Der Mann, der mit sich selbst sprach, ging jeden Morgen zur gleichen Zeit auf der Straße, die wir vom Hotelzimmer aus sehen konnten. Es war keine besonders auffällige Straße in Duisburg. Ihr Name war Neue Marktstraße oder so ähnlich. Autos und Elektroroller wurden dort vor den Häusern abgestellt. Hinter den Fenstern sah man Plastikblumen. Die Stimme des Mannes und sein Lachen gliederten sich ein in den Rhythmus des Tages in Duisburg. Ich konnte nicht verstehen, was er von sich gab, aber du hast erkannt, dass seine Gesten eine Richtung vorgaben. Immer wieder deutete er nach vorne auf die Straße, zum Himmel, zum Boden. Da dich sein Brabbeln und Rufen weckte, nanntest du ihn den Muezzin. Plastiktüten baumelten an seiner Hüfte. Schwarze Locken schauten unter seiner Mütze hervor. Manchmal lachte er oder sang ein Lied.
Und dann stelltest du wieder diese Frage, ob wir ihm nicht folgen sollten, ob es wirklich reicht, einen solchen Muezzin vom Fenster aus zu beobachten. Wohin er wohl jeden Tag zur gleichen Zeit marschierte? Wie er wohl seine Tage verbrachte? Aber immer, wenn wir runter zur Straße gingen, waren da nur die Elstern, die im Flug aussehen, als würde man schnell durch ein Buch blättern. Ich habe mich gefragt, was passieren würde, wenn wir ihn in unsere Zimmer einladen würden. Ich habe so etwas mal gesehen in einem alten jugoslawischen Film. Darin hat ein Mann Obdachlose in seine Wohnung gebracht, ohne seiner Partnerin vorher bescheid zu geben. Wenn der Muezzin das überhaupt gewollt hätte, wären wahrscheinlich alle in Panik geraten. Wir hätten es kaum vorbei an der Rezeption geschafft. Die Polizei wäre gekommen. Dieser Mann ging auf der gleichen Straße wie wir, aber er war unerreichbar für uns.
Als wir auf der Straße gingen, dachte ich an diejenigen, die uns aus ihren Fenstern beobachteten. Diese Straße war so seltsam still, findest du nicht? Ich kann mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, wer in ihr gelebt hat. Vielleicht schrie der Mann gegen diese Stille an. Schon verrückt, dass da einer alles mögliche sagen konnte und keiner auf ihn reagierte. Oder sie standen alle hinter ihren Fenstern wie wir. Ich frage mich, wo der Mann heute ist. Es ist seine Uhrzeit. Glaubst du, er geht noch immer auf dieser Straße? Oder ist er längst gestorben? Oder hat er sich in eine Elster verwandelt?

