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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Tagebuch einer Verlorenen von G.W. Pabst

Die Geister, die ich rief: Tagebuch einer Verlorenen von G.W. Pabst

Geis­ter der Ver­gan­gen­heit, Phan­to­me der Film­ge­schich­te. Wenn Fil­me mit­ein­an­der in Dia­log tre­ten ist das immer eine span­nen­de Sache. Wäh­rend im Zeug­haus­ki­no wei­ter die Autorin­nen der 60er das Sagen haben, zeig­te das Arse­nal Kino Sonn­tag­abend Georg Wil­helm Pabsts Tage­buch einer Ver­lo­re­nen. Pabst ist natür­lich kei­ne Frau, son­dern ein Mann, aber Thy­mi­an Hen­ning (Loui­se Brooks in eine ihrer größ­ten Rol­len), die titel­ge­ben­de Ver­lo­re­ne, ist eine Figur, die in vie­ler­lei Hin­sicht den Frau­en­fi­gu­ren der Autorin­nen rund vier­zig Jah­re spä­ter voranschreitet.

Zunächst scheint Thy­mi­ans Welt noch von Män­nern und der patri­ar­cha­li­schen Gesell­schaft bestimmt. Sie wird vom Ange­stell­ten ihres Vaters ver­ge­wal­tigt und geschwän­gert. Die­ser will sie nicht hei­ra­ten und so schiebt sie der Fami­li­en­rat ins Reform­haus ab. Ja die Fami­li­en­eh­re, die muss um jeden Preis hoch­ge­hal­ten wer­den. Die naï­ve Thy­mi­an wächst in der Erzie­hungs­an­stalt zur Hel­din her­an. Sie will raus aus die­sen ungast­li­chen Mau­ern, zurück in die Welt, zurück zu ihrem Kind und etwas aus ihrem Leben machen. Der Schlaf­saal wird schließ­lich zum Ort der Rebel­li­on (wie bei Jean Vigo, einem ande­ren gro­ßer Vir­tuo­sen des har­mo­ni­schen, flie­ßen­den Licht­spiels). Zusam­men mit ihrer Freun­din Eri­ka büxt sie aus und lan­det schließ­lich im Bor­dell. Ein paar tra­gi­sche Todes­fäl­le spä­ter und Thy­mi­an kehrt als Grä­fin an den Schau­platz ihres Erwa­chens zurück. In einer letz­ten gro­ßen Ges­te, der end­gül­ti­ge Tri­umph: Ihre Freun­din Eri­ka ist wie­der in die­ser men­schen­ver­ach­ten­den Erzie­hungs­an­stalt gelan­det. Thy­mi­an will die Heuch­le­rei der ade­li­gen Damen, die sie in ihren Welt­ver­bes­se­rer­ver­ein auf­ge­nom­men haben nicht mit­ma­chen, stellt sich schüt­zend vor Eri­ka und nimmt sie ein­fach mit, denn „auch ich war ein­mal, was sie jetzt ist“.

Anders als die Hel­din­nen der Autorin­nen­fil­me der 60er Jah­re, behält Thy­mi­an die Ober­hand. Obwohl sie zunächst den Män­nern hilf­los aus­ge­lie­fert ist, folgt ein umso radi­ka­le­res Erwa­chen, das in Revol­te gegen Schein­hei­lig­keit und Bour­geoi­sie endet. Thy­mi­an ist Klas­sen­kämp­fe­rin und Suf­fra­get­te und nimmt sich schließ­lich eis­kalt was sie braucht, indem sie das Mit­leid und die Schuld­ge­füh­le des alten Gra­fen, der sie auf­nimmt zu ihrem Vor­teil nutzt. Zwar bleibt sie dadurch abhän­gig von des­sen finan­zi­el­len Mit­teln (auch Thy­mi­ans Eman­zi­pa­ti­on ist nicht voll­stän­dig), doch ihr Han­deln ist kom­pro­miss­los. Anders als die Bel­le Starr aus Lina Wert­mül­lers Il mio cor­po per un poker gibt sie nicht ihren Gefüh­len für einen Mann nach. Anders als die Eva in O něčem jiném bleibt sie nicht in der Maschi­ne­rie gefan­gen, die ihr selbst das Leben ver­miest hat. Anders als die Anti­go­ne in Lilia­na Cava­nis I can­ni­ba­li, muss sie ihren Auf­stand nicht mit dem Leben bezah­len. Und anders als Nel­ly Kaplans Marie in La fian­cée du pira­te, muss sie ihre Frei­heit nicht mit ihrem Kör­per erkaufen.

Tagebuch einer Verlorenen von G.W. Pabst

In einem ent­schei­den­den Punkt bleibt Thy­mi­an jedoch hin­ter all jenen spä­te­ren Figu­ren zurück: Sie ist kei­ne Frau, son­dern eine Traum­ge­stalt. Selbst in der Tris­tesse der Bezie­hungs­an­stalt behält sie ihr gestyl­tes Äuße­res, nach­dem sie die Schwie­rig­kei­ten ihres Lebens ein­mal über­wun­den hat, fällt ihr alles ganz ein­fach zu. In Büch­se der Pan­do­ra ließ er Brooks‘ Figur noch elen­dig­lich zugrun­de gehen, nun bleibt sie Sie­ge­rin – ist das Inkon­se­quenz oder passt die­se Wen­dung des Schick­sals in das Gesamt­bild des Films, die­ses mär­chen­haf­te Kon­strukt? Tage­buch einer Ver­lo­re­nen ist ein dop­pel­ter Schwa­nen­ge­sang: 1929 als die Welt­wirt­schafts­kri­se das Ende der Roaring Twen­ties ein­läu­te­te und die Fil­me­ma­cher die (Stumm-) Film­kunst per­fek­tio­niert hat­ten, fin­det die glei­ten­de, über alle Zwei­fel erha­be­ne Mon­ta­ge­kunst Pabsts ihr Ende. Die Ein­füh­rung des Ton­films sorg­te für neue Her­aus­for­de­run­gen, die zu einem neu­en, sehr span­nen­den Stück Film­ge­schich­te füh­ren. Auch inhalt­lich scheint eine Geschich­te wie jene von Thy­mi­an in den frü­hen 30ern undenk­bar (ein Schick­sal, dass sie mit Harold Lloyd teilt); die Zeit der Mär­chen war bis auf wei­te­res vorbei.