Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Susan Sontag Revisited 1: Susan geht am Ingmar in die Kirche

Vom 19. bis 24. Mai fin­det im Stadt­ki­no Wien im Rah­men der Wie­ner Fest­wo­chen eine Schau zum unbe­kann­ten fil­mi­schen Werk Sus­an Son­tags statt. Ioa­na und Patrick besu­chen die Pro­gram­me und ver­su­chen ihre Kon­fron­ta­ti­on mit dem Werk mög­lichst unge­fil­tert wiederzugeben.

Am ers­ten Tag wur­den vier Fil­me gezeigt. Duet för kan­ni­ba­ler und Brö­der Carl jeweil beglei­tet von einem Screen Test von Andy War­hol mit Sus­an Son­tag. Vor dem zwei­ten Film gab es eine span­nen­de Ein­füh­rung von Kura­tor Ralph Eue.

Patrick:

◊ Vor kur­zem habe ich in der Bio­gra­phie von Josef von Stern­berg gele­sen. Er schreibt, dass er sich theo­re­tisch mit Kunst und Film beschäf­tigt habe, bevor er die Tech­nik lern­te. Für ihn sei das aus­schlag­ge­bend in sei­ner Kar­rie­re. Ich bin eigent­lich sehr sei­ner Mei­nung. Ich weiß, dass vie­le das anders sehen. Das man erst­mal das Hand­werk beherr­schen muss bevor man die gro­ßen Ideen hat.

◊ Es ist nicht leicht über die ers­ten Fil­me von Sus­an Son­tag zu schrei­ben. Mein Pro­blem: Ich bin mir nicht sicher, ob ich Fil­me von Sus­an Son­tag gese­hen habe. Es sind schwe­di­sche Fil­me. Viel­leicht die bes­ten Berg­man-Kopien (nicht im ana­lo­gen Sinn), die ich bis­lang gese­hen habe. Sie sind nicht ame­ri­ka­nisch, sie sind Aus­druck einer Bewunderung.

◊ Was mir vor allem auf­ge­fal­len ist: Sie sind hand­werk­lich per­fekt. Nein, das stimmt nicht ganz. Vor allem in Brö­der Carl hat­te ich gro­ße Pro­ble­me mit dem Post-Syn­ch Dia­lo­gen, das war nur schwer zu ignorieren.

◊ Kennst du das, wenn du eine Sache nicht mehr sehen kannst in Fil­men? Bei mir gehört dazu: Ein Schnitt von Mann und Frau, die zusam­men ins Bett gehen auf das Früh­stücks­ei. So gese­hen in Duet för kan­ni­ba­ler. Hat der Film etwas eige­nes? Ich weiß nicht. Ralph Eue hat es mit sei­ner Berg­man, Anto­nio­ni und Godard Quer­ver­bin­dung ziem­lich gut beschrieben.

◊ War­um hat sie Fil­me gemacht? Die­se ers­ten bei­den Arbei­ten wir­ken ein wenig so, als woll­te sie sich und uns etwas bewei­sen, oder? Viel­leicht spre­chen aus die­sen Fil­me Lie­be und Bewun­de­rung für eine bestimm­te Form des Kinos, viel­leicht spre­chen dar­aus aber auch Frus­tra­ti­on über die blo­ße Reak­ti­on darauf.

Brö­der Carl hat mir bes­ser gefal­len. Es ist zwar irgend­wie eine Mischung aus Din­gen, die man in Per­so­na (die Fra­ge des Spre­chens, der Aus­druck­mög­lich­kei­ten und des Begeh­rens, was dort drin steckt) und Ordet (die Fra­ge des Glau­bens, der Wie­der­ge­burt, des Wun­ders), aber es gibt dort ein paar Sze­nen (zum Bei­spiel die Bade­wan­nen­sze­ne), die für mich etwas eige­nes aus­ge­drückt haben.

◊ Ist es prin­zi­pi­ell ein Pro­blem, wenn man das Gefühl hat, dass jemand kei­ne eige­nen Din­ge sagt? Eigent­lich fin­de ich das nicht. es steckt viel Lie­be dar­in, mehr Lie­be und Ori­gi­na­li­tät als ande­re in Arbei­ten haben, bei denen nicht so leicht auf Vor­bil­der zu schlie­ßen ist. Bei Son­tag hat es mich ges­tern trotz­dem gestört, viel­leicht weil ich die­se Lie­be in ihren Tex­ten mehr gespürt habe, als in den Filmen?

◊ Ins­ge­samt gibt es vie­le Medi­en in den Fil­men: Auf­nah­me­ge­rä­te, Bücher, Tafeln, Schrift, Spra­che, Kör­per­lich­keit, Tanz, Musik, Essen. Und es gibt eine merk­wür­di­ge Abkehr davon, die sich am bes­ten in den Män­nern äußert, die sich auf den Kopf stel­len, wenn sie kei­ne Lust mehr haben in bei­den Filmen.

◊ Die Screen Tests sind wun­der­bar. Im zwei­ten war Son­tag viel unehr­li­cher. Sie war eine Pose. Im ers­ten war sie ein­fach nur da. Sie sind bei­de wunderbar.

Susan Sontag

film-persona

Ioa­na:

◊ Es ist nicht leicht, über die ers­ten Fil­me von Sus­an Son­tag zu schrei­ben. Mein Pro­blem: Ich brau­che sehr lan­ge, um mich dar­an zu gewöh­nen, dass ihre Fil­me ganz ande­re Regis­ter und Milieus durch­wan­dern, als ich (ohne nach­zu­den­ken und etwas eng­stir­nig) viel­leicht erwar­tet habe. Ich war bereit, etwas zu sehen, dass ein wenig mit den Fil­men von Caro­lee Schnee­mann oder den Fil­men von Jean Epstein in Ver­bin­dung ste­hen könn­te. Absurd, da letz­te­re Ver­bin­dung viel­leicht auf­grund der der Betei­li­gung von Ralph Eue an die­ser Schau indu­ziert wur­de, aber auch, weil man zwi­schen Schnee­mann und Epstein ein gro­ßes Stück von dem, was es an Film gibt, plat­zie­ren kann. Nach den ers­ten zwei Fil­men – ja, ich fin­de auch, dass die Berg­man, Anto­nio­ni und Godard Quer­ver­bin­dung es gut beschreibt, ich spü­re von Ihnen am stärks­ten Berg­man, am zweit­stärks­ten aber Rivet­tes Abdrif­ten ins Spie­le­ri­sche (du hast mir irgend­wann erklärt, dass man das, was ich jetzt mei­ne, anders bes­ser beschrei­ben kann, aber ich habe ver­ges­sen wie), Céli­ne et Julie vont en bateau, das Ende von Out 1 (die Ähn­lich­kei­ten sehe ich eher in Duett för kan­ni­ba­ler als in Brö­der Carl).

◊ Die Pro­ble­me mit dem Post-Syn­ch Dia­lo­gen in Brö­der Carl. Ich habe sie auch und bei mir sind sie auch Teil eines grö­ße­res Pro­blems. Oder: Sie haben in mei­ner Wahr­neh­mung des Films ein grö­ße­res Pro­blem aus­ge­löst. Ich habe die Dia­lo­ge in Brö­der Carl als sehr for­ciert emp­fun­den und hat­te oft das Gefühl, dass es an bestimm­ten Stel­len zu viel ist, wenn die­ser eine Satz jetzt aus­ge­spro­chen wird. Ich muss hier wahr­schein­lich das Wort Fremd­schä­men ein­wer­fen. Was ich ab hier nicht mehr weiß ist, ob es Fremd­schä­men für die Figu­ren ist, die sich nicht davon abhal­ten kön­nen, einen bestimm­ten Satz zu sagen, schreck­li­ches über sich zu offen­ba­ren (wenn es so wäre, dann wären wir gar nicht so weit ent­fernt von dem, was ich an Berg­man bewun­de­re, näm­lich das Gift, das aus den Figu­ren her­aus­kommt.) oder ist es Frem­schä­men für die Art und Wei­se wie Son­tag mit Dia­lo­gen in dem Film umgeht (ist es ein Zei­chen dafür, dass Son­tags Über­gang von Schrei­ben zu Film in die­sem Aspekt nicht so glatt gelau­fen ist)?

Brö­der Carl hat dir bes­ser gefal­len. Die Unstim­mig­keit (der Sprung zu dem, was mich an Rivet­te erin­nert) in Duett för kan­ni­ba­ler scheint mir einen ein­stim­mi­ge­ren, kohä­ren­te­ren Film zu erge­ben, als die zer­streu­te­re Kohä­renz von Brö­der Carl. Viel­leicht hat mir Duett för kan­ni­ba­ler mehr gefal­len, obwohl ich eini­ge Sze­nen in Brö­der Carl viel voll­ende­ter fin­de. Aber nicht den Film als Gan­zes. Ich hof­fe, dass du ver­stehst, was ich meine.

◊ Es tut mir leid, aber ich muss es sagen – die Ähn­lich­keit zwi­schen (dem Bru­der) Carl und Ben Whis­haw ist unheimlich.