Coughs When You Would Kiss: Spare Time von Humphrey Jennings

‘In the burrows of the Nightmare
Where Justice naked is,
Time watches from the shadow
And coughs when you would kiss.

(aus W.H. Auden - As I Walked Out One Evening)

Die Struk­tur von Spa­re Time von Hum­phrey Jen­nings ist in sich ein klei­nes Wun­der ein­fa­cher Poe­sie. Jen­nings filmt in drei Städ­ten mit drei unter­schied­li­chen indus­tri­el­len Schwer­punk­ten: Stahl, Baum­wol­le, Koh­le. In die­sen Städ­ten por­trai­tiert er das Frei­zeit­ver­hal­ten der eng­li­schen Arbei­ter­klas­se der Vor­kriegs­zeit. Zunächst ist da aber eine Ver­lo­ren­heit. Zwar ent­steht durch die Auf­takt­mu­sik und den nüch­ter­nen Ton der Erzähl­stim­me, die sich den­noch dar­über zu freu­en scheint, dass es Frei­zeit gibt, eine Art locke­rer Enthu­si­as­mus, aber die Bil­der spre­chen eine ande­re Spra­che. Etwas hilf­lo­se Schwenks über Städ­te mit rau­chen­den Schorn­stei­nen, lee­re Stra­ßen, es sind fast apo­ka­lyp­ti­sche Bil­der. Erst nach eini­gen Schit­ten fül­len die Men­schen die­se kal­ten Stra­ßen. Jen­nings filmt sie in der ers­ten Stadt durch­ge­hend in Bewe­gung und lässt sie fast in jedem Bild auf uns zuge­hen. Dadurch ent­steht eine Dyna­mik und eine Har­mo­nie als gesell­schaft­li­che Uto­pie. Gestei­gert wird die­ses Schwim­men im glei­chen Rhyth­mus durch die, sich über meh­re­re Bil­der for­set­zen­de, inner­die­ge­ti­sche Musik. Wir hören sie bereits bei einem ver­krampf­ten Dart­spiel und sehen sie dann in Form eines Orches­ters. Die Blas­mu­sik wech­selt sich in der Fol­ge in Form einer Par­al­lel­mon­ta­ge immer wie­der ab mit dem Rauch und den Mau­ern der Stadt. Es ist bemer­kens­wert, dass Jen­nings hier nicht auf ande­re Tätig­kei­ten schnei­det, son­dern auf eine Lee­re. So ent­steht der Ein­druck, dass die Frei­zeit und die Musik das kar­ge Leben fül­len statt nur als eine kurz­zei­ti­ge Flucht zu ent­ste­hen. Gegen Ende des Films wie­der­holt der Fil­me­ma­cher die­ses Vor­ge­hen, als er das Abfah­ren in den Koh­le­schacht im glei­chen Stil,mit der glei­chen Musi­ka­li­tät und fröh­li­chen Stim­mung fest­hält, wie die Frei­zeit zuvor. In der Fol­ge wird ein Wes­tern-Comic gele­sen und es wird geba­cken. Wie es sich gehört für einen bra­ven Eng­län­der wird das Heft sofort weg­ge­legt, als das Essen auf den Tisch kommt. Es ist dies ein durch­ge­hen­des Motiv im Film. Der Aus­bruch, der zurück zur Nor­ma­li­tät führt, eine Nor­ma­li­tät, die sich dann fried­li­cher anfühlt. Das gilt neben dem jun­gen mit dem Comic bei­spiels­wei­se für einen von der Lei­ne gelas­se­nen Hund, der in einer für die Kame­ra kaum fass­ba­ren Geschwin­dig­keit aus dem Bild springt, um weni­ge Sekun­den spä­ter, zurück zu sei­nem Herr­chen zu kehren.

Spare Time2

Es ist erstaun­lich wie ernst die Lai­en sind. Kaum ein Lachen, kaum eine Ver­un­si­che­rung. Mit den ver­stei­ner­ten Mie­nen einer Här­te erle­ben sie Freu­de. Tau­ben wer­den gefüt­tert, Fahr­rä­der repa­riert. Dann doch das kur­ze Lächeln eines Jun­gen, die Bewe­gung geht wei­ter. Pro Sze­ne erlaubt sich Jen­nings maxi­mal drei oder vier Ein­stel­lun­gen, dann treibt er wei­ter in der Gleich­zei­tig­keit die­ser Frei­zeit. Es ist in die­ser Mon­ta­ge, in der sich ein Stim­mungs­por­trait voll­zieht, das nicht unnö­tig nar­ra­ti­viert wird wie in Men­schen am Sonn­tag. Spa­re Time ist ein tat­säch­li­ches Por­trait der Men­schen in der frei­en Zeit. Daher sind die Ein­stel­lun­gen auf die Fas­sa­den der Arbeit, die die­se durch­drin­gen auch kon­se­quent. Statt um eine eska­pis­ti­sche Frei­zeit Idee geht es um das Mate­ri­al der Zeit, in der man nicht arbei­tet. Daher ist der Film auch durch­aus ambi­va­lent. Man stel­le sich einen sol­chen Film heu­te von Ulrich Seidl oder bis vor kur­zem von Chan­tal Aker­man vor. Sind nicht Im Kel­ler oder La chambre Aus­wüch­se die­ser Frei­zeit, die Jen­nings bereits vor dem 2. Welt­krieg in der pro­pa­gan­dis­ti­schen Grund­ten­denz der GPO Film Unit versteckt?

Ein Geheim­nis von Spa­re Time ist auch die Prä­senz des ein­zel­nen Frei­zeit-Augen­blicks. Damit ist die foto­gra­fi­sche Qua­li­tät des Films gemeint, der unheim­lich leben­di­ge, wenn auch iko­no­gra­phi­sche Bil­der fin­det, in denen man Men­schen erken­nen kann, die trotz oder gera­de wegen die­ser kon­zep­tu­el­len Idee eine gro­ße Frei­heit bekom­men. Jen­nings schreckt nicht davor zurück, den Wind oder den klei­nen Unfall (ein Schal rutscht vom Kla­vier) in sei­ner Mon­ta­ge zu inklu­die­ren, man spürt eine extre­me Mensch­lich­keit in den Gesich­tern. Sie wer­den mit gro­ßem Respekt und einem enor­men Gespür für die rich­ti­ge Distanz gefilmt. Von den ein­zel­nen Gestal­ten in der Schorn­stein­wüs­te zu Beginn des Films bewegt sich Jen­nings in der Fol­ge immer mehr zur Mas­se, was in Eng­land natür­lich Fuß­ball und Wett­bü­ros bedeu­tet. Ein­mal filmt er dabei einen Mann durch ein Git­ter, wobei die Schär­fe auf dem Git­ter liegt. Es ist ein nach­denk­li­ches Bild am Ende des ers­ten Teils des Films, der mit eine Blen­de endet, als ein Fuß­ball­spie­ler zur Eck­fah­ne läuft. Spä­ter im Film gibt es einen Tiger hin­ter einem Käfig und immer wie­der gibt es die Mau­ern die­ser Indus­trie. Der Film bewegt sich im Span­nungs­feld zwi­schen der Befrei­ung nicht aus, son­dern in die­sen Mau­ern durch die Frei­zeit und der Gefan­gen­schaft der Frei­zeit in die­sen Mauern.

spare time3
In der Indus­trie der Baum­wol­le orga­ni­siert sich die Frei­zeit ähn­lich, wenn auch in ande­ren Zeit­rhyth­men. Wie­der beginnt Jen­nings in einer kur­zen Ver­lo­ren­heit, die er dies­mal über den Ton ver­mit­telt, da sich die­ser zu Beginn sehr weit weg vom Gesche­hen befin­det (ähn­lich der Kame­ra, bei Jen­nings darf man bezwei­feln, dass es sich um Direkt­ton han­delt, aber wer weiß…) Er filmt eine Jazz­band und schnei­det dann wie­der in einer Par­al­lel­mon­ta­ge durch den Ort, in dem Kin­der mit Krei­de auf dem Boden malen, eine Mut­ter ihr Kind herzt und in der Gar­ten­ar­beit ver­rich­tet wird. Ein Gefühl für die Poe­sie der All­täg­lich­keit offen­bart sich prak­tisch in jedem Bild. Die­ses hängt nicht nur mit der GPO Film Unit zusam­men, son­dern auch mit Jen­nings Arbeit im Rah­men der anthro­po­lo­gi­schen Bewe­gung Mass Obser­va­ti­on. Doch strebt der Fil­me­ma­cher hier eine Ver­bes­se­rung der Zustän­de an oder por­trai­tiert er ledig­lich diessel­ben? Er eta­bliert ein sub­ti­les Gefühl der Unzu­frie­den­heit durch die geschil­der­ten Ambi­va­len­zen, Zwi­schen­tö­ne und das Bestän­di­ge Fül­len der Lee­re und Lee­ren der Fül­le. Sein strau­bes­quer Schwenk über die Koh­le­stadt ist Aus­druck einer doku­men­ta­ri­schen Wahr­heits­su­che, die kei­ne ein­fa­chen Lösun­gen kennt. Jen­nings legt sie jedoch in die Poe­sie sei­ner Bil­der und Töne statt in den Kom­men­tar. Wäh­rend er schwenkt beginnt ein Feu­er­alarm, der auch ein Flie­ger­alarm sein könn­te. Hier eta­bliert sich ein wei­te­res Mal jenes apo­ka­lyp­ti­sche Gefühl des Beginns, das womög­lich bereits wie ein Schat­ten über Eng­land 1939 hängt. Schnell has­tet der Film durch den Jahr­markt, um dort anzu­kom­men, wo Jen­nings wirk­lich in der Lage ist, etwas zu erken­nen: Der Mor­gen dan­nach, die Stil­le, in der das ers­te Son­nen­licht die lee­ren Stra­ßen küsst und das Poten­zi­al einer ande­ren, freie­ren Zeit atmet. In sol­chen Momen­ten klingt der freu­di­ge Lärm der Volks­fes­te auch nur mehr wie ein Echo und die stot­tern­den Kla­vier­übun­gen, die dar­auf fol­gen beto­nen erneut eine gewis­se Unmög­lich­keit und Iso­la­ti­on. Men­schen fül­len das Bild, der Ton bleibt asynchron.

Im anschlie­ßen­den Chor­ge­sang erschei­nen die Gesich­ter der Frei­zeit gleich den Sil­hou­et­ten eines Film Noir. Eine merk­wür­dig düs­te­re Stim­mung legt sich über die Bil­der. Sie kommt auch aus dem geist­li­chen Gesang. Jen­nings gibt sich der Bewe­gung der unte­ren Schich­ten sei­ner Bil­der hin, eine Trau­rig­keit über­kommt einen, aber wes­halb? Weil die Frei­zeit irgend­wann enden muss? Weil die Frei­zeit so schön ist? Weil sie nicht wirk­lich gelebt wer­den kann? Man kann sie auch als Wahr­neh­mung die­ser Men­schen fern einer doku­men­ta­ri­schen Idee ver­ste­hen, als etwas, dass sich in Jen­nings reg­te, eine Erzähl­stim­me des Schwer­muts, die im Ange­sicht die­ser aus­ge­zerr­ten, war­men, erns­ten Arbei­ter erzit­tert und sich nicht mehr anders arti­ku­lie­ren kann. So gibt es gegen Ende eines der der bewe­gends­ten Bil­der des Films. Eine Frau schenkt einem Mann einen hei­ßen Tee ein. Bei­de wir­ken sehr kon­zen­triert und förm­lich, aber die Fal­ten, die auf dem Hemd der Frau sicht­bar sind, die sich erwär­men­de Durch­ge­fro­ren­heit des Man­nes und die blas­se Licht, das nur die Haut der bei­den zu berüh­ren scheint, erhöht die­sen eigent­lich sehr all­täg­li­chen Moment. Es ist ein Bild, das an Sharu­nas Bar­tas oder Die­go Veláz­quez erin­nert. Dazu wali­si­sche Hym­nen. Wenn die Erzähl­stim­me am Anfang ver­kün­det, dass „This is a film about how peo­p­le spend their spa­re time..“ liegt die Beto­nung auf „peo­p­le“ und „film“.