Mit Hingebung zubereitete Königsberger Klopse können längst verlorene Familienidyllen zurückbeschwören. Wie Fallobst landet das soßige Gericht mit kräftigem Bindemittel zwischen den Generationen auf den Tellern. Manchmal braucht es das Versprechen eines Geschmacks, um einander Entfremdete an den Tisch zu locken. Um sich gemeinsam anzuschweigen. Für manche ist alles gesagt, wenn keine Worte mehr übrig bleiben. Andere versuchen es noch. Man könnte sich über Fleischklöße unterhalten, über Kaliningrad, über das Sommerwetter, über Gefühle. Nein, nicht in der Uckermark der Berliner Schule. Es ist der kaputte Geschirrspüler, der die Stille füllt und nichts bereinigt. Die Hackfleischbällchen mit Kartoffeln, deren Namen kein Garant für ihre Ursprungsgeschichte verheißt, schließen an den zeitlosen Geist von Miroirs No. 3 an. Klopse essen, Zäune bestreichen, Fahrradfahren, Beete umgraben, Klavierspielen – Christian Petzolds Figuren interessieren sich für das handfeste Leben, dort, wo es für die sehnsüchtigen Städter*innen am sichtbarsten wird: am Land. Keine Technologiesucht, kein bodenversiegelter Trubel treiben innere Geschwindigkeiten in die Höhe. Die Betreiber einer Kfz-Werkstatt, Vater und Sohn, reparieren nicht nur protzige und weniger protzige Karosserien, sie manipulieren auch GPS-Signale und löten Fahrradstangen. Dazwischen zischt das Bier, das Blech kann warten. Die Frau und Mutter der zersplitterten Familie, Betty, wohnt eine Fahrradstrecke über hügeligen Wiesen und Feldern entfernt. Ihr grün bewachsenes Grundstück grenzt an einen Weg, auf dem Passant*innen immer wieder neugierig ihre Köpfe verdrehen. Betty schaut zurück. Man schaut sich an, als wäre man in der Vorstadt oder als wäre es kurz vor High Noon. Außer den Blicken und den Rädern ist hier alles festgefahren.
Und dann kommt Laura, die UdK-Studentin mit dem trüben Blick, ausgefranstem Pulli und einem Freund im roten Cabrio. Ein Autounfall endet für ihn tödlich, Laura hingegen wird von Betty gefunden und nach dem Notarztbesuch gesund gepflegt. Ist sie tot oder noch lebendig? Für die Städterin bringt die Begegnung mit dem Tod Erholung am Land. In Geist und Gesicht setzt sich plötzlich ein Lächeln. Es soll ihre Trauer nicht verbergen, die sie gar nicht verspürt. An die Stelle der Entfremdung rückt eine Verankerung im Hier und Jetzt, zwischen Wiesen und Klavierklängen. Betty und Laura finden sich nicht nur physisch, ihre mentalen Verletzungen schlagen eine Brücke zueinander. Nebeneinander, mit genügend Abstand, streichen sie den Gartenzaun. Weiß: strahlend, aber nicht zu protzig, so frisch, dass es Hingabe signalisiert. Ein Zaun, um den man sich kümmert. Keine Fragen werden gestellt oder beantwortet, das Heilende liegt in der gegenseitigen Präsenz. Die andere Person kann alles sein, muss aber nichts. Darin liegt das märchenhafte und zugleich seltsam verkünstelte dieser Begegnung. Die Gespräche zwischen Betty, Laura und den Männern zeigen keine Tiefe, sondern erfüllen ihren Zweck für das Zusammenleben. Man isst gemeinsam, repariert Küchengeräte. Ab und zu stellt Laura neugierige Fragen. Dass sie als Ersatztochter fungiert, überrascht weder, noch lässt es erschaudern, schließlich nimmt sie diese Rolle ohne Zögern an. Zwischen ihr und Max könnte etwas entstehen – überraschend wäre es, wenn kein Funke sich in der Luft entzündete. Ein Mann, der seine Hände einsetzt und fest im Leben steht – wenn er nicht in Zeitlupe vom Fahrrad fällt – zieht eine Künstlerin an.
Die Verbindung von Künstlerin und Handwerker, von Kunst und Handwerk, fasziniert Filmemacher, die sich selbst versprechen, dem echten Leben und dem Kino nahe sein zu wollen. Miroirs No. 3 scheint jedoch weniger am echten Leben interessiert als an seiner Künstlichkeit, aber auch am Kino und am Aneignen vertrauter Konventionen. Diese Ansprüche schwimmen wie Klopse aus geisterhaften Schablonen, entfremdet wirkenden Dialogen und verhärteten Traumata nebeneinander. Man sehnt sich nach einer Idee vom Leben, die über die Filmbilder hinaus und aus ihnen heraus entsteht, statt sich zwischen ihnen zu verhaken.

