Notizen zu Peter Nestler: Bergshantering/Järnhantering. Del 1-3

Text: Malin Wahlberg (aus dem Englischen von Patrick Holzapfel)

Bergshantering/Järnhantering ist ein auf schwarz-weißem 16-mm-Material gedrehter Lehrfilm. Er erinnert an die Geschichte der Eisenerzproduktion vor und während der Industrialisierung in Schweden und kontextualisiert diese sorgfältig. Die in drei je dreißig Minuten lange Episoden unterteilte Arbeit wurde fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen produziert, im Rahmen einer Serie für Schulkinder und Familien. Der gewissenhaft recherchierte Text wurde vom Tomas Bolme, einem Schauspieler, in einem dem Kinder-und Jugendprogramm von TV2 angepassten Stil eingesprochen. Vor diesem Projekt stellten Peter und Zsóka Nestler zwei ähnliche Filme fertig, die sich mit der Produktionsgeschichte und den handwerklichen Traditionen der Glas- und Papierindustrien befassten: Hur gör man glas? (TV2, ausgestrahlt am 31. März 1970 von 18.30 bis 18.55 Uhr) und Om papprets historia (I-II) (TV2, ausgestrahlt am 29. April 1973 und am 6. Mai 1973 von 17.00 bis 17.25 Uhr).

Der erste Teil von Bergshantering/Järnhantering wurde am 23. November gezeigt und in aller Kürze mit „Eisen“ beworben. (TV2, ausgestrahlt am 23. November von 18.00 bis 18.30 Uhr). Der zweite und der dritte Teil wurden später im gleichen Jahr ausgestrahlt (TV2, Teil 2 ausgestrahlt am 30. November, Teil 3 ausgestrahlt am 07. Dezember von 18:00 bis 18:30 Uhr), wobei die Sendung 1976 und 1979 wiederholt wurde. Bei Bergshantering/ Järnhantering verantwortete Zsóka Nestler zu gleichen Teilen die thematischen und historischen Stränge jeder Episode und sorgte für den Direktton, der sich mit Peter Nestlers Kamera- und Schnittarbeit ergänzt: Statt hinzugefügter Musik hört man Steine, Wasser und den Lärm der Industrie. Peter Nestlers umsichtiger Arbeitsweise mit der Kamera führt hier zu inszenierten – und oftmals visuell mitreißenden – Illustrationen und Demonstrationen der Arbeitsmethoden, Werkzeuge und der Organisation von Arbeit im Laufe der Industriegeschichte Schwedens. Eindrückliche Bilder zeigen sowohl manuelle als auch industrielle Prozesse des Bergbaus, die Sortierung und Verarbeitung des Eisenerzes wird mit Archivbildern industrieller Prozesse zusammengeführt. Der Erzähler erläutert mit pädagogischem Ton die Materialität von Objekten, später werden die Zielvorgaben von Industrie und transnationalen Geschäftsmodellen angesprochen werden. An diese präzisen Beobachtungen fügen sich die poetischen Umdeutungen von Georgius Agricolas Holzschnittillustrationen seines Buchs De re metallica aus dem Jahr 1556, die spektakuläre Beispiele der Repräsentation industrieller Prozesse vor dem Zeitalter der Fotografie geben. Mit den Nahaufnahmen alltäglicher Details in farblos dargestellten Aquarellen von Hans Holbein der Jüngere setzt sich der Film in eine Reihe wiederholt ausgestrahlter Nachkriegskunst-Dokumentationen des frühen schwedischen Fernsehens.

Die erste Episode behandelt vorindustrielle Arbeitsmethoden wie das Ausgraben des Eisenerzes oder das Aushärten des Metalls mit Hilfe vonr Öfen, die das Mineral „rösten“ und härten. Zu Beginn des Films sieht man einige Archivbilder aus ethnografischen Filmen, die ursprünglich irgendwo in Afrika gefilmt wurden und indigene Arbeiter zeigen, die das Eisenerz für die Kolonialherren vorbereiten. Die Erzählstimme erfasst die dargestellte Arbeit, aber klärt das junge Publikum gleichzeitig über die gewaltvolle Ausbeutung der Bodenstoffen und Arbeitskräfte von europäischen Besatzern über den ganzen afrikanischen Kontinent auf. So bietet der Film eine historische und reich bebilderte Studie der menschlichen Verarbeitung von Mineralien über einhundert Jahre, die auch von der Gründung der ersten Eisenzerzbergbaubetriebe im schwedischen Dalarna erzählt. In einem zentralen Abschnitt des Films demonstriert der Landwirt Karl Fider an einer besonderen Stelle in Älvdalen, wie man nach Eisenerz sucht: „Wie sein Großvater und der Vater seines Großvaters benutzt er einen manuellen Bohrer, um im Moor zu suchen, das ihm gehört.“ Eine weitere fesselnde Sequenz widmet sich Birger Larsson, der jeden Schritt eines Vorgangs beschreibt, bei dem Eisenerz aus Eimern in speziell hergestellte Öfen verteilt wird, um das Material auf die richtige Temperatur zu „rösten“. Das Sorgetragen für Handarbeit und den Umgang mit Erde und Mineralien wird zudem durch den perfekten Tonschnitt betont: Zusätzlich zu den umfassenden Voice-Over-Erläuterungen dessen, was wir sehen, fügen die akustischen Details der Arbeit sinnliche Eindrücke hinzu, etwa wenn Hände in der Erde tasten oder bestimmte Werkzeuge verwendet werden, um die natürlichen Elemente zu kontrollieren und umzuwandeln. Handarbeit und die eindrucksvollen Holzkonstrukte wie der rekonstruierte und neugebaute Hochofen, dienen als visuelle Leitmotive dieser ersten Episode und stehen im krassen Gegensatz zur zeitgenössischen, von Maschinen kontrollierten Industrie in der dritten Episode.

Ein atemberaubender Abschnitt der zweiten Episode, der der Übergangszeit vor dem Ersten Weltkrieg von vorindustriellen zu industriellen Verarbeitungsmethoden gewidmet ist, beleuchtet den wachsenden Export von schwedischem Eisen in die Kriegsfabriken verschiedene Regionen Europas, nicht zuletzt jene Deutschlands. Dabei wird die prekäre Lage der Arbeiter kritisch betrachtet. Während wir Bilder früher Bergbautechniken und dramatische Szenen von Bergleuten sehen, die in die Tiefen des Bergs gesendet werden, hält sich die Erzählstimme nicht mit Ausführungen über das ursächliche Machtgefüge und die Geschäftsinteressen, die Leben und Gesundheit der Arbeiter aufs Spiel setzen, zurück. So wird beispielsweise von den tödlichen Risiken der Minenunfälle oder der Bedrohung durch giftige Gase berichtet, außerdem von der sukzessiven Zerstörung der Lunge vieler Arbeiter durch das unvermeidliche Einatmen von Staubpartikeln in den erstickenden Tiefen der Minen.

Der Abspann jedes Films, den die Nestler für öffentliche Ausstrahlungen herstellten, beginnt mit weißen Buchstaben auf schwarzem Grund: „Ein Film von Peter und Zsóka Nestler“ – dieses Detail findet Widerhall in den standardisierten Titelsequenzen von Auteur-Filmen zur besten Sendezeit in der frühen Fernsehgeschichte Schwedens. Als Peter Nestler ab 1966 als freier Filmemacher in Schweden arbeitete, geschah dies im Kontext der Filmavdelningen (der Abteilung für Radio und Film). Diese vergleichsweise unabhängige Filmabteilung von Radiotjänst (das schwedische Radiounternehmen) unter redaktioneller Leitung von Lennart Ehrenborg, bot eine großzügige Umgebung für junge Filmschaffende, die mit 16 mm arbeiteten. Die Filmabteilung war für die Produktion von Fernsehfilmen und Studioprogrammen zuständig, von denen sich auffällig viele mit visueller Kunst beschäftigten. Kunst wurde dort nicht auf Malerei, Grafik, Skulptur oder Architektur beschränkt, sondern umfasste auch Fotografie, den Experimentalfilm, Sendungen zur Filmgeschichte und zum Amateurfilmschaffen.

Zum Jahreswechsel 1969/1970 wurde die Abteilung aufgrund einer Umstrukturierung im Schwedischen Fernsehen geschlossen, die das Entstehen eines zweiten Kanals umfasste. Diese Gründung markierte von Anfang an einen radikalen Wandel in der schwedischen Fernsehgeschichte, denn eine neue Generation von Produzenten und Journalisten erhielten die Möglichkeit, ihre offene Vorliebe für sozialpolitisch motivierte Programme, ein politisch links gerichtetes, kritisches Engagement sowie pädagogische Ideen in die Wohnzimmer des schwedischen Publikums zu bringen, dazu gehörten Ansätze einer Kultur der Solidarität oder Spielweisen des modernen Theaters, die auch vor tiefen Analysen der Kolonialgeschichte und politischen Gegenwart Schwedens und der Welt nicht Halt machten. Es ist traurig und kaum nachvollziehbar, dass die künstlerischen Ambitionen und gewählten Themen von Peter und Zsóka Nestler auf weniger Verständnis in dieser neuen Organisation trafen, wie er berichtet.

Bergshantering/Järnhantering (I-III) ragt heraus als einzigartiger Beitrag in der Geschichte des schwedischen Erziehungsfernsehens. Obwohl der Film den Konventionen der Kinderprogramme entsprechen musste, verbindet er die Traditionen von Dokumentarfilm und Avantgarde. In diesem Sinne steht der Film auch in einer Reihe von industriellen Produktionen, die sich kritisch mit Arbeit im Kapitalismus befassen. Die Beleuchtung der Geschichte und der kulturellen Erinnerung an Arbeit im Kontext eines Kinderprogramms würde den Anspruch jedes durchschnittlichen Schullehrers heute übersteigen. Bergshantering/Järnhantering zeigt Zusammenhänge von Arbeitsprozessen auf, hinterfragt die Motive hinter dieser Arbeit sowohl in Schweden als auch transnational, der Film fragt, wer die Kontrolle hat, warum und was die Konsequenzen sind.