Beim Ver­las­sen der Vor­stel­lung von Sales­man von Asghar Far­ha­di habe ich ein Gespräch über­hört, in dem zwei ande­re Besu­cher über die Fil­me von Far­ha­di schwärm­ten. Far­ha­di wider­set­ze sich einer ein­fa­chen Ein­ord­nung sei­ner Figu­ren in mora­li­sche Kate­go­rien, und schaf­fe es die Beweg­grün­de all die­ser Figu­ren greif­bar zu machen. Eine recht tref­fen­de Dia­gno­se, wie man sie nicht all­zu oft in sol­chen Gesprä­chen unmit­tel­bar nach einem Film zu hören bekommt. Aus­ge­hend von die­ser Dia­gno­se, stellt sich nun die Fra­ge, wie Far­ha­di das gelingt.

Sales­man han­delt von Emad und Rana, einem jun­gen Ehe­paar, das nach der Eva­ku­ie­rung ihres ein­sturz­ge­fähr­den­den Hau­ses eine neue Blei­be sucht. Im Thea­ter, wo sie bei­de in einer Auf­füh­rung von Arthur Mil­lers Death of a Sales­man spie­len, bie­tet ihnen ein Kol­le­ge eine frei­ste­hen­de Woh­nung an, die er ver­mie­tet. Wie sich spä­ter her­aus­stellt, muss­te die Vor­mie­te­rin, eine Sex­ar­bei­te­rin, das Haus ver­las­sen, als die Nach­barn sich dar­über beschwer­ten, dass sie ihre Frei­er zu sich in die Woh­nung ein­lud. Eine Ver­ket­tung unglück­li­cher Zufäl­le führt schließ­lich dazu, dass Rana in der Dusche von einem die­ser Frei­er über­fal­len und ver­letzt wird. Im wei­te­ren Ver­lauf des Films wer­den die Fol­gen die­ses Ereig­nis­ses für das Paar und ihre unmit­tel­ba­re Umge­bung ver­han­delt. Rana wird zu einem Ner­ven­bün­del, das sich nicht mehr allei­ne ins Bade­zim­mer traut, Emad macht sich rast­los auf die Suche nach dem Täter. Unter dem immensen psy­chi­schen Druck lei­det nicht nur die Bezie­hung der bei­den, son­dern auch ihr Ver­hält­nis zu Nach­barn, Fami­lie und Freun­den, allen vor­an den Kol­le­gen im Theater.

Salesman von Asghar Farhadi

Das Thea­ter dient dem Film ger­ne als jen­sei­ti­ger Ort, wo die gän­gi­gen Mecha­nis­men der Welt aus­ge­setzt wer­den kön­nen. Ein Ort, an dem Zeit und Raum ver­schwim­men und sich Rea­li­täts­ebe­nen über­lap­pen. Auf der Büh­ne wer­den dann Sehn­süch­te und Träu­me zum Leben erweckt, der Film über­trägt dann die ihm durch die Mon­ta­ge ver­lie­he­ne Macht der Herr­schaft über Raum und Zeit auf das Thea­ter (die­se Macht, die den urei­ge­nen Qua­li­tä­ten des Thea­ters eigent­lich zuwi­der­läuft). In den gelun­ge­ne­ren Vari­an­ten die­ser Ein­ver­lei­bung wird das Thea­ter zu einem offe­nen Pro­jek­ti­ons­raum, der frei­lich nicht mehr all­zu viel mit dem zu tun hat, was das Thea­ter eigent­lich aus­macht: die Gewalt der phy­sisch anwe­sen­den Kör­per, die eph­eme­re Prä­senz der Stim­men und Ges­ten, die sich jedem Ver­such sie ein­zu­fan­gen wider­set­zen. Ger­ne grei­fen Fil­me auch auf bekann­te dra­ma­ti­sche Stof­fe als Stü­cke im Film zurück, die dann als mehr oder weni­ger plum­pe Kom­men­ta­re zur Film­hand­lung her­hal­ten sollen.

In Sales­man ist das Thea­ter zunächst ein sozia­ler Raum, in dem Men­schen inter­agie­ren, mal hin­ter den Kulis­sen, in der Mas­ke, beim Pro­ben, mal in der Auf­füh­rungs­si­tua­ti­on auf der Büh­ne. Weder ist das Stück von Arthur Mil­ler hier eine Para­bel der Film­hand­lung, noch drän­gen sich die Büh­nen­sze­nen als Orte meta­phy­si­scher Kon­tem­pla­ti­on auf. Am ehes­ten noch sind die Momen­te des Pro­bens und Spie­lens Dis­kurs­räu­me, in denen die Figu­ren jene Bezie­hun­gen unter­ein­an­der wei­ter­ver­tie­fen, die den Film als Gan­zes aus­ma­chen. Wenn Far­ha­di eines beim Thea­ter ent­lehnt, dann ist es eines der Gestal­tungs­mit­tel, dem man im Thea­ter für gewöhn­lich mehr Bedeu­tung zumisst, als im Film.

Salesman von Asghar Farhadi

Im Jar­gon der Thea­ter­wis­sen­schaf­ten bezeich­net man mit Pro­xe­mik die räum­li­che Anord­nung der Figu­ren auf der Büh­ne und die Bezie­hun­gen, die sich aus die­ser Anord­nung und ihrem Ver­hal­ten zuein­an­der able­sen las­sen. Grund­sätz­lich gilt das auch für den Film, durch die Mög­lich­keit des Per­spek­tiv­wech­sels inner­halb einer Sze­ne oder Sequenz, wird die Anord­nung der Figu­ren zuein­an­der aber oft der Anord­nung der Figu­ren zur Kame­ra, bzw. der Bewe­gung der Kame­ra im Raum unter­ge­ord­net. Es ist für mich eine der auf­fal­lends­ten Aspek­te im Werk Far­ha­dis, dass sei­ne Figu­ren­zeich­nung weni­ger durch Dia­lo­ge oder die Mimik und Ges­tik der ein­zel­nen Schau­spie­ler getra­gen wird, son­dern durch ihre räum­li­che Kon­stel­la­ti­on. Wäh­rend man im fil­mi­schen Dis­kurs „thea­tra­lisch“ oft leicht abwer­tend ver­wen­det, sind Far­ha­dis Fil­me thea­tra­lisch im bes­ten Sin­ne – sie machen sich Wir­kungs­prin­zi­pi­en zunut­ze, die man vom Spiel der Schau­spie­ler auf der Büh­ne kennt: die kam­mer­spiel­ar­ti­gen Innen­räu­me wer­den erfüllt vom Zurück­wei­chen und Vor­bre­schen der Akteu­re, dem Ver­rin­gern und Ver­grö­ßern von Distanzen.

Die­ser Stil steht im Ein­klang mit den Sujets von Far­ha­dis Fil­men. Klei­ne Ver­schie­bun­gen im Gleich­ge­wicht der Bezie­hun­gen füh­ren zu einem katak­lys­ti­schen Feu­er­sturm. In sei­nen bes­ten Fil­men, wie A Sepa­ra­ti­on oder Le pas­sé setzt sich die Ket­te von Ereig­nis­sen ohne erkenn­ba­ren Aus­lö­ser in Bewe­gung, son­dern ent­steht durch ein all­mäh­li­ches Anwach­sen eines Kon­flikts, der gar nicht so rich­tig datier­bar und mar­kier­bar scheint. In Sales­man ist das nicht der Fall, hier kommt die Hand­lung durch ein ein­deu­tig mar­kier­tes Schlüs­sel­er­eig­nis, die Eva­ku­ie­rung des Wohn­hau­ses, in Fahrt. Wäh­rend der Ein­stieg in den Film also nicht immer ohne eine kla­re Mar­kie­rung aus­kommt, lässt sich die kli­mak­ti­sche Kata­stro­phe (der zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen) in kei­nem von Far­ha­dis Fil­men auf einen fixen Punkt fest­ge­le­gen, son­dern dehnt sich in der Zeit. Die Kata­stro­phe ist hier ein Strom, der ein­fach wei­ter­fließt, womög­lich wird er irgend­wann ver­sie­gen, womög­lich ent­wi­ckelt er sich zum rei­ßen­den Sturz­bach. Kei­ner der bei­den Fäl­le ist abseh­bar, genau fest­ge­leg­te End­punk­te kom­men im Leben eben­so wenig vor, wie Auf­schlüs­se­lun­gen von Bezie­hun­gen und kla­re Ein­ord­nun­gen mensch­li­chen Cha­rak­ters – in die­ser Hin­sicht ist das Kino von Asghar Far­ha­di dem Publi­kum und der Welt gegen­über ehrlich.