New York, Mitte Februar 2026
Zum ersten Mal, seit ich in New York bin, spaziere ich durch Williamsburg, über die teilweise für Autos gesperrte Berry Street und die Bedford Avenue mit ihren kleinen, teuren Boutiquen, Hundesalons und Fachgeschäften für Hot Sauce oder Gesichtsreinigungsprodukte. In Backsteingebäuden, viele davon ehemalige Fabrikgelände und jetzt teure Lofts, versammeln sich vor Western-Lokalen und Biergärten Leute von jung bis mittelalt. Einen Tag vor dem erwarteten Schneesturm, der einen Teil der Ostküste zeitweise lahmlegen sollte, schwärmen die Menschen aus wie im Frühling. Wirft man den Blick auf Skinny Dennis’ Bar oder Dolly’s Swing and Dive könnte man meinen, es sei April. Die Reste vom letzten Schneesturm haben so viel Straßenstaub aufgefangen, dass die grauen Haufen am Straßenrand keine winterliche Stimmung verbreiten. Ein paar Cowboyhüte in der Menge. Richtet sich meine Aufmerksamkeit nun zu stark auf Honky Tonks und Country oder reicht der Nashville-Boom auch schon nach New York? Und waren Biergärten auch schon immer so beliebt? Die Ankündigung eines Dolly Parton Look Alike Contest in Mayble’s Smokehouse beseitigt schließlich all meine Zweifel: Country Music ist in, selbst in Williamsburg. Inmitten eines riesigen konservativen Backlashs, bekommen die hippen Städter*innen mit gutem Startkapital Lust, sich einem Genre hinzugeben, dessen Ruf noch immer an traditionalistischen Lebensvorstellungen klebt. Country ist prädestiniert dafür, sich mit seinem eigenen markanten Stil in unserer Aufmerksamkeitsökonomie durchzusetzen: Glitzer, Leder, Schlaghosen. Für den Contest bekomme ich leider keine Karten mehr und beschließe stattdessen Lucinda’s Bar im East Village zu besuchen, um einem Line-Dance-Kurs zuzusehen. Vor gut einem halben Jahr von Country Music Star Lucinda Williams eröffnet, treffe ich hier vor allem auf College-Studierende und ein paar Techbros (die gibt’s überall). Einige von ihnen tragen glitzernde Westen. Niemand möchte heute (und auch sonst) über Tagespolitik reden. Der Techbro klammert bei seinem AI-Lob die Defizite der gelobten Entwicklungen aus und ergeht sich in einen Monolog über den wahrgewordenen Traum automatischer E‑Mail-Antworten. Lucinda (Williams) hingegen macht sich Gedanken. Sie hat sich offen gegen Trump ausgesprochen. Der Name ihres soeben erschienen Albums soll diese Sicht, mit warnendem Gestus, unterstreichen: World’s Gone Wrong.
Nashville, Anfang Februar 2026
Mit im Licht der Südstaatensonne zusammengekniffenen Augen blinzle ich auf die Front der Country Music Hall of Fame and Museum in Downtown Nashville. Es gibt einige Musikmuseen in der Stadt, aber um ein wenig über das Genre und seine Geschichte zu lernen, scheint mir dieser Ort, mit seinem integrierten Taylor Swift Education Center, am ergiebigsten. Ich zahle meine 30 Dollar – das spontane Präsentation meines Presseausweises ruft eine verwirrte Telefoniererei mit dem Management und eine Bitte um Voranmeldung aus – und gehe Richtung Aufzug. Dort singt der wegweisende Angestellte gerade vor sich hin, bis er mich bemerkt und die richtigen Tasten drückt, um mich zum ersten Teil der Ausstellung zu schicken. In Nashville trifft man überall auf Sänger*innen, so wie in L.A. an jeder Ecke Schauspieler*innen lauern. Oben angekommen verirre ich mich zuerst in eine Ausstellung über Johnny Cashs Tochter Rosanne. Hinter den Glasvitrinen werden vor allem Bekleidungsstücke präsentiert. Dieser Fokus zieht sich durch das gesamte Museum. Reagiere ich zu Beginn noch ablehnend darauf, wächst meine Faszination mit jedem Glitzerteil. Den Höhepunkt bilden aber weder Taylor Swifts Swarovskigitarre noch ihre Eras-Tour Kostüme oder Dolly Parton Wespentaillen-Korsetts, sondern das weiße Cabrio eine Sängers. Es ist großzügig mit Waffenimitationen geschmückt, mit einem breit geschwungenem Horn vor dem Kühlergrill und einem Sattel zwischen den ledernen Vordersitzen. An Schmuck und Accessoires wird nicht gespart. Country is a lifestyle. Mit den Tönen von Banjos und Fiddles im Ohr, gleite ich zwischen den bunten Jacken und Schuhen hindurch. Im Museumsshop kann ich mich später kaum von den funkelnden Oberteilen lösen, einzig ihr Preis schlägt mich dann doch (zögerlich) in die Flucht. Neben Cowboystiefeln und ‑hüten, sowie faszinierenden palettierten und schillernden Outfits für jedes Geschlecht, sind ab und zu auch ein paar Texttafeln angebracht. So erfahre ich über Dolly, dass sie eine große Philanthropin ist und Jolene der erste Country Music Song ist, in dem eine Frau eine andere respektvoll besingt statt sie als Feindin zu diskreditieren. Dolly ist also solidarisch und ich spätestens jetzt ihr Fan. Ihre Herkunft aus armen Verhältnissen – ihr Vater war Sharecropper in Tennessee – teilt sie mit ihrer Vorgängerin Loretta Lynn, the Coalminer’s Daughter aus Kentucky. Sie beide kommen aus den Appalachian Mountains, einer Region, die nach dem Niedergang der Kohleindustrie wirtschaftlich stark einbüßte. Country Music entstand dort als Underdog-Kombination irisch-schottischer und afrikanischer musikalischer Einflüsse, aus Instrumenten und Rhythmen von Diskriminierten und Versklavten. Im «Land of the free» ermöglichten ihnen die Melodien für einen Augenblick das Gefühl von Unbeschwertheit.
Es dauerte nicht lange, bis ihre Musik von Männern mit Sinn fürs Geschäft entdeckt und verbreitet wurde. Der Geschichte des Grand Ole Opry ist auch eine Vitrine gewidmet. Die Veranstaltungshalle ist bekannt für ihre Live-Sendungen und diente als Sprungbrett für viele Musiker*innen. Als der republikanischen Präsident Richard Nixon ein paar Monate vor seinem Rücktritt im August 1974 bei der Eröffnung eines neuen Standorts des Grand Ole performte, sagte er an die Country Musiker*innen gerichtet: «Your music does make America better. It is good for Americans to hear it. We come away better from having heard it.» Kann Musik uns zu besseren und schlechteren Menschen machen? Heute ist das Genre längst im Mainstream angekommen und die Performer*innen wissen um die Macht ihrer Worte. Taylor Swifts Kritik an Trump ist mittlerweile in Schweigen versiegt und fühlt sich im Vergleich zu Bad Bunnys ablehnender Vehemenz an wie ein sanftes Kitzeln. Kid Rock, der als Trump-Anhänger und MAGA-Fan kein Blatt vor den Mund nimmt, muss nicht darum fürchten, dass der Besucher*innenstrom seiner Venue auf Nashvilles Broadway abnehmen würde. Dessen Nachbau des Weißen Hauses außerhalb der Stadt ist seit letztem Jahr fertiggestellt ist, vergoldete Toilette inklusive (im Gegensatz zu Elvis’ vergoldetem Fernsehbildschirm in seinem Auto, steht diese noch nicht im Museum). Aber warum prägt jemand wie Kid Rock die Seele von Country Music so sehr? Das Museum liefert mir darauf keine Antworten, es vertieft sich lieber in Oberflächen. Wie überall gibt es auch im Country Menschen auf allen Seiten eines breiten politischen Spektrums. Der berühmte John Carson trällerte mit seiner Fiddle rassistische Texte, während Florence Reece’s Which Side Are You On? sich als Hymne für die Bergarbeiter*innen etablierte und vielfach gecovert wurde.
Vielleicht kann Robert Altmans satirischer Blick auf Amerika mir weiterhelfen, um die Country Music-Szene zu verstehen. Sein Nashville strotzt gerade so vor tagespolitischen Wirbeln der 1970er Jahre. Auf der Tonspur spricht immer wieder ein Präsidentschaftskandidat, der sich von der Politik seiner Kollegen abgrenzt. Er führt eine imaginäre dritte Replacement Party an, die sich gegen das Establishment richtet: «Some very funny notions have developed in American politics.»Vietnamkrieg, Gegenkultur, der andauernde Kampf gegen Rassismus nach dem Civil Rights Movement, Watergate.Allerlei Anspielungen.Nixon nahm sich ein Beispiel an George Wallace, dem segregationistischen Gouverneur von Alabama Country, um (Country) Songs für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Für seine Wahlkampfauftritte hatte Wallace Performer*innen des Grand Ole Opry engagiert, um sein Publikum mit Sweet Home Alabama (mit dessen Cover-Version Kid Rock gerne Trumps Auftritte unterstützt) zu mobilisieren. Nixons Team gewann Merle Haggard für seine Kampagne und zusammen drückten sie musikalisch ihr Missbehangen gegenüber der Hippie-Kultur aus:
«We don’t let our hair grow long and nasty and dirty,
Like the hippies out in San Francisco do. (…)
I’m proud to be an Okie from Muskogee,
A place where even squares can have a ball.»
In Nashville beleidigt Country Music Star Haven Hamilton den langen Haarschnitt eines Musikers und besinnt sich in seinen Texten auf ein ruhiges Landleben. Das konservative Loretta Lynn-Pendant Barbara Jean verbringt den halben Plot lang nach einem Unfall im Rückzug. Die reale Loretta Lynn weigerte sich aus gutem Grund den Film anzusehen – ihre Figur stirbt.
Wenn Politiker und Musikstars eine harmonische Beziehung miteinander eingehen, erinnert sich ein Land daran, wenn auch unbewusst. Das Erbe des Country scheint eine direkte Fortführung dessen zu sein. So sehr, dass man sich kaum vorstellen könnte, dass ein*e demokratische*r Kandidat*in die eigene Wahlparty mit einer Country Music-Sänger*in einleitet. Außer es ist Dolly Parton. Weil Dolly lässt sich nicht kategorisieren. Im Jahr 2020 verließ die demokratische Kandidatin Elizabeth Warren ihre Veranstaltungen mit Partons 9 to 5. Parton selbst vermeidet es aber, sich politisch zu äußern.
New York, Ende Februar 2026
Während in New York am 22. Februar aufgrund des Schneesturms der Notstand ausgerufen wird und am darauf folgenden Montag alle Termine abgesagt werden, kann ich es mir auf der Couch gemütlich machen. Die Songzeilen von 9 to 5 gehen mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf und die Playlist auf meinem Laptop macht mit.
«Workin› nine to five, what a way to make a livin’
Barely gettin› by, it’s all takin› and no givin’
They just use your mind and they never give you credit
It’s enough to drive you crazy if you let it
Nine to five, for service and devotion.»
Im New Yorker lese ich einen Artikel über ICE Detention Centers, während mir eine Bekannte schreibt, dass ihr Flug nach Minneapolis annulliert wurde. Because of the Ice. The snow, the blizzard. In Nashville hat es 12 Grad Celsius. Das Gemüseregal im Kühlschrank gähnt bis auf einen verkümmerten Kohlkopf vor Leere. Im Supermarkt wurden die letzten Kund*innen per Durchsage an den Schneesturm und die baldige Schließung erinnert. Leere Regale. Ich bin nicht sicher, wie Ernst ich die Situation nehmen soll. Ein Techbro aus Williamsburg tat die Warnungen als übertrieben ab, früher gab es noch viel mehr Schneestürme, argumentierte Gordon. Von einem Ast möchte ich trotzdem nicht erschlagen werden. Lucindas Honky Tonk kündigt an, entgegen Mamdanis Warnungen, das geplante Konzert durchzuführen. Richten sich hier republikanische Bands gegen die Bitte des Demokraten? Zu weit entfernt vom East Village, um mir selbst ein Bild zu machen, höre ich mir stattdessen Lucindas neues Album an.
«Come on baby
We gotta be strong
Dark days are getting long
Looking for comfort in a song
Everybody knows the world’s gone wrong
Everybody knows the world’s gone wrong
They can see what’s going down
Empty houses all over town
So many lost are never found
And bad, bad signs are all around
A lot of people being put on the street
It’s gettin› harder to make ends meet»

