Das Meer bei Šarūnas Bartas und bei Jean Epstein

In Free­dom von Šarū­nas Bar­tas ist der Anblick und das Geräusch des Mee­res ein bit­te­res Ver­spre­chen, die unter­ge­hen­de Son­ne brennt mit ihrem roten Atem über die Ufer einer Welt, die, das wird im Lauf des Films spür­bar, einem Gefäng­nis gleicht. Dabei fin­det Bar­tas immer wie­der Ein­stel­lun­gen des Mee­res, die es zu einem mys­te­riö­sen Reich wer­den las­sen, mit For­men, die wir nicht ver­ste­hen und Wel­len, die an der Zeit kle­ben und sich gleich einem Schwarm durch die­ses Was­ser kämp­fen. Das Rau­schen ist der­art pene­trant, dass man es selbst im Hin­ter­land, den Geröll­wüs­ten des Films noch ver­neh­men kann. Nach einer Zeit wird klar, dass die­se Bil­der, die man leicht­fer­tig mit Frei­heit und Auf­bruch asso­zi­iert, in Wahr­heit ein Gefäng­nis und eine Qual sind. Man fühlt sich schlaf­los am Meer, weil man das Rau­schen nicht ertra­gen kann. Es geht immer wei­ter, wie ein dösen­des Sum­men im Hinterkopf.

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Le tem­pes­taire von Jean Epstein

In Jean Epsteins Le tem­pes­taire ist die Magie des Oze­ans kei­ne Sache der Ima­gi­na­ti­on oder Erwar­tung. Herr­scher über die Stür­me kon­trol­lie­ren die Flut. In einer Kris­tall­ku­gel ver­lang­sa­men sie und las­sen das Meer rück­wärts lau­fen. Sie sind in Wahr­heit Fil­me­ma­cher, die jene Zeit mani­pu­lie­ren, die der Motor für jene sal­zi­gen Wie­sen sind, die gegen die schrof­fen Fel­sen bre­chen. Schon zu Beginn wird das klar, wenn Epstein das­sel­be mit sei­nen Figu­ren macht und sie aus Stand­bil­dern ent­ste­hen lässt, wie ein Gott der Zeit mit dem sinn­li­chen Gefühl einer leich­ten Bri­se des ers­ten Atem­zugs. Sowohl Bar­tas als auch Epstein inter­es­sie­ren sich für die Mecha­nis­men des Mee­res und das Leben im Lau­gen­duft der Algen. Sie zei­gen das Brach­land eines vom Was­ser ver­lo­re­nen Bodens (Die Figu­ren bei Bar­tas wan­dern durch die Wüs­te einer Ebbe und gehen in einer unfass­ba­ren Sze­ne mit der Flut in Rich­tung Ufer.) und die Dyna­mik des Wel­len­spiels und des Lichts, das auf dem Was­ser in tau­send Tei­le zer­bricht. In bei­den Fäl­len ist das Meer Hin­ter­grund für einen exis­ten­zi­el­len Über­le­bens­kampf. Bei­de the­ma­ti­sie­ren damit Emo­tio­nen beim Blick auf das Meer, das in vie­ler­lei Hin­sicht genau­so arbei­tet wie das Kino. Bewe­gung, Licht, Ton und eine Unsi­cher­heit gegen­über den Kräf­ten, die von die­sem Was­ser aus­ge­hen und die die­ses Was­ser beherr­schen. Bei­de Fil­me sind nicht nur Fil­me über das Meer son­dern auch über den Wind am Meer.

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Free­dom von Šarū­nas Bartas

Doch in bei­den Fil­men ist das Meer bezie­hungs­wei­se der Wind eine Bedro­hung, ein Gefäng­nis, eine Angst. In Free­dom wird das Meer zu einem Sinn­bild für poli­ti­sche Gren­zen einer hoff­nungs­lo­sen Flucht, aber einer der­art erha­be­nen Gren­ze, dass man sich fra­gen könn­te, ob es nur an unse­rer Wahr­neh­mung die­ses Was­sers liegt, dass es so töd­lich sein kann. Gleich zu Beginn fal­len Schüs­se auf dem offe­nen Meer. Es wird kon­trol­liert. Doch nicht von mys­te­riö­sen Magi­ern und mora­li­schen Poe­ten wie bei Epstein son­dern von Geset­zes­hü­tern. In einer trau­ri­gen Sze­ne müs­sen wir macht­los zuse­hen wie Vögel los­flie­gen. Man selbst kann das nicht. Bei Epstein hängt das Meer an einer regio­na­len Folk­lo­re und am Aber­glau­ben, bei Bar­tas umspannt es die gan­ze Welt. In bei­den Fäl­len zeigt es ein Poten­zi­al des Kinos an, das weit über des­sen nar­ra­ti­ve Ideo­lo­gien hin­aus­reicht. Jeder Fil­me­ma­cher soll­te wenigs­tens ein­mal das Meer gefilmt haben, denn es scheint mir eines der weni­gen Bil­der zu sein, die sich nicht wie­der­ho­len kön­nen, da das Meer immer etwas ande­res ist.

Gust­ave Flau­bert (Novem­ber)
„Ich stieg eilends zur Mee­res­küs­te hin­ab, mit siche­rem Sprung über Geröll hin­weg­set­zend. Ich trug den Kopf hoch voll Selbst­ge­fühl, ich atme­te stolz die fri­sche Bri­se, die den Schweiß in mei­nen Haa­ren trock­ne­te. Der Geist Got­tes erfüll­te mich. Ich fühl­te, wie mein Herz sich wei­te­te. In einer merk­wür­di­gen Erre­gung bete­te ich etwas an; ich hät­te mich im Son­nen­licht auf­lö­sen und in der azur­nen Unend­lich­keit ver­lie­ren mögen, mit dem Duft, der von der Flä­che der Flu­ten stieg.“