Diente das Sommerhäuschen seiner Mutter zeit ihres Lebens als ruhiger Zufluchtsort, hat es mit ihrem Dasein seine Bestimmung verloren. Negrica verbrachte dort viel Zeit, lauschte dem Wind, dehnte ihren Körper, genoss die Natur und kümmerte sich schon lange nicht mehr darum, was andere Leute denken. Ihr Sohn, Stefan Djordjevic besuchte und filmte sie dort immer wieder, startet ein Projekt, doch sieht sich nach ihrem Tod zu einem Neuanfang gezwungen. In Vetre, pričaj sa mnom (Wind talk to me) verbindet er die Vergangenheit mit der Gegenwart.
Wenn die Eltern krank werden, sich von einem abwenden oder sterben, bricht ein Teil des eigenen Lebens weg. Gleichzeitig bestehen sie darin aber auch weiter fort, nicht nur als Erinnerung, sondern in den eigenen, erlernten Gesten, Redeweisen und Blicken. Sie bestehen fort in alltäglichen, politischen oder spirituellen Einstellungen, die wir teilen oder ablehnen; in Gegenständen, die in den Besitz ihrer Kinder übergehen, deren emotionaler den materiellen Wert übersteigt. Nicht nur die Hütte blieb, auch jene Gespräche und Beobachtungen, die Djordjevic dort mit Negrica aufnahm. Doch ihr Tod trat schneller ein als die Fertigstellung seines filmischen Porträts. Er überschattet die Ereignisse und lässt die Frage aufkommen, wie mit dieser Lücke umgehen, künstlerisch und persönlich. Beides ist ohnehin eng ineinander verschlungen.
Dem Umgang mit dem Verlust der Eltern widmeten sich im Programm des diesjährigen 36. FID Marseille einige weitere Filmbeiträge – etwa Cartas a mis padres muertos, Esa otra selva blanca, Next Life. Zwar bestimmen Trauer und Liebe unser aller (Gefühls-)Leben; was von den Geliebten hierbei bleibt, sind aber nicht nur die Gefühle zu ihnen, sondern auch ihre Bilder, die sie plötzlich wieder näher erscheinen lassen. Die Sehnsucht, Verstorbene wiederzusehen, mag sich in jenen Augenblicken fast erfüllen, in denen sich ihre auf Film gebannten Körper vor uns bewegen. Aber kommt diese Form des Wiedersehens einem Trost gleich oder wird sie eher zur aufwühlenden Realitätsverschiebung, die die Zeitsphären durcheinanderbringt und die Trauer neu aufwirbelt?
Vielleicht trifft im Hintergrund beides zu. Vetre, pričaj sa mnom schlägt nach außen hin jedenfalls eine tröstende Richtung ein. Als der Regisseur bei seiner Familie in Serbien ankommt, schlägt er vor, gemeinsam zu „Necas“ Hütte zu fahren, sie aufzuräumen und aufzupolieren, wo es nötig ist und den Film fertig zu drehen, anders als geplant. Statt wie bisher Mutter und Sohn, sind es nun drei Generationen, die sich vor der Kamera austauschen. Eine Dynamik, die, neben Gesprächsfragmenten innerhalb der Verwandtschaft, nicht weniger intime Momente zulässt. Während der Regisseur desolate Holzbalken abmontiert, schaltet sich der Großvater mit Instruktionen ein, die zwar nützlich klingen, seinen Enkel aber nerven – soll er es doch selbst machen, wenn er es besser weiß. Er sei doch zu alt dafür, entgegnet der Großvater. Wirbel nicht so viel Staub auf, ermahnt Djordjevic hingegen die Großmutter, die, um aktive Mithilfe bemüht, die Veranda fegt. In einem anderen Moment sitzt sie ruhig an der Fassade der Hütte gelehnt auf einer hölzernen Erhöhung und lauscht der Umgebung. Djordjevic setzt sich zu ihr, sie sprechen kurz miteinander, eine innige Umarmung folgt. Alt und Jung sitzen Seite an Seite, gehen gemeinsam den Weg entlang, haben verschiedene Meinungen und Erfahrungen, aber finden doch immer wieder zueinander. Während die Großmutter vom baldigen Vergessen als Weg der Trauerverarbeitung spricht, ist Djordjevic hingegen die fortdauernde Erinnerung an seine Mutter wichtig.
Das Dokumentieren von Familienzusammenkünften, von den Neffen gelesene Tagebucheinträge und kurze Gesprächen mit der Mutter verknoten sich mit nachdenklichen Autofahrten mit Handpan-Musik durch die Wälder und der Annäherung an eine freilaufende Hündin. Genauer gesagt: Djordjevic hat das Tier angefahren, sucht es später wieder und lässt es verarzten. Das Leben kommt und geht. Bemerkenswert ist die Unaufgeregtheit, mit der Vetre, pričaj sa mnom von seinen schwerwiegenden Ereignissen erzählt. Dieser Film, der sich in keine Kategorie pressen lässt, umhüllt uns mit der Gewissheit, dass Erinnerungen, sorgsame Gesten und der Austausch unter den Hinterbliebenen oder einfach nur deren Zusammensitzen – so will der Bruder lieber schweigen als zu viel sprechen – den geliebten Menschen in unserer Mitte bleiben und zugleich ziehen lassen können.
In einer Szene des Films hängt Djordjevic in einem von saftigen Wiesen umgebenen Baum, Arme und Beine sind um den Stamm und einen dicken Ast gewickelt. Seine Neffen kommen neugierig hinzu, blicken in die laufende, aufgestellt Kamera, fragen, was das soll. Ihr werdet schon sehen. Auch der Großvater schleicht sich an. Einen Augenblick später hängen auch die Kinder im Baum, der Älteste umarmt den Stamm, alle Augen bleiben geschlossen.
Djordjevic drückt durch seine Bilder den Gedanken aus, dass Sensibilität für Natur und Behutsamkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen miteinander verwandt sind. Könnten wir nicht, wenn wir aufmerksam für die mitunter wehrlosen Dinge und Geschöpfe um uns herum sind, auch bedachtere menschliche Beziehungen führen? Wie könnten wir Zuneigung, neben zärtlichen Gesten, Zeit und Respekt füreinander, anders zeigen, als mit innigen Umarmungen? Liebe kann nur entstehen und andauern, wenn wir innehalten. Vetre, pričaj sa mnom erinnert uns daran, wenn wir seinen Momenten unsere Aufmerksamkeit schenken. Er zeigt uns auch, dass Verlust nicht gleich Verlust ist, denn die Erinnerung behält die Geliebten in unserer Gegenwart.

