Und dann wie­der eine eher zufäl­li­ge Begeg­nung mit einem Film von Naru­se, der dar­an erin­nert, was das Kino eigent­lich sein könn­te. Fast schä­me ich mich, auch ande­re Fil­me zu sehen Ein idio­ti­sches Gefühl, aber ich kann es nicht ändern. In Wahr­heit könn­te ich so viel Wahr­heit gar nicht aus­hal­ten. Wie immer bei die­sem Fil­me­ma­cher habe ich das Gefühl, dass er sei­nen Film aus­wen­dig gelernt hat so wie ande­re ihre Gedich­te. Er flüs­tert uns sei­ne Arbeit zu. Alles ist an sei­nem Platz, aber man merkt nicht, wie er von A nach B kommt, ein­zig ein pene­tran­tes Schwarz droht die durchs Bild tap­sen­den und sich flüch­tig ver­pas­sen­den Geis­ter einer mög­li­chen oder unmög­li­chen Exis­tenz im Nach­kriegs­ja­pan zu ver­schlu­cken. Naru­ses nüch­ter­ner Blick offen­bart, dass da nichts ist, außer einer fah­len Idee von Glück, zu der man sich zwingt.

Die Figu­ren ste­hen oder sit­zen in Halb­to­ta­len, die gera­de so nah sind, dass nie­mand aus dem Bild fällt und doch so weit, dass sich nie­mand sicher sein kann, wo er oder sie ist. Eine selt­sa­me Span­nung der über­rasch­ten und bewuss­ten Bli­cke ent­steht, die sich durch die bis in die hiners­ten Win­kel des Hau­ses rei­chen­de Schär­fe ver­stärkt. Die Men­schen hier exis­tie­ren in Räu­men, die sie bestim­men, nicht von ihnen los­ge­löst. Der Film besteht aus Kon­stel­la­tio­nen, die durch Begeh­ren, Abhän­gig­kei­ten und schwe­re See­len ent­ste­hen, sich aber auch jeder­zeit wie­der auf­lö­sen können.

Ich den­ke manch­mal an den Aus­spruch von Naru­ses lang­jäh­ri­gen Edi­to­rin, Take­da Ume, die mein­te, er habe mit den Augen und dem Her­zen geschnit­ten. Man kann das sehen, wenn er bei­spiels­wei­se einen Dia­log zwi­schen Ehe­mann und Ehe­frau so auf­löst, dass man unab­läs­sig den Punkt ent­de­cken kann, an dem etwas in der Frau auf­bre­chen müss­te, ein Schmerz, eine Ver­lo­ren­heit. Er führt das Bild und sei­ne Figu­ren zu die­sem äußers­ten Punkt des Aus­halt­ba­ren, dort wo sie am ver­letz­lichs­ten sind. Dort wo sie gera­de so nicht zusam­men­bricht. Die kal­te, schwei­gen­de Schul­ter des Man­nes, der Blick der Frau, kurz von der Schul­ter ver­deckt. Ihr Stre­ben nach Nor­ma­li­tät und Wür­de im Bild­hin­ter­grund, die klei­nen Bli­cke, klei­nen Ges­ten, alles so klein, dass es rie­sig wird.

In die­sem Film berich­tet Naru­se jeden­falls davon, wie das Inein­an­der von Geld und Fami­lie ein Leben ertränkt. Kiyo­ko und Shin­ji sind ein lieb­lo­ses Ehe­paar, das sich mit dem gera­de­so rei­chen­den Geld den Traum eines Cafés im Fami­li­en­haus ver­wirk­li­chen möch­te. Shin­jis kon­ser­va­ti­ve Mut­ter fin­det das kei­ne gute Idee und als der älte­re Bru­der Zeni­chi auf­grund von Geld­nö­ten mit sei­ner Part­ne­rin und sei­ner Toch­ter nach Hau­se kommt, wird aus den Plä­nen für das Glück eine ethi­sche Fra­ge. Wem steht das Geld zu? Was gehört sich?

Alle in die­sem Film agie­ren wie Gefan­ge­ne. Die Git­ter sind Wer­te, die nichts mit dem Leben gemein haben. Ein Betrun­ke­ner, der Naru­se selbst sein könn­te, bemerkt ein­mal lal­lend, dass all das eine Meta­pher für Japan wäre. Ein Land, das sich sei­ner Fes­seln nicht ent­le­digt, dass sei­ne Trau­ma­ta nicht ver­han­delt. Die ande­ren win­ken ab und wol­len nichts davon hören. Dazu kommt eine ande­re Lie­be, die nicht mal aus­ge­spro­chen wird, denn Kiyo­ko trifft sich eini­ge Male mit dem Bru­der ihrer bes­ten Freun­din, Ken­ki­chi. Die ange­deu­te­ten Ges­ten einer Roman­ze ver­lau­fen sich in einer der größ­ten Gewit­ter­sze­nen des Kinos, wenn die ver­hei­ra­te­te Kiyo­ko und der unver­hei­ra­te­te Ken­ki­chi auf­grund eines plötz­lich ein­set­zen­den Regens im Café, in dem sie arbei­tet, festsitzen.

Zunächst ste­hen die bei­den an der Schwel­le zum Gebäu­de und betrach­ten den Regen. Er sagt, dass es nur ein kur­zer Schau­er wäre. Sie stimmt ihm zu. Kaum merk­lich beugt er sich zu ihr, genau so weit, dass es nichts bedeu­ten muss. Nichts muss etwas bedeu­ten. Alles ist wohl­do­siert, scham­voll und grau­sam gleich­gül­tig. Er setzt sich stumm an den Tisch, wirft ihr einen ver­le­ge­nen Blick zu. Sie setzt sich auch. Die bei­den schau­en sich nicht an. Für eini­ge Sekun­den hört man nur das Plät­schern des Regens. Sie erzählt von einer Erin­ne­rung an ein Erleb­nis mit sei­ner Schwes­ter. Er spricht kurz vom Krieg und was der mit dem Land gemacht hat. Im Hin­ter­grund scheint der Regen stär­ker zu wer­den, aber es gibt kei­nen sol­chen Effekt, es ist nur der Win­kel, aus dem alles gefilmt wird, der die­sen Ein­druck erzeugt.

Die bei­den dis­ku­tie­ren die Nost­al­gie, die man auch für die schwie­rigs­ten Zei­ten emp­fin­det. Die selt­sa­me Gebor­gen­heit im Ver­gan­ge­nen, selbst wenn das Ver­gan­ge­ne grau­sam war. Sie schau­en sich an. Ein kur­zes Schwei­gen, dann ein Schnitt zu Kin­dern, die freu­dig durch den Gewit­ter­re­gen ren­nen. Die Kin­der, die in die­sem Film allein blei­ben mit ihrer Freu­de. Ken­ki­chi, gespielt von Mifu­ne Toshirō, der sei­ne phy­si­sche Prä­senz hier unter einer schmer­zen­den Abge­stor­ben­heit ver­bud­delt, lächelt und sagt, dass Kin­der süß wären. Kiyo­ko hat kei­ne Kin­der. Bei allem, was wir von ihr und Shin­ji gese­hen haben, wird sie mit ihm auch kei­ne Kin­der haben. Bei Naru­se ist es so, dass die Din­ge, die gesagt wer­den, das, was man zuvor gese­hen hat, erschwe­ren. Sät­ze rei­ßen die Fas­sa­den des Lebens ein. Aber nichts pas­siert. Sie gehen vor­über, ver­blei­ben nur kurz als Echo für die, die sie hören kön­nen. Als kön­ne man das Buch der ein­mal geäu­ßer­ten Wahr­hei­ten stän­dig zuschla­gen. Als kön­ne man wei­ter­le­ben, als wäre nichts gesche­hen. Nicht­mal Ozu hat so genau gefilmt, wie ein Lächeln oder ein wei­te­rer Satz das mög­li­che Dra­ma besänf­ti­gen. Die­se mensch­li­che, weib­li­che Fähig­keit, sich zusammenzureißen.

Kiyo­ko sagt zunächst nichts. Sie schaut nach links, nach rechts, ein Anflug von Trau­rig­keit huscht in ihre Mund­win­kel. Die Kame­ra bemerkt das. Ob es Ken­ki­chi bemerkt, ist schwer zu sagen. Er lehnt sich zurück und fragt sie ganz direkt, ob sie nicht ein­sam sei ohne Kin­der. Sie bejaht das, spricht dann aber über die Toch­ter ihres Schwa­gers, die bei ihnen wohnt. Sie lenkt von sich selbst ab, fragt ihn, ob er Kin­der mag und sagt ihm, dass er sich dann eine Frau suchen sol­le. Jetzt set­zen roman­ti­sche Strei­cher­me­lo­dien ein. Nichts an mei­ner Beschrei­bung die­ser Sze­ne berich­tet davon, dass man eigent­lich nichts sieht. Das geschieht jen­seits der Wor­te, jen­seits des Beschreib­ba­ren. Naru­se filmt ein Loch oder um ein Loch herum.

Die bei­den spre­chen über Hei­rat und wie schwer das Ehe­le­ben sein kann. Stän­dig ist klar, was gemeint ist. Wür­de man die­sen Film nur hören, wäre das ein unschul­di­ger Dia­log. Man wür­de sich über die emo­tio­na­li­sie­ren­de Musik wun­dern. Gesagt wird eigent­lich nichts. Dann schnei­det Naru­se zwi­schen den bei­den in Halb­na­hen hin und her. Blick, kein Blick, Blick, kein Blick, bevor er in eine Tota­le des Rau­mes wech­selt. Es reg­net immer noch. Ein Schnitt vor die Tür. Die Zeit ver­geht im Regen. Man sieht die bei­den atmen. Atmen und schwei­gen. Der gesenk­te Blick. Der Regen. Eine Pfüt­ze entsteht.

Schließ­lich (als gäbe es irgend­et­was Schlie­ßen­des bei Naru­se) wen­det er sich ihr zu, als könn­te er gleich etwas sagen, um den Regen auf­zu­hal­ten. Er sagt ihren Namen. Das ist viel. Mehr als sonst. Aber dann kommt die Besit­ze­rin des Cafés zurück. Das Schwei­gen setzt wie­der ein und eine Schwarz­blen­de ver­schluckt die Mög­lich­kei­ten. Die Schwarz­blen­den in A Wife’s Heart tun genau das: Sie zei­gen eine Wun­de an, aus der nichts mehr tropft.

Wenn die Gefüh­le zwi­schen Kiyo­ko und Ken­chi­ki, die als Gerücht im Raum ste­hen und sogar ihren Ehe­mann errei­chen, kurz dar­auf lächelnd und als lächer­lich bei­sei­te gescho­ben wer­den, damit das ange­dach­te Leben fort­ge­setzt wer­den kann, erin­nert man sich wie­der an die­se Sekun­den im Café. Fast könn­te man glau­ben, man habe sie erträumt. Naru­se gönnt dem mög­li­chen ande­ren, dem erfüll­ten Leben nur eini­ge melo­dra­ma­ti­sche Momen­te im Regen. Sie wer­den weg­ge­spült von dem, um das es in die­sem Film eigent­lich geht: Geld.

Das gilt übri­gens im dop­pel­ten Sinn, denn Naru­ses ursprüng­lich fina­le Dreh­buch­ver­si­on sah eine Schei­dung vor, die von den Pro­du­zen­ten ver­hin­dert wur­de. Auch das ist Geld, die kom­mer­zi­el­le Reprä­sen­ta­ti­on eines frag­wür­di­gen Fami­li­en­glücks (nicht dass es jemals nicht frag­wür­dig aus­se­hen wür­de am Ende des Films, wobei zeit­ge­nös­si­sche Kri­ti­ken in Japan dem Film durch­aus ein kon­ser­va­ti­ves Fami­li­en­bild vor­war­fen, was ich kaum ver­ste­hen kann). Geld und Sicher­heit. Geld, dem man nir­gend­wo entkommt.

Denn Ken­chi­ki ist Ange­stell­ter jener Bank, die Kiyo­ko und ihrem Ehe­mann das Dar­le­hen für das geplan­te Café aus­stellt. Es ist ein Film, in dem es kei­ne Unab­hän­gig­kei­ten gibt. Stän­dig wird vom Geld gespro­chen, obwohl man es nur sel­ten sieht. Alle Figu­ren han­deln gemäß des Gel­des. Die Gefüh­le, die sie zei­gen, sind oft­mals gespielt, um das Geld zu ret­ten. Die eigent­li­che Trau­rig­keit wird ver­steckt. Wenn die Män­ner es nicht mehr aus­hal­ten in die­ser Welt, hau­en sie ab. Die Frau­en lächeln und machen wei­ter oder brin­gen sich um, das ist, was ihnen bleibt.

Fast alles, was man im Film sehen kann, wird mit einem Preis ver­se­hen. Vor allem in den Augen der Mut­ter, die Naru­se ein­mal durch einen dunk­len Kor­ri­dor schlei­chen lässt wie einen Schat­ten, den man nicht los­wird. Ein kur­zes Bild, das die gan­ze Last und Freud­lo­sig­keit die­ser Lebens­wei­se zeigt. Es lässt mich nicht los, weil es mich an jene Momen­te erin­nert, in denen ich Men­schen begeg­ne, die sich der Wär­me ent­zie­hen und bemer­ke, dass ich ihnen gera­de des­halb gern näher wäre. Ich will ver­ste­hen, was die­se Mut­ter fühlt, bevor sie ein­schläft. Weni­ge Trä­nen in ihren Augen­win­keln wären schon genug, um mich zu ver­söh­nen mit ihr. Aber Naru­se gönnt mir die­se Trä­nen nicht. Wahr­schein­lich weil es die­se Trä­nen nicht gibt im Leben.

Eine Gei­sha weint, wenn sie glück­lich ist und lächelt, wenn sie trau­rig ist, heißt es ein­mal. Spä­ter bringt sich die Gei­sha um. Nie­mand will dar­über spre­chen. Die Men­schen kom­men und gehen wie der Regen.