Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Chasse Gardée von Jean-Claude Biette

Text: Leo­nard Krähmer

Klei­ne und gro­ße Fluch­ten zie­hen sich durch die­sen Film. In Paris wird in frem­den Bet­ten geschla­fen; die ein­sa­men Küs­ten der Nor­man­die ver­spre­chen Zuflucht vor eifer­süch­ti­gen Ehe­män­nern; die Kor­re­spon­den­ten in der Pari­ser Zei­tungs­re­dak­ti­on sind aus der Fer­ne für Chi­na, Mexi­ko und ande­re ent­le­ge­ne Welt­re­gio­nen zustän­dig. Ins afri­ka­ni­sche Exil ent­sen­det Pierre, der Chef­re­dak­teur der Nou­vel­les Heb­do, in Ungna­de gefal­le­ne Unter­ge­be­ne. Einer kehrt zurück und mit ihm ein Stück dunk­le Ver­gan­gen­heit: Alex, der mit Anne ver­hei­ra­tet ist, was der Film erst sehr spät preis­gibt und damit durch­ein­an­der­bringt, was ohne­hin nur dem Anschein nach geord­net war. Anne lebt nun mit Pierre zusam­men, geht aber mit Franz Fischer fremd (sein Name fällt oft; wie über­haupt alle Män­ner in die­ser Ména­ge-à-min­des­tens-trois, wohin sie auch kom­men, stän­dig nach Anne rufen, meist ohne Ant­wort), der auch in der Redak­ti­on arbei­tet, aber nicht weiß, ob sei­ne Pro­fes­si­on Repor­ter oder doch Schrift­stel­ler ist. Wel­che Sor­te Bücher er schreibt, bleibt vage – der neue Roman jeden­falls soll zunächst Voya­ge du cœur, dann Musi­que du feu hei­ßen. In sei­ner Pri­vat­woh­nung wird er in der zwei­ten Sze­ne des Films von einem Jour­na­lis­ten inter­viewt, der den Leh­rer­be­ruf an den Nagel gehängt hat, weil er von den Kin­dern nicht genug ler­nen konn­te. Schon davor, in der ers­ten Ein­stel­lung des Films, ist Franz Fischer auf­ge­wacht, neben ihm im Bett liegt eine blon­de Frau, aber nicht Anne, son­dern Con­s­tance. Die Sze­ne wie­der­holt sich spä­ter im Film, wie gespie­gelt (ein Film vol­ler Spie­gel!), dann liegt tat­säch­lich Anne neben ihm. Er erzählt einen bemer­kens­wert unspek­ta­ku­lä­ren Traum, aus dem er sanft erwacht sei. Auch der Film ist von som­nam­bu­ler Unbe­stimmt­heit, ins Zwie­licht gehüllt.

Chas­se Gar­dée von Jean-Clau­de Biet­te macht es einem nicht leicht, sei­ner Hand­lung zu fol­gen. Was nicht tra­gisch wäre, aber mir scheint, dass es dem Film sehr wohl aufs Erzäh­len ankommt. Um ein kon­ven­tio­nel­les (Genre-)Gerüst zum Ein­sturz zu brin­gen – dar­auf kommt es ihm in letz­ter Instanz wohl eher an – braucht es schließ­lich zuerst ein Gerüst. Offen­bar soll man sich das eigen­hän­dig zusam­men­set­zen aus den unzäh­li­gen Ver­wei­sen, die einen lite­ra­risch-intel­lek­tu­el­len Über­bau sug­ge­rie­ren. Anne probt ein Thea­ter­stück von Raci­ne (natür­lich darf das Thea­ter bei Biet­te nicht feh­len), Jean­ne d’Arc und Shake­speare tau­chen nicht nur pro­mi­nent in Dia­lo­gen auf, sti­lis­tisch steht der Film Noir Pate.

Wer hier nicht durch­steigt, bleibt außen vor. Das Jagd­ge­biet ist gut abge­steckt, ver­wehrt Unbe­fug­ten, also unzu­rei­chend Bele­se­nen, den Zutritt. Was aus dem Inne­ren nach außen dringt, ist die mit Ver­rat und Intri­gen ange­rei­cher­te Luft, die die­se Bil­der atmen; sogar ein omi­nö­ser Geist suche das Hotel in der Nor­man­die heim, heißt es ein­mal. „Bevor der Schnee fällt“, liest Con­s­tance aus einem Manu­skript­frag­ment ihres Lieb­ha­bers in gebro­che­nem Deutsch vor. Auch die Käl­te der Bil­der wird spür­bar, sie hängt in der zu gro­ßen Über­gangs­ja­cke von Rüdi­ger Vog­ler, im Wind am Strand, in den Dia­lo­gen und Bli­cken, die mit wenig Humor und viel melo­dra­ma­ti­scher Gra­vi­tas aus­kom­men. Unzu­gäng­lich­keit hat auch eine ande­re Sei­te, sie betrifft Biet­tes Werk im All­ge­mei­nen, aber Chas­se Gar­dée im Spe­zi­el­len: Der Film liegt mir in äußerst frag­wür­di­ger Qua­li­tät vor, die viel­leicht mehr als nötig im Unkla­ren lässt. Ich fische nicht nur meta­pho­risch im Trü­ben. Am unte­ren Bild­rand wabern sche­men­haft Spu­ren eines VHS-Digi­ta­li­sats in Regen­bo­gen­far­ben. Was sich im Hin­ter­grund oder in der Bild­tie­fe abspielt, ent­zieht sich mei­nen Augen weit­ge­hend. Ein Son­nen­un­ter­gang sieht plötz­lich aus, wie von Wil­liam Tur­ner gemalt (Jac­ques Tour­neur gehört übri­gens auch zum Refe­renz­ka­ta­log), aber das Meer könn­te genau­so gut eine Wüs­te sein.

Viel­leicht ist die­se pre­kä­re Form des Sehens für einen Film, der vor sich selbst zu flie­hen scheint wie sei­ne Figu­ren vor­ein­an­der, genau rich­tig. Ein­mal jedoch kom­men sie zusam­men, zum Diner – es wird über­haupt viel geges­sen und gekocht, nur sel­ten gemein­sam. Dan­kens­wer­ter­wei­se ist das nah gefilmt, die Gesich­ter ein­zeln im Bild­rah­men iso­liert, sie pros­ten ein­an­der zu, die Bli­cke und schwert­ge­wor­de­nen Glä­ser kreu­zen sich, wäh­rend die Mon­ta­ge mun­ter mit­kreuzt, als imi­tie­re sie das all­sei­ti­ge Miss­trau­en im Raum. Das Tisch­ge­spräch plät­schert banal vor sich hin und ist doch hoch­gra­dig sym­bo­lisch auf­ge­la­den: „Es wird Zeit, sich die Fin­ger schmut­zig zu machen.“ Spä­ter meint Franz, der die gan­ze Zeit redet, Wor­te spiel­ten eigent­lich kei­ne Rol­le, nein, Gesich­ter müs­se man lesen. Weder mir noch den Figu­ren will das so rich­tig gelin­gen. Des­we­gen wirft man sich vor, in Rät­seln zu spre­chen. Und nach­dem kurz vor Ende ein Schuss fällt – spä­tes­tens jetzt sind die Fin­ger schmut­zig, obwohl nie­mand ver­letzt wird –, bleibt ein Shake­speare-Zitat lako­nisch im Raum ste­hen: Viel Lärm um Nichts?