Text: Teo­man Yüzer

»What the suc­ces­si­ve engra­vers /​have pro­du­ced over the cen­tu­ries, /​/​is to embed the figu­res into the rock, /​/​to accu­mu­la­te them /​upon the rock and embed them.«, meint Jean Lou­is Sche­fer über nord­por­tu­gie­si­sche Petro­gly­phen im Kol­lek­tiv­film Dan­ses maca­bres, sque­let­tes et aut­res fan­tai­sies von Rita Aze­ve­do Gomes, Pierre Léon und ihm. Was die­se in Gesteins­ober­flä­chen geritz­ten Bil­der aus­ma­che, erklärt er wei­ter, sei das Inein­an­der­grei­fen gänz­lich sepa­ra­ter Zei­ten, wenn zum Bei­spiel eine Linie, die hun­der­te, tau­sen­de von Jah­ren zurück­liegt, Teil einer neu­en Fels­ma­le­rei wird und untrenn­bar mit ihr ver­bun­den ist. So wird die Kino­lein­wand an die­sem Sonn­tag im Ber­li­ner Zeug­haus­ki­no ähn­lich palim­psesthaft, wenn am Nach­mit­tag und frü­hen Abend zwei Fil­me gezeigt wer­den, die kon­stant inein­an­der­grei­fen: Zuerst Moses und Aron von Daniè­le Huil­let und Jean-Marie Straub, einer von sechs Fil­men, den die por­tu­gie­si­sche Fil­me­ma­che­rin Rita Aze­ve­do Gomes im Rah­men einer Car­te Blan­che aus der deut­schen Film­ge­schich­te aus­ge­wählt hat. Danach ihr eige­ner Film Dan­ses maca­bres, sque­let­tes et aut­res fan­tai­sies. Dazwi­schen eine Stun­de Pause.

Eine Stun­de, die mit dem Gedan­ken beginnt, ob man nach die­sem ers­ten Film viel­leicht nicht schon genug gese­hen und gehört hat für einen Tag. Spä­ter, als wir wie­der im Kino sit­zen, muss ich dar­an den­ken. Sche­fer steht in einem Muse­um: »We agree that muse­ums under­stand not­hing /​about the pain­tings they exhi­bit, /​/​other­wi­se they’d only exhi­bit /​one pain­ting, or two. /​/​(…) Even in a love­ly muse­um like this, /​things are quick­ly con­su­med, /​/​but you can’t con­su­me this quick­ly, /​you have to lin­ger a long time, /​/​ask yours­elf important ques­ti­ons.« Im Kino muss man sich der Zeit­lich­keit des Gegen­stands unter­wer­fen, ansons­ten blie­be einem nur übrig, nicht hin­zu­ge­hen. Was damit ver­lo­ren wäre, kann man nur sagen, wenn man dabei war. Spä­ter wird Sche­fer pas­sen­de Wor­te dafür fin­den: »it’s a thing that brea­thed for the /​last time, that we’ll never see again.«

Er meint den Was­ser­fall in Jean-Hono­ré Fra­go­nards Gemäl­de L’ile d’amour und kommt in die­sem Zusam­men­hang auf etwas zu spre­chen, das er »Nar­ra­tiv der Ober­flä­che« nennt: »You don’t get that with /​a flat image, it’s impos­si­ble. /​/​(…) Here, the­re are loads of adven­tures /​with sur­faces and gra­da­ti­ons. /​/​So nothing’s on the same pla­ne in rea­li­ty. /​/​It moves.« Es geht in die­sem Moment auch um die Unmög­lich­keit, das Phä­no­men der drei­di­men­sio­na­len Ober­flä­chen­tex­tur eines Gemäl­des fil­misch ange­mes­sen abzu­bil­den. Zum Schei­tern ver­ur­teilt, wird das fla­che Abbild die­ser Rea­li­tät, wie Gün­ter Reichs Moses es weni­ge Stun­den zuvor pro­phe­zei­te, zu einem »Abbild des Unver­mö­gens, das Gren­zen­lo­se in ein Bild zu fassen«.

Ute Holl, die sich aus­gie­big mit dem bibli­schen Bil­der­ver­bot in Zusam­men­hang mit Schön­bergs Oper und dem Film von Huil­let und Straub befasst hat, schreibt in Bezug auf den Film von einer »Zäsur ins Media­le, die den Pro­zess der Wahr­neh­mung selbst ins Bild setzt«. Was Holl in der ana­lo­gen Mate­ria­li­tät der Schwarz­bild­se­quen­zen aus­macht, lässt sich auf ähn­li­che Wei­se auch in den digi­ta­len Bil­dern von Gomes’ Film erken­nen. Hier kommt die­se »Media­li­tät der Bil­der« mate­ria­li­ter zur Gel­tung und so beob­ach­te ich ein ande­res, digi­ta­les »Nar­ra­tiv der Ober­flä­che«: Durch die schlech­ten Licht­ver­hält­nis­se der Auf­nah­men im Muse­um begüns­tigt, rauscht das digi­ta­le Bild an die­ser Stel­le beson­ders stark. Ich sit­ze in dem ohne­hin recht zusam­men­ge­quetsch­ten Kino­saal in der ers­ten Rei­he und so ist mei­ne Beschäf­ti­gung mit dem Film auch eine durch­ge­hen­de Beschäf­ti­gung mit sei­ner rau­schen­den Ober­flä­che, die sich etwas eigen­wil­lig, oder bes­ser gesagt etwas unei­gen­wil­lig, ver­hält. Wenn sich eine Per­son im Bild bewegt, sieht es oft so aus, als wür­de sich das Bild­rau­schen im unmit­tel­ba­ren Umkreis ihrer Bewe­gung mit­be­we­gen, als wür­den Gegen­stand und Bild­trä­ger inein­an­der­grei­fen und so die rea­le Bewe­gung die­ser Per­son über ihre Bewe­gung hin­aus noch mehr an der Bil­d­ober­flä­che ver­än­dern, ihr Leben ein­hau­chen. »Weh dem, der zum Holz sagt: Erwa­che! /​und zum stum­men Stein: Wach auf! /​Gibt der Göt­ze denn Aus­kunft? /​Gewiss, er ist mit Gold und Sil­ber über­zo­gen, doch er hat kei­nen Geist, kei­nen Atem.« (Haba­kuk) Gleich­zei­tig spricht Sche­fer wei­ter über die Tie­fen­be­we­gung auf der Lein­wand­ober­flä­che, die sich vor ihm befin­det: »It goes back and forth, /​it’s what Goya said: /​/​›I see mas­ses going back and forth,‹« Dabei bewegt er sei­nen Kopf, der einen Teil des Gemäl­des ver­deckt, und ich sehe im Bild­rau­schen Mas­sen, die sich hin- und herbewegen.

In den strah­lend hel­len, gesto­chen schar­fen 35mm-Auf­nah­men von Moses und Aron ist wenig vom Film­korn zu erken­nen. Hier tut sich etwas ande­res an der Ober­flä­che, das sei­ner­seits von der Mehr­di­men­sio­na­li­tät des Bil­des zeugt: Auf­fäl­li­ger noch als sonst sind die vie­len Krat­zer, die sich in die Bil­der ein­gra­ben. Land­schaf­ten, Gesich­ter, Him­mel und Erde – ganz gleich­gül­tig rasen die­se Ein­ker­bun­gen durch alles hin­durch, was sich ihnen in den Weg stellt. Der Ein­druck, den man hier von der Lein­wand­pro­jek­ti­on bekommt, ist der zwei­er distink­ter, wenn auch untrenn­ba­rer Bild­schich­ten, deren Inein­an­der­grei­fen sich anders gestal­tet als im Digi­ta­len. »Ihr Inne­res wird, wie man sagt, zer­fres­sen. Sie aber bemer­ken nicht die Wür­mer, die aus der Erde kom­men und sie selbst samt ihren Gewän­dern auf­zeh­ren.« (Baruch)

Auch in Gomes’ Film gibt es Krat­zer in den Bil­dern – die Krat­zer sind die Bil­der selbst: Die Grup­pe steht vor den Petro­gly­phen in Vila Nova de Foz Côa. Vor­her beschreibt Sche­fer in einer wei­ten Tota­len, die an die Auf­nah­men des Nils in Moses und Aron erin­nert, die Land­schaft, in der sie ste­hen. Er spricht dabei über die­se Land­schaft genau­so, wie er zuvor über all die Gemäl­de im Muse­um gespro­chen hat, über den Zusam­men­fluss des Côa und des Dou­ro, die Berg­for­ma­ti­on und die Fel­sen, »denn du weißt, dass der Fel­sen ein Bild, wie die Wüs­te und der Dorn­busch«, heißt es in Schön­bergs Oper. Dabei wird die Sicht auf den Fluss am Fuße der Ber­ge am unte­ren Bild­rand von dem Hügel blo­ckiert, auf dem sie und die Kame­ra ste­hen. Es sieht bei­na­he so aus, als wür­den die Ber­ge mit­ten im Bild schwe­ben. Über ein Land­schafts­ge­mäl­de von Joa­chim Pati­nir mein­te Sche­fer vor­her im Muse­um: »and what’s hol­ding up that con­s­truc­tion, /​this mass of moun­ta­ins, etc., /​/​is near­ly not­hing; it’s air.« Schaut euch die­sen Berg an – einst­mals war er Feu­er. »Die Erschei­nung der Herr­lich­keit des Herrn auf dem Gip­fel des Ber­ges zeig­te sich vor den Augen der Israe­li­ten wie ver­zeh­ren­des Feu­er.« (Exodus)

Jean Lou­is Sche­fer erzählt impli­zit vom Feu­er und von den Ber­gen, als er den haupt­säch­li­chen Unter­schied zwi­schen gewöhn­li­chen Höh­len­ma­le­rei­en und den Ein­rit­zun­gen an den Fels­ober­flä­chen dar­in fest­macht, dass die Petro­gly­phen – ihrer Lage im Frei­en ent­spre­chend – bei Tages­licht statt bei Fackel­schein ent­stan­den sind. Spä­ter, nach Son­nen­un­ter­gang, steht die Grup­pe wie­der vor den Fel­sen und leuch­tet mit einem Schein­wer­fer auf die Stei­ne, das Licht muss hel­ler sein, als es die Fackeln in den Höh­len jemals waren. Das Licht ist auch hel­ler und grö­ßer als das der Taschen­lam­pe zuvor im Muse­um. Dort war das Licht ein Ver­such, die von Sche­fer beschrie­be­ne Tie­fen­struk­tur der Farb­schich­ten auf der Lein­wand­ober­flä­che von Jean-Hono­ré Fra­go­nards Gemäl­de für die Kame­ra sicht­bar zu machen, sich in das Bild ›hin­ein­zu­gra­ben‹. Wür­de man mit der­sel­ben Lam­pe auf die Lein­wand im Kino­saal leuch­ten, wür­de das pro­ji­zier­te Bild auf ihr ver­blas­sen. »Dein Bild ver­blich vor mei­nem Wort«, sagt Gün­ter Reichs Moses aus dem Off.

Der nächs­te Schnitt rückt Moses ins Bild, er hält die Geset­zes­ta­feln in sei­nen Armen. »Die Tafeln hat­te Gott selbst gemacht und die Schrift, die auf den Tafeln ein­ge­gra­ben war, war Got­tes Schrift.« (Exodus) Beim Anblick des gol­de­nen Kalbs wirft Moses die Stein­ta­feln zu Boden – Bild zer­stört Wort, zer­stört Stein: Brü­che, Ris­se, Ein­zel­tei­le. »The hun­ter-engra­vers bene­fi­ted /​from a natu­ral phe­no­me­non, /​/​that is, cracks in the sheets /​of extre­me­ly hard schist /​/​making up the sur­faces. /​/​They’re pret­ty much the only sur­faces in Paleo­li­thic art.« Wäh­rend Sche­fer die­se Wor­te aus­spricht, ist ein Aus­schnitt der Fels­ober­flä­che zu sehen, auf der eine Hand mit aus­ge­streck­tem Zei­ge­fin­ger den Umriss einer Tier­fi­gur ent­lang­fährt. Eine Ges­te, die auch wie ein Ver­such wirkt, die ursprüng­li­che Bewe­gung zu rekon­stru­ie­ren, die einst auf der Ober­flä­che statt­ge­fun­den haben muss, um die­sen Umriss auf ihr ein­zu­gra­ben. Wel­ches Tier auf dem Gestein dar­ge­stellt wird, ver­mag ich nicht zu sagen. Als ich mei­ne, dar­in das gol­de­ne Kalb zu erken­nen, fährt Sche­fer fort, als wür­de er direkt zu mir spre­chen: »One pre­his­to­ri­an abso­lut­e­ly insis­ted that /​in the Niaux cave, the­re was a gra­vid mare: /​/​that was a pro­duct of his ima­gi­na­ti­on, /​/​it was a desi­re to see a sto­ry, a nar­ra­ti­ve. /​/​But the most important thing /​/​is that the­re is no sto­ry, /​no nar­ra­ti­ve, no move­ment, /​/​for a very long time. /​/​Move­ment is made up /​of the tang­le of figu­res, /​/​in which time is a given. /​/​And that is what occurs on the rock faces, /​/​which is never seen in the pain­tings: /​/​that the­re is a work of time.«

In der letz­ten Sze­ne des Films sit­zen Sche­fer und Pierre Léon auf der Ter­ras­se und bli­cken aufs Meer. Eine Aus­sicht, die sich inner­halb die­ser Ein­stel­lung auf eine Spie­ge­lung in den zwei Fens­tern der lin­ken Bild­hälf­te hin­ter den bei­den Män­nern beschränkt. So geht es mir beim Betrach­ten der Wel­len ähn­lich wie Sche­fer: »extre­me­ly mys­te­rious things are hap­pe­ning, /​/​a sort of phe­no­me­non of the oce­an breathing, /​/​you can’t under­stand /​if the bands you see the­re /​/​are the troughs of the waves /​or if they’re extre­me­ly slow brea­k­ers.« Ich erken­ne noch weni­ger vom Meer als die bei­den, sehe digi­ta­les Bild­rau­schen an der Lein­wand­ober­flä­che im Kino­saal, dahin­ter das Fens­ter, des­sen Ober­flä­che die Mee­res­ober­flä­che spie­gelt. Zwi­schen die­sen Umwand­lungs­schich­ten bleibt nur der Anblick einer fla­chen, ver­ti­ka­len Wand, die auch Sche­fer in die­sem Moment beschreibt, als wüss­te er, wie das, was sei­ne Augen gera­de sehen, spä­ter ein­mal aus­se­hen würde.

Auch an der Ober­flä­che des Nils rauscht es stark. Es ist eine von zwei Ein­stel­lun­gen in Moses und Aron, in der der Fluss zu sehen ist. Die­se und die nach­fol­gen­de Ein­stel­lung sind über­haupt die ein­zi­gen des Films, die in Ägyp­ten gedreht wur­den, die ein­zi­gen des Films auf 16mm-Mate­ri­al, wodurch sie sich recht stark von allen ande­ren Ein­stel­lun­gen unter­schei­den. Die Ober­flä­che die­ses sehr kör­ni­gen Film­ma­te­ri­als ist unru­hig und unscharf. Alles scheint in kon­stan­ter Bewe­gung und doch ist eine Bewe­gung der Wel­len selbst nicht aus­zu­ma­chen. Das Abbild ist eine fla­che Wand, auf der alles, was sich noch bewegt, dem Abbil­den­den, und nicht dem Abge­bil­de­ten, ent­springt. Moses: »Hier beherr­schen die Bil­der bereits den Gedan­ken, statt ihn auszudrücken.«

Wäh­rend Sche­fer und Léon wei­ter aufs Meer bli­cken, fällt ihnen Vir­gi­nia Woolfs The Waves ein und Sche­fer beginnt damit, die ers­ten Wor­te des Romans zu lesen. Ein Pro­zess, der ähn­lich ver­schach­telt und ver­frem­det daher­kommt, wie das gespie­gel­te, ver­rausch­te Abbild der Mee­res­ober­flä­che, das wei­ter­hin die Fens­ter im Hin­ter­grund bedeckt. Er hat die por­tu­gie­si­sche Über­set­zung vor sich lie­gen, über­setzt die­se für Léon münd­lich ins Fran­zö­si­sche, was die Unter­ti­tel dann wie­der ins eng­li­sche Ori­gi­nal über­tra­gen: »›The sun had not yet risen. /​/​›The sea was indis­tin­gu­is­ha­ble from the sky, /​/​›except that the sea was slight­ly creased /​as if a cloth had wrink­les in it.‹« Hier klappt er das Buch zu, kommt auf ande­re Gedan­ken. Zuhau­se lese ich wei­ter: »Gra­du­al­ly as the sky whiten­ed a dark line lay on the hori­zon divi­ding the sea from the sky and the grey cloth beca­me bar­red with thick strokes moving, one after ano­ther, beneath the sur­face, fol­lo­wing each other, pur­suing each other, perpetually.«