Zéro de conduite – Publikumsdisziplinierung im Kino

In ihrer Abhand­lung Making cine­phi­les: An eth­no­gra­phic stu­dy of audi­ence socia­liza­ti­on prä­sen­tiert Lisa Marx vor­läu­fi­ge Ergeb­nis­se ihrer For­schun­gen zu Film­ver­mitt­lung an Schu­len in Frank­reich. Aus den Wer­ten, Wahr­neh­mungs­ord­nun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen, die ihrer Beob­ach­tung nach den Lehr­in­halt die­ser film­päd­ago­gi­schen Pro­gram­me aus­ma­chen, zieht sie den Schluss, dass es dar­in um die Domes­ti­zie­rung jun­ger und unbot­mä­ßi­ger Zuschau­er unter dem Ban­ner der Cine­phi­lie geht, die kul­tu­rel­le Nor­mie­rung von Kino­re­zep­ti­on nach bür­ger­li­chen Maß­stä­ben zur Schaf­fung einer künf­tig treu­en Kund­schaft für die Art­h­aus­do­mä­ne. Dahin­ge­hend ver­weist die Autorin auch auf ver­schie­de­ne For­men von Kör­per- und Selbst­be­herr­schung, die von den Tuto­ren als kor­rek­te Kino­e­ti­ket­te pro­pa­giert werden:

During the scree­nings, cine­ma employees and tea­chers use cer­tain tech­ni­ques of crowd con­trol with the stu­dents, who are often descri­bed in inter­views as ‘wild’ or ‘noi­sy’. They have each group of stu­dents enter the movie thea­ter sepa­ra­te­ly, sea­ting them far apart, and chas­ti­se stu­dents who are per­cei­ved as being too row­dy (tal­king, com­men­ting on the movie, laug­hing loud­ly, etc.) during the scree­ning. […] Both “good” and “bad” ways to see a movie are con­s­truc­ted here, and a disci­pli­ned pos­tu­re is taught: Stu­dents are not sup­po­sed to par­ti­ci­pa­te […] but should ins­tead con­tem­p­la­te the film in soli­ta­ry silence.

Ziel die­ser Stra­te­gien sei die Auf­stu­fung „unzi­vi­li­sier­ter“ Zuse­her zu einer höhe­ren Rezep­ti­ons­kas­te. Aus unre­flek­tier­ten Kon­su­men­ten von Mas­sen­kul­tur sol­len distan­zier­te – und iso­lier­te – Ästhe­ten wer­den. Unter die­sen Vor­zei­chen kri­ti­siert Marx, die ihrem Namen alle Ehre macht, Cine­phi­lie als Distink­ti­ons­merk­mal der Oberschicht.

© Adult Swim

Die­se Behaup­tung ist streit­bar, soll hier aber nur sekun­där ver­han­delt wer­den. Mich inter­es­siert eher das oben auf­ge­wor­fe­ne und weit ver­zweig­te Dis­kurs­feld der Dis­zi­pli­nie­rung von Kör­pern im Kino­saal. Jeder, der regel­mä­ßig in(s) Kino(s) geht, ist sich der geschrie­be­nen wie unge­schrie­be­nen Geset­ze bewusst, die den gene­rel­len Umgangs­ton in Licht­spiel­häu­sern regle­men­tie­ren, und eben­so gegen­wär­tig ist ihm die Rela­ti­vi­tät die­ser Geset­ze. Sie sind abhän­gig von Fak­to­ren wie Film­gen­re, Kino­charak­ter, Besu­cher­zahl und Publi­kums­struk­tur, und im Zusam­men­spiel die­ser Fak­to­ren ent­schei­det sich, wel­ches Ver­hal­ten der jewei­li­gen Kino­si­tua­ti­on ange­mes­sen erscheint. Dabei gilt so gut wie über­all ein grund­le­gen­des Respekts­ge­bot vor der Pri­vat­sphä­re des ande­ren, ohne das die sozia­le Insti­tu­ti­on des Kinos in ihrer der­zei­ti­gen Aus­prä­gung auf lan­ge Sicht nicht bestehen könn­te. Denn obwohl der Kino­saal einen öffent­li­chen Raum dar­stellt, ist er über sei­ne Sitz­plät­ze in eine Viel­zahl von Kom­fort­zo­nen par­zel­liert, die die Zuschau­er für die Dau­er der Vor­stel­lung phy­sisch und psy­chisch aus­fül­len und deren Gren­zen nur in Son­der- und Extrem­fäl­len unge­straft durch­bro­chen wer­den kön­nen. Das heißt erst­mal ein­fach nur, dass selbst im aus­ge­las­sens­ten Kon­text die wenigs­ten Kino­be­su­cher der mut­wil­li­gen Über­tre­tung die­ser ima­gi­nä­ren Demar­ka­ti­on gleich­gül­tig gegen­über­ste­hen. Wenn man sie also mit Pop­corn bewirft, ihnen die Füße in die Rücken­leh­ne stemmt oder ins Ohr schreit, darf man nahe­zu aus­nahms­los mit legi­ti­men Sank­tio­nen rech­nen – legi­tim, weil der­ar­ti­ge Anstands­ver­let­zun­gen eine gleich­wie gear­te­te Film­erfah­rung unmög­lich machen.

Anders ver­hält es sich mit jenem Ver­hal­ten, das poten­ti­ell irri­tiert, jedoch in aller Unschuld und im nomi­nel­len Rah­men der eige­nen oder freund­schaft­lich erwei­ter­ten Kom­fort­zo­ne an den Tag gelegt wird: Essen (der Klas­si­ker), Rascheln, Hus­ten, Nie­sen, Ver­la­ge­run­gen der Sitz­po­si­ti­on, jede merk­li­che Reak­ti­on auf den gezeig­ten Film (Lachen, Wei­nen, Schrei­en, Joh­len, Auf­schre­cken, all­ge­mei­ne Unru­he), alle Spiel­ar­ten ver­ba­ler Äuße­rung (vom Gespräch zum Pri­vat­kom­men­tar) und selbst­ver­ständ­lich jed­we­de Nut­zung von Mobil­te­le­fo­nen oder Ähn­li­chem. Die Salon­fä­hig­keit die­ser Regun­gen muss jedes Mal aufs Neue aus­ge­lo­tet wer­den und bewegt sich zwi­schen zwei Polen, die im Text von Lisa Marx nach einer Ter­mi­no­lo­gie des fran­zö­si­schen Sozio­lo­gen Pierre Bour­dieu als ethi­sche und ästhe­ti­sche Dis­po­si­tio­nen gekenn­zeich­net wer­den. Ers­te­re pos­tu­liert eine unver­brüch­li­che Ein­heit zwi­schen Kunst und Leben und bestimmt die unmit­tel­ba­re, situa­ti­ve Affekt­re­ak­ti­on als die ein­zig authen­ti­sche. Letz­te­re pro­pa­giert Refle­xi­on, Kon­tem­pla­ti­on und Distanz, um einen Dia­log mit dem Kunst­werk zu ermöglichen.

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Die ethi­sche Dis­po­si­ti­on beruft sich in ihrem Anspruch auf Gül­tig­keit oft auf das frü­he Kino als Ort ele­men­ta­rer Ver­ge­mein­schaf­tung. Da war die Welt noch in Ord­nung und hat­te im Film­thea­ter sei­ne Ago­ra. Dort konn­te man gemein­sam stau­nen, laut­hals Medi­um und Leben fei­ern, Kon­flik­te aus­tra­gen, Lie­be und Demo­kra­tie machen. Die Gren­zen der Kom­fort­zo­nen erschie­nen noch ange­nehm flie­ßend und durch­läs­sig. Mit der suk­zes­si­ven Ato­mi­sie­rung der Gesell­schaft und Frag­men­tie­rung des Publi­kums ging die­se Frei­heit nach und nach ver­lo­ren, Bar­rie­ren wur­den auf­ge­baut und Benimm­re­geln ein­ge­führt, und das Gemein­schaft­li­che aus dem Dun­kel ins Dun­kel ver­bannt. Ver­tre­ter der ethi­schen Gesin­nung seh­nen sich (bezeich­nen­der­wei­se mit Vor­be­hal­ten) zurück nach die­sem womög­lich etwas ver­klär­ten Urzu­stand und suchen ihn her­bei­zu­füh­ren, indem sie – als Teil­neh­mer oder Ver­an­stal­ter – eine zwang­lo­se, par­ti­zi­pa­ti­ve Sich­tungs­at­mo­sphä­re kul­ti­vie­ren. Die­se Hal­tung fin­det sich heu­te etwa bei Retro-Event-Scree­nings oder Gen­re­film­fes­ti­vals. Sie ver­or­tet sich oft in bewuss­ter Oppo­si­ti­on zu ihrem Wider­part aus der ästhe­ti­schen Frak­ti­on und warnt vor der Erstar­rung einer leben­di­gen Film­kul­tur durch fal­sche Pie­tät und Zurückhaltung.

Die ästhe­ti­sche Dis­po­si­ti­on hin­ge­gen beharrt auf Ehr­furcht vor dem Medi­um und sei­ner unver­fälsch­ten Wir­kung. Erkennt man Film als hohe Kunst an, so ihr Cre­do, hat die­se wie sämt­li­che ande­ren Küns­te volls­te Auf­merk­sam­keit ver­dient. Folg­lich hat man als Zuschau­er dar­auf zu ach­ten, dass für alle am Kino­er­eig­nis Betei­lig­ten Bedin­gun­gen gege­ben sind, die viel­leicht kein unge­hemm­tes Genie­ßen, dafür aber ein inten­si­ves, ablen­kungs­frei­es und indi­vi­du­el­les Sehen und Füh­len ermög­li­chen. Ihren Ursprung hat die­se Ein­stel­lung wohl in den fran­zö­si­schen Film­klubs der 20er-Jah­re, heu­te lebt sie in Film­mu­se­en und ver­ein­zel­ten Pro­gramm­ki­nos weiter.

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Bei­de Dis­po­si­tio­nen sind als Dog­ma in letz­ter Kon­se­quenz pro­blem­be­haf­tet, da sie auf Aus­schlüs­sen basie­ren. Die ethi­sche Hal­tung stellt den intro­ver­tier­ten Schön­geist impli­zit unter den Gene­ral­ver­dacht, sei­nen wah­ren Emo­tio­nen ent­frem­det zu sein und zu Reprä­sen­ta­ti­ons­zwe­cken einen abge­klär­ten und abge­ho­be­nen Ges­tus zu affek­tie­ren, der den Film künst­lich auf Abstand hält. Unter die­ser Prä­mis­se setzt sie des­sen Anspruch auf Ruhe und per­sön­li­chen Erfah­rungs­raum außer Kraft und opfert ihn dem Affek­tor­kan. Zudem sind ihr prin­zi­pi­ell Fil­me suspekt, die nicht imstan­de sind, sicht­li­che und spür­ba­re (Gemeinschafts-)Energien im Publi­kum frei­zu­set­zen, deren Man­gel dann oft als Beleg für ihre Künst­lich­keit, Falsch­heit und Fadesse her­hält. Umge­kehrt wer­den über­schwäng­li­che, ein­mü­ti­ge Reak­tio­nen des Publi­kums zum vor­dring­li­chen Grad­mes­ser der gesell­schaft­li­chen Rele­vanz eines Films. Dem­entspre­chend bevor­zugt die ethi­sche Dis­po­si­ti­on ein Kino, das sich in Form und Inhalt direkt und stoß­ar­tig an Kör­per und Instinkt des Zuschau­ers wen­det, lässt dabei ungern Stil­le ein­keh­ren und bie­tet die­sem daher nur sel­ten einen Refle­xi­ons­ra­di­us für zöger­li­che, zwei­feln­de Über­le­gung, die in die­sem Kon­text als inad­äquat emp­fun­den wird.

Der ästhe­ti­sche Stand­punkt indes läuft schnell Gefahr, die im oben tan­gier­ten Text geheg­ten Befürch­tun­gen vom dis­zi­pli­nä­ren Klas­sis­mus in der Rezep­ti­on (und deren Rezep­ti­on) zu bestä­ti­gen. Am deut­lichs­ten mani­fes­tie­ren sich die­se bedau­er­li­chen Anla­gen im rigi­den Reiz-Reak­ti­ons-Modell spe­zi­fi­scher Kino-Situa­tio­nen, ins­be­son­de­re in Bezug auf Geläch­ter: Man hat nur dann zu lachen, wenn der Film es „erlaubt“, und hält man sich nicht an des­sen heim­li­che Vor­schrif­ten, ist man flugs als Rüpel und Phi­lis­ter gebrand­markt. Tut man auch nur ver­stoh­len sei­nen Unmut kund – zumeist in der Hoff­nung auf Bei­stand und Bestä­ti­gung, dass man eben nicht allei­ne mit sei­ner Mei­nung ist – ergeht es einem nicht anders. Wer sei­nem Sitz­nach­bar einen Kom­men­tar zuflüs­tert, stört die Toten­ru­he. Wer isst oder trinkt, ent­weiht das Kino­hei­lig­tum. Wer kränk­lich ist und rum­hüs­telt oder sich gar schnäuzt, hät­te gleich zuhau­se blei­ben sol­len. In jedem Fall ver­liert man vor dem cine­phi­len Tri­bu­nal sei­ne Ehre als Zuschau­er; wer nicht voll und ganz bei der Sache ist, kann es schlicht­weg nicht ernst mei­nen mit dem Sehen.

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Die­se gan­zen Vor­ur­tei­le und Ver­hal­tens­nor­men fußen letzt­lich auf beschränk­ten Ide­al­vor­stel­lun­gen einer „rich­ti­gen“ Kino­si­tua­ti­on und halt­lo­sen Mut­ma­ßun­gen über die Ursa­chen von Publi­kums­re­ak­tio­nen. Wer bei Drey­er an der fal­schen Stel­le lacht, lacht viel­leicht aus erha­be­nem Ent­zü­cken, und wer sich bei tosen­dem Mas­sen­ap­plaus im Mul­ti­plex unwohl fühlt, tut dies nicht zwangs­läu­fig aus dün­kel­haf­ter Eitel­keit. Über­dies soll­te man sich in sei­ner Argu­men­ta­ti­on für die eine oder ande­re Hal­tung nicht auf das Phan­tas­ma eines how-it-was-meant-to-be-seen beru­fen, denn am Ende gene­riert jedes Kino­er­eig­nis die Umstän­de sei­nes Gese­hen-wer­dens in einem Wech­sel­spiel mit den Zuschau­ern selbst, in sei­ner Zeit und an sei­nem Ort, und für gewöhn­lich ist die Stim­mung, die sich da mehr oder weni­ger orga­nisch ein­pen­delt, schon ok, sei sie wild oder wei­he­voll. So etwas wie eine his­to­ri­sche Pra­xis ist etwas, wor­an man sich über­schlags­mä­ßig annä­hern kann, tat­säch­lich erreich­bar ist sie aber nicht.

Glück­li­cher­wei­se neh­men besag­te Dis­po­si­tio­nen sel­ten fun­da­men­ta­lis­ti­sche Züge an. Trifft ein Film einen kol­lek­ti­ven Nerv, tran­szen­diert er sein Dis­po­si­tiv ohne­hin, und ich habe Momen­te fei­er­li­cher Andacht beim /slash-Film­fes­ti­val eben­so erlebt wie Hys­te­rie im Öster­rei­chi­schen Film­mu­se­um, aber grund­sätz­lich hat jede Spiel­stät­te das Recht, essen­ti­el­le Sich­tungs­pa­ra­me­ter nach ihrem Gut­dün­ken fest- oder nahe­zu­le­gen, und jeder Besu­cher weiß im Ide­al­fall sowohl, wor­auf er sich ein­lässt, als auch, wel­che Spiel­räu­me ihm gewährt wer­den. Über­trie­be­ne Stren­ge in bei­de Rich­tun­gen führt zu einer Ver­ste­ti­gung von Sich­tungs­er­fah­run­gen und schlimms­ten­falls zu ihrer Vor­zeich­nung. Zugleich haben bei­de Posi­tio­nen in Ansät­zen ihre Berech­ti­gung. Zum Kino gehö­ren eben auch die unmit­tel­ba­ren Regun­gen und Bewe­gung des Publi­kums, wäh­rend ein gewis­ses Maß an Distanz zu sei­nen oft ideo­lo­gisch durch­wirk­ten Instinkt­re­ak­tio­nen oft­mals erst die Pfor­ten öff­net zu neu­en Per­spek­ti­ven, neu­en Fil­men, neu­en Erfah­run­gen. Und wenn man denn wirk­lich kei­ner­lei Anschluss fin­det an ein Kino, einen Film und ihre ein­ver­nehm­li­che Aura, soll­te man den Mut haben, zu gehen, anstatt dem Saal sei­ne per­sön­li­che Visi­on von Fröm­mig­keit oder Fröh­lich­keit aufzudrängen.

Aber Him­mel, Arsch und Zwirn – schal­tet end­lich eure ver­damm­ten Han­dys aus!