Bilder, die niemals vergehen werden … Zum Beispiel der Blick damals vor fünf Frühlingen von der Spitze des Galgenbergs auf die Stadt Tübingen in der Abenddämmerung; ein den ganzen Raum erfüllender blau-lila-farbener Himmel, der mit jedem leichten Windhauch an Helligkeit abnahm; die Luft wie ein weiches Material, das man mit den Fingerspitzen streicheln wollte und aus den runden, zarten Wolken erschienen die blinkenden Lichter der lautlos landenden Flugzeuge am naheliegenden Stuttgarter Flughafen; in der Ferne der aufragende Turm der Stiftskirche über die daumenabruckkleinen Fachwerkhäuser – manche ihrer Dächer noch mit den Spuren des letzten Schneefalls angezuckert –; im Vordergrund die grau-weißen mehrstöckigen Wohnblocks der Südstadt, deren beleuchteten Fenster mit einem warmen gelben Lampenlicht erfüllt sind; hie und da auf den ebenso gelben Balkonen standen vereinzelt die müden Nach-der-Arbeit-Heimkommenden, manche der Männer sogar ohne Hemd, doch alle mit ihren beiden Händen an den Balkonbrüstungen gelehnt, als wäre es die einzige nach dem langen Arbeitstag einzunehmende Haltung; im Rücken die Grabsteine des Bergfriedhofs, die schweigend im zunehmenden Schatten der Eiben und Hainbuchen ruhten (in Erinnerung blieb vor allem der am Boden verlegte Grabstein eines gewissen K. Sebald, geboren am 7. Juli 1906, gestorben am letzten Tag des Zweiten Weltkrieges, dem 8. Mai 1945, sowie das Gemeinschaftsgrab namens „Schmetterling“ für Totgeburten und Kleinkinder, geschmückt mit unzähligen bunten Blumenwindrädern, die beim Drehen leicht quietschten, einem ein Meter großen rot-weißen Leuchtturm, einem an einen Stock gebundenen Papierdrachen und rundherum Bänke, auf denen Eltern stumm und in sich gekehrt saßen), die reglosen Spatzen im Gras zwischen den Gräbern, der einen Wasserschlauch haltende, hinkende Pförtner, das blaue Handschuhpaar auf dem Boden beim Friedhofseingang, und während der absoluten Stille drang aus dem Inneren der Stadt die Sirene eines unsichtbaren Feuerwehrwagens zum Hügel herauf (die Vorstellung des sich spiegelnden Blaulichts in den dunklen Schaufenstern der geschlossenen Geschäften) … und zu all dem gehörte auch der zitternde Schatten des Kastanienbaums auf einem roten Fensterladen eines zweistöckigen Hauses in der Altstadt und der aus einem offenen Nebenfenster herausschwebende grüne Luftballon … auch die junge Frau, die am Ufer des Neckars saß und mit steter Bewegung ihrer linken Hand in einem Notizbuch schrieb, als würde sie alle ihre Träume aufzeichnen, dabei aber trotzdem immer wieder innehielt, um ihr Gesicht in die Sonne zu halten … die Passanten, die langsamer als üblich die Eberhardsbrücke in der Frühlingswärme überquerten, ein gelassener Schritt nach dem anderen … die unerklärlichen grünen Streifen am Himmel über die sich in der Höhe verlierenden Platanen auf der Neckarinsel, ein Anblick so ruhig und schön, dass für ein paar Momente das Atmen ausblieb … die viereckigen Sonnenlichtmuster auf der Fassade des Hölderlinturms … die knorrigen Hände des Antiquariatsbesitzers in der Wilhelmstraße … der junge bebrillte Mann mit Rucksack, der am Sternplatz stundenlang lesend im Kreis ging … die alte Frau im Rollstuhl vor dem Kino Arsenal (das inzwischen nicht mehr existiert), die zu ihrem Enkelkind – ein etwa Sechzehnjähriger mit rot angelaufenem Gesicht und einer übergroßen, grauen Kappe auf dem Kopf – sagte: „Ja, du hast recht, nach Mitternacht scheinen sich die Stunden zu beschleunigen“, … die treibenden Orangenschalen auf der Oberfläche des Steinlachses … die Haselkätzchen auf dem Tisch im Freien … die betrunkenen Vor-sich-hin-Murmelnden in der Bar Picasso und der ebenso berauschte Grieche hinter der Theke, der gleichzeitig mit der einen Hand Schnaps einschenkte und mit der anderen Bier zapfte … der den ganzen Tag am Bahnhof verweilende Obdachlose mit Zigaretten und Bleistiften in der Brusttasche … der leere, durchsonnte Zug am Bahnsteig, in dessen Fenster plötzlich ein Kindergesicht erschien und gleich wieder verschwand … und auch das lebendige Schwenken der Blütenzweige als erste gefühlte Wahrnehmung des Tages beim Hinaustreten aus der Wohnung in der Sudetenstraße … all das ein Sich-Wiederfinden in den Dingen, Bildern und Farben nach den langen, trüben, blind machenden Wintermonaten, und der einzige Wunsch: dass es immer so weitergehen würde …

