Je mehr und je öfter man Ernst Lubit­schs Fil­me sieht, des­to stär­ker dürf­te auf­fal­len, dass sie in aller Regel laut begin­nen und immer lei­se enden. Was am Anfang noch zum Lachen war, ver­liert mit der Zeit sei­ne Komik, indem sich eine rea­le Sei­te offen­bart. Das pas­siert über die Fil­me hin­weg, aber auch in ihnen selbst. So stellt das Ende weni­ger einen kraft­vol­len Akkord als ein unschul­di­ges Fade-Out dar. Der Witz ver­schwin­det. Viel­leicht wie bei einer der alten Glüh­bir­nen, die in ihrem Glas­kör­per so hell leuch­tet, als könn­te sie jeden Moment zusprin­gen; doch beim Aus­schal­ten ist sie nicht ein­fach dun­kel und kalt, weil kein Strom mehr fließt, wie bei einem neu­en Modell, son­dern sie glüht stets noch eini­ge Momen­te nach. Es bleibt immer noch etwas Licht übrig, wäh­rend sich alles um einen selbst her­um ver­dun­kelt. So glaub­te man als Kind ver­ste­hen zu kön­nen, als man dabei zusah und halb erblin­de­te, wie sich das Licht aus­brei­tet und beim Löschen wie­der zurück­zieht. Spä­ter lernt man, dass es etwas kom­pli­zier­ter ist als in der eigen­sin­ni­gen Vor­stel­lung, und Licht nicht ein­fach ver­schwin­det, so wie es auch nicht ein­fach da ist. Bei Lubit­sch ver­hält es sich ähn­lich: Einer sei­ner letz­ten Fil­me Hea­ven can wait beginnt in der Höl­le, die mit ihrer brei­ten Trep­pe wie eine Til­ler­re­vue aus­sieht, wo alte Damen lüs­tern Röcke heben, um ihre Bei­ne zu zei­gen und dann durch eine Fall­tür im Fege­feu­er ver­schwin­den. Das Set­up ist bereits vor­han­den und was eigent­lich das Ende ist, macht hier den Anfang. Ein Mann, Hen­ry Van Cle­ve, erzählt sei­ne Auto­bio­gra­fie der Lei­den­schaft, begin­nend bei sei­ner Kind­heit, über sein jun­ges Erwach­se­nen­al­ter, bis zu sei­nem Lebens­abend, wo er sich stets ent­lang gesell­schaft­li­cher Tabu­gren­zen bewegt. Am Ende des Films befin­det Luzi­fer, Van Cle­ve muss nicht bis in alle Ewig­keit schmo­ren, son­dern darf mit dem Auf­zug zu sei­nen Liebs­ten in den Him­mel. Das Set­up wird durch einen teuf­li­schen Hauch Sen­ti­men­ta­li­tät auf­ge­weicht, ande­re wie auch Van Cle­ve, die Schlim­me­res erwar­tet haben, wür­den sagen – es erlischt. Das höl­li­sche Leuch­ten glüht all­mäh­lich aus. Ande­res Geschlecht, ande­re Zeit, ande­re Sit­ten, aber die­sel­be Rich­tung hat auch der viel älte­re Film Madame Dubar­ry: Wo am Anfang sich noch die Män­ner Pola Negri zu Füßen wer­fen, fliegt am Ende ihr Kopf in die Luft. Erst geht es nach unten, dann nach oben. Das ist Lubit­schs Regel und das ist auch der Weg des Wit­zes, der zu Beginn när­risch kit­zelt und schüt­telt, um mit der Zeit älter zu wer­den. Er beginnt ganz unten bei einer unge­brauch­ten Hose, so in Bluebeard’s Eighth Wife, und steigt die Trep­pen nach oben (wo wie­der eine Hose fehlt). Es heißt, Lubit­schs Witz befän­de sich hin­ter den Türen, was sicher­lich nicht falsch ist, aber eben­so sug­ge­riert, die­ser wäre immer der glei­che. Aber eher müss­te man ihm eine Ver­än­de­rung beschei­ni­gen oder die­se wenigs­tens suchen. Denn was bleibt, ist eine Erin­ne­rung an einen Witz auf einer Trep­pe, ein Trep­pen­witz, ein fra­gen­der Blick zurück: weni­ger nach der vor­über­ge­hen­den Gele­gen­heit, son­dern nach dem Ver­blei­ben des Wit­zes, sei­net­we­gen man vor eini­gen Minu­ten noch sei­nen Becher ver­schüt­te­te. Wo ging er hin? Aber wie das Licht ist Lubit­schs Witz weder da noch abwe­send – er ist im Ver­schwin­den begrif­fen und nur wer lan­ge genug noch hin­sieht, kann ihn auch noch bis zum Ende leuch­ten sehen. Das unter­schei­det ihn von sol­chen Wit­zen, die sich am selbst­re­fe­ren­ti­el­len Lager­feu­er wär­men. Bei­nah hät­te die­ser Text mit einem »Es fiel mir auf …«, »Ich habe den Ein­druck …« oder »Mir scheint …« begon­nen und statt­des­sen steht dort eine in ihrer ange­streng­ten All­ge­mein­heit gera­de­zu anma­ßend-kon­tro­ver­se Fest­stel­lung. Wie man aber gera­de dar­an erken­nen kann, ist, wenn etwas ver­schwin­det, immer mehr als nur ein Indi­vi­du­um davon betrof­fen, wes­halb es kaum Grund gibt, nur von sich selbst zu spre­chen. Das Ver­schwin­den löst also kein blo­ßes sub­jek­ti­ves Gefühl aus, es hin­ter­lässt eben­so eine geteil­te Erin­ne­rung. Von sich selbst könn­te man nur spre­chen, gin­ge man davon aus, nie­mand könn­te an den eige­nen Gedan­ken Anstoß neh­men und nur so lie­ße sich ihnen Sinn ver­lei­hen, womit die­se Erklä­rung bereits streit­ba­rer ist, als zu behaup­ten, Lubit­sch ver­lie­re mit der Zeit sei­nen Witz.