Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Taubenblicke XIII

Der ers­te Tag des Jah­res und das leich­te Tup­fen der Schnee­flo­cken auf der Stirn

Die Über­res­te eines von den Jugend­li­chen zer­schmet­ter­ten Schnee­manns lie­gen von den weni­gen Son­nen­strah­len die­ser Tage ange­schmol­zen im Schat­ten des laub­lo­sen Schnur­baums, die mit jedem neu­en Tag mehr und mehr von den dar­über gehen­den Pas­san­ten zer­tram­pelt und Stück für Stück auf ihren Schuh­soh­len davon­ge­tra­gen wird, bis er nur noch als trau­ri­ger Klum­pen daliegt, eine vage, bald ver­schwin­den­de Erin­ne­rung an sein frü­he­res Leben

Die wei­ßen kreis­för­mi­gen Flech­ten auf den Baum­stäm­men der Eichen sind die Mon­de auf den Kas­ta­ni­en; die im Hand­tel­ler lie­gen­den Kas­ta­ni­en sind das Bild einer Erin­ne­rung aus der Kind­heit; die Kind­heit ist die Stra­ße, die Woh­nung, das Zim­mer, der schnar­chen­de Bru­der im Stock­bett; der Bru­der ist … usw.

Auf einer gelb­ro­ten Fas­sa­de eines zer­brö­ckeln­den Gebäu­des der blaue, schwach fla­ckern­de Schat­ten eines laub­lo­sen Bau­mes, so dünn im letz­ten Tages­licht, als bräuch­te es nur einen leich­ten Wind, um ihn zum Ver­schwin­den zu bringen

Auf dem Wein­berg­pfad: Die im Schlamm gespur­ten Vogel­ze­hen zei­gen Rich­tung Süden, wo sich gera­de ein Flug­zeug, insek­ten­klein, über die Stadt erhebt und sofort in einer Fal­te des Win­ter­him­mels ver­schwin­det und neben mir springt ein Klein­kind in einer Regenpfütze

Auf der Stra­ße gehen die Men­schen, selbst die Kin­der, so rasch, als hät­ten sie alle Termine

Über­hör­tes Gespräch zwi­schen Vater und Kind im Park:

Vater: „Bis wie viel kannst du zählen?“

Kind: „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sie­ben, acht, neun, zehn!“

Vater: „Und wie geht’s weiter?“

Kind: „Papa, bist du blöd? Nach zehn gibt es kei­ne Zah­len mehr!“

Das ers­te Geräusch des Tages nach dem Auf­wa­chen: Das Gur­ren und die Flü­gel­schlä­ge der Tau­ben vor dem Fens­ter (das ich dann sofort vergesse)

Und das zwei­te Geräusch: Das lau­te Räus­pern von jeman­den unter im Park und das dar­auf­fol­gen­de Spu­cken (das mir auf uner­träg­li­che Wei­se den gan­zen Tag nicht aus den Ohren geht)

Fund­stück: “MISSING TELEPHONE! I have lost my tele­pho­ne in Schön­brun­ner Schloß­stra­ße on Decem­ber 22th and it is in a Lost Sta­te. So it is use­l­ess for you, but If you could give it back to me, I can give you 100 euro for your help. Cont­act: +420 XXXXXXXXX”

Traum­bil­der, die man zum Trost den gan­zen Tag mit sich tra­gen kann, wie einen war­men Man­tel an einem eis­kal­ten Tag, zum Bei­spiel ges­tern Abend – das chlor­blaue Was­ser eines Schwimm­be­ckens in Italien

Ein ver­ges­se­nes Buch in der Stra­ßen­bahn­li­nie 5 auf einem Sitz­platz, und die Vor­stel­lung, wie es von mor­gens bis abends zwi­schen West­bahn­hof und Pra­ter­stern ver­las­sen und unge­le­sen hin- und herfährt

Zwei Schul­mäd­chen in einer auf­ge­las­se­nen Tele­fon­zel­le, deren äuße­re und inne­re Wän­de mit der­ben Sprü­chen und Zeich­nun­gen bemalt sind, rei­chen sich kichernd gegen­sei­tig den Tele­fon­hö­rer, schla­gen ihn gegen das Fens­ter, wer­fen unun­ter­bro­chen Mün­zen in den Schlitz des Kas­tens (die dann wie­der sofort mit einem Klim­pern zurück­ge­ge­ben wer­den), wäh­len zufäl­li­ge Num­mern und ahmen ges­ti­ku­lie­rend und das Ver­hal­ten eines Erwach­se­nen nach, jede ihrer Bewe­gun­gen so, als wäre es für sie ein ein­ge­üb­tes Schau­spiel täg­lich nach der Schu­le, bis sie lachend aus der Zel­le stür­men und der Hörer an sei­nem Kabel her­un­ter baumelt