K. führt mich durch Inman Square, ein paar Blocks die Cambridge Street entlang, vorbei an einigen Bars mit gut gefüllten Tischen. Ich blinzle durch die angelaufenen Scheiben, aber K. scheint sowieso einen anderen Ort anzuvisieren. Es nieselt wieder, obwohl hier meistens die Sonne scheint. Wir biegen zielstrebig in eine kleinere Straße ein, wo K. kurz vor einer holzvertäfelten, strahlend blauen Fassade stehen bleibt und mich erwartungsvoll anschaut. Er zeigt mit dem Finger nach oben: «Tall Order». K. weiß, dass ich viele Filme schaue und scheint davon auszugehen, dass ich ein fotografisches Gedächtnis habe. Die Bar kommt in The Social Network vor, erinnert er mich und ich mich dunkel, eigentlich gar nicht. Es ist die erste Szene, recherchiere ich am nächsten Tag, die, in der Mark Zuckerbergs Freundin mit ihm Schluss macht – die Initialzündung dafür, dass wir uns die Welt ohne Soziale Medien nicht mehr vorstellen können. Der gekränkte Techbro erobert die Welt. Auf YouTube sehe ich mir den Ausschnitt an: es ist kaum etwas zu erkennen, lediglich ein düsterer, schummriger Raum, der sich überall befinden könnte. Ich verspüre die Lust zu googeln, welche Filme in Boston spielen und dort auch gedreht wurden und finde eine ganze Seminar-Serie der Massachusetts Historical Society zu Boston im Film. «Boston is a small city, but plays a large role in the American consciousness. Many of these films depict a white, working class, Irish Catholic community that is often rocked by violence or crime. However, Boston today has the third highest cost of living in the US and is the epicenter of biotechnology and venture capital.» Good Will Hunting, Spotlight, The Holdovers, The Departed, The Paper Chase, Now, Voyager, Legally Blonde. Legally Blonde – erst vor ein paar Tagen, am 4. November, hatte Reese Witherspoon in ihrer Funktion als Unternehmerin einen Auftritt an der Harvard Business School, den B. und ich schmerzerfüllt verpasst haben. Bis auf ein paar establishing shots wurde die Story um Elle Woods’ Harvard-Studium aber gar nicht hier, sondern in Los Angeles gedreht, lese ich nach.
Am 4. November besuchten wir also weder Reese und – trotz Anlass zum Feiern – auch keine Wahlparty, sondern wieder das Kino bei uns um die Ecke. Im Vorlauf eines geplanten Streiks veranstalten die Starbucks Workers United Massachusetts ein Kurzfilmscreening. Der 30-Minüter Partners: How Starbucks Baristas Started a Labor Revolution dokumentiert, dass Gen Z auch Revolte kann, weiß, was Unions sind und sich gegen Konzerne auflehnen kann. Eine Starbucks-Niederlassung in Buffalo machte 2021 den Anfang, bis heute haben sich rund 500 weitere Filialen angeschlossen, um sich gewerkschaftlich zu organisieren. Der Film zeigt vor allem Smartphone-Aufnahmen und Interviews sowie Passagen kombiniert mit motivierender Musik. Nur wenige Leute sitzen in den hintersten Reihen im mittelgroßen Saal des Somerville Theatre, eine Vertreterin der Union versucht das Gespräch zwischen uns zu starten, doch ihre Versuche bleiben die ganze Zeit über holprig. Bis ein paar andere Kaffeebetreiber sich melden, manche aus dem Publikum kennen sich vom Sehen und man bekommt den Eindruck, dass das schnell passiert, wenn man sich in Boston in derselben Bubble herumtreibt. Einige von ihnen gehören zur Circus Coöperative Café, gleich um die Ecke vom Harvard-Campus. Nachdem die Betreiber des Kaffees, für das sie zuvor gearbeitet hatten als Reaktion auf ihre Gründung einer Gewerkschaft, den Betrieb schlossen, formten die Angestellten eine Kooperative. Kein Grund zum Streik mehr, im Gegensatz zu den Starbucks-Angestellten, die eine große Aktion für die kommende Woche planen. Sie erklären uns, dass sie innerhalb von zwei Tagen ihren Job los sein können, eine längere vertragliche Kündigungsfrist muss erst erstreikt werden.
Bei K. ist es nur ein Tag. Mitte der Woche kündigen einige seiner Kolleg*innen von einem Tag auf den anderen, für ihn sind Überstunden in Sicht. Trotzdem mag er seinen Job, und: was bleibe ihm anderes übrig. Nicht jede*r könne eine Union formen, verteidigt er sich, als ich ihm von der Starbucks-Aktion erzähle und wieder mal Europa-USA-Vergleiche anstelle. K. beschwert sich über die Arroganz der Europäer*innen und meint dabei wahrscheinlich mich, als ich auch noch Amerikas Heldennarrative kritisiere und er als Antwort darauf ironisch seine eigene Gehirnwäsche benennt. Das Verhältnis ist angespannt. Zwischen den Mächtigen der Welt, aber nicht zwischen uns, die wir uns doch in vielem einig sind.
Ich besuche The Arthur and Elizabeth Schlesinger Library on the History of Women in America, um mir eine Sammlung anzuschauen. Wie die meisten Gebäude um den Campus herum strahlen mir auf dem Weg entlang des gut gepflegten Rasens die rot-bräunlichen Ziegel der umliegenden Fassaden entgegen. Ein paar Treppen mit elegant aber bodenständig geschwungenem Geländer führen zur Eingangstür. Bevor man seine im Online-Katalog reservierten Materialien im Lesesaal im zweiten Stock, der im ersten liegt, einsehen kann, registriert man sich direkt nach dem Eintreten in das Gebäude. Das hat zur Folge, dass jede Person, mit der ich anschließend zu tun habe, meinen Namen und meine Bestellung kennt. Meine Angaben gehen durch mehrere Hände und Server, bevor die Dokumente physisch vor mir landen. Ich besuche die Bibliothek mehrere Tage hintereinander und gehe alle paar Stunden an die frische Luft, um der November-Klimaanlage zu entkommen, und jedes zweite Mal sitzt eine andere Person hinterm Empfangstresen. Eine von ihnen sehe ich aber am öftesten, sie grüßt immer so, als würde sie sich wirklich freuen mich zu sehen, was mich ebenso überschwänglich werden lässt. Als ich an einem Tag einem neuen Gesicht morgens meinen Ausweis zeige, fragt sie begeistert, ob ich aus Wien sei. Sie würde gerne einen Reise dorthin machen, um den Gemeindebau kennenzulernen, social housing ist ihr Studium und ihr Antriebsmotor, den sie in ihrer von Bränden teilzerstörten Heimatstadt L.A. etablieren möchte. Die Welt verändern. Auf Deutsch sprechen wir über den Karl-Marx-Hof, bevor ich mich mit motivierenden Worten verabschiede.
Oben im Lesesaal sehe ich mir Dokumente aus dem Nachlass der in Wien aufgewachsenen und in Wisconsin verstorbenen Historikerin und Autorin Gerda Lerner an. Ich lerne sie dabei immer besser kennen. Persönliche und berufliche Korrespondenzen, sehnsüchtige, emotionale und sachlich-professionelle Texte lassen sie zu mehreren Personen in einer werden, jede erfüllte Rolle ein wenig anders in Tonfall und Schreibstil. Manche ihrer Briefe werden monatelang nicht beantwortet, mit anderen, eigenen wartet sie die gewünschte Antwort nicht immer ab und schickt mehrere hintereinander weg. Am Ende steht: «ich muss los», «ich bin müde», «die Kinder», «muss zum Yoga», «nächstes Mal mehr» oder «nicht lesbar, entschuldige meine Handschrift». Die Briefe in ihren jüngeren Jahren, in den 1940ern sprühen mehr Feuer als später in den 1970ern, bis zu dem Zeitpunkt, als E‑Mails den Briefwechsel zu ersetzen beginnen und nur noch vereinzelt als Ausdrucke in den Mappen herumgeistern. Lange davor noch: Dokumente einer Reise in die alte Heimat Europa im Jahr 1948, jeden Tag über mehrere Monate mindestens ein Brief in die neue Heimat aus der alten Welt. Die Welt ist zehn Jahre nach ihrer Flucht nicht mehr dieselbe. Nur deren Rivalen bleiben, hier und dort hört Lerner verschiedene Meinungen zur Sowjetunion und zum Kommunismus. Seiten um Seiten eines vergangenen Lebens. Ich suche nach mehr als nach dem, was ich finde, ohne noch zu wissen, was es ist.
Nachdem ich den Großteil eines sonnigen Wochenend-Herbsttages drinnen verbracht habe, um mir den Kopf zu zerbrechen, mache ich mich mit B. auf zu Wally’s Jazzclub – der einzige in Boston, meint K. am nächsten Tag und ich glaube ihm nicht – der sich eine Viertelstunde nach seiner Öffnung prall füllt. Wir ergattern noch einen Platz an der Bar, direkt vor der einzigen Person, die hier den Abend über alles im Griff hat. Der Mann mit Hoodie, cooler Attitude und lautem Stimmorgan fragt uns nach unseren Ausweisen und wir lächeln erfreut. Erst um kurz darauf festzustellen, dass alle Neuankömmlinge, ob Jahrgang 2004 oder 1944, ihre Identität vorweisen müssen. Wir sehen die Musiker kaum, links und rechts drängen sich pausenlos Leute an uns vorbei, um zum Barkeeper zu gelangen. Wir steigern unser Ansehen, als wir grinsend mit seinem Kopfschütteln übereinstimmen. Jemand hatte nach seiner Bierbestellung nach einem Glas gefragt. Ich bin so abgelenkt von seinen schnellen Handgriffen und fasziniert von den Ketchup- und Daiquiri-Mischungen auf Eis, dass ich die Musiker schließlich völlig vergesse. Sobald sie pausieren, schaltet der wahre Star des Abends vor uns mit einem geübten Handgriff blitzschnell die Stereoanlage an, deren Lautstärke alles übertönt. Nach dem dritten Mal überlassen B. und ich unsere Hocker gönnerhaft einem alten Paar, um Burger essen zu gehen und die Red Line zurück nach Cambridge zu nehmen. Im U‑Bahn-Schacht erwarten uns United States Flaggen aus Stoff hinter gläsernen Rahmungen und riesige Standventilatoren, die die warme Luft schneller nach außen und oben fliegen lassen sollen.

