Mehr noch als andere Sportarten liebt der Radsport seine Unglücklichen und Verlierer. Das hat unter anderem damit zu tun, dass es in einem Radrennen, trotz gegenteiliger Beteuerungen der übertragenen Medien, nie um Duelle oder ein wirkliches Gegeneinander geht. Im Herzen wissen diejenigen, die sich für den Sport begeistern, dass letztlich mit jedem Kilometer, jedem Ergebnis eine abstraktere Geschichte erzählt wird, nämlich die der Überwindung von Widerständen. Das seltsame Glücksgefühl, dass sich einstellt, wenn ein steiler Anstieg überwunden oder überhaupt eine gewisse Strecke auf dem Rad zurückgelegt wurde, überträgt sich auf den professionellen Sport, wird geradezu mythologisiert. Die ewigen Zweiten, die Pechvögel, die gefallenen Helden, die kurz vor dem Triumph Eingebrochenen, das sind die Protagonistinnen, von denen man sich wieder und wieder erzählt. Diejenigen, die trotzdem weiterfahren. Diejenigen, die aus dem Straßendreck aufsteigen, um plötzlich gegen alle Logik zu gewinnen. Die Leidenden, Versehrten, die in die Pedale stampfen, als würden sie sich gegen die Umstände auflehnen. Der Radsport ist ein Arbeitersport. Das vornehm Überlegene des Tennissports ist ihm fremd. Der Fußball ist eine Utopie mit seinen Mannschaftsgefügen und seinem Zusammenhalt. Nur im Radsport ist man wirklich allein. Würde bewahrt man sich aus Trotz.
Die Influencer, die heute auf Rennrändern unterwegs sind, haben davon keine Ahnung. Sie fahren nicht wirklich Rad, sie verkaufen ein Gefühl, dass es nicht gibt. Die wirklichen Radfahrer haben Staub in den Augen. Vielleicht ist ihnen nicht egal, wie sie aussehen, aber sie wissen es nicht mehr. Den großen Siegern, den Rekordhaltern wird eher mit reservierter Skepsis begegnet, was nicht nur am Doping liegt, das man ihnen einfacher unterstellt als anderen, sondern eben auch daran, dass sie es überhaupt wagen, Leichtigkeit und souplesse auszustrahlen. Sie ernten Bewunderung. Sie locken die Sponsoren. Aber mit jedem Sieg werden sie ein bisschen weniger geliebt, egal ob sie mechanische Roboter sind wie einst Miguel Indurain, verbissene Ehrgeizlinge wie Eddy Merckx oder lockere Vögel wie Tadej Pogačar, der momentan diese Rolle ausfüllt. Erst wenn man sich an ihre Siege zurückerinnert, beginnen sie zu strahlen. Oder wenn sie einmal verlieren und dann wieder gewinnen. Im Moment des wiederholten Triumphs wirken sie manchmal so, als würden sie den Sport verletzten. Man wartet auf den Fall, die Katastrophe, damit ein solcher Gewinner wirklich zum Helden werden kann. Mal abgesehen von den nach bidons grabschenden Schreihälsen und den jenseits von Gut und Böse wandelnden, ihr Gesäß in die Kamera haltenden Bierfahnenträgern entsteht an der Strecke und folglich auch vor den Bildschirmen eine Beziehung zwischen jedem einzelnen Fahrer und jeder einzelnen Zuschauerin. Sie alle eint ein Wissen darüber, was es bedeutet, überhaupt weiterzufahren.
Ich übertreibe. Das hat sicher mit Wout van Aert zu tun, einem der Stars dieses Sports im Männerbereich, der in den letzten Jahren mehr und mehr in diese Narrationen des Pechs und des Verlierens zu passen schien, bis er am 12. April 2026 einen seiner größten Erfolge einfahren konnte, als eigentlich schon gar niemand mehr damit gerechnet hatte. Bei milchigem Sonnenschein fuhr er bei der Königin der Klassiker, Paris-Roubaix, als erster über die Ziellinie und strafte damit selbst die eigenen Zweifel lügen, denn so richtig schien er nicht mehr an solche Siege zu glauben, zumindest nicht mehr als jeder, der sich in somnambulen Momenten vorstellt, wie es wäre, wenn die jährlich anwachsende Schwere mit einem Mal aus dem geschundenen Körper weichen und sich in eine Bewegung übersetzen würde, die jenseits der eigenen Grenzen zu einem Glück führte. Spätestens seit einem fatalen Sturz beim Eintagesrennen Dwars door Vlaanderen 2024 schien sich zu bestätigen, dass es für ihn nicht mehr nach ganz oben reichte. Regelmäßig verlor er den Kontakt an die Spitze. Sein Körper wackelte mehr als früher. Sein Gesicht verzerrte sich. Andere waren stärker. Er konnte noch hie und da gewinnen, kurz seine immense Kraft aufblitzen lassen, aber wenn es in den wichtigsten Rennen, bei denen er regelmäßig zum Favoritenkreis gehörte, ans Eingemachte ging, versagten seine Beine oder sein Material. Im Winter zog er sich dann bei einem Cross-Rennen in Mol im glitschigen Schnee einen Bruch zu und somit schien auch diese Saison ohne langersehnten Erfolg in Flandern oder Roubaix (die zwei Rennen, von denen er mehr geträumt hat als von allen anderen) an ihm vorüberzugehen.
Ein wenig Zuversicht keimte zuletzt durchaus auf, Kenner wollten schon in den letzten Wochen «den alten Wout» gesehen haben und tatsächlich konnte er sich ein wenig Hoffnung machen. Aber das gilt für viele. Der Radsport wird seit einigen Jahren von zwei Fahrern dominiert, die wenig halten von solchen Hoffnungen. Ihre Wahrheit sind Wattzahlen, die kein anderer erreichen kann. Sie brechen Rekorde und erzählen keine Geschichten. Aber das Kopfsteinpflaster, auf dem Paris-Roubaix ausgetragen wird, ist sein eigener Autor. Keine Zahlen glätten diesen Untergrund. Kein Zufall fährt an den Rillen zwischen dem Pflaster vorüber. Die Steine sind zu spitz, um einfach über sie zu segeln. Staub wirbelt auf in diesem Theater, bei dem man nicht mal ein Viertel dessen sieht, was eigentlich geschieht. Stattdessen entstehen Träume und Unmöglichkeiten. Abstände schwinden und keiner weiß weshalb. Die Kamera schwenkt panisch zu am Straßenrand stehenden Fahrer, niemand erkennt, was mit ihnen geschehen ist, was aus ihnen wird.
Die Stunden und Sekunden, die van Aerts Triumph vorangingen, fühlten sich an, als hätte Homer über sie geschrieben, als hätte also eine Laune der Götter dafür gesorgt, dass nun einmal alles anders werden solle. Nicht nur wurden seine größten Konkurrenten, die beiden zu Halbgöttern erklärten Mathieu van der Poel und Tadej Pogačar in Form einiger Defekte und kurioser Versuche, mit anderen Rädern weiterzufahren, von jenem Pech verfolgt, das sonst ihm vorbehalten war (auch wenn er selbst nicht ohne Defekte blieb), sondern wie beflügelt (hoffentlich nicht von seinem Helmsponsor) gelang es van Aert immer wieder den verzweifelten und kraftloser werdenden Tempoverschärfungen Pogačars standzuhalten. Vor sieben Jahren ungefähr sah das ganz anders aus. Da war van Aert einer derjenigen, denen wirklich alles zuzutrauen war. Er fuhr im besten Team, erzielte großartige Ergebnisse und im radsportverrückten Flandern stieg er zum Superstar auf. Bis heute trägt er als einziger Fahrer seines niederländischen Teams einen von einem geschmacklosen österreichischen Getränkehersteller bedruckten Helm. Irgendwann habe ich ein Video gesehen, in dem er gegen ein Rennauto um die Wetter fuhr. Ein anderes Mal jubelte er wie ein flügelschlagender Vogel und man musste sich fragen, ob seine Freude reines Marketing war. Ein Tiefpunkt.
Ganz anders die tiefste Stelle dieses Rennens, das mit der Hölle verglichen wird. Eine Senke in einem dunklen Wald neben einem Kohlebergbau, die nicht nur die Fahrer sondern auch das Unglück magisch anzuziehen scheint. In der sagenumwobenen Trouée d’Arenberg, einem geradlinigen Waldweg auf unförmigen Pflastersteinen wird die Wahrscheinlichkeit fast jedes Jahr auf die Probe gestellt. Es ist wie bei manchen Tunneln auf dem Weg zum Mediterran. Wer die gut zwei Kilometer durch diesen Wald fährt, durchquert ganze Kultur- und Klimazonen. Das Rennen ist ein anderes am Eingang und am Ausgang der Straße. Dieses Jahr hatte sich kurz davor eine kleinere Gruppe gelöst, zu der unter anderem auch van Aert, sein dieses Jahr vom Unglück verschonter Teamkollege Christophe Laporte, der große Rennen liebende Jasper Stuyven, Pogačar, van der Poel und der aus einer schweren Verletzung kommende Mads Pedersen gehörten. Gleich am Eingang auf den Weg stürzte Pogačars Teamkollege Florian Vermeersch schwer. Die Kamerabilder nahmen davon kaum Notiz. Dann hatte van der Poel einen platten Reifen. Er versuchte auf einem Wiesenstück am Streckenrand auf das Rad seines Teamkollegen Jasper Philipsen aufzusteigen. Eine dieser unerklärlichen, in diesem Wald entstehenden Entscheidungen, wusste er doch, dass dieser ein anderes Pedalsystem als er fuhr. Verzweifelt rutschte er mehr, als das er wirklich fuhr. Die Idee war wohl, irgendwie aus dem Wald zu kommen, einfach nur diesen Wald hinter sich zu lassen, um wieder klar sehen und denken zu können (ein Interview im Zielbereich, bei dem van der Poel verzweifelt versuchte, Worte für den Triumph van Aerts zu finden, zeigte, dass er den Wald noch immer nicht verlassen hatte). Sogleich stieg er wieder ab, rannte mit seiner unsagbar teuren Uhr durchs Gras, während ein anderer seiner Teamkollegen, Tibor del Grosso, der immer so entspannt aussieht, als würde er ein Waffeleis schlecken auf der Fahrt, in der Wiese stand und lässig sein Vorderrad abmontierte, um es van der Poel zu geben. Bilder wie aus den 20er Jahren. Der Fahrer als Mechaniker.
Oben setzte sich eine Gruppe ab, aus der später van Aert und Pogačar übrig blieben. Beide hatten mehrere Defekte, aber es gelang ihnen, den furios aufholenden van der Poel nicht mehr an sie ranzulassen. Die letzten 30 Kilometer waren ein Wartespiel zwischen alten Bauernhöfen, Unmengen an Zuschauern und blühenden Obstbäumen. Man erwartete den letzten Stoß Pogačars, der auf dem Weg war, alle fünf Radsportmonumente in einem Jahr zu gewinnen, der just eine Woche zuvor mit einer seiner unnachahmlichen Attacken jenen van Aert in Flandern von seinem Hinterrad gefahren hatte. Aber diesmal nicht. Am Carrefour de l’Arbre, einer weiteren Kopfsteinpflasterpassage an dem Ort, an dem 1214 der Krieg zwischen England und Frankreich zu einem blutigen Ende kam, schlitterten beide Fahrer bedrohlich durch eine Kurve. Es sind diese Millimeter, die die Götter lieben. Pogačar versuchte alles, aber van Aert konnte mithalten. Er fuhr fast neben Pogačar statt einfach nur hinter ihm, um ihm anzuzeigen, dass er ihn nicht aus den Augen lassen würde. Es war klar, dass es zu einem Sprint im Vélodrome André Pétrieux kommen würde, jener Rennbahn in Roubaix auf deren glatter Oberfläche das Rennen ironischerweise beendet wird.
Da van Aert der bessere Sprinter als Pogačar ist, wurde ein Sieg plötzlich realistisch. Aber je näher das Finale rückte, desto mehr Gründe konnte man finden, warum die Geschichte doch die gleiche bleiben würde. Pogačar, der alles gewinnt, van Art, der ewige Zweite. Als sich van Aert auf der alten Betonbahn in an Pogačar vorbeiwuchtete, entlud sich für weithin nachhallende Sekunden ein Schrei, der weit über das kreisrunde Stadion hinaus schallte. Selbst als er seinem Kontrahenten eine ganze Radlänge abgenommen hatte, spürte man noch eine leichte Unsicherheit, zu unwirklich war das, zu oft hatte van Aert bewiesen, dass er solche Rennen noch würde verlieren können. Ein zu früher Jubel, ein plötzlich wie ein Komet an ihm vorbeischallender Pogačar, ein Regelverstoß, was würde es diesmal sein? Nichts. Er gewann wirklich.
Der Schrei verwandelte sich von einem Anbrüllen gegen die Unüberwindbarkeit der Dinge in ekstatisches Glück. Eine seltsame Genugtuung stellte sich ein, nicht nur, weil das Imperium (das sind im Radsport immer die, die viel gewinnen) übersprintet wurde, nicht nur, weil es der vom Pech verfolgte Wout war, dem es alle gönnten, sondern vor allem, weil es einem jener Tagträume gleicht, wenn die Schwerkraft kurz ausgehebelt wird und ein Schweben einsetzt, dass die Möglichkeiten erweitert und die Distanzen verringert. Wäre der Sport nicht ans Geld verkauft, man könnte fast meinen, in diesen Sekunden läge revolutionäres Potenzial, schließlich sind es nur kräftige Tritte in eine fragile Mechanik, die die Gegebenheiten umstürzen, die Geschichte neu schreiben können.
Einmal mehr wurde der Beweis angetreten, dass es im Sport eine eigenwillige Gerechtigkeit gibt (schon Jean-Luc Godard hat davon gesprochen), die in wenigen Augenblicken ein jahrelanges Zaudern und Leiden tilgen kann. Die Tränen des Glücks waren echt. Van Aert lag auf dem Boden, hielt seine Kinder und seine Partnerin in den Armen. Der Staub färbte die Lippen schwarz. Er widmete den Sieg seinem 2018 bei eben jenem Rennen verstorbenen Teamkollegen Michael Goolaerts. Das ist eine Geschichte, die nicht mehr erzählt worden wäre ohne diesen Tag. Seit 2018 habe er davon geträumt, auf dieser Ziellinie seinen Finger in die Luft zu strecken, um seinem Kameraden zu erinnern, sagte er. Sogar der neben der Strecke positionierte Polizist streckte die Arme jubelnd in die Luft, selbst die italienischen Kommentatoren waren zu Tränen gerührt, es ist egal, woher man kommt, einer von uns hat gewonnen.

