Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Sharunas Bartas und die Angst vor dem Wort

In den Fil­men von Sharu­nas Bar­tas gibt es, trotz einer leich­ten Öff­nung in sei­nen letz­ten bei­den Fil­men Indi­gè­ne d‘Eurasie und Peace to us in our dreams, eine anhal­ten­de Furcht vor dem Wort. Es ist eine Angst, die weit über die­se ewi­ge und frus­trie­ren­de Dis­kus­si­on zur Essenz des Kinos hin­aus­geht. Ganz ober­fläch­lich könn­te man sagen, dass die Figu­ren (sie sind eigent­lich Men­schen) in den Fil­men von Bar­tas kaum oder in Fil­men wie Kori­do­ri­us gar nicht spre­chen. Sie ver­wen­den nicht ihre Spra­che, um zu kom­mu­ni­zie­ren. Haben sie eine Spra­che, haben wir die Wör­ter, hat irgend­wer ein Wort? In die­sem Sinn han­deln die Fil­me immer auch vom phi­lo­so­phi­schen Pro­blem des Aus­drucks, jener Begeg­nung aus einem Gefühl und sei­ner Bestim­mung, der Ver­such den inne­ren Ein­druck durch Wor­te zu ver­an­schau­li­chen. Vie­les im Kino von Bar­tas stellt die Fra­ge, wozu man Wor­te braucht, wenn es doch Bil­der und Töne gibt. Dar­an hängt zunächst der Aspekt einer Unmög­lich­keit, einer Unfähigkeit.

Peace

In Peace to us in our dreams kommt eine Bekann­te oder Ver­wand­te des Prot­ago­nis­ten zu ihm. Wer genau sie ist, muss man sehen oder hören, es wird nicht gesagt. Sie sit­zen zusam­men und sie will ihm etwas erzäh­len. Aber kurz bevor sie es sagen kann, bricht sie in Trä­nen aus. Sie schafft es nicht. Ihr gan­zes Gesicht zit­tert unter der Last des Unaus­ge­spro­che­nen, die eigent­lich eine Last des Poten­zi­als der Spra­che ist. Häu­fig gewinnt Bar­tas einen unheim­li­chen Druck, eine drü­cken­de Kon­zen­tra­ti­on in den Augen und Mün­dern, die in der Furcht vor den Wor­ten leben, die sie in sich pres­sen, damit sie nicht lügen, damit auch Bar­tas nicht lügt, denn man darf nicht ver­ges­sen, dass es an ihm wäre, die­sen Figu­ren eine Stim­me zu geben. Es ist das Zurück­hal­ten, das für das sen­si­bi­li­siert, was zurück­ge­hal­ten wird. Als wären die Wor­te erst das Bewusst­sein, ein unge­rech­tes Bewusst­sein mit der Gefahr eines Miss­ver­ste­hens und einer Offen­le­gung. Bil­der sind (bei Bar­tas) oft siche­rer, gera­de weil sie gefähr­li­cher sind. Sie haben mehr Respekt und sie haben in sich bereits die­se Unmög­lich­keit des Aus­drucks gebro­chen (in ihrem Licht), sodass aus dem Zwei­fel eine neue Kraft ent­ste­hen kann.

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So gibt es zwei domi­nan­te Ein­stel­lungs­grö­ßen im Werk des Fil­me­ma­chers: Die Nah­auf­nah­me (eines Gesichts) und die Groß­auf­nah­me (einer Land­schaft oder eines Ortes). In bei­den hängt Nebel. In bei­den wird uns ganz klar gemacht, dass es Wahr­neh­mungs­bil­der sind, beschränk­te Bil­der, Illu­sio­nen. Im Gesicht liegt die­ser Nebel in den häu­fig mit Trä­nen benetz­ten Augen. Aus die­sen Bli­cken, wie jenen von Yeka­te­ri­na Golu­be­va in Few of us oder Kori­do­ri­us, die meist aus gesenk­ten Häup­tern und zunächst geschlos­se­nen Augen empor­stei­gen, ent­steht eine Sehn­sucht und eine Sprach­lo­sig­keit zugleich. Die Unfä­hig­keit des ver­ba­len Aus­drucks ist hier auch die Fähig­keit einer Sinn­lich­keit, die im Ver­mei­den einer Aus­sa­ge in den Fokus rückt. Aber es ist ein gefähr­li­ches Spiel, denn die Angst vor dem Wort hängt an die­ser schwie­ri­gen Gren­ze im Werk von Bar­tas. Es geht um die Unter­schei­dung zwi­schen dem Blick nach Innen und dem Blick in die Welt. Wör­ter sind gele­sen immer Teil einer Ima­gi­na­ti­on, woge­gen Bil­der ohne die­se aus­kom­men kön­nen. Die Angst vor dem Wort ist in die­sem Sinn auch der Ver­such etwas zu sehen statt sich selbst in die­se Wel­ten zu pro­ji­zie­ren. Nur im Offen­las­sen der Gesich­ter und ihrer Bedeu­tung, droht sich eine ande­re Form der gefürch­te­ten Iden­ti­fi­ka­ti­on zu eta­blie­ren. Man sieht sich selbst in den Gesich­tern und dann sieht man wie­der nichts oder man sieht nicht rich­tig, denn wer sich selbst auf der Lein­wand sieht, sieht nicht den Film wie Pedro Cos­ta ein­mal tref­fend for­mu­lier­te. Der Kule­schow-Effekt, der in vie­ler­lei Hin­sicht für die Kraft des kine­ma­to­gra­phi­schen Spra­che steht, hat auch eine Kehr­sei­te. Er zeigt auch die Ohn­macht die­ser Spra­che und die Gefahr des magisch erhöh­ten drit­ten Bilds, also jener unsicht­ba­ren Kraft, die zwi­schen zwei Ein­stel­lun­gen ent­steht und die eine ungreif­ba­re poe­ti­sche, poli­ti­sche oder emo­tio­nal-psy­cho­lo­gi­sche Bedeu­tung in sich tra­gen kann. Das Miss­ver­ste­hen eines Blicks im Augen­blick des nächs­ten Blicks. Die­se Ten­denz, die das Bild zuguns­ten einer Zeit­lich­keit ver­drängt ist in das Kino ein­ge­schrie­ben, aber es gibt Wege, die das Bild zu einer Not­wen­dig­keit machen und somit den Fokus hin zu einem tat­säch­li­chen Zu-Sehen und Zu-Hören zu ermöglichen.

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Eine Metho­de von Bar­tas ist dabei sicher­lich die Defor­ma­ti­on. Sie beginnt beim Cas­ting und führt zu Bewe­gun­gen und Ober­flä­chen, die den Blick for­dern, die ihn auf­for­dern hin­zu­se­hen bevor das nächs­te Bild kommt, das wie­der­um einen neu­en Blick auf den bewuss­ten Blick legt. Und selbst wenn Bar­tas mit­un­ter sehr mar­kan­te Gesich­ter und extre­me Ein­stel­lun­gen aus­wählt, so ent­steht die­se Kon­zen­tra­ti­on auch bei eher unauf­fäl­li­gen Gesich­tern und zwar genau, weil nicht gespro­chen wird, obwohl man es erwar­tet. Die Defor­ma­ti­on bei Bar­tas ist also kei­ne Fra­ge der zahl­rei­chen Betrun­ke­nen oder Behin­der­ten (man den­ke an die bewe­gen­den Sze­nen eines Man­nes ohne Bei­ne in Prae­ju­si­os dienos atmi­ni­mui), son­dern sei­nes Blicks, der ohne Wor­te aus­kom­men will. Und so spü­ren wir ein Inter­es­se, das die Tex­tur eines Gesichts fühl­bar macht und die unver­meid­li­che Macht einer Land­schaft, die Figu­ren schlu­cken kann. In Sep­ty­ni nema­to­mi zmo­nes gibt es eine Sze­ne auf einer Par­ty, bei der zwei Frau­en mit ver­lo­cken­den Bli­cken aus dem Bild schau­en. Wen sie anse­hen ist unklar, auch wenn der nächs­te Blick der Kame­ra auf den Prot­ago­nis­ten fällt. Es ist prak­tisch immer­zu unklar in die­sem Spiel der Bli­cke, das auch eine Ant­wort auf das Feh­len der Wor­te ist, ob eine Ein­stel­lung bei Bar­tas sub­jek­tiv oder objek­tiv ist. Es ist nur klar, dass sie ist. In die­ser Ver­un­si­che­rung bleibt einem nichts ande­res, als das Bild für sich zu betrach­ten und die Rela­ti­on zwi­schen zwei Bil­dern weni­ger als nar­ra­ti­ve (ein schreck­li­ches Wort) oder raum­dy­na­mi­sche Fol­ge zu fas­sen, son­dern als asso­zia­ti­ve Form einer Poe­sie der Bil­der und Töne. Damit führt Bar­tas eine Spra­che, die sich bereits bei Meis­tern des Stumm­films wie Jean Epstein, Carl-Theo­dor Drey­er oder Vic­tor Sjö­ström gefun­den hat auf ein neu­es Level. Die­se Bli­cke gehen immer zugleich nach außen, in die Welt, off-screen und in sich selbst. Wenn man davon spricht, dass Bres­son die Clo­se-Ups von Drey­er nach innen gerich­tet hat, dann muss man sagen, das Bar­tas sie geteilt hat. Es erstaunt daher kei­nes­wegs, dass Bar­tas mit einem Film eine eth­no­gra­phi­sche For­schung betrei­ben kann und dabei sei­ne eige­ne See­le ent­deckt. Free­dom oder Few of us wären per­fek­te Bei­spie­le dafür.

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Die Ver­mi­schung der so falsch getrenn­ten Spiel­ar­ten Doku­men­tar­film und Spiel­film ist bei Bar­tas daher eine abso­lu­te Not­wen­dig­keit. Die Furcht vor den Wor­ten ist auch die Suche nach der rich­ti­gen Distanz zu den Figu­ren. Man den­ke nur an sei­ne groß­ar­ti­ge Sequenz in Trys dienos, in der zig Geschich­ten hin­ter Fens­tern vor­ge­schla­gen wer­den, aber kei­ne wirk­lich erzählt wer­den kann. Häu­fig ist die Kame­ra in einer Ent­fer­nung, die uns nichts erklärt und gera­de dadurch, weil sie eben doch nah genug ist, eine Lust am Sehen ent­fal­tet. Sobald ein Wort gespro­chen wird, kann es nicht mehr aus­ge­löscht wer­den. Es hängt wie eine Cha­rak­te­ri­sie­rung neben, über und in den Figu­ren. Es geht auch um die Falsch­heit von Wor­ten an sich. Wenn jemand spricht, dann ist das oft ein Stot­tern und Mur­meln, ein Schrei­en und Flüs­tern, in dem das Mate­ri­al der Spra­che, die Prä­senz weit und dick über den Inhalt gestülpt wird. Am Ende von Peace to us in our dreams scheint sich Bar­tas, der in Indi­gè­ne d‘Eurasie spür­bar gro­ße Pro­ble­me mit den Dia­lo­gen hat­te, aus die­ser Unsi­cher­heit zu befrei­en. Er wagt es, etwas zu sagen, was er für rich­tig hält. Es ist fol­ge­rich­tig, dass er selbst die Figur spricht, die sich damit womög­lich angreif­bar macht. Er schafft es, dass sei­ne Wor­te zugleich für sich exis­tie­ren und als Wor­te, die gespro­chen wer­den. Es ist nicht nur wich­tig, was gesagt wird, son­dern auch, dass etwas gesagt wird. Bar­tas stellt immer wie­der die Fra­ge: Wie kann man sich sicher sein? Wie kann man eine Aus­sa­ge treffen?

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Er unter­schei­det auch ganz bewusst im Schau­spie­ler zwi­schen dem Sein und dem Spie­len. Es geht ihm um eine Beto­nung von Kör­pern und Gefüh­len, die sich hin­ter Wor­ten ver­ste­cken wüden. Dabei ent­steht ein merk­wür­di­ges Para­dox, denn gewis­ser­ma­ßen ver­steckt sich Bar­tas natür­lich auch hin­ter sei­nem Schwei­gen. Viel­leicht hat er sich des­halb dafür ent­schie­den, einen Schritt in die Spra­che zu gehen. In einem Inter­view sag­te der Litau­er, dass er 20 Jah­re gebraucht habe, um der­art glaub­wür­di­ge Dia­lo­ge hin­zu­be­kom­men. Die­se Aus­sa­ge zeigt sehr deut­lich, dass die Angst vor dem Wort bei Bar­tas kein Selbst­zweck war und ist. Trotz­dem ist sie auch ein poli­ti­scher Aspekt, denn aus der Poe­tik der Wort­lo­sig­keit ent­steht eine Poli­tik. Sie bewegt sich in ähn­li­chen Bah­nen wie die Ziel­lo­sig­keit in sei­nem Trys dienos und das War­ten in Kor­ri­do­ri­us. Das Nicht-Spre­chen ist auch eine Form der Macht­lo­sig­keit, der unkla­ren Ver­hält­nis­se. Bar­tas wird von vie­len neben Béla Tarr als der Fil­me­ma­cher des post-sowje­ti­schen Zustan­des gese­hen. Einem Zustand, in dem zum einen der Zwei­fel an der Reprä­sen­ta­ti­on eine äußerst wich­ti­ge Rol­le spielt, der Zwei­fel an Wor­ten nicht nur inbe­grif­fen, son­dern vor­der­grün­dig. Die Wahr­heit der Din­ge kann nicht mehr in der Rhe­to­rik lie­gen. Dar­über hin­aus aber ist die­ser Ver­such, das Poten­zi­al einer Lüge zu umschif­fen, auch ein Zustand des Ver­har­rens, der Unmün­dig­keit von Menschen.

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Bei Bar­tas gibt es die­se Macht­lo­sig­keit in vie­len ver­schie­de­nen Facet­ten, häu­fig jedoch im Ange­sicht einer Gewalt, die erdul­det wird, damit sie nicht noch schlim­mer wird. Eine sol­che Gewalt gibt es bei­spiels­wei­se zwi­schen den bei­den Hand­pup­pen mit denen Vale­ria Bruni-Tede­schi in A Casa spielt. Es sind Pup­pen, die häu­fig im Werk von Bar­tas auf­tau­chen, sprach­lo­se, ja leb­lo­se Gesich­ter und Kör­per aus Holz oder Stoff, die über eine Art Pan­to­mi­me (nie durch Bauch­red­ne­rei bei Bar­tas) zum Leben erweckt wer­den oder nur als star­re Beob­ach­ter auf einem Regal sit­zen. Zwei Pup­pen, die sich schla­gen, haben kei­ne Kraft zu spre­chen. Und weil die­se Pup­pen genau­so wie die Men­schen bei Bar­tas nicht spre­chen, ist eine Berüh­rung der ein­zi­ge Weg einer emo­tio­na­len Mit­tei­lung. Die­se Berüh­run­gen kom­men im Kino von Bar­tas ent­we­der einer Ewig­keit oder einer Explo­si­on gleich. Es sind Umar­mun­gen oder Schlä­ge. Jede ande­re Berüh­rung ist der Blick, nur die Idee die­ser Berüh­rung und das flir­ren­de Loch, dass zwi­schen die­ser Erwar­tung und dem War­ten dar­auf entsteht.

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Wie kann man über die­se Bil­der und Töne bei Bar­tas schrei­ben? Wie kann man ihm mit Wor­ten begeg­nen, ohne sei­ne Welt­sicht in Fra­ge zu stel­len? Wie kann man sich die­sem Kino annä­hern, bei dem einem die Wor­te feh­len? Es ist kein neu­es Pro­blem, wenn man sich fragt wie man über Bil­der spre­chen kann, aber mit Bar­tas gibt es bereits eine Ant­wort: man kann nicht. Höchs­tens, wenn man sich ein wenig lächer­lich machen will. Aber wie man es kennt von den zahl­rei­chen miss­lun­gen Ver­su­chen über die eige­nen Gefüh­le zu spre­chen, so fin­det sich viel­leicht auch in die­sem Ver­such der not­wen­di­ge Hauch einer abs­trak­ten Annä­he­rung, die Bar­tas zwar nie erklä­ren kann, aber hier und da empfindet.