Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Josef Hader als Simon Brenner

Warum Das ewige Leben eigentlich ein Avantgarde-Film ist

Über­fliegt man die Rezen­sio­nen der neu­en Wolf-Haas-Adap­ti­on Das ewi­ge Leben von Wolf­gang Murn­ber­ger fin­det man durch die Bank Bemer­kun­gen über die Abwei­chun­gen von der Roman­vor­la­ge, den tol­len Cast und den fort­schrei­ten­den Ver­fall des Haupt­cha­rak­ters Simon Bren­ner, dem die äuße­re Gestalt von Josef Hader, auch außer­halb die­ser Film­rol­le bedroh­lich nach­ei­fert. (Gibt es eigent­lich einen ande­ren so belieb­ten Film­schau­spie­ler, der so unge­sund ran­zig aus­sieht?) Es geht also zumeist um schau­spie­le­ri­sche Leis­tun­gen, um Anknüp­fungs­punk­te zu den ande­ren Fil­men der Rei­he, um die düs­te­re Atmo­sphä­re und um den Schau­platz Graz.

War­um aber liest man nir­gends, dass Das ewi­ge Leben eigent­lich ein Avant­gar­de-Film ist? Zuge­ge­ben, die­se For­mu­lie­rung schießt etwas über das Ziel hin­aus. Nie­mand wird bestrei­ten, dass Das ewi­ge Leben in ers­ter Linie ein strin­gent erzähl­ter Kri­mi ist, aber ohne dem Film sei­ne Qua­li­tä­ten in die­ser Hin­sicht abspre­chen zu wol­len, wird er aus fil­mi­scher Sicht erst wirk­lich inter­es­sant, wenn man den Blick auf die Flash­backs wirft, in denen die Ereig­nis­se vor fünf­und­drei­ßig Jah­ren gezeigt wer­den, die den Hin­ter­grund für die Ver­stri­ckun­gen des Plots lie­fern. Die­se Flash­backs sind lose, frag­men­tiert, zunächst nicht kon­tex­tua­li­siert und unter­schei­den sich in ihrem Stil deut­lich vom rest­li­chen Film.

Josef Hader und sein Moped

Ein Blick zurück hilft viel­leicht, um zu ver­ste­hen, wie es dazu gekom­men ist. Wir schrei­ben das Jahr 1990, der Jung­re­gis­seur Wolf­gang Murn­ber­ger hat soeben sei­nen ers­ten Lang­film fer­tig­ge­stellt. In Him­mel oder Höl­le, ver­ar­bei­tet er semi-auto­bio­gra­phisch sei­ne Kind­heit als Sohn von Kino­be­sit­zern im länd­li­chen Ost­ös­ter­reich. Das Leben des jun­gen Prot­ago­nis­ten wird epi­so­den­haft dar­ge­stellt, wäh­rend immer wie­der Momen­te poe­ti­schen Inne­hal­tens den Erzähl­fluss durch­bre­chen. Die­se Bil­der ähneln stark den Erin­ne­rungs­bil­dern in Das ewi­ge Leben – sie sind son­nen­durch­flu­tet, nost­al­gisch, selt­sam ver­klärt und die­nen mehr dazu eine bestimm­te Atmo­sphä­re auf­zu­bau­en, als den Plot voranzutreiben.

Vier Jah­re nach Him­mel oder Höl­le leg­te Murn­ber­ger mit Ich gelo­be einen wei­te­ren semi-auto­bio­gra­phi­schen Film vor; die­ses Mal ließ er sei­ne Bun­des­heer­zeit Revue pas­sie­ren. Ich gelo­be zeigt Murn­ber­gers Geschick im Umgang mit der öster­rei­chi­schen Men­ta­li­tät, die hier, ähn­lich wie in den Bren­ner-Fil­men, nicht expli­zit zum The­ma gemacht wird, aber immer neben­her mit­ver­han­delt wird. Der Film endet mit dem Unfall­tod von einem der Kame­ra­den, die zusam­men ihren Prä­senz­dienst absol­vie­ren – sie sind in etwa im glei­chen Alter wie die vier Freun­de in den Flash­backs aus Das ewi­ge Leben. Hat Murn­ber­ger also hier eine Syn­the­se aus sei­nen zwei per­sön­lichs­ten Fil­men von vor zwan­zig Jah­ren gezo­gen und die for­ma­len Aspek­te von Him­mel oder Höl­le und inhalt­li­che Gemein­sam­kei­ten zu Ich gelo­be mit der fik­ti­ven Vor­la­ge eines ande­ren Autors verwoben?

Josef Hader in Das ewige Leben

Die­se Mut­ma­ßung lässt sich für den Moment nicht über­prü­fen, und ist für den wei­te­ren Argu­men­ta­ti­ons­ver­lauf auch nicht unbe­dingt von Belang, aber sie zeigt, dass Murn­ber­ger in Das ewi­ge Leben womög­lich einen per­sön­li­che­ren Zugang wähl­te, als in den frü­he­ren Bren­ner-Fil­men. Es sind also nicht die Kri­mi­ele­men­te, die aus der Roman­vor­la­ge über­nom­men wur­den, nicht die tref­fen­de Zeich­nung des öster­rei­chi­schen Lokal­ko­lo­rits, son­dern die­se Momen­te der Erin­ne­rung an eine bes­se­re Zeit, die immer wie­der in den Film hin­ein­drin­gen und als Über­brü­ckung fun­gie­ren, wenn Bren­ners Gedächt­nis aus­setzt oder sei­ne Migrä­ne­an­fäl­le ihn über­man­nen, die den Film von der Mas­se abhe­ben. Die Sze­nen wer­den aller­dings nie so gezeigt, dass man davon aus­ge­hen könn­te sie sei­en Bren­ners eige­ne Erin­ne­run­gen; sie wer­den nicht durch Kame­ra­zu­fahr­ten auf den Kopf Bren­ners ein­ge­lei­tet und sie sind nur bis zu einem gewis­sen Grad sub­jek­tiv. Ent­we­der lässt Bren­ners Amne­sie oder die zeit­li­che Distanz zu den Ereig­nis­sen die­se Erin­ne­run­gen undeut­lich wer­den, womög­lich sind die Erin­ne­run­gen an die­se Momen­te im Alko­hol- und Adre­na­lin­rausch per se undeut­lich – oder aber, bei den Sze­nen han­delt es sich gar nicht um Bren­ners Erin­ne­run­gen, son­dern um Sehn­suchts­bil­dern, in denen die Figu­ren aus der Geschich­te, die in die­sen Sze­nen am ehes­ten anhand ihrer Fort­be­we­gungs­mit­tel iden­ti­fi­ziert wer­den kön­nen, aus der Per­spek­ti­ve eines unbe­nann­ten Ande­ren zei­gen. Ein Blick, wie er häu­fig in den Trance­fil­men der frü­hen US-Avant­gar­de zu sehen ist, ein mythi­scher und poe­ti­scher Blick, der in sich wenig Bedeu­tung trägt – die Sze­nen wer­den erst durch die The­ma­ti­sie­rung in den Dia­lo­gen des nor­ma­len Hand­lungs­ver­laufs ver­or­tet und ver­ständ­lich gemacht – und in ers­ter Linie ästhe­ti­sche und atmo­sphä­ri­sche Funk­ti­on hat. Man hät­te das alles sehr viel strin­gen­ter, ein­fa­cher, simp­ler und lang­wei­li­ger machen kön­nen, wie das Gros der gegen­wär­ti­gen Kino­fil­me, doch Murn­ber­ger und Co wäh­len einen sehr viel span­nen­de­ren Weg, las­sen vie­les im Unge­wis­sen, decken Zusam­men­hän­ge erst im Nach­hin­ein auf und las­sen den Film ohne Auf­lö­sung enden.

In Zei­ten, in denen im Kino erfolg­reich ist, was dem Publi­kum alles, was es zu wis­sen gibt auf dem Sil­ber­ta­blett ser­viert, ist den Machern von Das ewi­ge Leben hoch anzu­rech­nen, dass sie sich die­sem Trend (im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten) widersetzen.