich ihre auf Film gebann­ten Kör­per vor uns bewe­gen. Aber kommt die­se Form des Wie­der­se­hens einem Trost gleich oder wird sie eher zur auf­wüh­len­den Rea­li­täts­ver­schie­bung, die die Zeit­sphä­ren durch­ein­an­der­bringt und die Trau­er neu aufwirbelt?

Viel­leicht trifft im Hin­ter­grund bei­des zu. Vet­re, pričaj sa mnom schlägt nach außen hin jeden­falls eine trös­ten­de Rich­tung ein. Als der Regis­seur bei sei­ner Fami­lie in Ser­bi­en ankommt, schlägt er vor, gemein­sam zu „Necas“ Hüt­te zu fah­ren, sie auf­zu­räu­men und auf­zu­po­lie­ren, wo es nötig ist und den Film fer­tig zu dre­hen, anders als geplant. Statt wie bis­her Mut­ter und Sohn, sind es nun drei Gene­ra­tio­nen, die sich vor der Kame­ra aus­tau­schen. Eine Dyna­mik, die, neben Gesprächs­frag­men­ten inner­halb der Ver­wandt­schaft, nicht weni­ger inti­me Momen­te zulässt. Wäh­rend der Regis­seur deso­la­te Holz­bal­ken abmon­tiert, schal­tet sich der Groß­va­ter mit Instruk­tio­nen ein, die zwar nütz­lich klin­gen, sei­nen Enkel aber ner­ven – soll er es doch selbst machen, wenn er es bes­ser weiß. Er sei doch zu alt dafür, ent­geg­net der Groß­va­ter. Wir­bel nicht so viel Staub auf, ermahnt Djord­je­vic hin­ge­gen die Groß­mutter, die, um akti­ve Mit­hil­fe bemüht, die Veran­da fegt. In einem ande­ren Moment sitzt sie ruhig an der Fas­sa­de der Hüt­te gelehnt auf einer höl­zer­nen Erhö­hung und lauscht der Umge­bung. Djord­je­vic setzt sich zu ihr, sie spre­chen kurz mit­ein­an­der, eine inni­ge Umar­mung folgt. Alt und Jung sit­zen Sei­te an Sei­te, gehen gemein­sam den Weg ent­lang, haben ver­schie­de­ne Mei­nun­gen und Erfah­run­gen, aber fin­den doch immer wie­der zuein­an­der. Wäh­rend die Groß­mutter vom bal­di­gen Ver­ges­sen als Weg der Trau­er­ver­ar­bei­tung spricht, ist Djord­je­vic hin­ge­gen die fort­dau­ern­de Erin­ne­rung an sei­ne Mut­ter wichtig.

Das Doku­men­tie­ren von Fami­li­en­zu­sam­men­künf­ten, von den Nef­fen gele­se­ne Tage­buch­ein­trä­ge und kur­ze Gesprä­chen mit der Mut­ter ver­kno­ten sich mit nach­denk­li­chen Auto­fahr­ten mit Hand­pan-Musik durch die Wäl­der und der Annä­he­rung an eine frei­lau­fen­de Hün­din. Genau­er gesagt: Djord­je­vic hat das Tier ange­fah­ren, sucht es spä­ter wie­der und lässt es ver­arz­ten. Das Leben kommt und geht. Bemer­kens­wert ist die Unauf­ge­regt­heit, mit der Vet­re, pričaj sa mnom von sei­nen schwer­wie­gen­den Ereig­nis­sen erzählt. Die­ser Film, der sich in kei­ne Kate­go­rie pres­sen lässt, umhüllt uns mit der Gewiss­heit, dass Erin­ne­run­gen, sorg­sa­me Ges­ten und der Aus­tausch unter den Hin­ter­blie­be­nen oder ein­fach nur deren Zusam­men­sit­zen – so will der Bru­der lie­ber schwei­gen als zu viel spre­chen – den gelieb­ten Men­schen in unse­rer Mit­te blei­ben und zugleich zie­hen las­sen können.

In einer Sze­ne des Films hängt Djord­je­vic in einem von saf­ti­gen Wie­sen umge­be­nen Baum, Arme und Bei­ne sind um den Stamm und einen dicken Ast gewi­ckelt. Sei­ne Nef­fen kom­men neu­gie­rig hin­zu, bli­cken in die lau­fen­de, auf­ge­stellt Kame­ra, fra­gen, was das soll. Ihr wer­det schon sehen. Auch der Groß­va­ter schleicht sich an. Einen Augen­blick spä­ter hän­gen auch die Kin­der im Baum, der Ältes­te umarmt den Stamm, alle Augen blei­ben geschlossen.

Djord­je­vic drückt durch sei­ne Bil­der den Gedan­ken aus, dass Sen­si­bi­li­tät für Natur und Behut­sam­keit in zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen mit­ein­an­der ver­wandt sind. Könn­ten wir nicht, wenn wir auf­merk­sam für die mit­un­ter wehr­lo­sen Din­ge und Geschöp­fe um uns her­um sind, auch bedach­te­re mensch­li­che Bezie­hun­gen füh­ren? Wie könn­ten wir Zunei­gung, neben zärt­li­chen Ges­ten, Zeit und Respekt für­ein­an­der, anders zei­gen, als mit inni­gen Umar­mun­gen? Lie­be kann nur ent­ste­hen und andau­ern, wenn wir inne­hal­ten. Vet­re, pričaj sa mnom erin­nert uns dar­an, wenn wir sei­nen Momen­ten unse­re Auf­merk­sam­keit schen­ken. Er zeigt uns auch, dass Ver­lust nicht gleich Ver­lust ist, denn die Erin­ne­rung behält die Gelieb­ten in unse­rer Gegenwart.