Those Who Go Those Who Stay von Ruth Beckermann

Dossier Beckermann: Rote Fäden (Those who go those who stay)

Wo soll man bloß anfangen?

Mit Tho­se who go tho­se who stay zieht Ruth Becker­mann nach über drei­ßig Jah­ren des Fil­me­ma­chens in vie­ler­lei Hin­sicht Zwi­schen­bi­lanz. Ein sol­ches Resü­mee, so könn­te man mei­nen, fasst lose Enden zusam­men, ergänzt bis­her Nicht-Erzähl­tes oder Nicht-Gezeig­tes, gibt Aus­kunft über Moti­va­tio­nen für das Fil­me­ma­chen, schließt ein Kapi­tel, einen Lebens­ab­schnitt ab. Tho­se who go tho­se who stay ist da anders: das Unab­ge­schlos­se­ne Becker­manns frü­he­rer Fil­me fin­det hier kei­nen Abschluss, son­dern eine Fort­set­zung, kein Gedan­ken dar­an ver­schwen­det die man­nig­fal­ti­gen The­men und Moti­ve ihrer vor­he­ri­gen Arbei­ten in einem letz­ten Kraft­akt zu einem Gesamt­kunst­werk abzu­run­den. Nein, die­se Zwi­schen­bi­lanz ist wider­stän­dig. Sie lässt trotz­dem deut­li­cher wer­den, was Becker­mann in ihrem Film­schaf­fen antreibt. Im Kern geht es näm­lich dar­um, einen Film nicht als end­gül­ti­ges, unum­stöß­li­ches Urteil zu ver­ste­hen, son­dern um eine Aus­ein­an­der­set­zung mit Bil­dern und Tönen der Welt. Tho­se who go tho­se who stay ist fol­ge­rich­tig kei­ne Zusam­men­fas­sung einer spe­zi­fi­schen Posi­ti­on, son­dern ein Ange­bot noch ein­mal Bil­der und Töne der Welt zu sich­ten und zu hören, die bis­her eine wich­ti­ge Rol­le in Becker­manns Werk gespielt haben. Ein roter Faden ergibt sich nicht aus der Zusam­men­füh­rung ver­schie­de­ner moti­vi­scher Strän­ge, son­dern aus der Ver­dich­tung par­al­lel­lau­fen­der roter Fäden, die sich mal deut­li­cher, mal weni­ger deut­lich durch ihr Werk zogen.

Those Who Go Those Who Stay von Ruth Beckermann

Assoziative Sprünge durch Raum und Zeit

Die Schwer­punkt­set­zung lagert Becker­mann dabei auf das Publi­kum aus und geht dabei noch radi­ka­ler vor als sie das in ihren frü­he­ren Fil­men getan hat. Kaum etwas ver­bin­det die kur­zen, oft jäh abbre­chen­den Epi­so­den, die Becker­mann zu die­sem Film zusam­men­ge­setzt hat, außer einem Wil­len zur Asso­zia­ti­on und vor allem zur Neu­gier. Wel­che Orte sind das, die sie bereist: ist das Wien? Paris? Isra­el? Czer­no­witz? Ita­li­en? Wel­che Men­schen sind das, mit denen Becker­mann spricht: ist das ihre Mut­ter? Freun­de? Fein­de? Flücht­lin­ge? Was „erzählt“ ein Film, der so wild durch Raum und Zeit springt: ein Kran­ken­haus­be­such bei der Mut­ter; dann ein Gespräch mit Mat­thi­as Zwil­ling, einem der letz­ten Juden in Czer­no­witz (wo Becker­manns Vater gebo­ren ist); dann wie­der ein Besuch einer FPÖ-Ver­an­stal­tung am Wie­ner Ste­phans­platz; zwi­schen­durch Auf­nah­men aus Isra­el; gegen Ende afri­ka­ni­sche Flücht­lin­ge in Süd­ita­li­en – eini­ge Jah­re bevor neue Krie­ge und neu­es Leid Euro­pa einen Flücht­lings­strom bescher­te, der ver­hee­ren­de poli­ti­sche Kurz­schluss­re­ak­tio­nen auslöste.

Mög­li­che Ver­bin­dun­gen zwi­schen die­sen ver­schie­de­nen Vignet­ten las­sen sich mühe­los her­stel­len. Die Volks­tü­me­lei der FPÖ trifft auf die weit ent­fern­te Not abge­kämpf­ter Flücht­lin­ge, deren Flucht­rou­te sich zu wei­ten Tei­len mit jener der Mut­ter deckt, als sie 1938 Wien ver­las­sen muss­te. Sie floh frei­lich in die ande­re Rich­tung: Nach Isra­el, dem „Land der ein­zi­gen Mög­lich­keit“, zu dem Becker­mann – und vie­le ande­re, die die­ses Land nicht pri­mär als theo­lo­gi­sche Kon­stan­te ver­ste­hen – ein schwie­ri­ges Ver­hält­nis hat. Ver­bin­dun­gen über Ver­bin­dun­gen, Quer­ver­bin­dun­gen über Quer­ver­bin­dun­gen. Es hilft natür­lich, wenn man über ein gewis­ses Vor­wis­sen besitzt, wenn man Tho­se who go tho­se who stay sieht. Dann lässt sich Becker­manns Ver­hält­nis zu den Men­schen und zu den Orten im Film bes­ser aus­lo­ten und ver­ste­hen. Tat­säch­lich ist ein sol­ches Vor­wis­sen aber nicht zwin­gend not­wen­dig. Es war der ers­te Film von Becker­mann, den ich über­haupt gese­hen habe und er funk­tio­nier­te auch ohne viel Ver­ständ­nis für die per­sön­li­che Bezie­hung der Fil­me­ma­che­rin zu den Sujets ihres Films, denn die Fra­gen, die der Film ver­han­delt sind uni­ver­sal, die Gesprä­che und Gesprächs­frag­men­te geben genug Infor­ma­ti­on, um sich selbst einen Reim zu machen.

Those Who Go Those Who Stay von Ruth Beckermann

Teppich der Erfahrungen

Dar­in liegt eine Qua­li­tät von Becker­manns Film­schaf­fen: im frei­en Chan­gie­ren zwi­schen Indi­vi­dua­li­tät und Uni­ver­sa­li­tät. So wie es Franz West in Wien retour gelingt aus sei­nem eige­nen Schick­sal auf das Schick­sal der öster­rei­chi­schen (und euro­päi­schen) Juden zu abs­tra­hie­ren, so gelingt es Becker­mann in ihren Fil­men aus einer bio­gra­phi­schen Erzäh­lung, über die Exis­tenz und Iden­ti­tät eines gan­zen Volks zu reflek­tie­ren. Tho­se who go tho­se who stay macht evi­dent, dass eine sol­che Reflek­ti­on nicht über einen phi­lo­so­phi­schen Kom­men­tar statt­fin­den muss, der erklärt, wie all die­se Bil­der und Töne zusam­men­hän­gen; und auch nicht über kathar­ti­sche Momen­te oder ande­re Ver­su­che Emo­tio­nen zu kon­stru­ie­ren. Die Zusam­men­hän­ge stel­len sich dann her, wenn die Bil­der und Töne auf­ein­an­der­tref­fen – und auf den Erfah­rungs­ho­ri­zont des Publi­kums. Becker­mann tritt mit Kame­ra und Ton­auf­nah­me­ge­rät den Men­schen und der Welt gegen­über und brei­tet einen Tep­pich aus Frag­men­ten aus. Ein wir­rer, löch­ri­ger Tep­pich ist das, ein Tep­pich, an den man her­an­tre­ten muss, an des­sen Ver­voll­stän­di­gung man selbst arbei­ten muss.

Wo soll man bloß aufhören?