Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Eva Bosáková in O něčem jiném

Der ominöse «weibliche Blick»

Im Zeug­haus­ki­no in Ber­lin zele­briert man die­ser Tage die ers­te Wel­le von weib­li­chen Fil­me­ma­che­rin­nen, die sich in den 60er Jah­ren in der män­ner­do­mi­nier­ten Film­welt durch­set­zen konn­ten. Fünf­und­zwan­zig Fil­me von zwan­zig euro­päi­schen Regis­seu­rin­nen wer­den mit umfang­rei­chem Begleit­pro­gramm prä­sen­tiert. Vie­le die­ser Fil­me sind Wie­der­ent­de­ckun­gen, die lan­ge nicht mehr zu sehen waren oder über­haupt zum ers­ten Mal auf deut­schem Boden gezeigt wer­den. Sie sind in einer Welt ent­stan­den, in der Frau­en in der Pro­duk­ti­on und Dis­tri­bu­ti­on von Fil­men benach­tei­ligt wer­den. Die jah­re­lan­ge Mar­gi­na­li­sie­rung von Frau­en in der Film­kunst, die wie kei­ne ande­re Kunst­form von finan­zi­el­len Rah­men­be­din­gun­gen abhängt, ist bekla­gens­wert. Wie vie­le Meis­ter­wer­ke sind durch die Aus­gren­zung gro­ßer Künst­le­rin­nen ver­lo­ren gegangen?

O něčem jiném von Věra Chytilová
O něčem jiném von Věra Chytilová

Immer wie­der wird in Dis­kus­sio­nen dabei der „weib­li­che Blick“ beschwo­ren. Die­ser omi­nö­se „weib­li­che Blick“ soll Fil­me­ma­che­rin­nen urei­gen sein und sich als ästhe­ti­sche Kon­stan­te durch deren Werk zie­hen. Wenn auf den gro­ßen Fes­ti­vals ein Film einer Regis­seu­rin für Furo­re sorgt, oder sich in den Art­haus­ki­nos ein Film einer Frau beson­ders gut ver­kauft, dann domi­niert er die Bericht­erstat­tung. Ähn­lich wie Fil­me­ma­cher mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund oder nicht-wei­ßer Haut­far­be ger­ne auf die­se Eigen­schaft redu­ziert wer­den, ist es im fil­mi­schen Dis­kurs gelun­gen Fil­me­ma­che­rin­nen auf den „weib­li­chen Blick“ zu redu­zie­ren. Nach einem Scree­ning ihres Films Le Mera­vi­g­lie kon­sta­tier­te Ali­ce Rohr­wa­cher, selbst wenn sie einen Film machen wür­de, indem pau­sen­los Men­schen mit Maschi­nen­ge­weh­ren nie­der­ge­mäht wer­den, wäre nur eine Auf­nah­me einer Blu­men­wie­se im Film, wür­de man ihr einen „fema­le gaze“ unter­stel­len. Dabei wird dann ger­ne dar­auf ver­ges­sen, dass die­se Fil­me nicht ihre „Weib­lich­keit“ aus­zeich­net, son­dern ihre Qua­li­tät. Als kürz­lich nach dem Tod Chan­tal Aker­mans her­vor­ge­ho­ben wur­de, dass sie die bedeut­sams­te femi­nis­ti­sche Fil­me­ma­che­rin war, wur­de ganz dar­auf ver­ges­sen, dass sie dar­über hin­aus „eine der größ­ten und bedeu­tends­ten Künst­le­rin­nen (unab­hän­gig ihres Geschlechts)“ war, wie es Patrick in sei­nem Nach­ruf für kino​-zeit​.de for­mu­lier­te. Am Bei­spiel Aker­mans wird ohne­hin deut­lich, dass eine Fil­me­ma­che­rin, auch wenn sie als größ­te femi­nis­ti­sche Fil­me­ma­che­rin geprie­sen wird, nie nur Frau ist, son­dern sich ihre Per­spek­ti­ve (oder ihr Blick, wenn man so will), immer aus ver­schie­de­nen Erfah­run­gen zusam­men­setzt; Aker­man ist Frau/​Mädchen, Jüdin, geprägt durch ihre Kind­heits­ta­ge in Armut und ihr wech­sel­vol­les Ver­hält­nis zu ihren Eltern. Der Begriff des „weib­li­chen Blicks“ ist inso­fern irre­füh­rend, als er dazu ver­lei­tet anzu­neh­men, dass Frau­en durch ihr zar­tes, fein­füh­li­ges Innen­le­ben auto­ma­tisch eine bestimm­te Form von Film­bil­dern, eine bestimm­te Ästhe­tik bevor­zu­gen. Das ist bull­shit. Genau­so fehl­ge­lei­tet, wie der Ver­such, die rest­li­chen 90 oder mehr Pro­zent, aller gedreh­ten Fil­me unter dem Begriff eines „männ­li­chen Blicks“ sub­su­mie­ren zu wol­len. Ohne Zwei­fel wird man die Blu­men­wie­se fin­den, wenn man sie sucht, genau­so den Phal­lus. Geht man in der The­sen­bil­dung von einer patri­ar­cha­li­schen Struk­tur im „männ­li­chen Blick“ aus, so wird man fün­dig wer­den­Selbst­ver­ständ­lich unter­schei­den sich Fil­me von Frau­en in gewis­sen Punk­ten von den Wer­ken ihrer männ­li­chen Kol­le­gen und selbst­ver­ständ­lich ähneln sie sich dafür unter­ein­an­der in sehr vie­len Punk­ten, aber das liegt weni­ger an einer ver­bor­ge­nen Sen­ti­men­ta­li­tät oder typisch weib­li­chen Cha­rak­ter­zü­gen, die ihre Fil­me prä­gen, son­dern an der Welt in der sie leben. Mit der Mar­xis­mus-Keu­le in der Hand könn­te man von Deter­mi­nie­rung sprechen.

Ein Künst­ler oder eine Künst­le­rin (es gibt sicher­lich Aus­nah­men) pro­ji­ziert immer Bestand­tei­le ihres Lebens­um­felds in ihr Werk. Bei man­chen ist das offen­sicht­lich, bei man­chen wirkt es ver­bor­gen. Frau­en leben in einer Welt, die es ihnen in vie­ler­lei Hin­sicht nicht leicht macht. Dies trifft umso mehr auf Frau­en in den 60er Jah­ren zu. Dem­entspre­chend fin­det sich in Fil­men von Frau­en oft ein Abbild die­ser Ver­hält­nis­se. Sie ver­ar­bei­ten ihre Lage, ihre Ängs­te, ihre Pro­ble­me mit­tels ihrer Fil­me. Bei den Pio­nie­rin­nen weib­li­chen Film­schaf­fens, denen die­se Schau gewid­met ist, fin­den sich ver­mehrt sol­che Moti­ve, denn die Lebens­er­fah­rung die­ser Frau­en als Fil­me­ma­che­rin­nen war bestim­mend für ihr Film­schaf­fen. Die­se Erfah­run­gen unter­schie­den sich sehr stark von jenen ihrer männ­li­chen Kol­le­gen – Frau­en arbei­te­ten in einem frem­den und dis­kri­mi­nie­ren­den Umfeld, ob in Frank­reich, Ungarn oder der Tsche­cho­slo­wa­ki, des­halb fin­den sich trotz natio­na­ler und kul­tu­rel­ler Unter­schie­de Ver­bin­dungs­li­ni­en zwi­schen ihren Fil­men. In Oppo­si­ti­on zu den Fil­men männ­li­cher Regis­seu­re, wo es zumeist um Män­ner geht, han­deln ihre Fil­me oft von Frau­en und ihren All­tags­er­fah­run­gen, im Spe­zi­el­len ihrem Arbeits­le­ben und ihren (sexu­el­len) Sehn­süch­ten. Die Anders­ar­tig­keit die­ser Fil­me ist also bedingt durch die alter­na­ti­ve Per­spek­ti­ve auf die Welt, die die­se Frau­en mit­tels ihrer Fil­me tei­len, und nicht mit einem „weib­li­chen Blick“, der eine bestimm­te Ästhe­tik zur Fol­ge hat. In wei­te­rer Fol­ge wer­de ich also ver­mei­den einen „weib­li­chen Blick“ in der Bild­spra­che die­ser Fil­me­ma­che­rin­nen her­bei­zu­ima­gi­nie­ren, son­dern ihre Fil­me als das zu beschrei­ben, was sie sind: gute, mit­un­ter auch groß­ar­ti­ge Werke.

Neun Leben hat die Katze von Ula Stöckl
Neun Leben hat die Kat­ze von Ula Stöckl

Věra Chyti­l­o­vás O něčem jiném ist ein Mus­ter­bei­spiel für einen Film, der die Lebens­welt der Frau the­ma­ti­siert und fass­bar macht. Ursprüng­lich als Film über die dama­li­ge Welt­klas­se­tur­ne­rin Eva Bosá­ko­vá kon­zi­piert, geht Chyti­l­o­vá weit über die Kon­ven­tio­nen des bio­gra­fi­schen Films hin­aus. Zwar lässt sich der Film pro­blem­los inner­halb der Nová vlna ver­or­ten – redu­zier­te, kon­trast­star­ke Schwarz-Weiß-Bil­der, eine nicht unge­trüb­te Sicht auf die Lebens­ver­hält­nis­se in der dama­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei und ein­ge­streut, ein paar for­mal sehr wage­mu­ti­ge Mon­ta­ge­se­quen­zen und raf­fi­nier­te Kame­ra­ein­stel­lun­gen – doch im Umgang mit sei­nen Figu­ren und deren Lebens­welt ist der Film außer­ge­wöhn­lich. An die Sei­te Bosá­ko­vás, die sich im Film selbst spielt, stellt Chyti­l­o­vá eine zwei­te weib­li­che Figur. Die bei­den Frau­en begeg­nen sich nie, ihre Geschich­ten lau­fen par­al­lel neben­ein­an­der, füh­ren nie zusam­men, kom­men­tie­ren sich jedoch gegen­sei­tig. In bei­den Fäl­len geht es um den Ter­ror der weib­li­chen Exis­tenz. Zum einen mani­fes­tiert sich die­ser Ter­ror in Evas täg­li­chem Trai­ning, der Mono­to­nie, den Erwar­tun­gen, die in sie gesetzt wer­den und die sie ermü­den, die Fremd­be­stim­mung durch ihre Trai­ner. Zum ande­ren ist da die täg­li­che Höl­le der Věra, die als Haus­frau für ihren Sohn sorgt und gleich­zei­tig auch ihren Ehe­mann bemut­tern muss. Chyti­l­o­vá zeich­net die stän­dig wie­der­ho­len­den, ent­wür­di­gen­den und ner­ven­auf­rei­ben­den All­tags­tä­tig­kei­ten der Věra in hek­tisch geschnit­te­nen Mon­ta­ge­se­quen­zen nach, wohin­ge­gen das Trai­ning der Eva in lan­gen Ein­stel­lun­gen gezeigt wird, in denen sich die glei­chen Bewe­gungs­mus­ter wie­der­ho­len. Bei­de hadern sie mit ihrem Schick­sal – Eva kün­digt schließ­lich ihren Rück­tritt vom Leis­tungs­sport an, Věra nimmt sich einen Lieb­ha­ber – schluss­end­lich kön­nen sie ihrem Leben aber bei­de nicht ent­flie­hen. Eva arbei­tet nach ihrer akti­ven Lauf­bahn als Trai­ne­rin wei­ter, Věra bet­telt ihren Ehe­mann an, bei ihr zu blei­ben, als die­ser ihr von sei­ner eige­nen Affä­re berich­tet. Es gelingt ihnen also nicht die dis­kri­mi­nie­ren­den Struk­tu­ren zu durch­bre­chen, doch sie tes­ten ihre Gren­zen aus und neh­men sich inner­halb des ein­engen­den Sys­tems ihre Frei­hei­ten. Chyti­l­o­vás zeich­net ihre Frau­en­fi­gu­ren weder als Revo­lu­tio­nä­rin­nen, noch als Mär­ty­rin­nen, son­dern die Ver­än­de­rung im Klei­nen ist ihr Pro­gramm, ähn­lich wie in ande­ren Fil­men der Rei­he, wie Nel­ly Kaplans La fian­cée du pira­te, Ula Stöck­ls Neun Leben hat die Kat­ze oder Lina Wert­mül­lers Il mio cor­po per un poker. Es gilt, das Sys­tem von innen her­aus zu verändern.

Im Zeug­haus­ki­no in Ber­lin zele­briert man die­ser Tage die ers­te Wel­le von weib­li­chen Fil­me­ma­che­rin­nen, die sich in den 60er Jah­ren in der män­ner­do­mi­nier­ten Film­welt durch­set­zen konn­ten. Fünf­und­zwan­zig Fil­me von zwan­zig euro­päi­schen Regis­seu­rin­nen wer­den mit umfang­rei­chem Begleit­pro­gramm prä­sen­tiert. Vie­le die­ser Fil­me sind Wie­der­ent­de­ckun­gen, die lan­ge nicht mehr zu sehen waren oder über­haupt zum ers­ten Mal auf deut­schem Boden gezeigt wer­den. Sie sind in einer Welt ent­stan­den, in der Frau­en in der Pro­duk­ti­on und Dis­tri­bu­ti­on von Fil­men benach­tei­ligt wer­den. Die jah­re­lan­ge Mar­gi­na­li­sie­rung von Frau­en in der Film­kunst, die wie kei­ne ande­re Kunst­form von finan­zi­el­len Rah­men­be­din­gun­gen abhängt, ist bekla­gens­wert. Wie vie­le Meis­ter­wer­ke sind durch die Aus­gren­zung gro­ßer Künst­le­rin­nen ver­lo­ren gegangen?

O něčem jiném von Věra Chytilová
O něčem jiném von Věra Chytilová

Immer wie­der wird in Dis­kus­sio­nen dabei der „weib­li­che Blick“ beschwo­ren. Die­ser omi­nö­se „weib­li­che Blick“ soll Fil­me­ma­che­rin­nen urei­gen sein und sich als ästhe­ti­sche Kon­stan­te durch deren Werk zie­hen. Wenn auf den gro­ßen Fes­ti­vals ein Film einer Regis­seu­rin für Furo­re sorgt, oder sich in den Art­haus­ki­nos ein Film einer Frau beson­ders gut ver­kauft, dann domi­niert er die Bericht­erstat­tung. Ähn­lich wie Fil­me­ma­cher mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund oder nicht-wei­ßer Haut­far­be ger­ne auf die­se Eigen­schaft redu­ziert wer­den, ist es im fil­mi­schen Dis­kurs gelun­gen Fil­me­ma­che­rin­nen auf den „weib­li­chen Blick“ zu redu­zie­ren. Nach einem Scree­ning ihres Films Le Mera­vi­g­lie kon­sta­tier­te Ali­ce Rohr­wa­cher, selbst wenn sie einen Film machen wür­de, indem pau­sen­los Men­schen mit Maschi­nen­ge­weh­ren nie­der­ge­mäht wer­den, wäre nur eine Auf­nah­me einer Blu­men­wie­se im Film, wür­de man ihr einen „fema­le gaze“ unter­stel­len. Dabei wird dann ger­ne dar­auf ver­ges­sen, dass die­se Fil­me nicht ihre „Weib­lich­keit“ aus­zeich­net, son­dern ihre Qua­li­tät. Als kürz­lich nach dem Tod Chan­tal Aker­mans her­vor­ge­ho­ben wur­de, dass sie die bedeut­sams­te femi­nis­ti­sche Fil­me­ma­che­rin war, wur­de ganz dar­auf ver­ges­sen, dass sie dar­über hin­aus „eine der größ­ten und bedeu­tends­ten Künst­le­rin­nen (unab­hän­gig ihres Geschlechts)“ war, wie es Patrick in sei­nem Nach­ruf für kino​-zeit​.de for­mu­lier­te. Am Bei­spiel Aker­mans wird ohne­hin deut­lich, dass eine Fil­me­ma­che­rin, auch wenn sie als größ­te femi­nis­ti­sche Fil­me­ma­che­rin geprie­sen wird, nie nur Frau ist, son­dern sich ihre Per­spek­ti­ve (oder ihr Blick, wenn man so will), immer aus ver­schie­de­nen Erfah­run­gen zusam­men­setzt; Aker­man ist Frau/​Mädchen, Jüdin, geprägt durch ihre Kind­heits­ta­ge in Armut und ihr wech­sel­vol­les Ver­hält­nis zu ihren Eltern. Der Begriff des „weib­li­chen Blicks“ ist inso­fern irre­füh­rend, als er dazu ver­lei­tet anzu­neh­men, dass Frau­en durch ihr zar­tes, fein­füh­li­ges Innen­le­ben auto­ma­tisch eine bestimm­te Form von Film­bil­dern, eine bestimm­te Ästhe­tik bevor­zu­gen. Das ist bull­shit. Genau­so fehl­ge­lei­tet, wie der Ver­such, die rest­li­chen 90 oder mehr Pro­zent, aller gedreh­ten Fil­me unter dem Begriff eines „männ­li­chen Blicks“ sub­su­mie­ren zu wol­len. Ohne Zwei­fel wird man die Blu­men­wie­se fin­den, wenn man sie sucht, genau­so den Phal­lus. Geht man in der The­sen­bil­dung von einer patri­ar­cha­li­schen Struk­tur im „männ­li­chen Blick“ aus, so wird man fün­dig wer­den; die­ses Ver­zet­teln in absur­den geschlech­ter­spe­zi­fi­schen ästhe­ti­schen Kate­go­rien, das ist die gro­ße Ver­ir­rung der femi­nis­ti­schen Film­theo­rie. Selbst­ver­ständ­lich unter­schei­den sich Fil­me von Frau­en in gewis­sen Punk­ten von den Wer­ken ihrer männ­li­chen Kol­le­gen und selbst­ver­ständ­lich ähneln sie sich dafür unter­ein­an­der in sehr vie­len Punk­ten, aber das liegt weni­ger an einer ver­bor­ge­nen Sen­ti­men­ta­li­tät oder typisch weib­li­chen Cha­rak­ter­zü­gen, die ihre Fil­me prä­gen, son­dern an der Welt in der sie leben. Mit der Mar­xis­mus-Keu­le in der Hand könn­te man von Deter­mi­nie­rung sprechen.

Ein Künst­ler oder eine Künst­le­rin (es gibt sicher­lich Aus­nah­men) pro­ji­ziert immer Bestand­tei­le ihres Lebens­um­felds in ihr Werk. Bei man­chen ist das offen­sicht­lich, bei man­chen wirkt es ver­bor­gen. Frau­en leben in einer Welt, die es ihnen in vie­ler­lei Hin­sicht nicht leicht macht. Dies trifft umso mehr auf Frau­en in den 60er Jah­ren zu. Dem­entspre­chend fin­det sich in Fil­men von Frau­en oft ein Abbild die­ser Ver­hält­nis­se. Sie ver­ar­bei­ten ihre Lage, ihre Ängs­te, ihre Pro­ble­me mit­tels ihrer Fil­me. Bei den Pio­nie­rin­nen weib­li­chen Film­schaf­fens, denen die­se Schau gewid­met ist, fin­den sich ver­mehrt sol­che Moti­ve, denn die Lebens­er­fah­rung die­ser Frau­en als Fil­me­ma­che­rin­nen war bestim­mend für ihr Film­schaf­fen. Die­se Erfah­run­gen unter­schie­den sich sehr stark von jenen ihrer männ­li­chen Kol­le­gen – Frau­en arbei­te­ten in einem frem­den und dis­kri­mi­nie­ren­den Umfeld, ob in Frank­reich, Ungarn oder der Tsche­cho­slo­wa­ki, des­halb fin­den sich trotz natio­na­ler und kul­tu­rel­ler Unter­schie­de Ver­bin­dungs­li­ni­en zwi­schen ihren Fil­men. In Oppo­si­ti­on zu den Fil­men männ­li­cher Regis­seu­re, wo es zumeist um Män­ner geht, han­deln ihre Fil­me oft von Frau­en und ihren All­tags­er­fah­run­gen, im Spe­zi­el­len ihrem Arbeits­le­ben und ihren (sexu­el­len) Sehn­süch­ten. Die Anders­ar­tig­keit die­ser Fil­me ist also bedingt durch die alter­na­ti­ve Per­spek­ti­ve auf die Welt, die die­se Frau­en mit­tels ihrer Fil­me tei­len, und nicht mit einem „weib­li­chen Blick“, der eine bestimm­te Ästhe­tik zur Fol­ge hat. In wei­te­rer Fol­ge wer­de ich also ver­mei­den einen „weib­li­chen Blick“ in der Bild­spra­che die­ser Fil­me­ma­che­rin­nen her­bei­zu­ima­gi­nie­ren, son­dern ihre Fil­me als das zu beschrei­ben, was sie sind: gute, mit­un­ter auch groß­ar­ti­ge Werke.

Neun Leben hat die Katze von Ula Stöckl
Neun Leben hat die Kat­ze von Ula Stöckl

Věra Chyti­l­o­vás O něčem jiném ist ein Mus­ter­bei­spiel für einen Film, der die Lebens­welt der Frau the­ma­ti­siert und fass­bar macht. Ursprüng­lich als Film über die dama­li­ge Welt­klas­se­tur­ne­rin Eva Bosá­ko­vá kon­zi­piert, geht Chyti­l­o­vá weit über die Kon­ven­tio­nen des bio­gra­fi­schen Films hin­aus. Zwar lässt sich der Film pro­blem­los inner­halb der Nová vlna ver­or­ten – redu­zier­te, kon­trast­star­ke Schwarz-Weiß-Bil­der, eine nicht unge­trüb­te Sicht auf die Lebens­ver­hält­nis­se in der dama­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei und ein­ge­streut, ein paar for­mal sehr wage­mu­ti­ge Mon­ta­ge­se­quen­zen und raf­fi­nier­te Kame­ra­ein­stel­lun­gen – doch im Umgang mit sei­nen Figu­ren und deren Lebens­welt ist der Film außer­ge­wöhn­lich. An die Sei­te Bosá­ko­vás, die sich im Film selbst spielt, stellt Chyti­l­o­vá eine zwei­te weib­li­che Figur. Die bei­den Frau­en begeg­nen sich nie, ihre Geschich­ten lau­fen par­al­lel neben­ein­an­der, füh­ren nie zusam­men, kom­men­tie­ren sich jedoch gegen­sei­tig. In bei­den Fäl­len geht es um den Ter­ror der weib­li­chen Exis­tenz. Zum einen mani­fes­tiert sich die­ser Ter­ror in Evas täg­li­chem Trai­ning, der Mono­to­nie, den Erwar­tun­gen, die in sie gesetzt wer­den und die sie ermü­den, die Fremd­be­stim­mung durch ihre Trai­ner. Zum ande­ren ist da die täg­li­che Höl­le der Věra, die als Haus­frau für ihren Sohn sorgt und gleich­zei­tig auch ihren Ehe­mann bemut­tern muss. Chyti­l­o­vá zeich­net die stän­dig wie­der­ho­len­den, ent­wür­di­gen­den und ner­ven­auf­rei­ben­den All­tags­tä­tig­kei­ten der Věra in hek­tisch geschnit­te­nen Mon­ta­ge­se­quen­zen nach, wohin­ge­gen das Trai­ning der Eva in lan­gen Ein­stel­lun­gen gezeigt wird, in denen sich die glei­chen Bewe­gungs­mus­ter wie­der­ho­len. Bei­de hadern sie mit ihrem Schick­sal – Eva kün­digt schließ­lich ihren Rück­tritt vom Leis­tungs­sport an, Věra nimmt sich einen Lieb­ha­ber – schluss­end­lich kön­nen sie ihrem Leben aber bei­de nicht ent­flie­hen. Eva arbei­tet nach ihrer akti­ven Lauf­bahn als Trai­ne­rin wei­ter, Věra bet­telt ihren Ehe­mann an, bei ihr zu blei­ben, als die­ser ihr von sei­ner eige­nen Affä­re berich­tet. Es gelingt ihnen also nicht die dis­kri­mi­nie­ren­den Struk­tu­ren zu durch­bre­chen, doch sie tes­ten ihre Gren­zen aus und neh­men sich inner­halb des ein­engen­den Sys­tems ihre Frei­hei­ten. Chyti­l­o­vás zeich­net ihre Frau­en­fi­gu­ren weder als Revo­lu­tio­nä­rin­nen, noch als Mär­ty­rin­nen, son­dern die Ver­än­de­rung im Klei­nen ist ihr Pro­gramm, ähn­lich wie in ande­ren Fil­men der Rei­he, wie Nel­ly Kaplans La fian­cée du pira­te, Ula Stöck­ls Neun Leben hat die Kat­ze oder Lina Wert­mül­lers Il mio cor­po per un poker. Es gilt, das Sys­tem von innen her­aus zu verändern.

In Neun Leben hat die Kat­ze sehen sich die Prot­ago­nis­tin­nen schließ­lich mit einem ähn­li­chen Dilem­ma kon­fron­tiert. Die Welt geht ein­fach wei­ter, das Sys­tem beschnei­det wei­ter ihr Leben, die Welt ist ein Kreis­lauf, doch die­ser schließt Ver­än­de­rung und Aus­bre­chen nicht kate­go­risch aus. Der Film beginnt im Auto, Katha­ri­nas fran­zö­si­sche Freun­din Anne ist gera­de in Mün­chen ange­kom­men. Nur lang­sam erschließt sich durch die sprung­haf­te, epi­so­dische Struk­tur das Umfeld die­ser viel­schich­ti­gen Frau­en. Sie sind der Fokus des Films, die Män­ner sind scha­blo­nen­haf­te, farb­lo­se Ste­reo­ty­pen; die Kräf­te­ver­hält­nis­se sind also umge­kehrt. Wäh­rend im Film zumeist Frau­en auf bestimm­te Rol­len­bil­der redu­ziert wer­den, und dadurch wenig leben­dig wir­ken, sind es hier die Män­ner (ein ähn­li­ches Schick­sal erlei­den die Män­ner in O něčem jiném). Die Umkeh­rung der Ver­hält­nis­se ist ein Haupt­mo­tiv in Neun Leben hat die Kat­ze. In sur­rea­lis­ti­schen Ein­schü­ben wer­den die ver­bor­ge­nen Sehn­süch­te, die Fan­ta­sien (kei­ne Män­ner­fan­ta­sien) von Anne und Katha­ri­na prä­sen­tiert. Sie unter­hal­ten sich in einem Jar­gon, der typisch ist für die Gene­ra­ti­on jun­ger Fil­me­ma­cher der 60er Jah­re, die durch die Nou­vel­le Vague inspi­riert sind, und auch aus der Feder Godards stam­men könn­te. Bei­de Frau­en sind eman­zi­piert und neh­men sich Frei­hei­ten, aber auch sie müs­sen sich schließ­lich dem Sys­tem geschla­gen geben. Der Film endet wie­der mit einer Auto­fahrt, dies­mal sind es aber zwei Män­ner, die wir auf einer Sonn­tags­fahrt beglei­ten. Das Road­mo­vie durch das Leben der bei­den Frau­en nimmt schlag­ar­tig ein Ende. Sie haben die Ober­hand über die Nar­ra­ti­on ver­lo­ren, auch sie konn­ten die Struk­tu­ren nur bie­gen, Gren­zen aus­tes­ten, aber nicht zer­schla­gen. Ver­än­de­rung fin­det auch hier nicht als Revo­lu­ti­on, son­dern im Klei­nen statt.

Ähn­lich ver­hält es sich bei Bel­le Starr, der Hel­din in Lina Wert­mül­lers Spa­ghet­ti-Wes­tern Il mio cor­po per un poker, dem ein­zi­gen Film die­ses Gen­res, der von einer Frau gedreht wur­de. Bel­le ist eine berüch­tig­te Revol­ver­hel­din, sie pokert, raucht Zigar­ren, duel­liert sich und steht ihren männ­li­chen Kon­tra­hen­ten in nichts nach. Sie nimmt sich in der Män­ner­do­mä­ne des Wil­den Wes­tens was sie will, denn dort gilt nur das Gesetz der Waf­fe. Ihre Frei­heit hat sie mit einem hohen Preis bezahlt: sie hat den Tod ihres Vaters und ihres bes­ten Freun­des ver­schul­det. Sie kann als Frau in die­ser Män­ner­welt nur über­le­ben, indem sie ihre Weib­lich­keit bis zu einem gewis­sen Grad auf­ge­gibt. Bel­le trägt Män­ner­klei­dung, ord­net sich dem Gesetz des Wes­tens, dem ewi­gen Schwanz­ver­gleich unter. Als sie ihre weib­li­chen Sei­ten wie­der zulässt, endet sie wie dut­zen­de ande­re „Bel­les“ des klas­si­schen Wes­terns: sie opfert sich auf für einen Mann, lässt sich klein­krie­gen, ver­zich­tet auf ihre Selbst­be­stimm­heit, um es dem Mann zu ermög­li­chen, in den Son­nen­un­ter­gang zu rei­ten. Il mio cor­po per un poker ist der Ver­such einer Revo­lu­ti­on, die sich Kom­pro­miss ver­liert; eine Revo­lu­ti­on des Scheiterns.