Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Taubenblicke II

Yppenplatz/​Brunnenpassage: die hän­gen­de hell­ro­sa Jacke als ein­zi­ges Licht in dem ansons­ten dunk­len Raum und drau­ßen vor der Tür zit­tern die Regenpfützen

Ver­wechs­lung: ein auf dem Boden lie­gen­der Werk­statt­hand­schuh mit einer toten Tau­be (früh­mor­gens, Akkonplatz)

Im Park hören, wie ein Kind sei­ne Mut­ter fragt: „Mama, war­um ist heu­te Don­ners­tag?“ und bevor sie ant­wor­ten kann, sagt der Alko­ho­li­ker im Roll­stuhl neben ihnen: „Weil ges­tern eben Mitt­woch war, war­um denn sonst?“

In der Gold­schlag­stra­ße vor der roten Woh­nungs­tür, lee­re, im Wind wir­beln­de Brief­um­schlä­ge wie gro­ße, traum­haf­te Schnee­flo­cken, als wären sie ein Ersatz für den aus­ge­blie­be­nen Schnee des letz­ten Winters.

Ver­wechs­lung: das Miau­en einer Kat­ze mit dem Wei­nen eines Säug­lings (früh­mor­gens, Reithofferpark)

Das Kind auf der Mark­graf Rüdi­ger-Stra­ße, das sich im Rück­wärts­lau­fen selbst zum Umfal­len bringt, dann sofort auf­steht, und den­sel­ben Vor­gang die gan­ze baum­be­schat­te­te Stra­ße ent­lang wie­der­holt, bis es aus dem Blick verschwindet.

Die zwei auf dem Tisch­ten­nis­tisch auf und ab sprin­gen­den Jun­gen (Geschwis­ter?), wäh­rend der Gol­den Retrie­ver im Gras schläft und die plötz­li­che Erin­ne­rung an den ver­stor­be­nen Bruder.

Das spät­nächt­li­che Schwir­ren der ein- und aus­fah­ren­den S‑Bahnen und Fern­zü­ge vom West­bahn­hof zum Fens­ter im früh­lings­haf­ten Wind her­ein­ge­weht als ein­zi­ges lebens­war­mes Geräusch im men­schen­lee­ren Park. (Selbst die Nacht­vö­gel und Hun­de, die den Park ansons­ten bevöl­kern, schei­nen end­gül­tig aus der Welt ent­schwun­den zu sein…Nur der Umriss einer Stoff­tier­kat­ze im Fens­ter des gegen­über­lie­gen­den Gebäu­des ist übriggeblieben.)

9 Uhr: Die Besit­ze­rin der Buch­hand­lung am Kriem­hild­platz tritt her­aus aus ihrem noch geschlos­se­nen Laden (im Schau­fens­ter hin­ter ihr, das Her­aus­leuch­ten aus der Dun­kel­heit der ver­schie­den­far­bi­gen Buch­de­ckel), zün­det sich eine Ziga­ret­te an, und als es lang­sam zu reg­nen beginnt, nimmt sie Platz auf der wei­ßen Holz­bank neben dem Ein­gang und lässt sich für eine kur­ze Wei­le nass wer­den, bis sie aus­ge­raucht hat, die Ziga­ret­te am Boden mit ihrem Schuh aus­drückt und wie­der hineingeht.