Cléo und der Soldat in "Cleo de 5 à 7"

Locarno-Tagebuch: Tag 6: Das Leiden, das Wetter und Cléo

Begin­nen wir heu­te mit mei­nen zwei Lieb­lings­the­men (wie­der ein­mal). Ers­tens, das Wet­ter: es reg­net immer wie­der, alle paar Stun­den in unter­schied­li­cher Stär­ke. Die Tem­pe­ra­tu­ren sin­ken dabei nicht wirk­lich, was das Gan­ze zu einer sehr schwü­len Ange­le­gen­heit macht.

"Cléo de 5 à 7"
Cléo de 5 à 7

Zwei­tens, Agnès Var­da: ges­tern habe ich mir ihren viel­leicht bekann­tes­ten Film, Cléo de 5 à 7 ange­se­hen. Im Gegen­satz zu ihrem Spät­werk, dass immer­zu lei­se „Mar­ker“ flüs­tert, brüllt „Cléo“ laut „Nou­vel­le Vague“, oder sogar „Godard“. Die ziel­los her­um­wan­dern­de Titel­fi­gur Cléo, die auf die Ergeb­nis­se einer Aut­op­sie war­tet und dabei auf aller­lei Men­schen trifft. Der Film ist einer­seits eklek­ti­sches Sam­mel­be­cken unter­schied­lichs­ter Kame­ra- und Schnitt­tech­ni­ken (und damit aber­mals inno­va­ti­ver als das Gros der Wett­be­werbs­fil­me), und ande­rer­seits ein wei­te­res Beweis­stück für Var­das außer­or­dent­li­che Bega­bung im Fil­men von All­tags­sze­nen. Sel­ten hat man die Bou­le­vards und Gäss­chen von Paris so klar in Sze­ne gesetzt gese­hen (und das soll was hei­ßen, zieht man die unzäh­li­gen Fil­me in Betracht, die in die­ser Stadt spielen).

Sonst gab’s sehr viel Neu­es zu sehen. Dos Dis­pa­ros vom argen­ti­ni­schen Fil­me­ma­cher Mar­tín Rejt­man, der vor allem wegen sei­ner uner­träg­li­chen Gene­ra­ti­on X‑En­nui-Atti­tü­de im Gedächt­nis bleibt, die er auf ziem­lich anstren­gen­de Wei­se mit Hipster­sen­si­bi­li­tät ver­bin­det. Das klingt schwer ver­ein­bar, ist es auch. Mal erwar­tet man an der nächs­ten Ecke Che­vy Cha­se auf­tau­chen, mal einen Pop­song und Zeit­lu­pen­mon­ta­ge. Alles in allem, ist der Film lei­der zu sehr von sei­ner eige­nen hoch­kul­tu­rel­len Bedeu­tung über­zeugt, und ver­sucht sie so zu ver­ber­gen, dass sie doch jedem auf­fällt. Das soll hei­ßen, der Film ver­sucht sei­nen Kunst­cha­rak­ter mit Tra­s­h­ele­men­ten zu kaschie­ren, ohne zu erken­nen, dass sei­ne Kunst­ele­men­te selbst bereits tra­shig sind – alles klar?

Rauch und Spiele in "Dos Disparos"
Dos Dis­pa­ros

The Fool (Durak) ist da schon ein ande­res Kali­ber. Nach­dem ich ges­tern einen Hau­fen Obdach­lo­se und Vaga­bun­den auf den Lein­wän­den Locar­nos gese­hen habe, reih­te sich The Fool naht­los in die Rei­he der eher depri­mie­ren­den Fil­me im Fes­ti­val­pro­gramm ein. Die Moral­keu­le schwingt die­ser Film so gut, dass man sogar über man­che dra­ma­tur­gi­sche Schwä­chen hin­weg­se­hen kann (first and fore­most, plum­pe Expo­si­ti­on). The Fool ist ein poli­ti­scher Film, den man unge­fähr so deu­ten kann: Der Rus­se Yury Bykov macht einen Film über den ein­zi­gen nicht-kor­rup­ten Rus­sen, der es auf­grund sei­ner Auf­rich­tig­keit bis­her nur bis zum Instal­la­teur gebracht hat und ziem­lich in die Klem­me kommt, als er ver­sucht acht­hun­dert Men­schen das Leben zu ret­ten. Ange­trie­ben wird die­ser Plot von einer Rei­he höchst unwahr­schein­li­cher Zufäl­le (in bes­ter klas­si­scher Hol­ly­wood­ma­nier also), der mora­li­sche Punch macht dafür eini­ges davon wie­der gut. Der Film reiht sich mehr oder weni­ger in die Rei­he der gut gemach­ten und nett anzu­se­hen­den, aber wenig kühn insze­nier­ten Wett­be­werbs­bei­trä­ge ein (mitt­ler­wei­le habe ich 9 von 17 der Fil­me im Haupt­wett­be­werb gese­hen, und traue mir die­ses Urteil zu).

Die korrupte Bürgermeisterin in "Durak"
Durak

Zum Abschluss, noch eine klei­ne Notiz zu Cure – The Life of Ano­ther, neben L’Abri der zwei­te Schwei­zer Film im Con­cor­so Inter­na­zio­na­le. Dar­in bril­liert Syl­vie Marinko­vic als Lin­da, die mit ihrem Vater, einem Arzt, wäh­rend den Wir­ren des Bal­kan­kriegs aus Zürich in des­sen Hei­mat Dubrov­nik zurück­kehrt. Dort ist sie für den Tod eines ande­ren jun­gen Mäd­chens ver­ant­wort­lich, wor­aus sich eine Rei­he Lynch-iger Vor­fäl­le ent­wi­ckeln. Es ist fast wie ver­hext, dass die for­mal span­nen­de­ren Fil­me, wie La Prin­ce­sa de Fran­cia, La Sapi­en­za oder eben Cure, trä­ge Ange­le­gen­hei­ten sind und die span­nen­de­ren Wer­ke, wie The Fool recht plump insze­niert sind.

PS: Heu­te muss ich lei­der aus Man­gel an Ein­fäl­len auf ein Post­skrip­tum verzichten.