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„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Duisburger Filmwoche 2022: EIGENTLICH EIGENTLICH JANUAR von Jan Peters

Wenn ein Monat zu drei­en wird. Drei Minu­ten, manch­mal zu fünf. Und All­tag plötz­lich zum Film. Wie in einem Video­ta­ge­buch ver­sucht der Fil­me­ma­cher Jan Peters sei­nen per­sön lichen Janu­ar ana­log auf Super-8-Film ein­zu­fan­gen. Eine Struk­tur, die bedarf, gebro­chen zu wer­den. So fügen sich am Ende zwar 31 Film­aus­schnit­te zusam­men, jedoch ent­ste­hen die­se weit über den bedach­ten Monat hin­aus. Wesent­lich ist das aber nicht, denn Blick und Lin­se lie­gen hier­bei genau auf dem ver­meint­lich Unwesentlichen.


Ein Film bestehend aus vie­len klei­nen Fil­men. Jan Peters nimmt uns mit auf eine Rei­se durch klei­ne All­tags­mo­men­te, die sich in ihrer Mischung aus Tri­via­li­tät und Beson­der­heit zu einem bun­ten Mosa­ik zusam­men­fü­gen. Nach sei­nen zwei Pro­jek­ten NOVEMBER, 1–30 und DEZEMBER, 1–31 war es für den Fil­me­ma­cher an der Zeit, erneut den Ver­such zu star­ten, einen Monat lang, jeden Tag eine drei­mi­nü­ti­ge Film­rol­le, wie ein Tage­buch mit Erin­ne­run­gen zu füllen.

Der Name ist Pro­gramm. Denn Peters „eigent­li­cher Janu­ar!“ wird erst durch wei­te­re Auf­nah­men der Mona­te Febru­ar und März zum letzt­lich doku­men­tier­ten Janu­ar. Anspie­lend auf genau die­ses Prin­zip der Zeit­lich­keit eröff­net der Mode­ra­tor das Gespräch mit der Fra­ge nach dem Regel­bruch inner­halb der geplan­ten Chro­no­lo­gie. Sehr unkom­pli­ziert und offen gibt der Fil­me­ma­cher zu, dass er es sowohl bei die­sem als auch bei sei­nen zwei Vor­gän­ger-Fil­men ein­fach nicht geschafft habe, täg­lich zu fil­men und sich der Dreh des­halb über einen län­ge­ren Zeit­raum erstre­cken muss­te. Eine authen­ti­sche Ant­wort, die im Publi­kum für Sym­pa­thie­punk­te sorgt, von denen Peters bereits eini­ge mit sei­ner im Film zur Schau gestell­ten und unend­lich wach­sen­den To-do-Lis­te sam­meln konn­te. Auf die Fra­ge, war­um er es denn trotz­dem immer wie­der ver­su­chen wür­de, die­ses For­mat erneut auf­zu­grei­fen, ant­wor­te­te Peters ziem­lich schlag­fer­tig mit dem Zitat „a pic­tu­re a day keeps the doc­tor away”. Bezüg­lich sei­nes Spiels mit den 31 Film­rol­len, die mit­ten im flüs­tern­den Voice-Over abbre­chen, erklärt er sei­ne Struk­tur in genau­so simp­ler Manier: „Ich habe 31 ver­schie­de­ne Rol­len und die füge ich am Ende ein­fach zusammen”. 

Wenn man jedoch sei­nen 100-minü­ti­gen Film anschaut, wird einem schnell bewusst, dass sich der Fil­me­ma­cher an die­ser Stel­le durch­aus zu beschei­den gibt. Denn obwohl die ein­ge­fan­gen Momen­te rela­tiv will­kür­lich erschei­nen, steckt lan­ge Arbeit hin­ter den künst­le­ri­schen Auf­nah­men und ihrem Pro­zess der Entwicklung.

Ein simp­les Regel­werk bil­det den Rah­men des Fil­mes, wel­cher sei­ne Dyna­mik aber dadurch behält, dass die eigens auf­er­leg­ten Regeln an vie­len Stel­len bewusst gebro­chen wer­den und Sequen­zen mal län­ger, mal kür­zer andau­ern. Der Mode­ra­tor erkennt die The­ma­tik von ana­lo­gen Fotos als mög­li­chen roten Faden des Fil­mes. Wir sehen Bil­der über Bil­der. Dar­un­ter sind hei­mat­lo­se und frem­de Fotos, gefun­den auf der Stra­ße nach Neu­jahr, wie auch inti­me Auf­nah­men aus dem eige­nen Familienalbum.

Wäh­rend des Gesprächs erhält Peters eini­ges an posi­ti­ver Reso­nanz. Doch äußer­ten sich auch ein paar Stim­men, die auf eine gewis­se Über­for­de­rung durch Reiz­über­flu­tung auf­merk­sam mach­ten, wel­che sich durch die schnell wech­seln­den Auf­nah­men in Kom­bi­na­ti­on mit der gestei­ger­ten Sprech­ge­schwin­dig­keit des Voice-Overs ent­stand. Dem­nach fühl­ten sich man­che aus dem Publi­kum ent­we­der hell­wach oder ziem­lich ermü­det nach dem Film. Aller­dings emp­fin­det Peters bei­de Reak­tio­nen als völ­lig legi­tim. Denn genau die­se Ein­heit­lich­keit der Struk­tur mit den unein­heit­li­chen Auf­nah­men erlau­be es einem inner­halb der drei Minu­ten auch mal „abzu­drif­ten!”, um sich dann in einem neu­en Janu­ar­tag wie­der­zu­fin­den. Die Über­for­de­rung des Tex­tes und der Bil­der­flut wür­de zudem nur noch mehr dazu ein­la­den, den Film ein zwei­tes oder sogar drit­tes Mal zu sehen, wie eine Stim­me aus dem Publi­kum fest­stellt und somit das beklatsch­te Schluss­wort bildet.

Von Sina Wohnhaas