Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Ta peau si lisse von Denis Côté

Viennale 2017: Ta peau si lisse von Denis Côté

Lang­sam wan­dert die Kame­ra über den halb­nack­ten Kör­per und die wei­che, makel­lo­se Haut. Vom Nacken zur Schul­ter und dann wei­ter über die wohl­ge­form­te Brust nach unten zum Bauch – der Six­pack als Blick­fang bevor die Rei­se wei­ter geht. Am Rücken folgt die Kame­ra den Mus­kel­strän­gen nach oben zur täto­wier­ten Schul­ter und dann wie­der nach unten zum Hin­tern, der nur unzu­rei­chend von einem Tan­ga ver­deckt ist. Ta peau si lis­se ist eine fil­mi­sche Fleisch­be­schau der etwas ande­ren Art. Die explo­ita­ti­ven, voy­eu­ris­ti­schen Bli­cke schwei­fen hier näm­lich nicht über weib­li­che, nack­te Haut, son­dern über Männerkörper.

Sechs Män­ner hat der fran­ko­ka­na­di­sche Fil­me­ma­cher Denis Côté für Ta peau si lis­se gefilmt. Gemein­sam haben sie alle eine beson­de­re Bezie­hung zu ihrem Kör­per. Fünf von ihnen betrei­ben Body­buil­ding, einer ist Wrest­ler und Strong­man. Alle ord­nen sie dem Trai­ning ihrer Kör­per, der Maxi­mie­rung ihrer Leis­tungs­fä­hig­keit, ihr rest­li­ches Leben unter. Zwei sind eta­blier­te Grö­ßen der Body­buil­ding-Sze­ne von Qué­bec, die ihre Mus­kel­ber­ge augen­schein­lich phar­ma­zeu­ti­scher Hil­fe zu ver­dan­ken haben, einer ist ein Ex-Body­buil­ding-Cham­pi­on, der mitt­ler­wei­le als Trai­ner und Kine­sio­lo­ge arbei­tet. Hin­zu kom­men ein asia­tisch-stäm­mi­ger Fami­li­en­va­ter, des­sen wett­kampf­mä­ßi­ge Body­buil­der-Kar­rie­re noch am Anfang steht, ein 19-jäh­ri­ger Stu­dent, der Body­buil­ding als Hob­by im Kel­ler sei­nes Eltern­hau­ses betreibt und ein Wrest­ler und Strongman.

Männer, die auf Männer starren

Die Män­ner sind fleisch­ge­wor­de­ne Mar­mor­sta­tu­en, Mus­kel­prot­ze, deren gan­zer All­tag sich dar­um dreht genug Kalo­rien zu sich zu neh­men und genug Trai­nings­ein­hei­ten in den Tages­plan ein­zu­fü­gen. Zwi­schen Essen und Trai­nie­ren bleibt nur wenig Zeit für Fami­lie, Freun­de und ein Leben abseits der Kraft­kam­mer. Der Film hat sei­ne stärks­ten Momen­te, wenn genau die­ses Dazwi­schen in den Blick kommt. Wenn die Män­ner gemein­sam mit ihren Frau­en trai­nie­ren, um wenigs­tens ein paar kost­ba­re Stun­den am Tag mit­ein­an­der zu ver­brin­gen oder wenn beim Fami­li­en­es­sen als Zwi­schen­gang noch ein Steak hin­un­ter­ge­schlun­gen wird, um den Pro­te­in­haus­halt auf­zu­sto­cken. Dann wird die Beses­sen­heit die­ser Men­schen beson­ders deut­lich und die­se Beses­sen­heit ist das eigent­li­che The­ma des Films – noch mehr als die Betrach­tung die­ser Kör­per oder der Ver­such, die kör­per­li­chen Anstren­gun­gen des stren­gen Trai­nings­plans nah­bar zu machen.

Ta peau si lisse von Denis Côté

Der All­tag, von der Pas­si­on für die Opti­mie­rung des Kör­pers durch­setzt, steht im Zen­trum von Ta peau si lis­se: Essen, Trai­ning, Arbeit, Essen, Trai­ning, Mas­sa­ge, Essen, ein unend­li­cher Kreis­lauf, der nicht unter­bro­chen wer­den darf, um ja kei­ne wert­vol­len „gains“ zu ver­lie­ren. Gegen Ende des Films sieht man die Prot­ago­nis­ten dann zwar auch auf der Büh­ne und im Wrest­ling-Ring beim Wett­kampf, doch der spielt nur eine Neben­rol­le. Die „Com­pe­ti­ti­on“ ist nur ein klei­ner Teil ihres Lebens, der Weg dahin ist das eigent­li­che Ziel, der eigent­li­che Lebens­in­halt. Sehr viel mehr Zeit als beim Wett­kampf ver­bringt der Film folg­lich bei der Vor­be­rei­tung, bei der Suche nach den letz­ten paar Pro­zent, um die eige­ne Leis­tung aus­zu­rei­zen: das Ein­trai­nie­ren neu­er Posen, die die Mus­keln noch defi­nier­ter erschei­nen las­sen, die Pfle­ge des Barts, das Ein­cre­men der Haut, alter­na­tiv­me­di­zi­ni­sche Behand­lun­gen zur Stei­ge­rung der Trainingseffizienz.

Zwischen Erotik und Komik

All die­ser Ein­satz, um am Ende ange­starrt zu wer­den, egal ob beim Wett­kampf auf der Büh­ne oder beim Spa­zier­gang mit dem Hund. Côté betont, dass die­se Men­schen ihre Posen, ihre Auf­trit­te, ihre prü­fen­den Bli­cke nicht als sexu­ell wahr­neh­men und obwohl er ver­sucht mit der Kame­ra eben­falls eine sol­che pro­fes­sio­nel­le Bewun­de­rung aus­zu­drü­cken, bleibt ein letz­ter Rest an fleisch­li­cher Lust im Bild. Die nack­te Haut sorgt auto­ma­tisch für eine ero­ti­sche Grund­span­nung, die aber stän­dig durch die Komik des streng kodi­fi­zier­ten Geba­rens der Män­ner unter­mi­niert wird. Der Über­schuss an Männ­lich­keit, der zur Schau gestellt wird – das wird in Ta peau si lis­se sehr deut­lich – hat eine dop­pel­te Wir­kung. Der nack­te, mensch­li­che Kör­per in sei­ner gan­zen Ver­letz­lich­keit und Schön­heit chan­giert bestän­dig zwi­schen Lust­ob­jekt und Witz­fi­gur. Wäh­rend nack­te Frau­en in unse­rer Gesell­schaft in ers­ter Linie mit der Lust in Ver­bin­dung gebracht wer­den und nack­te Män­ner meist als komisch prä­sen­tiert wer­den, zeigt Côtés prä­zi­se Beob­ach­tung der Män­ner­kör­per, dass die­se Rol­len­ver­tei­lung schlicht eine Kon­ven­ti­on patri­ar­cha­ler Medi­en­pra­xis dar­stellt. Ta peau si lis­se ist sowohl Kör­per­stu­die, als auch media­le Reflek­ti­on, sowohl prä­zi­se All­tags­do­ku­men­ta­ti­on, als auch Ergrün­dung einer her­me­tisch-abge­rie­gel­ten Subkultur.