Ein Bild im Land, ein Land im Bild: Gedanken zu den Bildern von Karpo Aćimović Godina

Text: Đana Kurtović

Als ich las, dass Žena s kra­jo­li­kom von Ivica Matić im Rah­men des 32. Sara­je­vo Film Fes­ti­vals als Son­der­vor­füh­rung gezeigt wer­den soll­te, dach­te ich zunächst, dass es eigent­lich erstaun­lich ist, wie lan­ge man auf einen Film war­ten kann, den man längst sehen woll­te, und wie plötz­lich, fast bei­läu­fig, die­ser Film dann vor einem steht. Es war einer jener sel­te­nen Momen­te, in denen sich Vor­freu­de und eine lan­ge geheg­te Neu­gier begeg­nen: Am meis­ten inter­es­sier­te mich die Kame­ra von Kar­po Godi­na, des­sen Blick auf die Welt immer auch ein eige­ner Blick auf das Kino zu sein scheint.

In der nai­ven Kunst folgt ein Haus nicht immer den Regeln der Per­spek­ti­ve, und ein Tier kann so groß wer­den, wie es dem Maler wich­tig erscheint. Das hat etwas Unschul­di­ges, doch unschul­dig heißt hier nicht ahnungs­los. Es ist die Mög­lich­keit, die ver­trau­te Welt anzu­se­hen, ohne sie sofort in die Ord­nung zu brin­gen, die man gelernt hat. Viel­leicht liegt in der Nai­vi­tät eine klei­ne Frei­heit: nicht schon im Vor­aus zu wis­sen, wie etwas aus­zu­se­hen hat

Der Förs­ter in Žena s kra­jo­li­kom malt, obwohl er es nie gelernt hat. Er malt die Land­schaft, in der er lebt, und bit­tet Frau­en aus dem Dorf, ihm Modell zu ste­hen. Sei­ne Bil­der wecken Neu­gier, aber auch Arg­wohn und Eifer­sucht. Für ihn scheint das Malen zunächst etwas Ein­fa­ches zu sein: eine Freu­de am Sehen, die er mit ande­ren tei­len möch­te. Ein­mal for­dert er die Dorf­be­woh­ner auf, selbst zu zeich­nen, was ihnen gera­de ein­fällt. Sie sol­len ein wenig ihre Fan­ta­sie gebrau­chen. Mehr ver­langt er nicht.

Die­se Auf­for­de­rung ist eine der schöns­ten Stel­len des Films. Der Förs­ter spricht, als wäre es selbst­ver­ständ­lich, dass jeder Mensch etwas in der Welt ent­de­cken und aufs Papier brin­gen kann. Nie­mand muss ihm erst bewei­sen, dass er zeich­nen darf. In sei­ner Male­rei ste­hen Häu­ser, Bäu­me, Tie­re und Men­schen neben­ein­an­der, manch­mal ohne Rück­sicht dar­auf, wie groß sie sein oder wo sie ste­hen müssten.

Beim Förs­ter muss­te ich an Niko Pir­os­ma­ni den­ken. Der geor­gi­sche Künst­ler brach­te sich das Malen selbst bei und hielt auf sei­nen Bil­dern Tie­re, Men­schen, Fes­te und Sze­nen aus sei­ner Umge­bung fest. Sei­ne Figu­ren wir­ken manch­mal, als hät­ten sie sich für ein Foto auf­ge­stellt; dann wie­der scheint ein Tier den Blick des Betrach­ters zu erwi­dern. Pir­os­ma­nis Men­schen und Tie­re haben eine Wür­de, die kei­ne kor­rek­te Per­spek­ti­ve braucht. Auch der Förs­ter malt nicht, um eine Regel zu erfül­len. Er möch­te fest­hal­ten, was ihn anzieht, sei es eine Kuh, ein Baum oder der Kör­per einer Frau.

Kar­po Aći­mo­vić Godi­na scheint die­se Freu­de am Sehen zu ver­ste­hen. Er gibt der Land­schaft Raum, ohne aus ihr ein Idyll zu machen. Ein Mensch steht vor einem Haus, ein Tier kommt ins Bild, dahin­ter lie­gen Fel­der und Hügel. Man darf bei ihnen ver­wei­len. Zugleich bleibt das Dorf ein Ort, an dem Men­schen ein­an­der begeh­ren, miss­trau­en und ver­let­zen kön­nen. Das schö­ne Licht nimmt ihnen ihre Wider­sprü­che nicht ab.

Gera­de dar­in unter­schei­det sich der Film von vie­len Bil­dern des Land­le­bens, die einem heu­te bei­spiels­wei­se in der Foto­gra­fie begeg­nen. Ein altes Haus, die Wäsche hängt auf der Lei­ne, Brot liegt auf einem Tisch, Hän­de ver­rich­ten Arbeit: Oft genügt bereits die Aus­wahl sol­cher Din­ge, um die Vor­stel­lung eines ein­fa­che­ren Lebens ent­ste­hen zu las­sen. Man sieht die Mühe der Arbeit nicht mehr, auch nicht die Enge zwi­schen Men­schen, die ein­an­der all­zu gut ken­nen. In Matićs Film dage­gen darf die Land­schaft schön blei­ben, wäh­rend in ihr Unru­hi­ges geschieht. Viel­leicht sieht man sie gera­de des­halb genau­er an.

Foto­gra­fie und Film ent­schei­den mit jedem Bild, wie ein Mensch vor uns erscheint. Man kann jeman­den bei einer unge­wöhn­li­chen Tätig­keit so foto­gra­fie­ren, dass er zur Kurio­si­tät wird. Man kann ihn vor einer pit­to­res­ken Kulis­se auf­stel­len, bis von sei­nem Leben nur noch die Kulis­se übrig bleibt. Oder man kann ihm Zeit geben und auf­merk­sam blei­ben für das, was sich vor der Kame­ra nicht voll­stän­dig erklä­ren lässt.

An Godi­nas TV-Serie Ram za neko­li­ko poza lässt sich Letz­te­res beob­ach­ten. Er begeg­net Men­schen mit selbst erlern­ten Fer­tig­kei­ten und unge­wöhn­li­chen Lei­den­schaf­ten: Gold­wä­schern, einer Hir­tin, die auf einem Blatt musi­ziert, einem son­der­ba­ren Orches­ter, jemand, der einem Hüh­ner­ei ein Pfer­de­huf­ei­sen auf­set­zen kann. Er zeigt sie in ihrer Umge­bung, bei Din­gen, die sie auch ohne anwe­sen­de Kame­ra beschäf­ti­gen wür­den. Ihre Eigen­hei­ten sind kein Anlass für Spott, und sie müs­sen auch kei­ne grö­ße­re Wahr­heit über das Dorf ver­kör­pern. Ein Mensch hat etwas gefun­den, das er kann oder liebt; für die Dau­er des Films darf das von Bedeu­tung sein.

Oft hält Godi­na sei­ne Men­schen in einer Anord­nung fest, die an ein tableau vivant erin­nert, ein leben­des Bild. Sie ste­hen oder sit­zen vor Häu­sern, auf Höfen, inmit­ten der Land­schaft und wen­den sich der Kame­ra zu. Beson­ders deut­lich zeigt sich die­ses Ver­fah­ren in Zdra­vi lju­di za razo­no­du, wo Godi­na etwa eine Grup­pe von Men­schen in einer sorg­fäl­tig kom­po­nier­ten Anord­nung vor einem Haus ver­wei­len lässt, bevor klei­ne Bewe­gun­gen und Ges­ten die schein­ba­re Star­re des Bil­des auf­bre­chen. Einen Moment lang könn­te man glau­ben, ein Por­trät­fo­to vor sich zu haben. Dann bewegt sich jemand, blin­zelt oder beginnt zu spie­len, und aus dem bei­na­he unbe­weg­ten Bild wird wie­der eine Begeg­nung. Gera­de die­ses klei­ne Schwan­ken zwi­schen Pose und Leben macht Godi­nas Auf­nah­men so schön. Die Men­schen wis­sen, dass sie gefilmt wer­den; sie dür­fen sich zei­gen, ohne des­we­gen auf­zu­hö­ren, sie selbst zu sein. Auch in Ram za neko­li­ko poza wird die Insze­nie­rung von Kör­pern im Raum zum zen­tra­len Gestal­tungs­mit­tel: Die Figu­ren neh­men vor der Kame­ra unter­schied­li­che Posen ein und ver­har­ren für einen Moment dar­in, sodass ein­zel­ne Ein­stel­lun­gen wie foto­gra­fi­sche Tableaus erscheinen. 

Sol­che Bil­der erin­nern an die flä­chi­gen, kräf­tig gefärb­ten Kom­po­si­tio­nen nai­ver Maler. Men­schen und Din­ge erschei­nen oft im Vor­der­grund, nah bei­ein­an­der, als soll­ten wir sie alle gleich gut sehen kön­nen. Godi­na betrach­tet sie jedoch mit einem Humor, der die Fei­er­lich­keit einer sorg­fäl­tig gestell­ten Sze­ne jeder­zeit auf­lö­sen kann. Dazu kommt die Musik der Brü­der Vra­neše­vić: ver­traut klin­gen­de Melo­dien tref­fen auf elek­tri­sche Klän­ge und über­ra­schen­de Ein­fäl­le. Sie beglei­tet die­se Men­schen mit der­sel­ben Spiel­freu­de, mit der sie selbst ihren Beschäf­ti­gun­gen nachgehen.

In Ram za neko­li­ko poza erfährt man wenig dar­über, wo genau die Auf­nah­men ent­stan­den sind. Die Höfe und Land­schaf­ten blei­ben sicht­bar, aber Godi­na ver­langt von den Men­schen nicht, dass sie einen Ort, eine Her­kunft oder eine Tra­di­ti­on ver­tre­ten. Er inter­es­siert sich dafür, was sie erfin­den und womit sie ihre Zeit ver­brin­gen. Der Töp­fer ist vor der Kame­ra, weil sei­ne Hän­de etwas kön­nen; die Hir­tin, weil sie einem Blatt einen Ton ent­lockt. Das ist eine ande­re Art, eine Gegend ken­nen­zu­ler­nen als über ihre Namen auf einer Landkarte.

Manch­mal den­ke ich bei Godi­nas Bil­dern auch an Ser­gej Paradscha­now, obwohl ihre Fil­me sehr ver­schie­den sind. Paradscha­now ord­net Men­schen, Stof­fe und Gegen­stän­de zu Bil­dern, die eher einem Traum oder einer Erin­ne­rung fol­gen als dem gewöhn­li­chen Lauf einer Hand­lung. Bei Matić und Godi­na ist alles schlich­ter: ein Haus, ein Feld, eine Kuh, ein Mensch davor. Doch auch hier spürt man, dass die Kame­ra die Welt nicht bloß vor­fin­det. Sie wählt einen Aus­schnitt und lässt uns dar­in etwas sehen, an dem unser Blick sonst vor­bei­ge­gan­gen wäre. Der Förs­ter malt die Land­schaft; Godi­na foto­gra­fiert sie. Bei­de zei­gen, dass man einem ver­trau­ten Ort noch ein­mal neu begeg­nen kann.

Godi­nas Fil­me sind für mich wie Post­kar­ten. Kei­ne, die einen Ort schö­ner machen sol­len, als er ist, son­dern sol­che, die jemand ohne beson­de­ren Anlass ver­schickt: Schau, das war hier. Die­ser Mensch war hier. So hat er sei­ne Zeit ver­bracht. Geschrie­ben und abge­schickt mit Liebe.