★ von Johann Lurf

Viennale 2017: ★ von Johann Lurf

Das Kon­zept von Johann Lurfs ers­tem Lang­film ★ ist schnell erklärt. Neun­zig Minu­ten lang sind Ster­nen­him­mel aus über hun­dert Jah­ren Film­ge­schich­te zu sehen. Lurf hat sich dazu eini­ge Beschrän­kun­gen auf­er­legt – außer dem Him­mel, den Him­mels­kör­pern und gege­be­nen­falls Wol­ken und Satel­li­ten darf nichts ande­res im Frame zu sehen sein, auf der Ton­spur ist immer der Ton des Ori­gi­nal­films zu hören. Ange­ord­net hat Lurf die Aus­schnit­te streng chro­no­lo­gisch, das frei­lich lässt sich beim erst­ma­li­gen Sehen des Films nicht mit Sicher­heit bestim­men. Zwar beginnt der Film mit Pas­sa­gen aus Stumm­fil­men, die folg­lich ohne Ton prä­sen­tiert wer­den und man kann mit Fort­dau­er des Films erken­nen, wie die Auf­nah­men tech­no­lo­gi­scher aus­ge­reif­ter erschei­nen, doch mit Aus­nah­me eini­ger Film­schnip­sel, die man je nach film­ge­schicht­li­cher Kennt­nis ver­or­ten kann, löst sich das Rät­sel der Logik der Mon­ta­ge erst mit den Aus­füh­run­gen des Regis­seurs. Man kann die­se Form der fil­mi­schen Anord­nung kri­ti­sie­ren, besteht die Arbeit des Fil­me­ma­chers in die­sem Fall eher in der Recher­che der ein­zel­nen Film­aus­schnit­te, als in deren künst­le­ri­scher Zusam­men­set­zung, doch das Resul­tat wirkt erstaun­lich rhyth­misch. Der Zufall als Cut­ter, ord­net die Ster­nen­him­mel mal rasant wech­selnd, mal lang­sam flie­ßend an, Far­ben, Töne und Bewe­gun­gen fol­gen will­kür­lich auf­ein­an­der an, wir­ken aber weni­ger belie­big, als man mei­nen soll­te. In sei­nen stärks­ten Momen­ten wirkt der Film wie ein sorg­sam kon­stru­ier­ter Remix, ihn zu sehen ist ein mani­sches und zugleich sinn­li­ches Erlebnis.

★ von Johann Lurf

Neben der visu­el­len Sen­sa­ti­on, gibt ★ aber auch Aus­kunft über film­ge­schicht­li­che Kon­ven­tio­nen. Der Zusam­men­schnitt der Fil­me aus über ein­hun­dert Jah­ren lässt Rück­schlüs­se über die fil­mi­sche Gestal­tungs­wei­se von Ster­nen­him­meln im Lau­fe der Jahr­zehn­te zu. Ver­schie­de­ne Bewe­gun­gen kom­men regel­mä­ßig vor: das Ein­tau­chen in den Ster­nen­him­mel bezie­hungs­wei­se des­sen Gegen­be­we­gung – das lang­sa­me Zurück­zie­hen; spä­ter das lang­sa­me Abkip­pen vom Ster­nen­him­mel in Rich­tung Hori­zont­li­nie (das im Film immer zu Ende geht, bevor die Ober­flä­che erreicht ist); der Blick in den Nacht­him­mel, wo Stern­schnup­pen (oder in einer par­odis­ti­schen Varia­ti­on, Satel­li­ten) vor­über­zie­hen; rasan­te Fahr­ten durch den Welt­raum in Über­licht­ge­schwin­dig­keit, in der die Ster­ne ihre Erschei­nung ver­än­dern. Auf­fäl­lig ist auch die zuneh­men­de, wis­sen­schaft­li­che Prä­zi­si­on der Ster­nen­dar­stel­lung. Wäh­rend anfangs noch oft will­kür­li­che Licht­punk­te vor dunk­lem Hin­ter­grund zu sehen sind, wer­den in spä­te­ren Fil­men öfter kor­rek­te Dar­stel­lun­gen des Ster­nen­him­mels aus­ge­wählt. Das hat sicher­lich auch damit zu tun, dass erst die tech­ni­schen Rah­men­be­din­gun­gen geschaf­fen wer­den muss­ten, um über­haupt in den Nacht­him­mel oder in Pla­ne­ta­ri­en fil­men zu kön­nen (das war in grö­ße­rem Rah­men erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg mög­lich), spä­ter erleich­ter­te die Mög­lich­keit der Simu­la­ti­on des Him­mels mit­tels Com­pu­ter­tech­nik die kor­rek­te Dar­stel­lung von Him­mels­kör­pern. Grö­ßer gedacht legt der Film auch insze­na­to­ri­sche Kon­ven­tio­nen offen, die nicht direkt mit der Dar­stel­lung des Ster­nen­him­mels zu tun haben: Der rhe­to­ri­sche Stil der Erzäh­ler­stim­men, die sehr oft zu hören sind, ver­än­dert sich, eben­so die Musik­un­ter­ma­lung und die Dia­log­re­gie – auch die Wei­ter­ent­wick­lung der Trick­tech­nik kann am Bei­spiel der Ster­nen­him­mel nach­voll­zo­gen werden.

Im Gesamt­werks Lurf, der bis­her in ers­ter Linie mit streng kom­po­nier­ten und rhyth­mi­schen aus­ge­feil­ten Bild-/Ton­kom­po­si­tio­nen auf sich auf­merk­sam mach­te, ist die­ses 90-minü­ti­ge film­his­to­ri­sche Hasard­stück zugleich Aus­rei­ßer, als auch logi­sche Wei­ter­ent­wick­lung. Aus­rei­ßer wegen der Län­ge des Films, dem Pro­duk­ti­ons­zeit­raum von meh­re­ren Jah­ren und der Form der Mon­ta­ge, Wei­ter­ent­wick­lung, weil es sich bei ★, wie bei sei­nen meis­ten ande­ren Fil­men, um eine expe­ri­men­tel­le Unter­su­chung han­delt, in der die Erfah­rungs­wei­se bestimm­ter Bild-/Ton­fol­gen getes­tet wird. Wenn in Twel­ve Tales Told noch in klei­ne­rem Rah­men die Regeln der Selbst­in­sze­nie­rung von Film­stu­di­os in Fra­ge gestellt wur­den, so setzt ★ die­ses Inter­es­se Lurfs mit sei­ner Betrach­tung fil­mi­scher Ster­nen­him­mel fort. Lurf hat ange­kün­digt sein Ster­nen­pro­jekt noch wei­ter fort­zu­set­zen, um irgend­wann alle Ster­nen­him­mel der Film­ge­schich­te in einem Mam­mut­film zu ver­ei­nen. Ein kaum zu errei­chen­des Ziel (abge­se­hen davon, dass sicher­lich bereits etli­che fil­mi­sche Ster­nen­him­mel für immer ver­lo­ren sind), aber eine sym­pa­thi­sche Utopie.