Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Aimer, Boire et Chanter von Alain Resnais

Ich habe nichts gese­hen von Alain Res­nais. Nur sei­ne Fil­me. Jetzt ist er tot, er ver­starb am 1.März die­ses Jah­res im stol­zen Alter von 91 Jah­ren. Erin­ne­re ich mich noch an ihn, an sei­ne Fil­me? Ich sehe Kor­ri­do­re, Posen, höre Stim­men und ver­ges­se nicht. „Aimer, Boi­re et Chan­ter“ ist der Schluss­ak­kord einer beein­dru­cken­den Kar­rie­re. Oh, die letz­ten Fil­me der gro­ßen Meis­ter, gibt es da ein Mus­ter: „Sara­band“ bei Berg­man, „Off­ret“ bei Tar­kow­ski, „Al di là del­le nuvo­le“ bei Anto­nio­ni, „Big Trou­ble“ bei Cas­sa­ve­tes, „La voce del­la luna“ bei Felli­ni, „Eyes Wide Shut“ bei Kubrick oder “ Le petit thé­ât­re de Jean Renoir“ von Renoir? Man­cher anti­zi­pier­te sein Able­ben schon im letz­ten Film, ande­re waren mit ganz ande­ren Din­gen beschäf­tigt, für ande­re war es ein­fach Arbeit, wie­der ande­re waren weit über ihrem Zenit. Das abso­lu­te Meis­ter­werk einer Kar­rie­re steht jedoch sel­ten am Ende. Alain Res­nais-das dürf­te kei­ne Über­ra­schung für regel­mä­ßi­ge Leser die­ses Blogs sein-ist für mich in sei­ner Spät­pha­se ein schwie­ri­ger Fall. Da bil­det „Aimer, Boi­re et Chan­ter“ kei­ne Aus­nah­me. Sei­ne thea­ter­haf­te Künst­lich­keit, sei­ne intel­lek­tu­el­len fran­zö­si­schen Kaf­fee­h­aus­dia­lo­ge und sein völ­li­ges Aus­spa­ren von Kör­per­lich­keit und Rhyth­mus, sind nicht von der Hand zu wei­sen. Jedoch bleibt Res­nais ein Meis­ter der fil­mi­schen Zeit und damit ver­bun­de­ner Ver­un­si­che­run­gen, bei ihm pul­siert der Off-Screen und damit auch unser neu­gie­ri­ger Blick. Die Locker­heit und Ver­spielt­heit ist zudem auf­re­gend und wie offen sich Res­nais hier-wie schon in sei­nem vor­letz­ten Film „Vous n’avez enco­re rien vu“- mit dem Tod und des­sen Fol­gen beschäf­tigt, ist äußerst inter­es­sant. Der Film wirkt so als wür­de ihn Res­nais nach sei­nem Tod auf der Welt gelas­sen haben, um das Publi­kum zu beobachten.

Aimere, Boire et Chanter

Basie­rend auf dem Thea­ter­stück „Life of Riley“ von Alan Ayck­bourn erzählt der Film von einem Mann, den wir nie sehen wer­den: Riley. Er ist Ippo­lit und Nasta­s­ja zugleich, um es mit Dos­to­jew­ski zu sagen. Er ist krank und liegt im Ster­ben und bringt gleich drei Paa­re (Kath­ryn und Colin, Tama­ra und Jack, Moni­ca und Sime­on) ins Wan­ken, weil die Frau­en begin­nen, ihn zu umgar­nen und ihn ihm alles zu sehen, was ihren männ­li­chen Part­ner fehlt. Nach einer gewis­sen Zeit geht es um die Fra­ge: Wird eine der Frau­en mit Riley nach Tene­rif­fa flie­gen und damit ihre Bezie­hung aufs Spiel set­zen? Den Rah­men des Films bil­den die Pro­ben zu einem Thea­ter­stück bei dem die vie­le der Prot­ago­nis­ten teil­neh­men. Aller­dings sehen wir auch die­se Pro­ben nie. Was wir sehen, sind von bri­ti­schem Humor durch­zo­ge­ne Gesprä­che zwi­schen den Figu­ren in unter­schied­li­chen Kon­stel­la­tio­nen vor künst­li­chen (auch bri­ti­schen) Decors und Kulis­sen, Über­blen­den mit Gemäl­den der Loca­ti­ons und kur­ze Phan­tom Rides zwi­schen den Sze­nen­wech­seln. Res­nais spielt erneut das dop­pel­te Spiel mit Thea­ter und Film. Er lässt sei­ne Figu­ren auf­tre­ten, er inter­es­siert sich nicht für den Raum. Es ist eine Büh­ne, die da auf der Lein­wand erscheint. Sie zeigt die Gär­ten der bür­ger­li­chen oder länd­li­chen Anwe­sen. ( Es gibt vier Gär­ten, spä­ter einen Fried­hof). Erst ganz gegen Ende bli­cken wir tat­säch­lich Back­stage und gehen vom Gar­ten in das Haus. Die Künst­lich­keit macht einem die erbärm­li­che bür­ger­li­che Fas­sa­de bewusst.

Es ent­fal­tet sich (emp­feh­lens­wert dazu: Ein Glas Wein oder etwas Bri­ti­sches) ein mun­te­res Spiel der Eifer­sucht, der sexu­el­len Frus­tra­ti­on und der warm­her­zi­gen Schrul­lig­keit in unin­ter­es­san­ten bür­ger­li­chen Bezie­hun­gen. Riley ist das auf­re­gen­de Pen­dant zu die­ser Welt und es erscheint abso­lut logisch (zu logisch), dass die Frau­en mit sei­ner fol­gen­lo­sen Welt flir­ten. Dabei ord­net Res­nais wie­der viel sei­ner Schau­spiel­füh­rung unter. Auch hier ver­schreibt er sich den Thea­ter­prin­zi­pi­en: Es gibt Auf-und Abtrit­te, offen­sicht­li­che Signal­wör­ter, gro­ße Mono­lo­ge und die Figu­ren posi­tio­nie­ren sich immer so, dass das Publi­kum sie gut sehen kann. Zu sehen sind die bekann­ten Gesich­ter aus dem Res­nais-Ensem­ble: Sabi­ne Azé­ma„ Hip­po­ly­te Girar­dot und Michel Vuil­ler­moz unter ande­rem. Neu dabei ist Sand­ri­ne Kib­erlain, war­um auch nicht. Was im Film-wie so oft bei Res­nais-also wirk­lich inter­es­sant ist, ist das was wir nicht sehen, die Erin­ne­rung und unse­re Imagination.

Aimere, Boire et Chanter

Dabei geht es nicht nur um das feh­len­de ins Bild set­zen von Riley, son­dern auch um die Häu­ser selbst, die nur als Vor­hän­ge und Kulis­sen, sozu­sa­gen als Back­ground fun­gie­ren. Was wir eigent­lich sehen, ist eine Dar­stel­lung, womög­lich ein Thea­ter­spiel vor unse­ren Augen, copie con­for­me als Stu­die des Thea­ters und dann die Fra­ge: Wie ver­hal­ten sich Men­schen, wenn ich ster­be? Dass die­se Fra­ge von einem Mann gestellt wird, der nur weni­ge Tage nach der Welt­pre­mie­re des Films auf der Ber­li­na­le ver­starb, zeugt von unge­brems­ter Per­sön­lich­keit. Es ist auch als wür­de Res­nais-ewig jung geblie­ben-die gän­gi­gen Vor­stel­lun­gen von Natu­ra­lis­mus angrei­fen und eine gan­ze Palet­te von Bild­stra­te­gien aus­spie­len, die oft-auch von mir-ver­pönt wer­den. Das Arti­fi­zi­el­le als Rebel­li­on. Damit steht Res­nais näher an Xavier Dolan als an Agnès Var­da oder Chris Mar­ker. Wie Roman Pol­an­ski zuletzt macht Res­nais sei­ne Fil­me nur noch über den Kopf. Waren sei­ne frü­hen Reflek­tio­nen über Erin­ne­rung und Ver­gan­gen­heit noch beseelt von einem Tast­sinn, so sind es jetzt abge­film­te Dia­lo­ge, intel­lek­tu­el­le Spie­le­rei­en. Aber ist es so einfach?

Schließ­lich über­trägt er genau wie frü­her sei­ne kopf­las­ti­gen Ideen auf die fil­mi­sche Form. Nur dass er dafür eben genu­in nicht-fil­mi­sche Spra­che ver­wen­det. Res­nais scheint mir zu jener Sor­te der gro­ßen Fil­me­ma­cher zu gehö­ren, die in ihrem letz­ten Werk ein­fach wei­ter­ge­ar­bei­tet haben. Das lässt sich wohl trotz sei­nes The­ma­ti­sie­rung des Ster­bens sagen. Denn eigent­lich hat Res­nais immer und immer wie­der von sei­nem eige­nen Tod erzählt. Dabei war immer ent­schei­dend, dass die Zeit viel­leicht nicht das ist, was sie zu sein scheint. In „Aime­re, Boi­re et Chan­ter“ ist es auch die Zeit, die nicht stimmt. Zum einen gibt es da den Count­down des Todes für Riley. Dann gibt es die Ver­gan­gen­heit der Figu­ren, die häu­fig ver­heim­licht wur­de. Die Uhren im Haus von Kath­ryn und Colin gehen alle unter­schied­lich, jeden Abend ver­sucht Colin sie zu syn­chro­ni­sie­ren. Wüss­te er, dass er sich in einem Res­nais-Film befin­det, wür­de er es viel­leicht blei­ben las­sen. Die Zeit macht was sie will, genau wie die Toch­ter von Tama­ra und Jack, genau wie die Bil­der oder der abrupt ein­set­zen­de Score von Micha­el Snow, die Mon­ta­ge, die dann doch plötz­lich in ein Haus, also hin­ter die Kulis­sen schaut und Riley, der gera­de des­halb so inter­es­sant ist weil wir ihn nicht ein­ord­nen kön­nen. Res­nais ist jetzt selbst im Off-Screen, sein Schaf­fen ist jetzt ein ewi­ges Erin­ne­rungs­bild, das mit uns macht, was es will. Und genau das zeigt, dass Res­nais in sei­nen Fil­men trotz all sei­ner ent­ge­gen­ge­setz­ten Ver­su­che immer Kino gemacht hat.

Der Film läuft ab heu­te im Stadt­ki­no Wien