Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Was habe ich gesehen?

Es gibt ein Pro­blem, das mir immer wie­der begeg­net in mei­ner Beschäf­ti­gung mit Film. Es betrifft die Fra­ge nach den Fil­men, die man bereits gese­hen hat. Nun höre ich immer wie­der, dass es nicht so wich­tig ist, vie­le Fil­me gese­hen zu haben. Das betrifft nicht nur die Film­pra­xis son­dern auch die Film­theo­rie. Da ich die­se Fest­stel­lung für ziem­lich frag­wür­dig hal­te, möch­te ich ein wenig dar­le­gen, war­um das Sehen von Fil­men genau­so wie übri­gens auch das Lesen von Lite­ra­tur über Fil­me und die Dis­kus­si­on von Film essen­ti­ell für eine zwar sub­jek­ti­ve, aber nuan­cier­te, wis­sen­de, ja wert­vol­le Wahr­neh­mung des Medi­ums ist.

Zum einen geht es mir so, dass ich mich nicht traue man­che Fil­me, die ich gese­hen habe, zu bespre­chen. Ich fin­de es kaum gerecht, wenn ich eine Mei­nung zu einem Film äuße­re, von des­sen Regis­seur ich nur die­sen Film gese­hen habe. Nun muss man manch­mal über Fil­me schrei­ben, die einem nichts sagen, die völ­lig neu für einen sind. Eine sol­che Schwach­stel­le von mir ist unter vie­len Ken Loach. Ich habe ledig­lich „The Wind That Shakes the Bar­ley“ von ihm gese­hen und der hat mich ziem­lich kalt gelas­sen. Aber viel­leicht wür­de ich ihn ganz anders sehen, wenn ich mehr (von ihm) gese­hen hät­te? Ich glau­be die Fra­ge, die sich hier stellt ist, ob man sei­nem Geschmack und sei­ner Wahr­neh­mung trau­en kann. Sicher­lich ändern sich die­se mit der Zeit unwei­ger­lich. Eini­ges bleibt, ande­res ver­än­dert sich. Nun ist ein „unschul­di­ges“ Her­an­tre­ten an einen Film ja auch inter­es­sant, viel­leicht erken­ne ich Din­ge, die ein Ken Loach Feti­schist nie­mals sehen wür­de, viel­leicht kann ich einen Film dre­hen, den nie­mand dre­hen könn­te, der die­sen oder jenen Film gese­hen hat, der mit ähn­li­chen The­men, Set­tings, Situa­tio­nen oder Gefüh­len ope­riert. Aber ist das wirk­lich so ein­fach? Ich hat­te meh­re­re Dis­kus­sio­nen über den Film „La vie d’A­dè­le – Cha­pi­t­res 1 et 2″ von Abdel­la­tif Kechi­che. Men­schen haben mich dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass ich den Film über­be­wer­te, da sei­ne älte­ren Fil­me viel bes­ser sei­en. Zuerst dach­te ich bei mir, dass es doch kei­ne Rol­le spielt, was der Regis­seur vor­her gemacht hat. Es geht um den Film, mich, das Kino und alles, was dazwi­schen pas­siert. Aber immer wie­der fin­de ich mich in ähn­li­chen Situa­tio­nen wie mei­ne Gesprächs­part­ner. Jemand sagt mir, dass die­ser oder jener Film ein Meis­ter­werk ist und ich will schrei­en, dass ich zwei Fil­me vom sel­ben Regis­seur oder aus dem­sel­ben Gen­re etc. nen­nen kann, die es viel bes­ser hin­be­kom­men haben. Aber hier soll es eigent­lich gar nicht um Wer­tun­gen gehen, son­dern um Dis­kus­si­on. Eine Wer­tung kann jeder hin­be­kom­men. Dafür muss man nicht wis­sen, was man tut.

Was einem bleibt, ist mehr zu sehen. Ich flir­te immer mit dem Gedan­ken, die­sen Satz an das Ende jeder Film­be­spre­chung zu set­zen. Aber man muss auf­pas­sen, denn das Ver­lan­gen mehr zu sehen, darf nicht in ein Ver­lan­gen nach mehr Kom­pe­tenz kip­pen. Viel­leicht gibt es gar kei­ne Kom­pe­tenz außer Neugierde.

Plein soleil

Und ich habe nichts gese­hen. Ich fra­ge mich, ob es eine unge­fäh­re Gren­ze gibt, eine Anzahl an Fil­men, die man gese­hen haben soll­te, um eine Mei­nung zu äußern, die ande­re in ihrem Film­ver­ständ­nis beein­flusst? Man mag mir ent­ge­gen­hal­ten (und ich tue das selbst), dass Film­ver­ständ­nis sich über weit mehr defi­niert als die Anzahl der gese­he­nen Fil­me, dass Inspi­ra­ti­on und ein Stu­di­um der fil­mi­schen Spra­che auch in der Film­pra­xis schon durch weni­ge Fil­me ent­ste­hen kann. Das ist nicht ganz falsch, aber ich ertap­pe mich dann doch immer-sowohl beim Schrei­ben von Kri­ti­ken, als auch beim Ver­fas­sen von Dreh­bü­chern oder beim Dre­hen-dass je weni­ger ich gese­hen habe, des­to eher fal­le ich in Kon­ven­tio­nen. Viel­leicht liegt das dar­an, dass mir eine klas­si­sche Aus­bil­dung fehlt oder ich ein­fach noch zu jung bin, viel­leicht habe ich kein Talent (was ist das?) oder ein­fach einen schlech­ten Tag. Ich glau­be aber, dass das Sehen von Fil­men Räu­me öff­net, Mög­lich­kei­ten des Aus­drucks offen­bart und ein gewis­ses Sen­ti­ment in einem regt, das im rich­ti­gen Moment-etwa, wenn man nach inter­es­san­ten Situa­tio­nen in einem Film sucht oder einen Schau­spie­ler leben­dig machen muss-aus einem zum Vor­schein kommt. Dabei hilft natür­lich nicht nur das Schau­en von Fil­men, son­dern auch das Leben selbst, das Betrach­ten ande­rer Küns­te, Ein­sam­keit und Lie­be. Aber Film ist nach wie vor eine Sache von Film. Das sich Beschrän­ken auf eine oft ver­dammt enge Com­fort Zone in einer auf Genuss aus­ge­rich­te­ten (Film)welt kann nie­mals einen filmischen/​filmkritischen Aus­druck aus einem brin­gen. Vom Objekt aus­ge­hend pas­siert eben doch am meisten.
Aber die Rea­li­tät sieht anders aus. Kri­ti­ker, die wäh­rend Scree­nings ein­schla­fen und dann gro­ße Urtei­le ver­kün­den, Kri­ti­ker, die ein­zel­ne Fil­me­ma­cher boy­kot­tie­ren, Kri­ti­ker, die stän­dig bluf­fen und Fil­me erwäh­nen, die sie nie gese­hen haben, Fes­ti­vals, die ihre Freun­de ein­la­den, weil sie viel zu vie­le Fil­me bekom­men, um sich alle anzu­se­hen, Online-Platt­for­men, die ihre Autoren zu posi­ti­ven Reviews zwin­gen, Regis­seu­re, die nicht wis­sen, wel­che Fil­me sich mit den glei­chen Geschich­ten wie sie selbst befas­sen, Kame­ra­män­ner, die noch nie einen Vis­con­ti-Film gese­hen haben, Ton­män­ner, die den­ken, dass Bres­son ein Streich­kä­se ist und so wei­ter. Wie arro­gant ist es zu glau­ben, dass man nicht sehen muss, um zu wis­sen, zu schrei­ben und zu drehen?

Natür­lich habe ich da eini­ge Din­ge durch­ein­an­der­ge­wor­fen. Oft ist es auch eine Fra­ge des Mark­tes, der die Film­welt regiert. Gibt es die Zeit, um sich Fil­me (wirk­lich) anzu­se­hen? Gibt es über­haupt die Mög­lich­keit? Die Fra­gen sind ja auch ganz ande­re: Wie schaut man einen Film eigent­lich an? Und auch: Muss man nicht viel­mehr ler­nen außer­halb sei­ner eige­nen Vor­lie­ben zu den­ken? Adri­an Mar­tin hat sich mehr­fach vehe­ment dafür ein­ge­setzt, dass ein Film­kri­ti­ker unbe­dingt über sei­nen eige­nen Geschmack hin­weg schau­en muss. Man müs­se ein Ent­de­cker sein, ein Trei­ben­der, ein nicht Fest­ge­leg­ter. Natür­lich gibt es hier einen mora­li­schen Unter­schied zum Fil­me­ma­cher. Hier sto­ße auch ich auf ein Pro­blem, denn mei­ne Her­an­ge­hens­wei­se ver­sucht das Machen von Fil­men mit dem Den­ken dar­über zu ver­bin­den. In der Pra­xis ist eine non­cha­lan­te Geschmacks­äu­ße­rung Gang und Gebe. Das ist schei­ße, das ist gut. So ist es und des­halb mache ich es so. Sich zu rei­ben an der schlim­men Welt des Films ist inspi­rie­rend. Gro­ße Kino­be­we­gun­gen und eigen­wil­li­ge Indi­vi­du­en haben so ihre Bah­nen gefun­den. Das bestehen­de Kino muss immer tot sein, damit ein neu­es ent­ste­hen kann. Aber in Wahr­heit sind all die­se pola­ri­sie­ren­den Künst­ler cine­phil. Sie haben erst gese­hen und dann ein Urteil getrof­fen. Es mag Aus­nah­men geben, aber ein inter­es­san­ter Fil­me­ma­cher hat Inter­es­se an Film. Man­che haben viel­leicht jung und arro­gant begon­nen, wahr­schein­lich haben alle, egal ob erfolg­reich oder nicht, so begon­nen. Aber wich­tig scheint mir, dass man sich dem Schock stellt, dass da mehr ist: Da ist mehr als man selbst weiß. Viel­leicht fünf Sekun­den schöns­ter Poe­sie in einem TV-Zwei­tei­ler? Ein unnö­ti­ger Moment in einem Film von Ing­mar Berg­man? Alles ist mög­lich, wer das nicht wenigs­tens ahnt, der glaubt nicht an Film.

Wie also kann ich über Fil­me schrei­ben oder Fil­me machen, wenn ich nicht genug gese­hen habe, wenn ich viel­leicht nie genug gese­hen haben wer­de? Ich glau­be, dass ein wich­ti­ges Kri­te­ri­um ist, dass man den eige­nen Blick, den eige­nen Erfah­rungs­schatz selbst zum The­ma macht. Damit mei­ne ich nicht, dass jeder stän­dig schrei­ben muss, dass er die­ses oder jenes nicht gese­hen hat. Viel­mehr geht es dar­um, dass Kri­ti­ken und Bil­der gerahmt sind. Ein Rah­men, der uns den Blick als einen Blick offen­bart. Eine sol­che Rah­mung kann bedeu­ten, dass man das Gefühl des Films in sei­nen Text ein­flie­ßen lässt, nicht nur die ober­fläch­li­chen Hand­lun­gen und klu­gen Inter­pre­ta­tio­nen. Eine Rah­mung ist, wenn man nach einer indi­vi­du­el­len Spra­che sucht in der Pra­xis und der Theo­rie, wenn man sich nicht ein­schüch­tern lässt vom gro­ßen Wis­sen die­ser Welt, son­dern wenn Film zunächst aus der Erin­ne­rung bespro­chen wird. Die hun­dert Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sind es nicht wert. Heu­te kann sie jeder bekom­men. Rah­mun­gen in den Fil­men selbst sind Türen und Fens­ter, Büsche und Bäu­me, Autos und Nebel; es ist der Blick, der Kame­ra, der uns bewusst ist, sodass wir uns nicht selbst sehen, wie Pedro Cos­ta mal for­mu­lier­te, son­dern immer einen Film sehen. Man muss nicht ver­ste­hen, um etwas zu sehen. Viel­leicht ist das auch ein Ansatz. Das Schrei­ben über Film und das Machen von Fil­men hängt des­halb so nahe am Sehen von Fil­men, weil es nie um einen Besitz oder ein tota­les Ver­ständ­nis gehen kann, son­dern immer um die Erfah­rung, die Neu­gier, den Schock., ja das Kino.

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