Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Moonlighting von Jerzy Skolimowski

Stuck in the middle (with whom?): Moonlighting von Jerzy Skolimowski

Moon­light­ing beginnt am Flug­ha­fen. Vier Polen lan­den in Lon­don Heath­row, nur einer von ihnen spricht Eng­lisch. Er ist dafür ver­ant­wort­lich alle vier durch Pass­kon­trol­le und Zoll zu schleu­sen, was ihm trotz eini­ger Auf­re­gung rei­bungs­los gelingt. Drei­ßig Tage lang gilt ihre Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung, drei­ßig Tage blei­ben den Vie­ren, um ihren ille­ga­len Auf­trag aus­zu­füh­ren, drei­ßig Tage folgt der Film dem Prot­ago­nis­ten Nowak (Jere­my Irons). Was wie ein Spio­na­ge­thril­ler beginnt, ent­wi­ckelt sich zu einer bana­len, wie ner­ven­auf­rei­ben­den Ange­le­gen­heit. Moon­light­ing ist ein Kri­mi des klei­nen Man­nes und trotz sei­nem ver­gleich­bar gerin­gen Bekannt­heits­grad ein exem­pla­ri­sches Bei­spiel für das Kino des pol­ni­schen Fil­me­ma­chers Jer­zy Skolimowski.

Der ers­te Mei­len­stein in Sko­li­mow­ski Kar­rie­re war das Dreh­buch zu Roman Pol­an­skis Nóż w wod­zie, zugleich des­sen Durch­bruch als Regis­seur. Es ist wohl nicht rest­los zu klä­ren, wel­che Ideen und Moti­ve im Dreh­buch auf Pol­an­ski und wel­che auf Sko­li­mow­ski zurück­zu­füh­ren sind, zwei­fel­los fin­det sich aber bereits in Nóż w wod­zie eine Form von Iso­la­ti­on der Figu­ren, die auch Sko­li­mow­skis Fil­me als Regis­seur prägt. Die auto­bio­gra­phi­schen Figu­ren in Ryso­pis, Wal­kower und Bari­e­ra, die nicht so rich­tig wis­sen, was sie mit ihrem Leben anfan­gen sol­len, der rast­lo­se Jean-Pierre Léaud in Le départ, der in sei­ner Sexua­li­tät ver­lo­re­ne Jugend­li­che in Deep End, die Schiffs­be­sat­zung in The Light­ship oder der ent­flo­he­ne Häft­ling in Essen­ti­al Kil­ling sind alle­samt iso­lier­te Indi­vi­du­en, die sich nicht in der Gesell­schaft mit ihren Kon­ven­tio­nen zurecht­fin­den. Sie sind oft getrie­be­ne Gestal­ten, die auf der Suche nach einer Bestim­mung ziel­los her­um­ir­ren. Sko­li­mow­ski hat ein Händ­chen dafür die trieb­haf­te Ener­gie sei­ner Ener­gie fil­misch zu ver­wer­ten, aber gleich­zei­tig ihre inner­li­che Mar­ter aus- und dar­zu­stel­len. Wohl in kei­nem sei­ner Fil­me gelingt es ihm bes­ser, die­se bei­den Kräf­te gegen­ein­an­der aus­zu­spie­len als in Moon­light­ing.

Moonlighting von Jerzy Skolimowski

Zurück zur Anfangs­sze­ne am Flug­ha­fen: Recht kru­de setzt ein inne­rer Mono­log ein, in dem Nowak den Grund sei­nes Auf­ent­halts in Lon­don erklärt. Ein rei­cher Pole hat ihn und sei­ne drei Lands­män­ner beauf­tragt ein Haus zu reno­vie­ren (die poli­ti­sche Situa­ti­on in Polen Anfang der 80er droht zu kip­pen, das Haus in Lon­don soll als Refu­gi­um die­nen). Die­se Form der Beschäf­ti­gung ist frei­lich ille­gal, kommt dem gesichts- und namen­lo­sen Auf­trag­ge­ber den­noch bil­li­ger, als eng­li­sche Arbeits­kräf­te anzu­stel­len. Nowak fällt dabei eine Schlüs­sel­rol­le zu. Einer­seits ist er der ein­zi­ge der vier Polen, der sich in Eng­land ver­stän­di­gen kann, ande­rer­seits scheint er auch als ein­zi­ger der Grup­pe intel­lek­tu­ell fähig zu sein ein sol­ches Bau­vor­ha­ben umzu­set­zen und den Über­blick zu behal­ten. An die­ser Kon­stel­la­ti­on ist er selbst nicht ganz unschul­dig, hat er die ande­ren Arbei­ter gera­de des­halb aus­ge­wählt, weil sie dumm sei­en, wie er in einer spä­te­ren Voice-over-Pas­sa­ge zugibt. Es gibt für das Publi­kum kei­ne Mög­lich­keit die­se Aus­sa­ge zu über­prü­fen, denn mit den drei ande­ren Arbei­tern beschäf­tigt sich der Film wenig. Nowak kom­mu­ni­ziert auf Pol­nisch mit ihnen, die­se Gesprä­che sind bewusst nicht unter­ti­telt, ein­zig die eng­li­sche Gedan­ken­stim­me lie­fert ver­wert­ba­re Infor­ma­tio­nen. Es mag wenig raf­fi­niert erschei­nen einen Film auf die­se Art und Wei­se zu insze­nie­ren: eine iso­lier­te Figur in einem frem­den Land, die nur wenig in Kon­takt mit ande­ren tritt, aber in inne­ren Mono­lo­gen sein See­len­le­ben aus­brei­tet. Das sei roman­haft möch­te man ein­wen­den und habe in einem Film nichts ver­lo­ren, und tat­säch­lich dau­ert es eine Wei­le bis der Film in sei­ner eigen­tüm­li­chen Insze­nie­rungs­stra­te­gie Fahrt aufnimmt.

Lan­ge Voice-over-Pas­sa­gen die­nen Fil­me­ma­chern im Erzähl­ki­no oft­mals als Cop-Out, wenn es ihnen nicht gelingt das Gefühls­le­ben einer Figur auf ande­ren Wegen zu ver­mit­teln. Das ist hier nicht der Fall. Moon­light­ing funk­tio­niert trotz, oder sogar wegen die­ser aus­ge­dehn­ten inne­ren Mono­lo­ge. Es sind kei­ne poe­ti­schen Schwär­me­rei­en eines Ter­rence Malick, kei­ne iro­ni­schen Blö­de­lei­en eines Woo­dy Allen, kei­ne kom­ple­xen Kon­tra­punk­te eines Chris Mar­ker, es sind die nach innen gekehr­ten Gedan­ken eines Getrie­be­nen, wie man sie bei Dos­to­jew­ski oder Zweig fin­det. Getrie­ben ist Nowak des­halb, weil er auf Bie­gen und Bre­chen den Zeit­plan ein­hal­ten muss, um inner­halb der drei­ßig Tage ihres Auf­ent­halts die Bau­ar­bei­ten abzu­schlie­ßen; aber auch durch die Tren­nung von sei­ner Frau und der Unge­wiss­heit über deren Ver­bleib; nicht zuletzt durch die Kom­pli­ka­tio­nen, die sich durch die Ereig­nis­se in der Hei­mat erge­ben, denn der Win­ter 198182 ist ein ein­schnei­den­der his­to­ri­scher Moment in der Geschich­te Polens – der Auf­stieg von Lech Wałę­sas Soli­dar­ność-Bewe­gung bewirkt eine Ver­hän­gung des Kriegs­rechts und eine Abschot­tung Polens gegen­über dem (west­li­chen) Aus­land – Nowak ver­schweigt sei­nen Kol­le­gen die­se Ent­wick­lun­gen. Dadurch ist er fort­an mehr­fach iso­liert. Iso­liert als Pole in einem frem­den Land (in dem er ille­ga­len Akti­vi­tä­ten nach­geht) und iso­liert als Pole unter Polen, da er sich den ande­ren nicht anver­trau­en will, um den Arbeits­fort­schritt nicht zu gefähr­den. Das gefähr­li­che dop­pel­te Spiel das er treibt – sein eigent­li­ches Vor­ha­ben vor der bri­ti­schen Exe­ku­ti­ve zu ver­ber­gen – wird also dadurch mul­ti­pli­ziert, dass er sei­ne Lands­män­ner von jeg­li­cher Infor­ma­ti­on über die Vor­gän­ge in der Hei­mat fern­hal­ten muss.

Moonlighting von Jerzy Skolimowski

Sobald das Ter­ri­to­ri­um abge­steckt ist, und sich das eng umgrenz­te psy­cho­lo­gi­sche Gebiet abzeich­net, auf dem Nowak agiert, ent­puppt sich der inne­re Mono­log als genia­ler Regie-Coup. Die Welt wird allein durch die Figur des Nowak ver­mit­telt – sei­ne Begeg­nun­gen mit der eng­li­schen Bevöl­ke­rung, sei­ne Kon­fron­ta­tio­nen mit den pol­ni­schen Bau­ar­bei­tern, sein See­len­le­ben. Er ist gleich­sam expo­niert und iso­liert, ris­kiert Kopf und Kra­gen, wird zum Dieb, Lüg­ner und Betrü­ger, zieht sich dabei aber immer wei­ter in sein Inne­res zurück. Nowak kennt bald kein Außen mehr, alles dreht sich nur mehr ums Innen. Er kann sich mit nie­man­den aus­tau­schen und so bleibt nur der Ver­such der inne­ren Ratio­na­li­sie­rung. Der Film spie­gelt die­se Ent­wick­lung, weicht Nowak nie von der Sei­te, die Geschich­ten der ande­ren Figu­ren inter­es­sie­ren ihn eben­so wenig, wie die Vor­gän­ge in Polen, die nur in Bezug auf Nowaks Lage (als Nicht-Ver­mitt­ler von Infor­ma­ti­on) von Rele­vanz sind. Das auf den ers­ten Blick so plum­pe Insze­nie­rungs­mit­tel macht das Innen­le­ben der Figur erst erfahr­bar. Es ist die tota­le Eli­mi­nie­rung des Außen, die Sko­li­mow­ski in Moon­light­ing auf die Spit­ze treibt, noch mehr als in Essen­ti­al Kil­ling, wo die Bedro­hung und Ver­fol­gung immer real und per­so­ni­fi­ziert ist, wohin­ge­gen Nowak in ers­ter Linie von sei­nen inne­ren Dämo­nen getrie­ben ist. Nowak kommt im gesam­ten Film nicht in direk­ten Kon­flikt mit dem Gesetz, trotz eini­ger Rück­schlä­ge schließt er sogar die Reno­vie­rungs­ar­bei­ten pünkt­lich ab, sei­ne Kol­le­gen erfah­ren bis zum Ende nichts von den Vor­gän­gen in Polen, und den­noch ist die Atmo­sphä­re stets ange­spannt. Die Insze­nie­rung lässt kei­nen Raum für Ent­span­nung, so wie Nowaks Lon­do­ner Leben kei­ne Ent­span­nung zulässt. Nowak führt einen Kampf mit sei­nem Gewis­sen, mit sei­nen Idea­len und mit sei­nen Sor­gen, Span­nung ent­steht über­haupt erst, weil es kein Ven­til gibt, über dass er sich von die­ser Span­nung lösen könn­te. Er ist allein und abge­schnit­ten und die Ver­ant­wor­tung erdrückt ihn förm­lich. Moon­light­ing ist Sko­li­mow­skis Meis­ter­stück im Umgang mit dem Motiv der Iso­la­ti­on, das sei­ne gan­ze Kar­rie­re prägt.