Duisburger Filmwoche 2022: 5 Dreamers and a Horse von Vahagn Khachtryan

Träu­me. Wer­den sie in Erfül­lung gehen oder zer­fal­len? Wäh­rend sich ein jun­ger Mann in einer abge­schie­de­nen Gegend Arme­ni­ens nach einer Part­ne­rin sehnt, kämp­fen am ande­ren Ende des Lan­des zwei jun­ge Frau­en für eine gen­der­ge­rech­te Zukunft. Die Fahr­stuhl­füh­re­rin hin­ge­gen träumt von den Sternen.

Der Beginn des Fil­mes 5 DREAMERS AND A HORSE scheint Mischa Hedin­ger auch pas­send als Ein­lei­tung für das Gespräch mit dem Fil­me­ma­cher Vahagn Khach­try­an und dem Edi­tor Feder­i­co Del­pe­ro Bejar zu sein. Der Rei­ter, der mit sei­nem Pferd durch die wei­ße Wei­te galop­piert, erscheint wie ein Traum. Doch plötz­lich fällt das Pferd und wir erwa­chen. Es ist ein Film über Träu­me, aber auch über die Rea­li­tä­ten unter­schied­li­cher Gene­ra­tio­nen, der Gesell­schaft Arme­ni­ens, in der Frau­en noch immer für die Ehe gekid­nappt wer­den kön­nen. Es ist kein Frie­den für die LGBTQ+-Community in Sicht. Hedin­ger erkennt unter­schied­li­che Vor­stel­lun­gen der Träu­men­den, sowie des Regis­seurs und der Zukunft, aber auch das Gefühl der Stagnation.

Die Fra­ge, wie viel Fik­ti­ves in dem Doku­men­tar­film steckt, kann auch Khach­try­an nicht beant­wor­ten. Er selbst arbei­tet mit Men­schen, um ihren Wirk­lich­kei­ten einen Raum zu geben. Die dar­stel­len­den Per­so­nen wur­den im Lau­fe des Fil­mes selbst zu Regisseur:innen. Wie viel Fik­ti­on also im Kaf­fee­satz­le­sen der alten Dame oder im Kar­ten­spiel der Mäd­chen ist, muss das Publi­kum sich selbst beantworten.

Das Kon­zept des Films scheint sehr natür­lich ent­stan­den zu sein. Sei­ne Arbeit begann vor eini­gen Jah­ren mit sei­nem Nef­fen, der damals unbe­dingt ein Pferd haben woll­te, das sich die Fami­lie aber nicht leis­ten konn­te. Als Khach­try­an eini­ge Jah­re spä­ter nach Arme­ni­en wie­der­kehr­te, hat­te sein Nef­fe zwar ein Pferd, aber woll­te nun eine Frau. Im sel­ben Jahr, 2017, traf er den Co-Regis­seur Aren Malak­yan. Sie fin­gen an, über die Träu­me ver­schie­de­ner Gene­ra­tio­nen zu spre­chen und such­ten nach Cha­rak­te­ren, die nach den Träu­men ihrer Kind­heit streb­ten, erklärt Khach­try­an nach einer Publikumsfrage.

Der fil­mi­sche Pro­zess scheint, genau wie das Kon­zept, einen orga­ni­schen Vor­gang zu haben. Khach­try­an ist nicht nur Regis­seur, son­dern auch Kame­ra­mann und Freund – es war eine Ent­wick­lung in jeder Hin­sicht. Das Gefühl soll­te stim­men und so ent­stand auch ein Gefühl für die ver­schie­de­nen Kame­ra-Posi­tio­nen, Bewe­gun­gen und Charaktere.

Wie kam es aber dazu, dass man nur drei anstel­le der fünf Per­so­nen, wie im Film­ti­tel beschrie­ben, zu sehen bekom­men hat? Feder­i­co Del­pe­ro Bejar erklärt, dass es schwie­rig war, alle Geschich­ten auf eine natür­li­che Art und Wei­se zu ver­bin­den. Sie sei­en alle inter­es­sant, aber am Ende sei eben ein Fluss aus dem Schwe­ben, Aus­hal­ten und Bewe­gen ent­stan­den, wel­cher die Gene­ra­tio­nen und Per­so­nen auf natür­li­che Wei­se ver­bin­de. Der Rei­ter bei­spiels­wei­se soll­te die Dar­stel­lung von Tra­di­ti­on wie­der­ge­ben und das Gefühl der Wei­te erwe­cken. Die Frau im Auf­zug hin­ge­gen sei ein­ge­sperrt und iso­liert, wes­we­gen sie nach Wei­te stre­be, ergänzt der Regisseur.

Hedin­ger wun­dert sich, war­um am Ende die Häu­ser, frem­de Men­schen, Explo­sio­nen und die gro­ße Demons­tra­ti­on mit tau­sen­den von Men­schen gezeigt wer­den. Khach­try­an ent­puppt sich selbst als einer der Träu­men­den, des­sen Wün­sche eben 2020 durch den Krieg gestor­ben sind.

Durch die Explo­sio­nen und die Dar­stel­lung der Mas­sen­de­mons­tra­ti­on stellt sich das Publi­kum auch die Fra­ge, wie der Film in Arme­ni­en selbst ange­kom­men ist und ob die­ser über­haupt gezeigt wer­den durf­te. Der Film wur­de in Arme­ni­en staat­lich geför­dert und dort schon zwei­mal gezeigt. Bei der Pre­miè­re selbst wären auch die Darsteller:innen, zum Teil mit Frau und Kind, gekom­men. Man­che Träu­me erfül­len sich, wäh­rend ande­re ster­ben. Khach­try­an gesteht, dass er Angst vor der inter­na­tio­na­len Reak­ti­on hat­te, aber irgend­wie habe jede:r den Film am Ende gefühlt und ver­stan­den. Der Traum ist am Ende also auch das Träu­men selbst. Doch Träu­me schei­nen sich vor allem dann zu erfül­len, wenn man auf dem Weg dort­hin nicht allein ist.

Von Fabia Suhl