Taubenblicke von Damals (XVI)

Bil­der, die nie­mals ver­ge­hen wer­den … Zum Bei­spiel der Blick damals vor fünf Früh­lin­gen von der Spit­ze des Gal­gen­bergs auf die Stadt Tübin­gen in der Abend­däm­me­rung; ein den gan­zen Raum erfül­len­der blau-lila-far­be­ner Him­mel, der mit jedem leich­ten Wind­hauch an Hel­lig­keit abnahm; die Luft wie ein wei­ches Mate­ri­al, das man mit den Fin­ger­spit­zen strei­cheln woll­te und aus den run­den, zar­ten Wol­ken erschie­nen die blin­ken­den Lich­ter der laut­los lan­den­den Flug­zeu­ge am nahe­lie­gen­den Stutt­gar­ter Flug­ha­fen; in der Fer­ne der auf­ra­gen­de Turm der Stifts­kir­che über die dau­men­abruck­klei­nen Fach­werk­häu­ser – man­che ihrer Dächer noch mit den Spu­ren des letz­ten Schnee­falls ange­zu­ckert –; im Vor­der­grund die grau-wei­ßen mehr­stö­cki­gen Wohn­blocks der Süd­stadt, deren beleuch­te­ten Fens­ter mit einem war­men gel­ben Lam­pen­licht erfüllt sind; hie und da auf den eben­so gel­ben Bal­ko­nen stan­den ver­ein­zelt die müden Nach-der-Arbeit-Heim­kom­men­den, man­che der Män­ner sogar ohne Hemd, doch alle mit ihren bei­den Hän­den an den Bal­kon­brüs­tun­gen gelehnt, als wäre es die ein­zi­ge nach dem lan­gen Arbeits­tag ein­zu­neh­men­de Hal­tung; im Rücken die Grab­stei­ne des Berg­fried­hofs, die schwei­gend im zuneh­men­den Schat­ten der Eiben und Hain­bu­chen ruh­ten (in Erin­ne­rung blieb vor allem der am Boden ver­leg­te Grab­stein eines gewis­sen K. Sebald, gebo­ren am 7. Juli 1906, gestor­ben am letz­ten Tag des Zwei­ten Welt­krie­ges, dem 8. Mai 1945, sowie das Gemein­schafts­grab namens „Schmet­ter­ling“ für Tot­ge­bur­ten und Klein­kin­der, geschmückt mit unzäh­li­gen bun­ten Blu­men­wind­rä­dern, die beim Dre­hen leicht quietsch­ten, einem ein Meter gro­ßen rot-wei­ßen Leucht­turm, einem an einen Stock gebun­de­nen Papier­dra­chen und rund­her­um Bän­ke, auf denen Eltern stumm und in sich gekehrt saßen), die reg­lo­sen Spat­zen im Gras zwi­schen den Grä­bern, der einen Was­ser­schlauch hal­ten­de, hin­ken­de Pfört­ner, das blaue Hand­schuh­paar auf dem Boden beim Fried­hofs­ein­gang, und wäh­rend der abso­lu­ten Stil­le drang aus dem Inne­ren der Stadt die Sire­ne eines unsicht­ba­ren Feu­er­wehr­wa­gens zum Hügel her­auf (die Vor­stel­lung des sich spie­geln­den Blau­lichts in den dunk­len Schau­fens­tern der geschlos­se­nen Geschäf­ten) … und zu all dem gehör­te auch der zit­tern­de Schat­ten des Kas­ta­ni­en­baums auf einem roten Fens­ter­la­den eines zwei­stö­cki­gen Hau­ses in der Alt­stadt und der aus einem offe­nen Neben­fens­ter her­aus­schwe­ben­de grü­ne Luft­bal­lon … auch die jun­ge Frau, die am Ufer des Neckars saß und mit ste­ter Bewe­gung ihrer lin­ken Hand in einem Notiz­buch schrieb, als wür­de sie alle ihre Träu­me auf­zeich­nen, dabei aber trotz­dem immer wie­der inne­hielt, um ihr Gesicht in die Son­ne zu hal­ten … die Pas­san­ten, die lang­sa­mer als üblich die Eber­hards­brü­cke in der Früh­lings­wär­me über­quer­ten, ein gelas­se­ner Schritt nach dem ande­ren … die uner­klär­li­chen grü­nen Strei­fen am Him­mel über die sich in der Höhe ver­lie­ren­den Pla­ta­nen auf der Necka­rin­sel, ein Anblick so ruhig und schön, dass für ein paar Momen­te das Atmen aus­blieb … die vier­ecki­gen Son­nen­licht­mus­ter auf der Fas­sa­de des Höl­der­lin­turms … die knor­ri­gen Hän­de des Anti­qua­ri­ats­be­sit­zers in der Wil­helm­stra­ße … der jun­ge bebrill­te Mann mit Ruck­sack, der am Stern­platz stun­den­lang lesend im Kreis ging … die alte Frau im Roll­stuhl vor dem Kino Arse­nal (das inzwi­schen nicht mehr exis­tiert), die zu ihrem Enkel­kind – ein etwa Sech­zehn­jäh­ri­ger mit rot ange­lau­fe­nem Gesicht und einer über­gro­ßen, grau­en Kap­pe auf dem Kopf – sag­te: „Ja, du hast recht, nach Mit­ter­nacht schei­nen sich die Stun­den zu beschleu­ni­gen“, … die trei­ben­den Oran­gen­scha­len auf der Ober­flä­che des Stein­lach­ses … die Hasel­kätz­chen auf dem Tisch im Frei­en … die betrun­ke­nen Vor-sich-hin-Mur­meln­den in der Bar Picas­so und der eben­so berausch­te Grie­che hin­ter der The­ke, der gleich­zei­tig mit der einen Hand Schnaps ein­schenk­te und mit der ande­ren Bier zapf­te … der den gan­zen Tag am Bahn­hof ver­wei­len­de Obdach­lo­se mit Ziga­ret­ten und Blei­stif­ten in der Brust­ta­sche … der lee­re, durch­sonn­te Zug am Bahn­steig, in des­sen Fens­ter plötz­lich ein Kin­der­ge­sicht erschien und gleich wie­der ver­schwand … und auch das leben­di­ge Schwen­ken der Blü­ten­zwei­ge als ers­te gefühl­te Wahr­neh­mung des Tages beim Hin­aus­tre­ten aus der Woh­nung in der Sude­ten­stra­ße … all das ein Sich-Wie­der­fin­den in den Din­gen, Bil­dern und Far­ben nach den lan­gen, trü­ben, blind machen­den Win­ter­mo­na­ten, und der ein­zi­ge Wunsch: dass es immer so wei­ter­ge­hen würde …