Dies ist eine Kolum­ne zu einem Film­club. Fil­me, die ich dort zei­ge, wer­den hier bespro­chen und manch­mal auch etwas ande­res. Der Film­club fin­det an einem gehei­men Ort statt. Wirk­lich öffent­lich ist der Film­club nicht, pri­vat kann man ihn aber auch nicht nen­nen. Wer zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort ist und mit­schau­en möch­te, wird nicht abge­wie­sen. Der hier bespro­che­ne Film wur­de bereits gezeigt. Zukünf­ti­ge Tex­te wer­den ande­re Fil­me bespre­chen, vor oder nach den Prä­sen­ta­tio­nen im Film­club, den es wirk­lich gibt.

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«Nihi­lis­ten­kreis» wur­de mein ehe­ma­li­ger Freun­des­kreis ein­mal genannt, wegen der dunk­len Män­tel, dem Gerau­che und unse­rem Hang zu Zynis­mus viel­leicht. Über wirk­lich Per­sön­li­ches wur­de bei uns sel­ten gespro­chen und wenn, dann spät nachts. Statt­des­sen haben wir Musik gehört, denn das ist auch nett. Kein Lied wur­de so oft gehört wie «DMD KIU LIDT», das vier­zehn Minu­ten dau­ert. Vier­zehn Minu­ten sind eine hal­be Ewig­keit in der Pop­mu­sik, ab dem ers­ten Akkord war stets Stil­le im Raum. Dem Sän­ger ins Wort zu fal­len, wäre gewe­sen, wie die Andacht in der Kir­che zu unterbrechen.

«DMD KIU LIDT» ist eine Abkür­zung, aus­ge­schrie­ben hat der Titel etwas mit Kapi­ta­lis­mus zu tun und mit Trau­rig­keit. Aus­ge­schrie­ben klingt er etwas pein­lich, wie ein Demo-Spruch, doch dafür ist er zu lang und auch als Graf­fi­ti taugt er kaum.

Seit die­sen abend­li­chen Run­den sind fast zehn Jah­re ver­gan­gen, zynisch bin ich jetzt sel­te­ner. Vie­le mei­ner dama­li­gen Freund*innen gehen all­wö­chent­lich zur Psy­cho­the­ra­pie, das ist nor­mal. Ande­re hei­ra­ten, müs­sen um sie­ben zur Arbeit und trin­ken noch mehr Bier als frü­her. Man­che haben gelernt, über Gefüh­le zu spre­chen oder ver­lernt, sich für etwas ande­res als Gefüh­le zu inter­es­sie­ren. Ich höre mir das Lied noch regel­mä­ßig an und manch­mal ver­mis­se ich die­sen Kreis an Men­schen, die sich um ein Lied her­um grup­pie­ren, das ein biss­chen wärmt und viel­leicht ersetzt, was man sich aus­zu­spre­chen nicht traut, mit gemein­sa­mer Stimme.

Der Ich-Erzäh­ler von «DMD KIU LIDT» ist ein Ent­täusch­ter. Was ent­täuscht, ist die Welt oder das, was man „die Zustän­de“ nennt. Ob der Ich-Erzäh­ler krank ist oder nicht, ist eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve. Dass die Welt krän­kelt oder eben die Zustän­de, steht außer Fra­ge, zumin­dest für ihn, der sei­ne Pro­ble­me als gemein­sa­me sieht. «Aus der Krank­heit eine Waf­fe machen», war der Leit­spruch des anti­psych­ia­tri­schen SPK, dem Sozia­lis­ti­schen Pati­en­ten­kol­lek­tiv. Das gibt es schon lan­ge nicht mehr, dafür Yoga­kur­se und Wei­ter­bil­dun­gen zur Resilienzentwicklung.

Die Haupt­fi­gur von Ord­nung heißt Her­bert und hat schüt­te­res Haar. Er tut nicht viel, liegt im Bett und raucht, schreibt etwas auf, nur so. Ohne Her­bert wäre die Welt die­ses Films in Ord­nung, zumin­dest wenn man nicht genau­er hin­sieht. Man ist ein Sowie­so, man arbei­tet und geht ins Kino, bekommt Kin­der oder einen Hund und „ver­reckt“ irgend­wann. Dafür muss man sich nicht ent­schei­den, für eine Abwei­chung schon. Her­bert tut das – ob es eine Ent­schei­dung ist, bleibt unklar. Er ist müde von der Ver­ant­wor­tung, er selbst zu wer­den, müde vom all­täg­li­chen Zir­kus. Er hat die Schnau­ze voll. Irgend­wann ist er davon müde, die Abwei­chung wei­ter­zu­ge­hen. Auf der Gegen­fahr­bahn ist es anstren­gend. Ob Her­bert krank ist oder nicht, ist eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve. Der Film ist über vier­zig Jah­re alt und dau­ert sechs­und­neun­zig Minu­ten. Her­bert sagt nicht viel in die­sen Minu­ten, weni­ger als der Sän­ger von «DMD KIU LIDT». Man ver­steht ihn trotz­dem. Ein Film hat Bil­der und ent­steht im Kopf des Zuschau­ers, das hat man mir im Stu­di­um gesagt. Ich habe einen Uni­ver­si­täts­ab­schluss, damit bringt man es weit im Leben.

Sei­ne Frau, die auch einen Namen hat, spricht mehr, sie spricht von Hei­di und Jür­gen. Jür­gen wur­de sein Foto­ap­pa­rat gestoh­len, obwohl Hei­di ihm gesagt hat­te, er sol­le ihn nicht im Auto las­sen. Der Foto­ap­pa­rat war teu­er, gibts denn sowas. Ob Her­bert ihr zuhört? Ja. Maria spricht nicht nur mehr als Her­bert, sie macht auch mehr mit ihrem Kör­per. Sie bügelt Hem­den, hat einen Job und macht den Abwasch. Ein­mal haben die bei­den Sex, die Kame­ra zeigt dann nur Her­bert und schön ist es nicht. Auch Maria ist müde. Irgend­wann ärgert sie sich über Her­bert, der nur im Bett liegt, wegen der vol­len Schnau­ze oder weil er krank ist, für man­che ist das iden­tisch. Auch Maria ver­steht man.

Dem Sän­ger oder Ich-Erzäh­ler von «DMD KIU LIDT» bricht irgend­wann die Stim­me, dann jault er eher, als dass er singt. Schrei­en tut er nicht und das ist gut so, man ver­steht ihn noch. Dann wird das Lied doch zum Pam­phlet, es geht um Ris­se im Ich, um eine kom­men­de Gesell­schaft hin­ter den Depres­sio­nen, «unse­ren» Depres­sio­nen. Das betrifft heu­te fast zehn Mil­lio­nen Men­schen in Deutsch­land, viel­leicht sind es Einzelfälle.

Her­berts Stim­me bricht nie. Er lächelt nicht und weint nicht, er sucht kei­nen Schul­di­gen und kei­nen Gleich­ge­sinn­ten. Nur ein­mal spricht er wirk­lich. Wem er denn etwas Böses tue, fragt er. Ihr lebt doch euer Spieß­erle­ben, war­um soll ich nicht leben, wie ich will? Das ist eine berech­tig­te Fra­ge und die stört – auch Maria ver­steht man, wegen der Hem­den und dem Abwasch und weil sie so gern mit ihm ins Kino gehen wür­de. Dass sie Her­bert nicht ver­steht, ver­steht man nicht. Auch Maria ist müde, aber ihre Per­spek­ti­ve ist eine ande­re. Auch Maria kann man für krank hal­ten, es kommt dar­auf an. Krank­heit ist Vor­aus­set­zung und Resul­tat der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se, Krank­heit ist Pro­duk­ti­ons­kraft – so heißt es beim SPK im dog­ma­ti­schen Ton­fall der Zeit. Her­bert pro­du­ziert ein Gedicht, das er im Klo her­un­ter­spült. Maria arbeitet.

Ich zei­ge den Film ein biss­chen wegen jener Freun­de, mit denen ich zusam­men «DMD KIU LIDT» hör­te oder weil ich manch­mal das Gefühl vermisse.

Beim Scree­ning ist es dann sehr voll, es sind Leu­te da, die ich nicht ken­ne. Das ist gut so. Einer davon redet viel wäh­rend des Films, redet mit sich selbst. Maria schmeißt eine Packung Kaf­fee­boh­nen auf den Küchen­bo­den, da sagt er lei­se: «Staub­sauger». Bei ande­ren Sze­nen ist er lau­ter und unpas­sen­der und irgend­wann sage ich, dass es nervt. Mich nervt es nicht, aber bestimmt jemand ande­ren und beim Film­schau­en ist man still, wie bei der Andacht in der Kir­che – so gehört es sich, das habe ich gelernt. Der Mann stört die Ord­nung und ich ermah­ne ihn. Das kann eine unsym­pa­thi­sche Posi­ti­on sein, ins­be­son­de­re bei die­sem Film ist es wahr­schein­lich eine fal­sche. Er hört danach nicht auf zu spre­chen und ich bin erleich­tert. Spä­ter ant­wor­tet er ohne Zögern auf die Fra­ge, ob Her­bert the­ra­piert gehört: «Nein.»