Wörter für die Welt da draußen #8 Blauflügel-Prachtlibelle

Ich hät­te die­sen unwirk­lich in der Luft schwe­ben­den Blau­flüg­lern Stun­den zuse­hen kön­nen und doch hät­ten sie mich getäuscht. So ist das mit der Schön­heit, sie hat schon man­chem Grau­en eine selt­sa­me Anmut ver­lie­hen und irr­lich­ternd all jene ver­führt, die es hät­ten bes­ser wis­sen müs­sen. Oft­mals beschreibt das Wort „schön“ ja letzt­lich nur eine Sprach­lo­sig­keit, ent­we­der, weil man über­wäl­tigt wird oder aber, weil man nichts zu sagen weiß.

An einem klei­nen Neben­arm der Donau nahe Tulln beob­ach­te­te ich drei Blau­flü­gel-Pracht­li­bel­len im, so glaub­te ich, ver­gnüg­ten Tanz auf was­ser­na­hen Pflan­zen und klei­nen Stei­nen, die wie Inseln aus dem trü­ben Bach rag­ten. Sie fun­kel­ten förm­lich, die­se Blau­flü­gel-Pracht­li­bel­len, Dia­man­ten der Luft, die sich wenig Rast gönn­ten in der hei­ßen Luft des Tages.

Es waren drei Libel­len, die sich umschwirr­ten, ver­folg­ten und umgarn­ten wäh­rend ich bewe­gungs­los am Ufer stand und ihnen zusah. Sie prä­sen­tier­ten ihre schil­lern­de Flü­gel­pracht und die blau pul­sie­ren­den Äder­chen, betrach­te­ten sich durch ihre tau­send Augen und fie­len dabei selbst­ver­ges­sen fast ins Wasser .

Erst als ich spä­ter davon las, dass ich die­sen männ­li­chen See­jung­fern bei einem lebens­ent­schei­den­den Kampf bei­wohn­te, der dem best­mög­li­chen Ort zur Eiab­la­ge galt, ver­än­der­te sich ein­mal mehr mein Bild einer Idyl­le, die nie eine war. Aus Tän­zen wur­den Dro­hun­gen, aus Ver­spielt­heit Todes­angst. Es ist ein uralter Feh­ler zu glau­ben, dass blau­es Blut glänzt und blaue Feen fröh­lich sin­gen, wenn sie eigent­lich ums Leben schreien.

Iva­na Miloš, Pracht­li­bel­le (2022), Aqua­rell auf Papier, 18 x 26 cm