Viennale 2014: Expanded 16 eingesperrt im Kino

Die Vien­na­le wagt schon was. Da fin­det man sich plötz­lich an einem die­ser eis­kal­ten Aben­de in Wien im neu gestal­te­ten Metro­ki­no und schaut sich aus­ge­rech­net dort ein Pro­gramm zum Expan­ded Cine­ma im Rah­men der 16mm-Schau des Fes­ti­vals an. Das ist ins­be­son­de­re des­halb bemer­kens­wert, weil das Expan­ded Cine­ma, das in den 60er und 70er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts einen Hoch­punkt erreich­te, bekann­ter­ma­ßen die gewöhn­li­che Raum- und Zeit­er­fah­run­gen des Kino­be­suchs aus­he­belt und daher eigent­lich nicht wirk­lich für den klas­si­schen Kino­saal geeig­net scheint. Die Tat­sa­che, dass die Vien­na­le sich dann auch noch für das Metro­ki­no mit sei­nem Guck­kas­ten-Auf­bau aus Zei­ten des bür­ger­li­chen Thea­ters für die Dop­pel- und Drei­fach­pro­jek­tio­nen in 16 Mili­me­ter ent­schie­den hat, kann nur mehr als State­ment gedeu­tet wer­den. Aber was ist das Statement?

Vier Fil­me waren im Pro­gramm zu sehen: Das schein­bar zufäl­li­ge und doch kom­po­nier­te Far­ben­spiel Retour d’un Repè­re von Rose Low­der aus dem Jahr 1979 mach­te den Anfang. Hier­bei wur­de in einer sub­ti­len Über­la­ge­rung eine Ver­än­de­rung der fil­mi­schen Infor­ma­ti­on in Form eines hyp­no­ti­schen Gedichts zele­briert. Ein tech­ni­sches und doch gefühl­vol­les Expe­ri­ment. Im Anschluss dar­an wur­de einer wei­te­ren Dop­pel­pro­jek­ti­on auf die Lein­wand gewor­fen, die sich dies­mal nicht als Über­la­ge­rung son­dern als Split­screen offen­bar­te. Third Eye But­ter­fly von Storm de Hirsch zeigt wie ein explo­si­ves Ima­gi­na­ri­um aus dem Ein­satz einer lein­wand­spren­gen­den Ästhe­tik ent­ste­hen kann. Das Metro­ki­no, das nach dem eher sinn­lich-ent­lee­ren­den Auf­takt nach einem lan­gen Fes­ti­val­tag droh­te ein­zu­dö­sen und das revo­lu­tio­nä­re Poten­zi­al die­ser Form des Kinos in sei­nem Bau­prin­zip ver­schluck­te, wur­de belebt. Denn de Hirsch zeigt in sei­nem Film aus dem Jahr 1968, dass sich Expan­ded Cine­ma nicht nur auf die Form bezie­hen muss son­dern auch auf die Wahr­neh­mung. So ent­ste­hen in die­sem Film tat­säch­lich drit­te Bil­der zwi­schen den bei­den sicht­ba­ren Bil­dern und man wird mehr oder weni­ger Zeu­ge einer Geburt des Lichts. For­men und Far­ben der neben­ein­an­der auf­schei­nen­den Bil­der ver­ei­nen sich zu einem Gesamt­bild und Rhyth­mus. Im dar­auf­fol­gen­den Film soll­te die­se Geburt oder gar sexu­el­le Erzeu­gung von Bil­dern jedoch in eine Aggres­si­on ver­wan­delt wer­den: Razor Blades von Paul Sha­rits aus dem glei­chen Jahr ist ein Blitz­licht­ge­wit­ter, das es auf völ­lig ande­re Art schaff­te, das Metro­ki­no zu bom­bar­die­ren und so lang­sam wur­de mir klar, war­um man die­ses Pro­gramm an die­sen Ort brachte.

Third Eye Butterfly

Sha­rits Film war der mit Abstand kom­ple­xes­te im Pro­gramm, ein Mei­len­stein die­ser Form des Kinos. Wie häu­fig beim ame­ri­ka­ni­schen Künst­ler ist der Film eine Mischung aus Zer­stö­rung und Erleuch­tung. Die rasen­den Bil­der­fet­zen zer­set­zen die Wahr­neh­mung und abwech­selnd fühlt man sich hei­misch wohl in den küh­len Pols­tern des Kinos und furcht­bar unwohl, ob ders Fli­cker-Drucks zwi­schen Wort­spie­len, auf­schei­nen­den Gesich­tern, Rau­schen und männ­li­chen Geschlechts­tei­len. Die­ser Film scheint mir trotz allem sogar wie gemacht zu sein, in einem Kino zu lau­fen, weil man nur dort nicht flüch­ten kann und will. Eine mys­te­riö­se Hyp­no­se setz­te ein und wur­de mit dem letz­ten Film im Pro­gramm, der japa­ni­schen Rock’n Roll Bal­la­de in Drei­fach­pro­jek­ti­on Tsu­b­u­re­ka­kat­ta Mig­ime No Tame Ni (For The Dama­ged Right Eye) von Mat­su­mo­to Toshio zugleich bestä­tigt als auch von dem Druck im Kino­saal befreit.

Unmit­tel­bar bevor es los­ging, waren über ein Funk­ge­rät die ange­spann­ten Ansa­gen der Pro­jek­tio­nis­ten zu hören und auch wenn der Kino­saal nicht ver­las­sen wur­de, hat­te er sich doch ver­än­dert. Ein Blick in die müden Augen der meis­ten Besu­cher zeig­te jedoch, dass man eine sol­che Schau lei­der kaum mit der Auf­re­gung einer Kino-Gegen­wart betrach­tet son­dern immer mit dem intel­lek­tu­el­len Geha­be einer his­to­ri­schen Distanz an die Wer­ke her­an­geht. Mat­su­mo­to Toshio ver­band gewis­ser­ma­ßen die for­ma­len Stra­te­gien der drei vor­an­ge­gan­ge­nen Fil­me, da er zugleich eine Bild­tei­lung als auch eine Über­la­ge­rung ein­setzt und damit ein rau­schen­des Gefühl für eine Zeit ent­ste­hen lässt und einem ins­be­son­de­re im klas­si­schen Kino die Mög­lich­kei­ten des Kinos aufzeigt.

Der Pro­gram­mie­rung unter­la­gen also durch­aus sinn­vol­le Gedan­ken, weil sich gera­de im Kon­flikt der Spiel­stät­te mit den Fil­men eine neue Ebe­ne auf­mach­te. Es ist seit jeher Poli­tik des Fes­ti­vals Kino in sei­ner Gesamt­heit zu den­ken und ins­be­son­de­re mit der Geschich­te des Öster­rei­chi­schen Kinos ist das Zei­gen sol­cher Pro­gram­me abso­lut wün­schens­wert und gehör­te auch in die­sem Jahr für mich zu den span­nends­ten Fes­ti­val­er­leb­nis­sen. Viel­leicht konn­te die ent­spre­chen­de Stim­mung an die­sem eher toten Ort nicht wirk­lich ent­ste­hen, aber das ist eine Fra­ge des Blick­win­kels. Das Sicht­bar­ma­chen expe­ri­men­tel­le­rer For­men und das Zei­gen die­ser im glei­chen Kon­text wie nar­ra­ti­ve oder doku­men­ta­ri­sche Wer­ke wur­den jeden­falls von der Prä­sen­ta­ti­on all die­ser For­men am glei­chen Ort in sei­ner Rele­vanz erhöht. Es ist wich­tig, dass wei­ter­hin auf das Nicht-Exis­tie­ren von Gren­zen des Kinos hin­ge­wie­sen wird und in die­sem Sinn ist die Vien­na­le tat­säch­lich ein Kee­per of the Flame.

Die Fra­ge bleibt, ob das Expan­ded Cine­ma an einem der­ar­ti­gen Ort eher wie ein Tiger im Käfig war oder ob wir uns nur so selbst in den unbe­re­chen­ba­ren und wun­der­vol­len Urwald des Kinos mit all sei­nen Tigern getraut haben…