Über uns

„Eine ganze Welt öffnet sich diesem Erstaunen, dieser Bewunderung, Erkenntnis, Liebe und wird vom Blick aufgesogen.“ (Jean Epstein)

© Susann Jehnichen

DOK Leipzig 2016: Vom filmischen Ungehorsam – im Gespräch mit Ines Seifert

Ein Fes­ti­val beginnt für gewöhn­lich nicht mit dem ers­ten Scree­ning, das man besucht, son­dern zumeist am Bahn­hof, beim Ver­such sich ein Ticket für den öffent­li­chen Nah­ver­kehr zu kau­fen und sich anhand von Stadt­plä­nen zu ori­en­tie­ren. In Leip­zig stell­te sich mir bereits bei die­sem Schritt die ers­ten Hür­den in den Weg: der Fahr­kar­ten­schal­ter war nicht besetzt, der Ticket­au­to­mat akzep­tier­te weder mei­ne Kre­dit- noch Bank­kar­te und ver­lang­te den Ein­wurf des exak­ten Geld­be­trags (den ich natür­lich nicht bei mir hat­te). Frus­triert stieg ich den­noch in die Stra­ßen­bahn und fuhr in Rich­tung mei­ner Unter­kunft mit bes­ten Absich­ten spä­ter am Tag mein Wochen­ti­cket zu lösen. Die zwei­te Hür­de, ein ers­ter Stadt­spa­zier­gang zur Ori­en­tie­rung. Noch nie habe ich ein Fes­ti­val erlebt, dass sei­ne Spiel­stät­ten so gekonnt ver­steckt. Kei­ne Auf­stel­ler, kei­ne Fah­nen­stan­gen, alle Kinos in der Innen­stadt in Innen­hö­fen, Pas­sa­gen oder Ein­kaufs­zen­tren ver­steckt, jeden der drei Spiel­or­te (und auch das Fes­ti­val­zen­trum) habe ich erst nach eini­gen Umwe­gen gefun­den. Bevor noch der ers­te Film los­ging war ich eini­ger­ma­ßen genervt.

Ein paar Stun­den spä­ter sah die Welt schon ganz anders aus. Nach eini­gen sehr soli­den Pro­gram­men im Ver­lauf des Tages und dem schreck­li­chen Oder­land. Fon­ta­ne beschloss ich den Tag mit einem Kurz­film­pro­gramm, das so ganz mei­nen fil­mi­schen Nei­gun­gen ent­sprach. Das DOK Leip­zig bezeich­net sich selbst als Fes­ti­val für Doku­men­tar- und Ani­ma­ti­ons­film, des­halb war ich zu glei­chen Tei­len erfreut und über­rascht, dass sich ein wasch­ech­tes Avant­gar­de-Pro­gramm ins Lin­e­up des Fes­ti­vals ver­irrt hat­te. Am spä­ten Abend und an unge­wohn­ter Stel­le, in einem Mul­ti­plex­saal einer gro­ßen Kino­ket­te, sah ich ein Pro­gramm, das unter dem Titel „Rewor­king the Image“ um ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten der Be- und Ver­ar­bei­tung des fil­mi­schen Mate­ri­als kreis­te. In meh­re­ren Fil­men wur­de der Film­strei­fen direkt bear­bei­tet, in Nega­ti­ve Man von Cathy Jor­itz, in der die Aus­füh­run­gen eines Rhe­to­rik-Coa­ches durch Krit­ze­lei­en ver­frem­det wur­den, in Remo­ved von Nao­mi Uman, wo die Frau­en­kör­per eines Por­no­films mit Nagel­lack­ent­fer­ner unkennt­lich gemacht wur­den. Dazwi­schen Found Foo­ta­ge-Orgi­en von Hen­ri Storck und Charles Rid­ley und als Höhe­punkt des Pro­gramms Outer Space von Peter Tscher­kass­ky auf Rie­sen­lein­wand. Zum Abschluss noch zwei Fil­me, die das ästhe­ti­sche Poten­zi­al des Digi­ta­len ganz ähn­lich nut­zen, wie ihre ana­lo­gen Vor­gän­ger. Ein intel­li­gent zusam­men­ge­stell­tes Pro­gramm, des­sen Ein­zel­tei­le auch für sich allein­ste­hen könnten.

Neu­er Tag, neu­es Glück. End­lich konn­te ich Deca­sia von Bill Mor­ri­son sehen. Ein berau­schen­des Erleb­nis, ein Film, der zum Ver­sin­ken ein­lädt und des­sen leben­di­ges Zucken und Flir­ren stär­ker im Gedächt­nis bleibt als sei­ne klu­ge Sym­bol­spra­che, die mehr konrke­te Fra­gen zum Sta­tus des Kinos und des Film­ma­te­ri­als auf­wirft, als man das in einem nicht-gegen­ständ­li­chen Film erwar­tet. Zu die­sem Zeit­punkt war mir klar – wenn ich über das DOK Leip­zig schrei­be, muss ich über die­se Neben­sek­ti­on schrei­ben, die im Schat­ten der gro­ßen Wett­be­wer­be all die Fra­gen the­ma­ti­siert, die mich tag­täg­lich beschäf­ti­gen. Fra­gen zur Mate­ria­li­tät des Films, zur Prä­senz der Vor­füh­rung, zur Ver­le­ben­di­gung von Film­ge­schich­te, zur Ver­mitt­lung his­to­ri­schen Bewusst­seins. Die „Dis­o­be­dient Images“, wie die Rei­he getauft wur­de, hat Ines Sei­fert zusam­men­ge­stellt, erst­mals beim DOK Leip­zig in kura­to­ri­scher Funk­ti­on im Ein­satz, aber seit vie­len Jah­ren beim Film­fest Dres­den invol­viert. Um mehr über das Pro­gramm, sei­ne Rol­le im Gesamt­zu­sam­men­hang des Fes­ti­vals und die gegen­wär­ti­ge Medi­en­land­schaft zu erfah­ren, habe ich sie zum Gespräch getroffen.

Decasia von Bill Morrison
Deca­sia von Bill Morrison

Rai­ner Kien­böck: Wir kom­men gera­de aus dem drit­ten Pro­gramm dei­ner Rei­he „Dis­o­be­dient Images“ und haben gera­de schon über Bruce Bick­ford gespro­chen, des­sen Film Cas’l‘ am Ende des Pro­gramms stand. Du hast gesagt, dass du es wich­tig fin­dest, dass es eine Mischung aus aktu­el­len und älte­ren Fil­men gibt, und das Fes­ti­vals unbe­dingt his­to­ri­sche Pro­gram­me zei­gen soll­ten. Mich zieht es sehr oft in sol­che Rei­hen und auch ich fin­de es wich­tig, dass sich Fes­ti­vals Spar­ten behal­ten, wo sie sol­che Fil­me zei­gen kön­nen, ein­fach um ein his­to­ri­sches Bewusst­sein zu schaf­fen, dass Film eine Geschich­te hat, dass sich Film nicht in sei­nen aktu­el­len Pro­duk­tio­nen erschöpft, son­dern dar­über hin­aus geht. Könn­test du viel­leicht etwas dazu sagen, wie sich das DOK Leip­zig als Fes­ti­val dazu ver­hält, weil hier wird ja ver­hält­nis­mä­ßig viel His­to­ri­sches gezeigt?

Ines Sei­fert: Viel­leicht kann die Fra­ge zum Teil auch mit der Fra­ge, was die Auf­ga­be eines Film­fes­ti­vals gene­rell ist, beant­wor­tet wer­den. Vor allem wenn wir über Kurz­film spre­chen – und aus die­sem Bereich kom­me ich – sind Fes­ti­vals immer noch die aller­wich­tigs­te Platt­form, um über­haupt gezeigt zu wer­den und zwar unab­hän­gig davon, ob sie his­to­risch sind oder aktu­ell. Der Kurz­film hat ja ganz ande­re Ver­triebs­mo­del­le als Lang­fil­me, rela­tiv wenig Kurz­fil­me haben einen Ver­leih und sind dadurch in der „Kino­ma­schi­ne­rie“, wo sich das dann ein biss­chen auto­ma­ti­siert. Ansons­ten sind die Fes­ti­vals für die Fil­me­ma­cher auch ein wich­ti­ger Treff­punkt, und auch das betrifft letzt­lich die his­to­ri­schen, wie die aktu­el­len. Prak­tisch hast du dir die Fra­ge sel­ber beant­wor­tet. Ich fin­de es span­nend, ein­fach auch zu wis­sen, dass es so viel in der His­to­rie gibt, das man aus­gra­ben kann, womit man sich jahr­zehn­te­lang beschäf­ti­gen kann. Ich wür­de da gleich Bill Mor­ri­son als Bei­spiel nen­nen, der uns in den letz­ten Tagen hier bewusst gemacht hat, dass es sehr inspi­rie­rend ist Archi­ve auf­zu­su­chen und dort Fil­me zu ent­de­cken, die zum Teil noch nie gezeigt wor­den sind. Da sieht man auch, wel­che Ver­ant­wor­tung ein Fes­ti­val oder ein­zel­ne Kura­to­ren haben. Es geht dar­um zu sehen, wo ein Gen­re her­kommt, wor­auf sich bestimm­te Leu­te bezie­hen, wo neue Arbei­ten anschlie­ßen und Ideen wei­ter­ge­spon­nen wer­den. Der Ver­ant­wor­tung, die­se Din­ge offen­zu­le­gen, ist sich DOK Leip­zig enorm bewusst, und das schät­ze ich an dem Fes­ti­val auch sehr.

RK: Bill Mor­ri­son ist ein gutes Stich­wort, denn gera­de das ers­te Pro­gramm der Schau „Rewor­king the Image“ und dann sein Film Deca­sia hat­ten sehr stark die Mate­ria­li­tät von Film zum The­ma und ich woll­te fra­gen, ob das ein Aus­gangs­punkt war, ob Bill Mor­ri­son qua­si zuerst war, oder das Pro­gramm, und wie sich dann bei­des im Ent­ste­hungs­pro­zess zusam­men­ge­fun­den hat.

IS: Also als ers­tes stand das Fes­ti­val­mot­to „Dis­o­be­dience“ fest. Die Fes­ti­val­lei­te­rin Lee­na Pasa­nen hat­te in der Wahl des Mot­tos sicher einen gro­ßen Anteil. Sie kennt den fin­ni­schen Fil­me­ma­cher Jani Lein­onen, der als Jury­mit­glied hier sein hät­te sol­len, aber lei­der kurz­fris­tig erkrankt ist. Er hat die „School of Dis­o­be­dience“ gegrün­det, in der er Kin­dern das Hin­ter­fra­gen leh­ren möch­te. Bei­spiels­wei­se indem er die Bot­schaf­ten von Mar­ken­pro­duk­ten, die jeder kennt, bei­spiels­wei­se Kellogg’s, ver­frem­det. Damit ver­folgt er natür­lich ein grö­ße­res gesell­schaft­li­ches Ziel, indem er ver­sucht bestimm­te Mecha­nis­men und Stra­te­gien zu ent­lar­ven. In die­sem Zusam­men­hang hat er auch ein Aus­stel­lungs­kon­zept erar­bei­tet. DOK Leip­zig hat „Dis­o­be­dience“ in etwas abge­wan­del­ter Form zum Mot­to aus­er­ko­ren und in allen mög­li­chen Sek­tio­nen geschaut, was es an Wider­stän­di­gem, Auf­müp­fi­gem, Unkon­ven­tio­nel­lem gibt. Bill Mor­ri­son war wirk­lich einer der ers­ten Namen, der uns dabei in den Kopf schoss. André Eckardt, der in der Aus­wahl­kom­mis­si­on des DOK Leip­zig ist, hat sich als Ers­ter Gedan­ken dar­über gemacht, was in so eine Schau rein­ge­hört und sich früh auf Deca­sia von Bill Mor­ri­son fest­ge­legt. Mit die­sem Film im Hin­ter­kopf und sei­nem sehr ein­falls­rei­chen Umgang mit dem Mate­ri­al Film haben wir dann noch rund­her­um drei Film­pro­gram­me zusam­men­ge­stellt, die alle auf ande­re Wei­se „unge­hor­sam“ sind. Aus­ge­hend von Mor­ri­son war es dann natür­lich nahe­lie­gend, ande­re Arbei­ten, die mit der direk­ten Bear­bei­tung des Film­strei­fens spie­len mit einzubeziehen.

RK: Und dann gab es auch noch die Mög­lich­keit, dass Bill Mor­ri­son selbst zum Fes­ti­val kommt?

IS: Ja, es hat uns enorm gefreut, dass er zuge­sagt hat selbst her­zu­kom­men, als Jury­mit­glied und auch eine Mas­ter­class hält. Er ist ein gutes Bei­spiel dafür, wie wich­tig es ist, dass Regis­seu­re kom­men und über ihre Fil­me sprechen.

RK: Ich habe ges­tern schon erwähnt, dass mich das Pro­gramm „Rewor­king the Image“ sehr nach­hal­tig beein­druckt hat, ich wür­de da gern noch ein biss­chen dar­über spre­chen. Ich beschäf­ti­ge mich sehr viel mit Fra­gen der Mate­ria­li­tät und der Vor­füh­rung. In dem Pro­gramm lie­fen Fil­me, die eigent­lich nur Sinn machen, wenn sie im Ursprungs­me­di­um gezeigt wer­den – Tscher­kass­ky ist da wahr­schein­lich das bes­te Bei­spiel. Was mir auch sehr gut gefal­len hat, war die­se Evo­lu­ti­on bis hin zu den digi­ta­len For­men, die dann in gewis­ser Wei­se ähn­lich mit ihrem „Mate­ri­al“ umge­hen, und die zei­gen, dass es eine Form von Mate­ria­li­tät im Digi­ta­len geben kann. Könn­test Du viel­leicht dar­über spre­chen, wie du vor­schla­gen wür­dest das Pro­gramm zu lesen – eine Art Lek­tü­re­schlüs­sel? Wo waren die Ansatz­punk­te, die für dich ent­schei­dend waren in der Zusammenstellung?

IS: Das Pro­gramm hät­te natür­lich genau­so gut drei­tei­lig sein kön­nen. Es gibt ja wirk­lich vie­le Fil­me und Fil­me­ma­cher, die sich mit dem Film­strei­fen aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Mir war bewusst, dass zumin­dest ein Klas­si­ker des direk­ten Arbei­tens am Film­strei­fen dabei sein muss, da habe ich mich für Len Lye ent­schie­den, der in den 30er Jah­ren ein Vor­rei­ter war…

RK: …eine gute Wahl.

IS: Ich habe mich schließ­lich dazu ent­schlos­sen, Trade Tat­too von ihm ins Pro­gramm auf­zu­neh­men, einer sei­ner Fil­me für die G.P.O. Film Unit, eine Art Image­film, dem er eine beson­de­re Sinn­lich­keit ver­lie­hen hat. Ein zwei­ter Aus­gangs­punkt war die Tat­sa­che, dass DOK Leip­zig Doku­men­tar- und Ani­ma­ti­ons­film ver­eint. Des­halb fin­den sich im Pro­gramm Sto­ry of the Unknown Sol­dier von Hen­ri Storck und Ger­ma­ny Cal­ling von Charles Rid­ley, wo wir Doku­men­tar­auf­nah­men aus den 30ern und 40ern sehen, die dann geschickt umge­ar­bei­tet wor­den sind: Bei Ger­ma­ny Cal­ling hat Rid­ley bri­san­tes Film­ma­te­ri­al von NS-Auf­mär­schen mit dem Lam­beth Walk, einem berühm­ten Tanz­stil die­ser Zeit, zusam­men­ge­führt. Aus heu­ti­ger Sicht wirkt das ganz unter­halt­sam, aber damals hat das deut­lich mehr geknis­tert. Sehr wit­zig fin­de ich auch Nega­ti­ve Man, der erns­te Auf­klä­rung zum The­ma hat, aber sie ganz der Lächer­lich­keit preisgibt.

RK: Mich hat der Film an die­se Krit­ze­lei­en erin­nert, die man als Kind macht, wenn man in Zeit­schrif­ten blät­tert und irgend­wel­che Wer­bun­gen mit Bär­ten, Hör­nern, etc. „ver­schö­nert“. Gleich­zei­tig spricht der Mann im Film über Rhe­to­rik­tipps für Manager.

IS: Genau. So ähn­lich ist es auch bei Remo­ved, die­sem 70er Jah­re-Por­no­film, aus dem die weib­li­chen Prot­ago­nis­tin­nen mit Nagel­lack­ent­fer­ner raus­ge­ätzt wur­den. Damit wird die­ses Gen­re an sich, und vor allem sei­ne männ­li­chen „Hel­den“, der Lächer­lich­keit preis­ge­ge­ben. Es geht in die­sen Fil­men auch um Hap­tik, um die Sinn­lich­keit der Arbeits­wei­se, das soll­te man immer im Hin­ter­kopf behal­ten. Auf der ande­ren Sei­te ist auch #47 von José Miguel Bis­ca­ya für mich ein ganz gefühl­vol­ler Film, ein ästhe­tisch tol­ler Film, der auch ein biss­chen der Annah­me gegen­steu­ert, dass mit dem Digi­ta­len gar kei­ne sol­che Form von Sinn­lich­keit mög­lich ist.

#47 von José Miguel Biscaya
#47 von José Miguel Biscaya

RK: Man erkennt dann ja immer in sol­chen Pro­gram­men gewis­se Nähen, auf die man sonst gar nicht drauf­kommt. Nimmt man Bill Mor­ri­sons Arbei­ten mit dem ver­fal­len­den Film­ma­te­ri­al noch zu die­sem Pro­gramm hin­zu, dann zei­gen sich Über­schnei­dun­gen zwi­schen sol­chen Fil­men und jenen Arbei­ten, die mit Data­mosh oder mit Kopier­schutz arbei­ten, die das Bild ver­zer­ren. Da offen­bart sich einer­seits eine ganz ähn­li­che Bild­spra­che und ande­rer­seits eine ähn­li­che künst­le­ri­sche Hal­tung dem Aus­gangs­ma­te­ri­al gegen­über. Sie zei­gen die Ver­falls­er­schei­nun­gen die­ses digi­ta­len „Dings“, das auch eine Hap­tik ent­wi­ckelt, wenn man das beim Digi­ta­len über­haupt so sagen kann.

IS: Ja, das stimmt. Und zum ande­ren the­ma­ti­sie­ren all die­se Fil­me in gewis­ser Wei­se die Ver­gäng­lich­keit des Seins. Das hängt wie­der­um mit Fra­gen der Archi­vie­rung zusam­men, wie sie Bill Mor­ri­son auch aus­ge­führt hat. Wäh­rend man vor eini­gen Jah­ren noch dach­te, mit digi­ta­len Spei­cher­me­di­en eine end­gül­ti­ge Lösung gefun­den zu haben, sind wir längst über die­sen Punkt hin­weg und stel­len fest, dass unter Umstän­den das Film­ma­te­ri­al, wenn es rich­tig gela­gert wird, eine sehr lan­ge Halt­bar­keit auf­weist, wäh­rend im digi­ta­len Bereich noch sehr offen ist, wie lan­ge die Pixel an der glei­chen Stel­le bleiben…

RK: …und ob man sie dann über­haupt noch lesen kann, wenn man das vorhat.

IS: Bill Mor­ri­son hat jetzt einen Teil sei­ner Fil­me unter sehr guten Archiv­be­din­gun­gen gela­gert. Er weiß, es ist gesi­chert, dass sein Film­ma­te­ri­al ihn sel­ber über­le­ben wird, und er hat auch dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es mög­lich sein wird, dass in Jahr­hun­der­ten eine Film­rol­le gefun­den wird, und die Leu­te, die das fin­den wer­den, eine ziem­lich kla­re Vor­stel­lung davon haben, wie das ein­mal gedacht war. Man sieht die Ein­zel­bil­der, und man ver­steht, wel­che Art von Prin­zip man braucht, um die zum Lau­fen zu brin­gen. Mit digi­ta­len Pro­gram­men ver­hält es sich anders, weil die sich so der­ma­ßen schnell ändern – schon nach einem Upgrade von Win­dows 7 auf 10 braucht man eine gewis­se Ein­ar­bei­tungs­zeit. Das war für mich ein schla­gen­des Argument.

RK: Die eine Sache, die mir auch noch impo­niert hat an dem Pro­gramm, war, dass tat­säch­lich noch eini­ge Fil­me ana­log pro­ji­ziert wur­den, was für Film­fes­ti­vals mitt­ler­wei­le sehr beacht­lich ist. Was muss man tun, damit so etwas über­haupt noch pas­siert in der heu­ti­gen Welt?

IS: Aus wes­sen Sicht?

RK: Aus dei­ner Sicht, wenn du sagst, du möch­test die­se Fil­me zei­gen, muss man dann die Direk­to­rin bestechen?

IS: Das kommt immer sehr auf die Per­so­nen an, die das Fes­ti­val orga­ni­sie­ren. Also Bill Mor­ri­son, den kön­nen wir jetzt eigent­lich pau­sen­los zitie­ren, hat es gut auf den Punkt gebracht. Er wur­de in sei­ner Mas­ter­class auch gefragt, wie wich­tig für ihn das Vor­führ­ma­te­ri­al ist, und da hat er gesagt, dass er noch zwei 35mm-Kopien von Deca­sia besitzt und eben auch die Files; und die Fes­ti­vals wol­len fast immer die Files. So ein­fach ist es. Das hat natür­lich auch die Vor­tei­le, z.B. im Trans­port. Man spart gera­de inter­kon­ti­nen­tal viel Geld. Da er aus finan­zi­el­len Grün­den auch nicht häu­fig neue 35mm-Kopien zie­hen könn­te, gibt er auch ger­ne die DCP raus, wenn ein Fes­ti­val das ger­ne hät­te. Vie­le Fil­me­ma­cher erstel­len unter ande­rem wegen der Ver­triebs­struk­tu­ren und Bud­gets DCPs von ihren Fil­men, um heut­zu­ta­ge über­haupt gezeigt wer­den zu kön­nen, weil zum Bei­spiel 16mm-Pro­jek­to­ren auch nicht mehr in jeder Stadt an jeder Ecke zu fin­den sind. Unse­rer hier zum Bei­spiel ist am Diens­tag­vor­mit­tag zusam­men­ge­bro­chen, und dann haben die Tech­nik­ver­ant­wort­li­chen tat­säch­lich noch einen zwei­ten orga­ni­sie­ren kön­nen. Ein biss­chen licht­schwä­cher war der, war aber trotz­dem eine gute Vorstellung.

RK: Ich mei­ne, es ist auf einer gewis­sen Ebe­ne schon nach­voll­zieh­bar, wenn man sich die­sen Auf­wand und die­se Kos­ten erspart, noch dazu, weil vie­le, gera­de klei­ne­re, Fes­ti­vals ohne­hin von der Selbst­aus­beu­tung ihrer Mit­ar­bei­ter leben, aber ich fin­de es gut, dass dann doch immer noch die­se Ent­schei­dun­gen zuguns­ten der ana­lo­gen Pro­jek­ti­on getrof­fen wer­den oder dass es zumin­dest ein Bewusst­sein dafür gibt, dass es anders sein soll­te. Um jetzt noch ein­mal die Kur­ve zu krie­gen von die­ser The­ma­tik zum Pro­gramm. Mich wür­de noch eines inter­es­sie­ren: das DOK Leip­zig bezeich­net sich ja selbst als Doku­men­tar- und Ani­ma­ti­ons­film­fes­ti­val, aber gera­de in den Pro­gram­men, die du zusam­men­ge­stellt hast, sind vie­le Fil­me drin­nen, die mei­nem Gefühl nach die­se Kate­go­ri­sie­run­gen sehr weit deh­nen. Wie steht es mit der Offen­heit mit die­sen For­men beim Fes­ti­val und was hast Du dir dabei gedacht, Fil­me wie Outer Space oder auch Deca­sia hier zu programmieren.

IS: Es ist denk ich ein Trend der letz­ten Jah­re, dass sich die Gren­zen zwi­schen die­sen ein­zel­nen Kate­go­rien auf­lö­sen. Gera­de zwi­schen Expe­ri­men­tal- und Ani­ma­ti­ons­film ist das eine ganz offe­ne Sache. Wie gesagt, doku­men­ta­ri­sche Grund­la­gen, die dann doch eine Art von Ani­ma­ti­on erfah­ren, wie eben Ger­ma­ny Cal­ling, woll­te ich gern zei­gen, um die Struk­tur des DOK Leip­zig wider­zu­spie­geln. Aber die­se Dis­kus­si­on über Gen­re­gren­zen, die mehr oder weni­ger wei­ter­exis­tie­ren, ist sehr rege inner­halb der Fes­ti­valland­schaft. Das zieht sich dann bis zu den Prei­sen, die man ver­gibt, wo man gucken muss, ob da über­haupt die Kate­go­rien noch stim­men. Prin­zi­pi­ell ist das DOK Leip­zig in die­sen Fra­gen sehr offen.

RK: Damit sind mei­ne Fra­gen beant­wor­tet, dan­ke für das Gespräch.