Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

Der eingeschlafene Kameramann

„The grea­test dan­ger, that of losing one’s own self, may pass off as quiet­ly as if it were not­hing; every other loss, that of an arm, a leg, five dol­lars, a wife, etc., is sure to be noti­ced.“ (Søren Kier­ke­gaard, The Sick­ness Unto Death)

Ich habe vor kur­zem geträumt, dass ich im Kino erblin­de und ich moch­te es.

Die Kame­ra ist ein Instru­ment der Unter­wer­fung. Ich bemer­ke oft, dass eine gro­ße Aner­ken­nung für jene gibt, die so tun als wür­den sie die Kame­ra beherr­schen. Ich weiß, dass du mir da nicht immer Recht gibst. Aber nie­mand beherrscht die Kame­ra, weil nie­mand das beherrscht was sie sieht. In Inter­views zu sei­nem Mimo­sas sagt Oli­ver Laxe ger­ne, dass das Kino die Kunst der Unter­wer­fung und der Frus­tra­ti­on sei. Frus­tra­ti­on des­halb, weil man nicht beherr­schen kann. Ein Medi­um ohne Kon­trol­le. Ein­ge­sperrt in einer Maschi­ne, in Maschi­nen. Die Maschi­ne kann sich selbst ver­las­sen, denn in ihr geschieht ein Zau­ber. Das Maschi­nen behaup­ten den Zau­ber. Traum­ma­schi­nen: Man den­ke an die Roman­tik man­cher Schil­de­rung, etwa jener von Ing­mar Berg­man, der in sei­ner Bio­gra­fie (in deren Name die Magie des Kinos steckt) beschreibt, wie er den Hebel dreh­te und die Bil­der mit dem Lau­fen began­nen. Das Kino wird auch nicht zu alt für die­se Roman­tik. Nur die Augen der Zuse­her wer­den müde und zynisch. Sind unse­re Augen noch jung? 

Unter­wer­fen kann nicht hei­ßen, dass man blind folgt. Weder der Kon­ven­ti­on, den Impul­sen als Fil­me­ma­cher, noch den Bil­dern und Tönen als Zuse­her. Unter­wer­fen heißt eher, dass es etwas gibt, das nicht beein­fluss­bar ist. Gro­ße Fil­me­ma­cher wie Stan­ley Kubrick oder Alfred Hitch­cock haben oft das Gegen­teil bewie­sen. Doch das, was als cine­phi­ler Moment gilt, als Pho­to­gé­nie nach Epstein, huscht durch das Bild, wenn man kaum hin­sieht, wenn man zufäl­lig blickt, woan­ders hin blickt, anders blickt. Unter­wer­fung heißt Bewe­gung, Flüch­tig­keit, Asso­zia­ti­on. Beim Zuse­her heißt das: Da ist der Film, der in sich eine Wahr­heit trägt. Man kann ihn zwar woan­ders hin mit­neh­men (Wis­sen­schaft­ler und Geschichts­leh­rer machen das ger­ne, sie neh­men Film, um anhand von Film, etwas zu the­ma­ti­sie­ren), aber dann hat man den Film nicht gese­hen. Auch wenn man sich selbst sieht, so Pedro Cos­ta und er hat Recht, sieht man den Film nicht. Aller­dings ist die Iden­ti­fi­ka­ti­on ein Grund für die Träu­me. Nur dabei geht es um eine Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der Bewe­gung und dem Licht. Nicht mit den Figu­ren. Was man nicht kann, ist weg­se­hen. Beim Fil­me­ma­cher heißt das: Die Rea­li­tät spricht auch. Sie hat eine eige­ne Stim­me. Höre ihr zu, schaue sie an, reagie­re auf sie. Ein Bei­spiel wäre ein Baum. Er ver­deckt die Sicht. Im Hin­ter­grund ein Kuss, eine Berüh­rung, viel­leicht ein letz­ter Blick. Du magst die­se letz­ten Bli­cke mehr als ich. Ein Ast ver­sperrt der Kame­ra die Sicht. Bazin könn­te gesagt haben: Es gibt jene Fil­me­ma­cher, die den Ast weg­schnei­den und jene, die ihn behal­ten. Es gibt kei­nen Fil­me­ma­cher, der sich nicht über­le­gen kann, wo er die Kame­ra hin­stellt bezie­hungs­wei­se ob er die­se Ent­schei­dung der Natur über­las­sen will.

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Wie der ein­ge­schla­fe­ne Kame­ra­mann. Er sieht sei­ne Bil­der nicht mehr. Sei­ne Augen fal­len hin­ter dem Objek­tiv, in dem sich Sand­kör­ner ange­staut haben. Es gibt eine Sze­ne in Sweet­grass von Luci­en Cas­taing-Tay­lor, in der er, der Kame­ra­mann, ein­schläft. Jemand bemerkt es und sagt: Hey, Luci­en ist ein­ge­schla­fen. Das Bild geht auch ohne ihn wei­ter. Auch in Mana­ka­ma­na und Levia­than aus der Sen­so­ry Eth­no­gra­phy Lab schei­nen die Kame­ras auto­nom zu sehen. Trotz­dem steckt die Sinn­lich­keit im Namen des Pro­gramms. War­um soll­te die Sinn­lich­keit also eine Sache des Bewusst­seins sein und nicht der Unter­wer­fung? Okay, du hast Recht, wir sind aus die­ser Zeit her­aus. Wir wis­sen das schon, wir ken­nen es schon: Natür­lich ist alles mani­pu­liert, das Kino ist weder ein­fach nur das Bild noch ist es ein­fach nur die Rea­li­tät. Es ist wie Gil­ber­to Perez schreibt bei­des zugleich: Das Bild und die Rea­li­tät. War­um fal­le ich immer wie­der dar­auf zurück? Ist es eine Sehn­sucht? Ein Ver­such? Mein Limit? Nur weil es die­se gro­ße Begeis­te­rung für Fil­me­ma­cher gibt, die alles kon­trol­lie­ren? Nur, weil ich nichts kon­trol­lie­ren kann, aber alles kon­trol­lie­ren will? Kann ich mich viel­leicht nur im Kino unterwerfen?

Ins­be­son­de­re im Islam, auf den sich Laxe bezieht, gibt es die­se Idee der Unter­wer­fung. Din­ge, die akzep­tiert wer­den, die man nicht len­ken kann. Aber ist das so mit der Kame­ra, mit dem Blick? Manch­mal, sage ich mir, habe ich im All­tag die­ses Gefühl. Und im Kino auch. Das Gefühl, dass ich nicht selbst ent­schei­de, wohin ich bli­cke, obwohl ich nicht das anbli­cke, was von mir erwar­tet wird. Freud hät­te sei­ne Freu­de damit. Der Kino­gän­ger ist auch ein Wahn­sin­ni­ger. Ein Neu­gie­ri­ger, selbst wenn man im Kino heu­te nicht mehr das sehen kann, was ver­bo­ten ist, weil nichts ver­bo­ten ist außer­halb des Kinos. Daher sieht man im Kino die Sehn­sucht selbst, die Sehn­sucht wird ange­blickt und blickt aus dem Kino zurück. Nur im Kino kann es einen Kuss nicht geben. Man spürt das Krib­beln, weil man die Din­ge nicht auf Knopf­druck bestel­len kann und dann spürt man, dass man sie gar nie sieht. Das Kino zeigt uns, dass wir gar nichts sehen, wenn wir glau­ben alles zu sehen. Du hast nichts gese­hen in Hiroshima.

Dann muss es da aber auch Angst geben im Kino, Auf­merk­sam­keit. Du hast mal gesagt: Der Film hat auch auf mei­nem Nacken statt­ge­fun­den, hin­ter mir. Akzep­tanz und Unter­wer­fung klin­gen ver­lo­ckend. Sie klin­gen nach Rausch, nach Ruhe, nach Sex und Lie­be zugleich. Aber sie klin­gen auch nach Gleich­gül­tig­keit. Nicht wie in einem Gesicht bei Bres­son oder in einer Ges­te bei Camus, son­dern wie im Geschmack von einer zu lan­gen Faul­heit, die sich auf den Kreis­lauf legt. Ein Kino der Unter­wer­fung läuft Gefahr gleich­gül­tig zu sein. Als Andy War­hol sag­te, dass er den Selbst­mord eines Fac­to­ry-Besu­chers ger­ne gefilmt hät­te, war das dann Unter­wer­fung oder Kon­trol­le? Die Gefahr liegt dar­in, dass Unter­wer­fung auch etwas weg­wer­fen muss: Manch­mal den Ver­stand. Manch­mal die Moral. Muss das Kino Moral haben oder ist Moral etwas, das man als Mensch haben muss und das man mit ins Kino brin­gen soll­te? Ist es ver­bo­ten den ech­ten Tod von Men­schen zu zei­gen? Heu­te wis­sen wir mehr denn je beim Ver­fol­gen der täg­li­chen Nach­rich­ten: Eja­ku­la­tio­nen und Mor­de sind en vogue. Cor­ne­liu Por­um­boiu hat in sei­nem When Evening Falls on Bucha­rest or Meta­bo­lism gezeigt, dass man sich die­sen Ideen erweh­ren kann. Was man sieht, ist dann ein­deu­tig undeut­lich. Manch­mal sieht man es nicht. Ver­pi­xel­te Vide­os, Türen und Fens­ter, die Nacht. Dür­fen wir ver­ges­sen wie die­se Din­ge aus­se­hen, weil wir immer das nächs­te Bild spü­ren? Die­ser Augen­blick bevor wir wei­ter kli­cken, ist der Augen­blick des Kinos. Hier har­ren wir, sind gefan­gen und ler­nen die Gefüh­le zu schät­zen, ja zu wie­der zu spü­ren. Das Kino zeigt das, was wir ver­ges­sen könn­ten. Aber wer sind wir?

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Unter­wer­fung unter was? Der Rea­li­tät? Sie scheint sich selbst unter­wor­fen, man kann im Kino nicht unter ihr sein, denn man ist in ihr. Kino pene­triert die Rea­li­tät, unter­wirft sich ihr, beherrscht sie. Ein stän­di­ges Wech­sel­spiel zwi­schen Wahr­neh­mung, Beob­ach­tung und Mani­pu­la­ti­on. Das Glei­che gilt für die Zeit. Unter­wer­fung, das ist auch eine Fra­ge der Pas­si­on und des Respekts. Es geht um eine gegen­sei­ti­ge Unter­wer­fung. Denn das Gegen­teil einer Unter­wer­fung unter die Rea­li­tät wäre es, Men­schen mit Gewalt zu Bil­dern zu zwin­gen oder den Baum zu fäl­len, um den Kuss dahin­ter zu sehen. Unter­wer­fung heißt hier aber: Lie­be. Es heißt, dass der Baum ste­hen bleibt, damit es den Kuss dahin­ter geben kann. Es heißt, dass die Rea­li­tät weiß, dass es das Kino ist und das Kino weiß, dass es die Rea­li­tät ist. 

Das Kino lädt einen ein zu ver­ges­sen, dass es gemacht ist. Es lädt einen ein, sich selbst zu ver­ges­sen. Es ist wie ein Gift in einer wun­der­schö­nen Fla­sche. Weiß man ein­mal, dass es ein Gift ist, wird es zur Ver­su­chung und zur Angst zugleich. Und wenn das Kino in die­ser Fla­sche ist, dann ist es leben­dig. Dann kann man einen Schluck davon neh­men und sich der Wir­kung unter­wer­fen. Gift wird im Kino oft mit Anmut insze­niert. Wie die Augen von Frau­en bei Von Stern­berg. Grel­les Licht auf die Behäl­ter, es spie­gelt sich, es glänzt. Die Bewe­gun­gen wer­den zöger­li­cher. Manch­mal sieht man auch nur die Fol­gen einer Ver­gif­tung. Dann rückt das Kino in sei­ne Ver­gäng­lich­keit. El extra­ño caso de Angé­li­ca von Man­oel de Oli­vei­ra win­det sich und hebt die ver­trock­ne­ten Blät­ter zurück auf den Baum, der uns die Sicht ver­sperrt. Ein Mys­te­ri­um, ein Oze­an, ein para­no­ides Gefühl auf dei­nem Nacken. Dann schreit Har­riet Ander­son in Vis­knin­gar och rop und wir sehen ihr Lächeln aus Som­ma­ren med Moni­ka in die­sen Schrei­en ver­bren­nen. Bis wir uns wie­der Som­ma­ren med Moni­ka anse­hen und ihre Schreie wie ein Echo aus der Zukunft hören.

Unter­wer­fung unter was? Eine Idee, die unter dem allem liegt wie Badiou schreibt? Eine Bewe­gung im Pro­jek­tor, auf der Lein­wand? Eine Unter­wer­fung unter die Mög­lich­kei­ten. Alles, was pas­sie­ren kann. Man­che sagen, dass das Kino grö­ßer ist als die Welt. Das kann eigent­lich nur daher kom­men, dass man die Welt nur im Kino rich­tig sehen kann. Wie Kiaros­t­ami for­mu­lier­te: Er sehe Din­ge nur, wenn ein Rah­men um sie her­um exis­tie­ren würde.

Ich beob­ach­te einen wei­nen­den Kame­ra­mann. Er weint, weil er geschla­fen hat, als sich die bei­den hin­ter dem Baum geküsst haben. Untröst­lich blickt er auf den Baum. Er hat es ver­passt, den einen Moment. Eini­ge Meter wei­ter hin­ten schaut sich der Regis­seur mit den Dar­stel­lern die Sze­ne an. Sie bemer­ken nicht, dass der Kame­ra­mann nichts gese­hen hat. Sie bemer­ken auch nicht, dass er weint.