Ausfallschritte in Der Fleck von Willy Hans

Sobald jun­ge Men­schen, gar Jugend­li­che, im Kino zu sehen sind, liegt der Wort­fin­dungs­tau­mel mit über­de­ter­mi­nier­ten Begrif­fen wie »Coming-of-Age«, oder alles »neu«, »anders« und »cool«, nicht fern. Wie im Kino, wo man sich eigent­lich danach sehnt, nichts tun und nichts sein zu müs­sen, lau­ert außen immer wie­der unum­wun­den die alt­vä­ter­li­che Fra­ge: »Was willst den denn mal wer­den?« Simon, der Prot­ago­nist in Wil­ly Hans’ Film Der Fleck, ant­wor­tet dar­auf, dass er Schau­spie­ler wer­den möch­te, ern­tet dafür aber nur ungläu­bi­ge Bli­cke von Marie. Sie ist ein Jahr älter als er und gera­de mit der Schu­le fer­tig. Bei­de tref­fen bei einem Bade­aus­flug eines Freun­des­krei­ses am Fluss auf­ein­an­der, wo der Film die meis­te Zeit spielt. 

Dabei legt der Film wenig Wert auf eine kon­ven­tio­nell-sta­ti­sche Kon­struk­ti­on sei­ner Räu­me, eher lässt er sich von den Gege­ben­hei­ten mit­rei­ßen. Zwar beginnt er an einer Schu­le, jedoch nur, um die­se so schnell wie mög­lich mit Simon, der sich vor der Sport­stun­de drückt, wie­der zu ver­las­sen. Statt­des­sen streift Simon gedan­ken­ver­lo­ren mit einer Plas­tik­fla­sche durch die Stra­ßen der Vor­stadt. Er beob­ach­tet ande­re sei­nes Alters aus der Fer­ne. Auf die Fra­ge eines Bekann­ten, mit zum Fluss kom­men zu wol­len, zögert er län­ger als not­wen­dig, wil­ligt dann aber ein, ohne ein Hand­tuch und eine Bade­ho­se mit­zu­neh­men. Viel­leicht möch­te man es Lethar­gie oder Ohn­macht nen­nen, es lie­ße sich aber dar­in auch eine gewis­se Unlust, eine bestimm­te Stur­heit ver­mu­ten, die es zu über­win­den gilt. Denn es könn­te ja auch gefähr­lich sein, am Fluss zu baden. Die meis­te Zeit wird aber sowie­so mit Rau­chen ver­bracht, eine rela­tiv beherrsch­ba­re Gefahr, über Nichts­sa­gen­des gespro­chen und ein Ball hin- und her­ge­wor­fen, bis die­ser auf ein­mal Simon trifft, womit sich nicht nur die unschul­di­ge Balan­ce sei­nes Gemüts, son­dern auch gleich die des Film­bil­des verliert.

In die­ser ner­vö­sen Unru­he, die an die­sem gedie­gen plät­schern­dem Ort ent­steht, fin­det der Film zahl­rei­che Betrach­tungs­ob­jek­te in Form von Syn­the­tik­din­gen, mit denen sich die Kame­ra zeit­wei­se beschäf­tigt. Dar­un­ter die Fla­sche, deren Was­ser­in­halt geleert und wie­der auf­ge­füllt wer­den will. Dann ein Vol­ley­ball, der den titel­ge­ben­den Blut­fleck auf Simons T‑Shirt ver­ur­sacht. Vie­le unter­schied­li­che Schu­he, man­che vom Tra­gen schon ziem­lich mit­ge­nom­men. Wei­ters Luft­ma­trat­zen und Hand­tü­cher, auf und unter denen getu­schelt wird. Selbst­ver­ständ­lich Klei­dung: Bade­an­zü­ge und Schwimm­ho­sen. Sowie aller­hand Unrat, der zwi­schen den Ufer­pflan­zen her­um­liegt, ange­schwemmt oder abge­stellt wur­de. Als Müll las­sen sich die Din­ge kaum bezeich­nen, denn sie erfül­len immer noch ihre Funk­ti­on, wie auf dem abge­wetz­ten Sofa als Sitz­ge­le­gen­heit oder das Radio, das auf wun­der­sa­me Wei­se lei­ern­de Töne einer Pur­cell-Kas­set­te abspielt. Mar­ken­be­zeich­nun­gen, wie auch Coming-of-Age eines ist, wur­den hier abge­spült, her­un­ter­ge­ris­sen, oder sie sind schlicht nicht mehr auf­zu­fin­den. Die Din­ge wir­ken deplat­ziert – zwi­schen Ufer­find­lin­gen sogar ein alter Kühl­schrank, und dann ein Geburts­tag, bei dem lau­ter Kin­der als Robo­ter ver­klei­det am Fluss ent­lang tanzen.

Was ver­wir­rend klin­gen mag, ent­fal­tet in Der Fleck ein irri­tie­ren­de Absto­ßungs- und Anzie­hungs­kraft, die weni­ger durch die Hand­lung als durch die Kame­ra­ar­beit her­vor­ge­bracht wird. Es han­delt sich dabei nicht unbe­dingt um die Sog­wir­kung der ste­hen­den Ein­stel­lun­gen mit ihren sub­ti­len Zooms. Eher sind es Aus­fall­schrit­te, die die Kame­ra ent­ge­gen bestimm­ter Film­kon­ven­tio­nen begeht. So als wür­de bei der Betrach­tung der genann­ten Objek­te und visu­el­len Rei­ze ein Schwer­punkt die Kame­ra­mit­te ver­las­sen, der durch eine aus­glei­chen­de, manch­mal tau­meln­de Bewe­gung wie­der her­ge­stellt wer­den muss. Man sieht ein nahe­zu phy­si­sches Kino, das die Gren­zen der Natur­ge­set­ze aus­reizt, die­se aber nicht über­tre­ten kann. In die­ser Hin­sicht ver­lie­ren sich die Betrach­tun­gen aber sel­ten im natur­schö­nen Detail, viel­mehr ver­su­chen sie, einer unsicht­ba­ren Bewe­gung zu fol­gen. Ein­stel­lun­gen von bewach­se­nen Stei­nen ver­wan­deln sich in schwe­ben­de Fahr­ten, als wür­de sie eine Hand im Vor­bei­stap­fen strei­fen. Die­se Bil­der erzeu­gen dabei weder Räu­me noch Land­schaf­ten, höchs­tens Flä­chen oder Fle­cken, die dadurch ent­ste­hen, indem sich Men­schen an ihnen auf­hal­ten und sie berühren.

Der Pro­duk­ti­ons­zu­sam­men­schluss SPENGEMANN EICHBERG GOLDKAMP HANS um den Regis­seur Wil­ly Hans und den Kame­ra­mann Paul Spen­ge­mann des Films gibt pro­gram­ma­tisch in die­sem Sin­ne an, dar­über nach­den­ken zu wol­len, ob und wie Emo­tio­nen ein »for­mal pro­gres­si­ves Kino« prä­gen kön­nen. Statt sich von Gefüh­len lei­ten zu las­sen, kom­men in Der Fleck so aber eher Beschrei­bungs­ver­su­che des­sen zur Gel­tung, was leicht­fer­tig als unbe­schreib­lich (schön) eti­ket­tiert wer­den könn­te, sei es aus Kom­ple­xi­tät, Ver­wir­rung oder Über­rum­pe­lung. Auf bezeich­nen­de Wei­se wie­der­ho­len die ver­wisch­ten Foto­gra­fien, die Simon und Marie von sich selbst mit einem iPho­ne machen, die­se Abbil­dungs­her­aus­for­de­rung: Zwar rei­chen die eige­nen Bil­der nie an das Gese­he­ne bezie­hungs­wei­se Gefühl­te her­an, jedoch las­sen sie durch die Anwe­sen­heit der Kame­ra zumin­dest die Bewe­gung des Moments erahnen.

Auf die­se klei­nen visu­el­len Aus­fall­schrit­te oder Aus­brü­chen, die Der Fleck so osten­ta­tiv wie flow­ar­tig unter­nimmt, folgt plötz­lich eine Über­schwem­mung des Fluss­betts. Bil­der, die unwei­ger­lich an die zahl­lo­sen Ereig­nis­se der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit erin­nern und zudem erah­nen las­sen, wie der Kühl­schrank sei­nen Platz im Film fand. Sowohl die Bil­der als auch die Zuschau­er wer­den hier mit­ge­ris­sen, bis in der Strö­mung des Was­sers nur noch ein Rau­schen zu erken­nen ist. Unge­wiss, ob Traum, Erin­ne­rung oder etwas ganz ande­res, sieht man dann einen Kin­der­ge­burts­tag als ein fremd­ar­tig-fried­li­ches Inter­mez­zo, der den Schluss bereits vor­weg­nimmt. So wie sich vie­les im Film dop­pelt. Wenig spä­ter befin­den sich Marie und Simon wie­der auf dem Rück­weg ihres Aus­flugs weg von den Freun­den und der Film endet bei einem leuch­ten­den Park­platz­ra­ve mit anschlie­ßen­der Heim­fahrt in der Dämmerung.

So unge­wöhn­lich wie Wil­ly Hans’ Film sei­ne Räu­me kon­stru­iert, scheint er auch mit der Zeit umzu­ge­hen. Ein nahe­lie­gen­der Gedan­ke wäre, dass er die fil­mi­schen Dimen­sio­nen von Raum und Zeit ein­fach dem Fluss und sei­ner Eigen­ge­schwin­dig­keit über­lässt, denn das wür­de es bedeu­ten, wol­le man den Film als ein rein natür­li­ches oder phy­si­schen Kino bezeich­nen. Mög­lich wäre jedoch auch, dass der Film ledig­lich sei­ne Eigen­be­we­gung beim Blick in den Fluss wie­der­erken­nen will, so wie es schon eini­ge eigen­sin­ni­ge Fluss­fil­me vor ihm ahn­ten. Eini­ges wehrt sich hier aber vehe­ment gegen sinn­stif­ten­de Ver­ein­nah­mun­gen. Das Jung­sein lehrt, gegen die Gefahr in den Fluss zu stür­zen, hel­fen nur Ausfallschritte.