Vorm Einbruch der Welle: Pacifiction von Albert Serra

Nach knapp einer Stun­de Lauf­zeit zieht es Paci­fic­tion zum ers­ten Mal hin­aus aufs Meer. Bis­lang glit­zer­te der Pazi­fik nur im Hin­ter­grund Tahi­tis, sein fer­nes Rau­schen leg­te sich sanft unter die Klang­ku­lis­se der Insel. Es ist eine Art ima­gi­nier­tes Urlaubs­pa­ra­dies, in dem sich der fran­zö­si­sche Staats­ver­tre­ter De Rol­ler (Benoît Mag­i­mel) im Über­see­ge­biet Poly­ne­si­en wie­der­fin­det. Über­all bie­tet die Natur Ansich­ten wie Post­kar­ten­mo­ti­ve, die jedoch selt­sam ent­rückt, bei­na­he unwirk­lich schei­nen. So ver­leiht das Licht den Bil­dern kei­ne Tie­fe, son­dern legt sich als ver­klä­ren­der Schlei­er aus Pas­tell­far­ben über die Auf­nah­men. Als bräuch­te es einen Nebel der Igno­ranz, um die Bil­der ästhe­tisch genie­ßen zu kön­nen. Die Figu­ren bewe­gen sich mit einer som­nam­bu­len Lang­sam­keit durch den Film, bei der sich kaum unter­schei­den lässt, wer gera­de arbei­tet und wer Urlaub macht. Jeden Abend fin­den sie in dem­sel­ben Club zusam­men, wo sie auf der immer glei­chen Par­ty umein­an­der her­um­ste­hen. Das Leben spielt sich hier als Dau­er­schlei­fe in Zeit­lu­pe ab. Zwar schei­nen immer wie­der unter­schwel­li­ge Kon­flik­te auf, doch drin­gen sie nie durch die Ober­flä­che traum­haf­ter Irrea­li­tät, die sich über der Insel aus­ge­brei­tet hat.

Erst jetzt, mit dem Auf­bruch aufs Meer, ändert sich die­ser Zustand. War der Oze­an zuvor nur ein Ele­ment des umfas­sen­den Licht- und Farb­schau­spiels, offen­bart er sich nun in sei­nen über­wäl­ti­gen­den Aus­ma­ßen. De Rol­ler winkt noch mit staats­män­ni­scher Ges­te dem flie­hen­den Fest­land zu, bevor er sich mit ver­schränk­ten Armen der neu­en Umge­bung zuwen­det. „Ça fait peur“ – das macht Angst, lau­tet sei­ne ers­te Reak­ti­on auf den neu­en Anblick. End­los erstreckt sich rei­nes Blau in alle Rich­tun­gen des Bil­des. Der wol­ken­freie Him­mel lässt das tie­fe, kla­re Was­ser in sämt­li­chen Abstu­fun­gen der Far­be auf­leuch­ten. Noch immer ein para­die­si­scher Anblick, der sich jedoch nicht mehr in den Rah­men der bis­he­ri­gen ruhig beob­ach­ten­den Tota­len ein­fas­sen lässt. Die Kame­ra fliegt schon in den Him­mel hin­auf, über die Köp­fe der Pas­sa­gie­re hin­weg, die in dut­zen­den Boo­ten aufs Meer hin­aus­ge­fah­ren sind und nun ver­zwer­gen gegen­über sei­ner unend­li­chen Wei­te. Eini­ge haben ihre Smart­phones gezückt, doch die­se Bil­der sind nicht mehr dafür geschaf­fen, aus einer siche­ren Distanz genos­sen zu wer­den. Viel­mehr sind die Men­schen der Natur­ge­walt nun völ­lig ausliefert.

Dann kom­men die Wel­len. Meter­hoch rol­len sie aus den Tie­fen der Ein­stel­lung auf die Kame­ra zu und mit ihnen wird die Ton­spur von einem ohren­be­täu­ben­den Dröh­nen ver­schluckt. Die Boo­te müss­ten zer­schel­len, brä­chen die Wel­len über ihnen hin­ein. Doch kurz bevor es zum Auf­prall kommt, stür­zen die Flu­ten in sich zusam­men und nur ein sanf­ter Wel­len­gang bleibt zurück, der die Boo­te auf und ab wip­pen lässt. Als wür­den sie sich hin­ter einer magi­schen Gren­ze in Sicher­heit bewe­gen. Nur ein paar weni­ge Sur­fer set­zen sich bereit­wil­lig der Kraft der Gezei­ten aus, der Rest nimmt die unmög­lich schei­nen­de Posi­ti­on teil­nahms­los Betrach­ten­der ein. Auch De Rol­ler bleibt fest im Zen­trum sei­ner Ein­stel­lun­gen ver­haf­tet, egal wie stark sein Gefährt ins Schwan­ken gerät. Dar­an ändert sich nicht ein­mal etwas, als er mit einem Sur­fer auf einen Jet­ski umsteigt, um noch näher an das Spek­ta­kel her­an­fah­ren zu kön­nen. Die Kame­ra glei­tet nun auf Höhe der Mee­res­ober­flä­che mit ihnen, als die nächs­te Wel­le aus dem Hin­ter­grund her­an­rollt, deren schäu­men­de Kraft noch unaus­weich­li­cher zu sein scheint. wie­der ebbt ihre Ener­gie genau vor den Zuschau­en­den ab. Am Ende der Show ist das Weiß von De Rol­lers Anzugs von kei­nen ein­zi­gen Was­ser­trop­fen getrübt.

In die­ser gewal­ti­gen Sze­ne wird zum ers­ten Mal erfahr­bar, was im wei­te­ren Ver­lauf des Films all­mäh­lich zur Para­noia des Prot­ago­nis­ten her­an­wächst: Die Angst vor einer nahen­den Kata­stro­phe, ja sogar die Gewiss­heit über die Unab­wend­bar­keit ihres Ein­tref­fens. Auch De Rol­ler sieht die Gefahr im Meer lau­ern. Er ist über­zeugt, dass irgend­wo da drau­ßen, direkt unter der Was­ser­ober­flä­che, die Wie­der­auf­nah­me von Kern­waf­fen­tests vor­be­rei­tet wird, wie sie die fran­zö­si­sche Regie­rung zwi­schen 1966 und 1996 über 180-mal in Poly­ne­si­en durch­ge­führt hat. Doch sei­ne Nach­for­schun­gen pral­len an der­sel­ben leuch­ten­den Ober­flä­che der Insel ab. Als er sich irgend­wann erneut auf eige­ne Faust hin­aus auf Meer begibt, ver­liert sich die Suche im Schwarz der Nacht. Unmög­lich zu erken­nen, ob sich hin­ter der Dun­kel­heit eine neue, noch höhe­re Wel­le ver­birgt. Eine läh­men­de Hand­lungs­un­fä­hig­keit brei­tet sich aus, die nicht zuletzt Aus­druck der Per­spek­ti­ve derer ist, die sich trotz allen Vor­zei­chen in einer trü­ge­ri­schen Sicher­heit wie­gen, von der vol­len Wucht der dro­hen­den Kon­se­quen­zen (noch) nicht wirk­lich getrof­fen zu werden.