Michel Piccoli in "Les Créatures"

Locarno-Tagebuch: Tag 2: Die Musical-Adaption eines Shakespeare-Theaterstücks über einen Porzellansammler aus Rimini, der auch Pornos dreht

Bevor es mit den Fil­men los­geht, auch heu­te noch ein paar Vor­be­mer­kun­gen zum Fes­ti­val selbst. Locar­no ist ein recht mon­dä­ner Bade­ort und zieht dem­entspre­chen­des Publi­kum an. Das Film­fes­ti­val wird, so kommt mir vor, von den glei­chen Leu­ten besucht und das obwohl, ich glaub das kann man so sagen, Film­fes­ti­vals durch­aus als hipp gel­ten und andern­orts viel jun­ges Publi­kum anzie­hen (muss ja nicht immer so eine Hip­ster­pa­ra­de wie bei der Vien­na­le sein, aber dennoch).

Eröffnungszeremonie des Filmfestivals Locarno
Eröff­nungs­ze­re­mo­nie

Obwohl die Son­ne Locar­no schon früh­mor­gens ver­lo­ckend strahlt, ver­sam­melt sich doch eine ver­gleich­bar gro­ße Schar um neun Uhr im Cine­ma Ex*Rex (das mei­nem Ein­druck nach, ein still­ge­leg­tes Kino ist, dass nur mehr für die­ses Fes­ti­val sei­ne Pfor­ten öff­net) um Vale­rio Zur­li­nis Estate vio­len­ta zu bewun­dern. Und zu bewun­dern gibt es viel – noch dazu auf 35mm (Dau­men hoch, Locar­no!): Magi­sche Bli­cke, groß­ar­ti­ge Luft­an­grif­fe und Kam­mer­spiel­at­mo­sphä­re am Strand Rimi­nis. Selbst die frü­he Uhr­zeit kann den Effekt die­ses Films nicht schmä­lern – ein guter Start in den Tag.

Schlangestehen in Locarno

Zwei Stun­den spä­ter lädt Agnès Var­da zu einer Mischung aus Buñuel und Nová Vlna. Spä­tes­tens, bei Les Créa­tures ist die Hüt­te gut gefüllt und der Film weiß mit einer bild­hüb­schen Cathe­ri­ne Deneuve und aller­lei Meta­fik­ti­on zu über­zeu­gen. Var­da hat aber ein­deu­tig bes­se­re Fil­me in distink­te­rem Stil in ihrem Reper­toire. Ich fra­ge mich bloß, ob Michel Pic­co­li aus­schließ­lich halb­ver­rück­te Cha­rak­te­re spielt, und des­halb z.B. in qua­si jedem Buñuel zu sehen ist, oder ob er ab einem gewis­sen Zeit­punkt ganz ein­fach getype­cas­tet wur­de. Fra­gen über Fra­gen also.

Apro­pos Meta­fik­ti­on: Matí­as Piñei­ros Wett­be­werbs­bei­trag La Prin­ce­sa de Fran­cia ist auch sehr meta. Das fällt einem zwar erst nach einer Wei­le so rich­tig auf, aber spä­tes­tens am Ende kapiert man, dass der Film bereits nach etwa fünf Lauf­zeit sei­nen Plot ver­ra­ten hat­te. Ähn­lich beschwingt und dia­log­las­tig wie Res­nais‘ Ayck­bourn-Adap­tio­nen kommt La Prin­ce­sa de Fran­cia daher, immer wie­der aber ver­weilt die Kame­ra auf Gemäl­den und Gesich­tern und der Dia­log tritt in den Hin­ter­grund, wie eine Voice-Over Nar­ra­ti­on. Pas­send dazu geht es im Film dar­um, dass eine Grup­pe von Freunden/​Schauspielern ein Shake­speare-Radio­hör­spiel auf­nimmt. Das Radio als audi­tives Neben­bei­me­di­um wird hier fil­misch gespie­gelt – span­nend. Beein­dru­ckend hier­bei, dass der Film trotz allem sehr leicht­fü­ßig und spie­le­risch insze­niert ist (man könn­te fast mei­nen zu spie­le­risch). Des­halb fra­ge ich mich noch immer, war­um Heer­scha­ren an Zuse­hern die, zuge­ge­be­ner­ma­ßen rie­si­ge, Mes­se­hal­le FEVI, in der das Scree­ning statt­fand, wäh­rend dem Film ver­las­sen (der über­dies nur knapp über eine Stun­de dau­ert). Der Film ver­irrt sich zwar zum Teil in sei­ner eige­nen Raf­fi­nes­se und sei­nen mul­ti­plen Fik­ti­ons­ebe­nen, aber alles in allem kann man ihm ganz gut fol­gen. Es geht Regis­seur Piñei­ro offen­sicht­lich nicht bloß dar­um sein Publi­kum zu verwirren.

Ein Shakespeare-Radiohörspiel in filmischer Form
La Prin­ce­sa de Francia

Bei leich­tem Nie­sel­re­gen flüch­te­te ich mich im Anschluss in Lina Wert­mül­lers Non Stuz­zi­ca­te la Zan­za­ra, ein so wahn­sin­ni­ges Musi­cal, tief dem Geis­te der 60er Jah­re ver­schrie­ben, das man ein­fach gut fin­den muss. Ein in Ver­ges­sen­heit gera­te­nes Stück Trash, dafür aber umso char­man­ter, das, wie auch „Estate vio­len­ta“, in der Retro­spek­ti­ve zur ita­lie­ni­schen Pro­duk­ti­ons­fir­ma Tita­nus gezeigt wurde.

Rita Pavone - La Zanzara
Non Stuz­zi­ca­te la Zanzara

Gar nicht tra­shig, auch wenn der Name es ver­mu­ten las­sen könn­te, ist Bert­rand Bonel­los Le Por­no­gra­phe. Ein Schau­lau­fen für den fran­zö­si­schen Schau­spiel­groß­meis­ter Jean-Pierre Léaud, der in Locar­no für sei­ne Kar­rie­re aus­ge­zeich­net wur­de. Le Por­no­gra­phe ist viel­leicht einer sei­ner essen­ti­ells­ten Spät­wer­ke und alles in allem ein sehr gelun­ge­ner fran­zö­si­scher Autoren­film. Ein Mann, bes­ser gesagt ein Por­no­re­gis­seur, und sei­ne Mid­life-Cri­sis ste­hen im Mit­tel­punkt des Gesche­hens. Die­se Rol­le hat Léaud seit den 80er Jah­ren per­fek­tio­niert und das merkt man sehr deut­lich. Es ist als wür­de die­ser Mann in sei­nem Wohn­zim­mer spie­len. Léaud selbst war sogar im Saal anwe­send, und mur­melt vor Beginn des Films noch ein paar Wor­te ins Mikro. Er ist klei­ner als ich ihn mir vor­ge­stellt habe und sieht etwas unge­sund aus.

Den Abschluss des (lan­gen) Tages bil­de­te Utz vom nie­der­län­di­schen Regis­seur Geor­ge Slui­zer. Der hat sich dank Armin Muel­ler-Stahl ins Pro­gramm ver­irrt – der deut­sche Schau­spie­ler wur­de eben­falls für sei­ne Kar­rie­re geehrt. Der Film, in dem Muel­ler-Stahl den namens­ge­ben­den Titel­cha­rak­ter, einen tsche­chi­schen Por­zel­lan­samm­ler, mimt ist ein erträg­li­cher Abschluss für einen lan­gen Tag. In Flash­backs wird Utz‘ Leben nach­er­zählt und sei­ne Begeg­nun­gen mit dem ame­ri­ka­ni­schen Kunst­händ­ler Fisher (gespielt von „Mr. Shef­field“ Peter Rie­gert). Nichts Welt­be­we­gen­des, und bei Gott kein must-see, aber ein pas­sa­bler Film für das Abend­pro­gramm eines anspruchs­vol­len TV-Senders.

Armin Mueller-Stahl in "Utz"
Utz

PS: Ich habe es geschafft mich hier zu annehm­ba­ren Prei­sen zu ver­pfle­gen. Ein Etap­pen­er­folg sozusagen.