Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Währinger Kassiber: Schafbergbad

Wenn nie­mand ins Schaf­berg­bad kommt, schwim­men die Krä­hen im Pool. Auf­sichts­per­so­nen in wei­ßer Klei­dung beauf­sich­ti­gen sie, wei­ter haben sie nichts zu tun. Soll­te eine Krä­he ertrin­ken, springt der Bade­meis­ter hero­isch ins Was­ser, er ist Vogel­lieb­ha­ber und wür­de sein Herz für die Krä­hen geben. Vor­hin war noch ein Rent­ner da, aber der hat sich nur in der Son­ne gewälzt. Jetzt schwim­men die Krä­hen ver­gnügt wie schwar­ze Enten und wir sit­zen auf einer Lie­ge und du liest mir eine Stel­le aus einem Buch von Čechov vor: Die Zeit war unbe­merkt ver­flo­gen, also war das Leben schön und leicht gewe­sen. Ich schaue auf die Uhr. Du lachst und sagst, ich müss­te das Unbe­mer­ken noch ein­mal von Neu­em lernen.

Der Ein­tritt ist bil­li­ger, weil nie­mand da ist. Wenn nie­mand kommt, machen sie frü­her zu, hast du mir erklärt. Dann schwim­men die Krä­hen unbe­auf­sich­tigt und man­che rut­schen sogar durch die­se Plas­tik­röh­ren, die Kin­der so gern haben. Ich weiß nicht, das ist alles sehr schön, sehr betu­lich, nicht? Ein biss­chen zu weit weg vom Leben. Das Bad wur­de in den 1970er Jah­ren umge­baut und in den Zustand gebracht, in dem es heu­te noch ist. Jeden­falls ist die Zeit an die­sem Ort unbe­merkt vor­über­ge­gan­gen. 2017 ist einer ertrun­ken, 2007 auch. Das pas­siert also alle zehn Jah­re. Lass uns Schwim­men gehen 2027 und ein Eis essen oder Pom­mes, die auch in der Frit­teu­se brut­zeln, wenn gar kei­ner hier ist.

Was man in einem lee­ren Frei­bad noch unter­neh­men könnte:

Wes­pen­zäh­len, den Fan­ta­sien frö­nen, Buch­sei­ten an Bäu­me hef­ten, Him­bee­ren pflan­zen, am Grund des Pools nach aus­ge­stor­be­nen Fischen tau­chen, nichts.

Wenn man ertrinkt, hast du gesagt, fin­det ein Kampf zwi­schen der Panik und der Selbst­auf­ga­be statt. Solan­ge die Panik noch um sich schlägt, lebt man. Die Selbst­auf­ga­be ist eine Ruhe, bei­na­he medi­ta­tiv, jeden­falls pures Glück, weil man der Panik ent­kom­men ist. Wir leben im Zeit­al­ter der Panik und war­ten auf die Flut, die uns erlöst. Du magst sol­che Gedan­ken nicht. Du magst nur das, was da ist. Die Krä­hen bei­spiels­wei­se. Schau nur, wie sie schwimmen.