Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Viennale 2025: Die Klopse von Miroirs No. 3

Mit Hin­ge­bung zube­rei­te­te Königs­ber­ger Klop­se kön­nen längst ver­lo­re­ne Fami­li­en­idyl­len zurück­be­schwö­ren. Wie Fall­obst lan­det das soßi­ge Gericht mit kräf­ti­gem Bin­de­mit­tel zwi­schen den Gene­ra­tio­nen auf den Tel­lern. Manch­mal braucht es das Ver­spre­chen eines Geschmacks, um ein­an­der Ent­frem­de­te an den Tisch zu locken. Um sich gemein­sam anzu­schwei­gen. Für man­che ist alles gesagt, wenn kei­ne Wor­te mehr übrig blei­ben. Ande­re ver­su­chen es noch. Man könn­te sich über Fleisch­klö­ße unter­hal­ten, über Kali­nin­grad, über das Som­mer­wet­ter, über Gefüh­le. Nein, nicht in der Ucker­mark der Ber­li­ner Schu­le. Es ist der kaput­te Geschirr­spü­ler, der die Stil­le füllt und nichts berei­nigt. Die Hack­fleisch­bäll­chen mit Kar­tof­feln, deren Namen kein Garant für ihre Ursprungs­ge­schich­te ver­heißt, schlie­ßen an den zeit­lo­sen Geist von Miro­irs No. 3 an. Klop­se essen, Zäu­ne bestrei­chen, Fahr­rad­fah­ren, Bee­te umgra­ben, Kla­vier­spie­len – Chris­ti­an Pet­zolds Figu­ren inter­es­sie­ren sich für das hand­fes­te Leben, dort, wo es für die sehn­süch­ti­gen Städter*innen am sicht­bars­ten wird: am Land. Kei­ne Tech­no­lo­gie­sucht, kein boden­ver­sie­gel­ter Tru­bel trei­ben inne­re Geschwin­dig­kei­ten in die Höhe. Die Betrei­ber einer Kfz-Werk­statt, Vater und Sohn, repa­rie­ren nicht nur prot­zi­ge und weni­ger prot­zi­ge Karos­se­rien, sie mani­pu­lie­ren auch GPS-Signa­le und löten Fahr­rad­stan­gen. Dazwi­schen zischt das Bier, das Blech kann war­ten. Die Frau und Mut­ter der zer­split­ter­ten Fami­lie, Bet­ty, wohnt eine Fahr­rad­stre­cke über hüge­li­gen Wie­sen und Fel­dern ent­fernt. Ihr grün bewach­se­nes Grund­stück grenzt an einen Weg, auf dem Passant*innen immer wie­der neu­gie­rig ihre Köp­fe ver­dre­hen. Bet­ty schaut zurück. Man schaut sich an, als wäre man in der Vor­stadt oder als wäre es kurz vor High Noon. Außer den Bli­cken und den Rädern ist hier alles festgefahren.

Und dann kommt Lau­ra, die UdK-Stu­den­tin mit dem trü­ben Blick, aus­ge­frans­tem Pul­li und einem Freund im roten Cabrio. Ein Auto­un­fall endet für ihn töd­lich, Lau­ra hin­ge­gen wird von Bet­ty gefun­den und nach dem Not­arzt­be­such gesund gepflegt. Ist sie tot oder noch leben­dig? Für die Städ­te­rin bringt die Begeg­nung mit dem Tod Erho­lung am Land. In Geist und Gesicht setzt sich plötz­lich ein Lächeln. Es soll ihre Trau­er nicht ver­ber­gen, die sie gar nicht ver­spürt. An die Stel­le der Ent­frem­dung rückt eine Ver­an­ke­rung im Hier und Jetzt, zwi­schen Wie­sen und Kla­vier­klän­gen. Bet­ty und Lau­ra fin­den sich nicht nur phy­sisch, ihre men­ta­len Ver­let­zun­gen schla­gen eine Brü­cke zuein­an­der. Neben­ein­an­der, mit genü­gend Abstand, strei­chen sie den Gar­ten­zaun. Weiß: strah­lend, aber nicht zu prot­zig, so frisch, dass es Hin­ga­be signa­li­siert. Ein Zaun, um den man sich küm­mert. Kei­ne Fra­gen wer­den gestellt oder beant­wor­tet, das Hei­len­de liegt in der gegen­sei­ti­gen Prä­senz. Die ande­re Per­son kann alles sein, muss aber nichts. Dar­in liegt das mär­chen­haf­te und zugleich selt­sam ver­küns­tel­te die­ser Begeg­nung. Die Gesprä­che zwi­schen Bet­ty, Lau­ra und den Män­nern zei­gen kei­ne Tie­fe, son­dern erfül­len ihren Zweck für das Zusam­men­le­ben. Man isst gemein­sam, repa­riert Küchen­ge­rä­te. Ab und zu stellt Lau­ra neu­gie­ri­ge Fra­gen. Dass sie als Ersatz­toch­ter fun­giert, über­rascht weder, noch lässt es erschau­dern, schließ­lich nimmt sie die­se Rol­le ohne Zögern an. Zwi­schen ihr und Max könn­te etwas ent­ste­hen – über­ra­schend wäre es, wenn kein Fun­ke sich in der Luft ent­zün­de­te. Ein Mann, der sei­ne Hän­de ein­setzt und fest im Leben steht – wenn er nicht in Zeit­lu­pe vom Fahr­rad fällt – zieht eine Künst­le­rin an.

Die Ver­bin­dung von Künst­le­rin und Hand­wer­ker, von Kunst und Hand­werk, fas­zi­niert Fil­me­ma­cher, die sich selbst ver­spre­chen, dem ech­ten Leben und dem Kino nahe sein zu wol­len. Miro­irs No. 3 scheint jedoch weni­ger am ech­ten Leben inter­es­siert als an sei­ner Künst­lich­keit, aber auch am Kino und am Aneig­nen ver­trau­ter Kon­ven­tio­nen. Die­se Ansprü­che schwim­men wie Klop­se aus geis­ter­haf­ten Scha­blo­nen, ent­frem­det wir­ken­den Dia­lo­gen und ver­här­te­ten Trau­ma­ta neben­ein­an­der. Man sehnt sich nach einer Idee vom Leben, die über die Film­bil­der hin­aus und aus ihnen her­aus ent­steht, statt sich zwi­schen ihnen zu verhaken.