Time Through His Hands: Seven Invisible Men von Šarūnas Bartas

Es ist eine kal­te Nacht, nas­se Augen wachen. Eine Grup­pe von Auto­kna­ckern, die wir prak­tisch nie in der­sel­ben Ein­stel­lung sehen wer­den, eröff­net die Ein­sam­keit in Seven Invi­si­ble Men von Šarū­nas Bar­tas. Der Film wird als Aus­nah­me im Oeu­vre des Fil­me­ma­chers gese­hen, denn es wird ein biss­chen mehr gespro­chen als gewöhn­lich und vor allem gibt es durch­aus Gen­re­ele­men­te. Im Kern aber han­delt Seven Invi­si­ble Men von der glei­chen Rat­lo­sig­keit und Ziel­lo­sig­keit, die das außer­or­dent­li­che Werk des litaui­schen Fil­me­ma­chers immer wie­der heim­su­chen. Man könn­te den Film als einen Road­mo­vie ver­ste­hen, einen Road­trip als Flucht, als Flucht ins Nichts, in ein Nichts zwi­schen Hei­mat und Iden­ti­täts­lo­sig­keit. Licht­punk­te dämo­ni­sie­ren die Nacht in den ers­ten Minu­ten, in denen man alles spürt, ohne dass man auch nur irgend­ei­ne soge­nann­te Infor­ma­ti­on bekommt. Die Dring­lich­keit, die Armut, die Anspan­nung, die Über­zeu­gung und die Angst im Umgang mit dem Dieb­stahl. Dann gibt es eini­ge Schau­platz­wech­sel. Bar­tas gibt sich für weni­ge Augen­bli­cke sei­ner aus Free­dom bekann­ten epstei­nes­quen Fas­zi­na­ti­on für die Bewe­gun­gen des Oze­ans hin, Wel­len, die sich ver­wan­deln, die das Meer ver­wan­deln oder ein­fach nur Bewe­gung sind. Es ist ein Film der Bewe­gun­gen, die kom­men und gehen, die wie­der zurück­lau­fen, die auch rück­wärts lau­fen könn­ten. Kurz dar­auf ein Vogel­schwarm in der Step­pe, spä­ter sehen wir Sand durch Fin­ger rin­nen. Alles ist eine poe­ti­sche und mate­ri­el­le Sinn­lich­keit, die durch ihr Aus­se­hen etwas Greif­ba­res bekommt. Man fin­det sich ähn­lich wie in Vic­tor Kos­sa­kovs­kys Bel­o­vy am Ursprung einer Welt und an ihrem Ende zugleich. Das Ver­las­se­ne ist auch das Ver­lo­re­ne, das Ver­lo­re­ne ist auch das Ewi­ge und das Ewi­ge ist auch das Sterbliche.

Bartas Seven Invisible Men

Wie in jedem Bar­tas-Film strömt auch hier wei­ßes Licht durch die Fens­ter. Men­schen ste­hen in die­sem Licht, weil man in ihm die Wahr­heit sieht. Vie­le Ein­stel­lun­gen schei­nen auf die­ses Beson­de­re, Ein­ma­li­ge zu war­ten, sie schei­nen es anzu­zie­hen. Ein klei­nes Spiel mit dem Licht, eine uner­war­te­te Bewe­gung, ein Blick, der mehr sagt als jede Dra­ma­tur­gie. Dar­auf zielt Bar­tas, so schei­nen sei­ne Ein­stel­lun­gen auf­ge­baut zu sein. Immer wie­der gibt es Tota­len, die zugleich wie ein Atem­zug und ein Ham­mer­schlag zwi­schen die Gesich­ter tre­ten. Der Film spielt auf der Halb­in­sel Krim, dar­in liegt eher eine meta­phy­si­sche denn eine poli­ti­sche Bedeu­tung. Aller­dings wird aus dem Meta­phy­si­schen bei Bar­tas etwas Poli­ti­sches, wenn die poe­ti­schen Bil­der einer ver­las­se­nen Land­schaft auch als sozia­les Milieu einer bestän­di­gen Ver­lo­ren­heit agie­ren und von einer gespie­gel­ten Schön­heit berührt wer­den, gespie­gelt, weil wir sie sonst nur in den Augen der Ver­bre­cher wie­der fin­den. Wor­in liegt die Funk­ti­on? Wor­in liegt der Sinn? Eine zugleich phi­lo­so­phi­sche wie auch poli­ti­sche Fra­ge, die bei Bar­tas zu einer not­wen­di­gen For­mu­lie­rung wird. Er filmt die ver­lan­gen­den, hung­ri­gen und ver­durs­te­ten Gesich­ter und erzählt mit sei­nem Blick etwas über die Sterb­lich­keit und über die Macht­lo­sig­keit. Wie bei Pie­ter Brue­gel d.Ä. wer­den sei­ne Gesich­ter und Hand­lun­gen trotz ihrer Rau­heit und Über­for­de­rung von einer fast hei­li­gen Wür­de beseelt, Bar­tas glaubt nicht zwangs­läu­fig an das Gute im Men­schen, aber er glaubt an die Schön­heit und Voll­endung der Trau­rig­keit, der Schwä­chen und der Abhän­gig­kei­ten. Dabei ist er stän­dig auf der Suche nach einem wah­ren Aus­druck, der genau­so zer­brech­lich und ver­lo­ren ist wie jener der Figu­ren. Bar­tas offen­bart nicht nur eine Welt oder defor­miert sie teuf­lisch (wie man das bei­spiels­wei­se Ulrich Seidl vor­wer­fen könn­te), er ergreift sie, indem sei­ne Bil­der von die­ser Welt ergrif­fen wer­den, ein Griff ohne Mit­leid oder Über­le­gen­heit, son­dern eine Begeg­nung, bei der kein Bild weiß, was es sehen wird, kein Anthro­po­lo­ge ana­ly­siert, was das bedeu­tet, son­dern das auf das reagiert, was sicht­bar und unsicht­bar im Äuße­ren zum Vor­schein tritt.

In all der Zweck­lo­sig­keit ent­steht eine Gewalt. Sie liegt zunächst in der Erwar­tung, in den ver­steck­ten Waf­fen, den har­ten Gesich­tern und ihren Bli­cken ins Off, ihren Reak­tio­nen auf­ein­an­der, viel­leicht schla­gen sie gleich zu? Bar­tas ver­legt zwar nicht die Wir­kung der Gewalt ins Off, aber ihr Ursprung liegt für ihn zwi­schen zwei Bil­dern. Zwei männ­li­che Gesich­ter, zwei Frau­en­ge­sich­ter, es gibt Ver­zweif­lung, Neid, Eifer­sucht. Es ist immer der Blick auf den Ande­ren, der hier zur Gewalt wird. Jeder Gegen­schuss ist eine Ziel­schei­be. Irgend­wann führt Bar­tas eine Ana­lo­gie zu den zahl­rei­chen Tie­ren im Film ein. Ein War­ten, ein Erschre­cken, ein Getö­tet wer­den, ein Schla­fen, ein Kampf. Damit ver­liert sich Seven Invi­si­ble Men jedoch nicht in einer plum­pen Meta­pho­rik, son­dern setzt viel­mehr auf die Gleich­zei­tig­keit der Din­ge, auf die Gleich­gül­tig­keit der Welt. Dort könn­te man wie­der eine Ver­bin­dung zu Brue­gel zie­hen, auch wenn Bar­tas die Men­schen durch die sei­nem Medi­um geschul­de­te Zeit­lich­keit durch Mon­ta­ge trennt, wäh­rend Brue­gel sie in einem Bild dar­stellt. Den­noch pas­sie­ren hier und dort die Din­ge gleich­zei­tig, sie pas­sie­ren viel­leicht so, dass sie kaum Bedeu­tung für das Gesamt­bild zu haben scheinen.

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Wenn es einen gro­ßen Unter­scheid zu Bar­tas vor­he­ri­gen Fil­men gibt, dann liegt der an man­chen Ein­deu­tig­kei­ten, die er sonst eher ver­mie­den hat­te. So wird unmiss­ver­ständ­lich klar, dass der Hof, auf dem die zwei­te Hälf­te des Films spielt zur Fami­lie des Prot­ago­nis­ten gehört, dass dort sei­ne Toch­ter ist. Die Kri­mi­nel­len flüch­ten dort­hin und sie ver­sin­ken in die­ser end­lo­sen Step­pe und im bru­ta­len Rausch aus­ufern­der Besäuf­nis­se, die eine Ver­zweif­lung frei­le­gen, die weit grö­ßer ist als die Fra­gen nach Fami­lie oder Ver­bre­chen. In die­ser Rück­kehr und der Sprach­lo­sig­keit ob die­ser Rück­kehr, lie­gen Par­al­le­len zu Lisan­dro Alon­sos Liver­pool. Es geht hier nicht um die Hei­mat­kon­flik­te, die man aus den meis­ten deut­schen Fil­men kennt, also nicht um eine intel­lek­tu­el­le Idee von Iden­ti­täts­pro­ble­men, hier geht es um das kör­per­li­che Gefühl, das kei­ner Idee fol­gen kann. Es ver­langt, liebt und sehnt sich im glei­chen Atem­zug, wie es sich völ­lig fremd vor­kommt und nicht kom­mu­ni­zie­ren kann. Man kann es nicht grei­fen, weil es wie der Sand durch die Fin­ger rinnt und wie die Wel­len stän­dig sei­ne Erschei­nung ändert. Es geht um eine Zer­ris­sen­heit, nicht weil die Din­ge sich ver­än­dern, son­dern weil es sol­che gibt, die bestän­dig sind. Und sei es die Ver­än­de­rung, die bestän­dig kommt. Zwi­schen dem tra­gi­schen Gesang (eine erstaun­li­che Dar­stel­lung vor­schrift­li­cher Kunst­über­lie­fe­rung), der Poe­sie des Gela­ges fällt die offe­ne Ver­zweif­lung eines Man­nes in das Auge und die Ohren der Zuse­her. Nie­mand will und kann ihn hören, es wird sogar über ihn gelacht. Eine außer­or­dent­li­che Ein­sam­keit ent­steht, die nichts damit zu tun hat, dass die Figu­ren allei­ne sind, son­dern viel­mehr damit, dass sie in sich selbst sein müs­sen. Des­halb sind die Momen­te des Frie­dens im Film auch jene, in denen man durch Sehen (Foto­gra­fien, Frau­en, Natur) oder Hören (Herz­schlag, Schüs­se, Gesang) sein Inne­res ver­las­sen kann.

Wie Post Ten­ebras Lux von Car­los Rey­ga­das ist Seven Invi­si­ble Men auch ein Film über den Über­gang von Tag und Nacht, ein Musi­cal zum Rhyth­mus einer Hoff­nungs­lo­sig­keit, lass uns Tan­zen bis wir unter­ge­hen. Die anhal­ten­de Däm­mer­stim­mung bringt ent­we­der den Frie­den einer unschul­di­gen Bewe­gung, die eine Oase ent­ste­hen lässt, wie Nuri Bil­ge Cey­lan in sei­ner Tee­sze­ne in Once Upon a Time in Ana­to­lia oder in der völ­li­gen Ver­nich­tung und Aus­sichts­lo­sig­keit, dem Feu­er, das wie in Off­ret von And­rei Tark­wo­ski nicht nur ein Haus been­det, son­dern eine gan­ze Welt. Meist sind die Oase und die Ver­nich­tung in der glei­chen Sze­ne, so wie wenn die jun­ge Toch­ter von der älte­ren Frau in einem oran­gen Licht gesäu­bert wird und aus eben jenem oran­gen Licht das töd­li­che Feu­er ent­steht. Oder jener bizar­re Moment, indem die Frau wäh­rend sie aus­ge­zo­gen wird, ihren Mit­tel­fin­ger in Rich­tung Kame­ra rich­tet, dann ein Vic­to­ry-Zei­chen macht und wie­der den Stin­ke­fin­ger zeigt. Es scheint in Rich­tung Bar­tas zu gehen.Ein merk­wür­dig refle­xi­ver Moment, der in sich jedoch vom glei­chen Lei­den am Schö­nen durch den Blick der Kame­ra, von der Schön­heit des Lei­dens und der Nähe und Offen­ba­rung erzählt, die so schwer her­stell­bar ist und die doch jede Minu­te Film von Bar­tas zu durch­zie­hen scheint. In die­ser Nacht bei Bar­tas kann man nur in den Augen erken­nen, was ihr zum Tag fehlt, aus Man­gel an bes­se­ren Wor­ten wür­de ich es Lie­be nen­nen. Aber das Ver­lan­gen die­ser Augen ist sterblich.

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