A bright future ahead: Die Hochzeit von Länneken von Heiner Carow

Wenn es etwas gibt, dass es in Berlin filmisch zu entdecken gilt, dann sind es die Filme der DEFA. An wohl keinem anderen Ort der Welt sind DEFA-Produktionen in solcher Reichhaltigkeit und Dichte zu sehen, wie in der deutschen Bundeshauptstadt. Es ist ein Kino der internationalen Großproduktionen, die zumeist überproduziert sind; ein Kino großer Gesten und Reden, um den sozialistischen Geist zu beschwören; aber auch ein Kino der wagemutigen Autoren, die in relativer ökonomischer Sicherheit an den Grenzen des Systems und in ständigem Kampf mit der politischen Zensur eine Reihe von anspruchsvollen und schillernden Werken geschaffen haben. Heiner Carow ist einer dieser grundsoliden Filmemacher, die im DEFA-System aufgeblüht ist. Die Hochzeit von Länneken ist ein Musterbeispiel für die Raffinesse, mit der die DDR-Filmemacher politische Ideologie mit einer schwer vereinbaren Narration verwoben.

Die Hochzeit von Länneken von Heiner Carow

Kitschig und klobig führt eine Erzählstimme in die Gegebenheiten ein: Eine kurze Rückschau auf Ereignisse im harten Winter 1929, die zu einer jahrzehntelangen Fehde zwischen den beiden wohlhabenden Fischern Johannes Grabe und Heinrich Pröpping führen. Mehr als dreißig Jahre später verlieben sich natürlich der Sohn Grabe und die Tochter Pröpping, Romeo und Julia lassen grüßen. Shakespeares archetypische Vorbilder zerbrechen bekanntlich am Druck der alten Konflikte, den beiden jungen Verliebten in Länneken ist ein anderes Schicksal beschieden. Denn wer ein braver Genosse ist, sich politisch engagiert, seinem eigenen Vater dessen dubiosen Geschäften in der NS-Zeit vorhält und zu allem Überfluss gegen die verkalkten Strukturen der feudalistisch-kapitalistischen Dorfgemeinschaft aufbegehrt, der hat sich ein Happy End redlich verdient. Bis zu diesem Punkt hat der Film seine Klobigkeit verloren, er ist raffiniert und vor allem klug inszeniert, franst den schnöden Sozialrealismus in alle Richtungen aus, taucht die Küstenlandschaft mal in expressionistisches Licht oder sorgt für Verfremdung, wenn sich die Dorfweiber mit ihrem Tratsch direkt an die Kamera wenden. Lange ungeschnittene Passagen, in denen die Kamera in ständiger Bewegung inmitten des wilden Tanzgeschehens in die Dorfgemeinschaft eintaucht, wechseln sich mit diesen märchenhaften und reportageartigen Momenten ab. Das macht Die Hochzeit von Länneken zu einem zutiefst janusköpfigen Konstrukt. All die Bestandteile für ein sozialrealistisches Drama sind vorhanden: Genossenschaftssitzungen, eine überzeichnete religiöse Fanatikerin, ein junger Rebell, der gegen die althergebrachten Strukturen ankämpft; doch das Milieu scheint kontraintuitiv gewählt. Die Hauptfiguren sind allesamt wohlhabende Fischer – die Spitznamen von Grabe und Pröpping lauten nicht ohne Grund „Admiral“ und „König“ – ganz anders als die armen Fischer aus La terra trema oder La grande strada azzurra, ganz anders als die Fischersleute in Man of Aran, die Tag für Tag dem Meer seine Früchte für ein karges Leben abringen müssen. Die Grabes und Pröppings haben mehr als genug fürs Leben, ihr Glück finden sie jedoch nicht. Und zwar deshalb, weil sie immer mehr wollen, weil sie sich nicht mit den anderen solidarisieren und darum verlieren sie den Draht zu ihren eigenen Nachkommen, die am Beispiel ihrer Eltern erkennen, dass womöglich nicht der materielle Überfluss, sondern das Leben in einer funktionierenden Gemeinschaft anzustreben ist.

Die Hochzeit von Länneken von Heiner Carow

Zurück bleibt ein Skelett einer sozialistischen Fabel, deren ideologischen Wurzeln unschwer zu erkennen sind, die sich aber in einen märchenhaften Mantel hüllt und in deren Brust zwei Herzen schlagen: der Geist eines realistischen Romans aus dem 19. Jahrhundert mitsamt ausgiebiger Landschaftsbeschreibungen und sorgsam gehegter Familienzwiste und die sozialistische Ideologie des Bauern- und Arbeiterstaats. Eine Gemeinsamkeit der meisten DEFA-Filme ist ihr Optimismus (jene Filme, die ihn vermissen lassen haben es allzu oft nicht über die Zensurstellen hinaus geschafft), ihr Glaube an die vitale Kraft der Jugend, die es einmal besser haben wird, und nicht deshalb, weil die Eltern für sie vorgesorgt haben, sondern dank ihrer eigenen Energie und Tatkraft. Die junge Generation, die endgültig die Grundsätze des Sozialismus beherzigt hat und mit den rückständigen Eltern, den Altnazis und Erz-Religiösen aufräumt. Das ist nicht die gleiche Hoffnung auf ein besseres Leben, die zur gleichen Zeit die kapitalistische Leistungsgesellschaft im Westen befeuert hat, der Traum vom Eigenheim und schicken Auto, sondern der Wille die Gesellschaft (und die Welt) zu verändern. Retrospektiv gesehen haben sich viele dieser Hoffnungen als Luftschlösser erwiesen, aber zweifellos lässt sich aus heutiger Sicht aus einer solchen Zukunftskonzeption Kraft schöpfen. Es wäre wieder einmal an der Zeit, sich mit einem optimistischen Blick nach vorn zu wenden und daran zu glauben, dass eine nachfolgende Generation die fehlgeleiteten Strukturen der Vergangenheit aufbrechen kann.

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