Der Südosten der Vereinigten Staaten bemüht sich nicht um Spaziergänger*innen. Nicht die Landstriche und Verbindungen zwischen urbanen Zentren meine ich damit, sondern eigentlich erst mal nur Nashville, Tennessee. Das Athens of the South präsentiert sich zwar scheinbar einladend mit genügend Gehwegen, aber diese sind mehr fürs Überqueren als zum Entlangspazieren gedacht. Dem heftigen Wintersturm, der Ende Jänner zu einem großflächigen Stromausfall geführt hat, kann man fast zwei Wochen später noch nachspüren: in fast jeder Straße liegen Äste oder umgestürzte Bäume, teilweise mit Leitungen oder umgefallenen Masten auf den „Geh“wegen. Dicke Eisschichten, teilweise Schnee, manchmal mit hellblauem Streugut darüber bedecken den Boden und lassen die wenigen Hundebesitzer*innen, die sich mit mir die Wege teilen, darauf herumrutschen oder großflächig ausweichen. Im Gegensatz zu den in europäischen Städten immer verbreiteteren, leisen kleinen Elektroautos, können eine*n die Kombis mit dunklen Scheiben schwer überraschen. Das ist gut, denn der Sprung vom rutschigen Eis auf die Fahrbahn muss mit einem Ruck passieren. An vielen Ecken werden die Fußgänger*innen mit Tafeln darauf hingewiesen, dass sie Blickkontakt mit Fahrer*innen herstellen sollen, bevor sie die Straße überqueren. Ich starre auf dunkle Scheiben und hoffe den Auftrag damit zu erfüllen. Nicht zurückblicken zu können, so fühlt es sich wohl an, wenn man vor der Verspiegelung auf einer Wachstation oder Vermummten gegenüber steht, übertreibe ich. Kennzeichen sind nur am hinteren Teil der Autos angebracht, was in meinen Augen jedes Mal aufs Neue verboten aussieht. Ab und zu sehe ich jemanden zielstrebig ein- oder aussteigen. Die Gehsteige scheinen bloß als Verbindungen zwischen parkenden Autos und Eingängen in Gebäude gepflastert, A und B der Reise sind genau festgelegt. Selten tragen die Passagier*innen Jacken, obwohl die Luft sich nach Minusgraden anfühlt. Ein Mädchen spaziert in kurzen Hosen auf das Kunstmuseum zu, dem abseits des Parkbereichs, ein kleiner Platz mit kugeligen Steinformationen vorliegt. Einen Moment später springt sie mit ihren nackten Beinen darauf herum. Das Kind daneben trägt Leggins in Cowgirlstiefeln und einen Pullover mit der Aufschrift «Howdy», der erwachsene Mann an ihrer Seite einen Cowboyhut.
Auf der Tourist*innenmeile, dem Broadway mit seinen unzähligen Honky Tonks und Bars, kann ich vor allem Konversationen von New Yorker*innen in Westernkleidung schwer überhören. Eine kleine Gruppe von Arbeitskollegen aus Indiana, Kalifornien, Oregon und New York schwingt sich aufgedreht von einem Lokal zum anderen, von der Redneck Riviera zum Lucky Bastard und weiter zum Ole Red. Im Strömen der Menschen auf der einzigen Straße, auf der jede*r zu Fuß unterwegs ist, sehe ich, dass auch hier fast niemand Jacken trägt. Es gibt auch keine Garderoben in den Lokalen. Nichts ist logischer, als sich an Autoorten die Freiheit zu nehmen, keine warmen Jacken anzuziehen. Wer hat Dolly Parton, Taylor Swift, Johnny Cash oder Loretta Lynn schon mal in einer dicken Winterjacke gesehen? Zumindest hat sich dieser Anblick nicht ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Die glatte Sohle der Cowboystiefel lässt eine*n außerdem nur gleiten, nicht in der Kälte herumwandern. Noch bevor ich beim Eingang zur Bon-Jovi-Bar meinen Ausweis herzeige, stellt der Türsteher fest, dass ich nicht von hier bin. Woher er das weiß, frage ich. Liegt es an meinem bodenlangen Mantel? Nein, weil ich mich so ruhig angenähert habe, statt ausgeflippt «Howdy» zu rufen. Automatisch beginne ich lauter und mit gedehnteren Vokalen zu antworten, als würde ich sonst seine Gunst verlieren. Wenn man Nashville besucht, zeigt man, dass man Spaß hat. Nashville, das in den letzten zehn Jahren vermehrt in Konkurrenz mit Las Vegas getreten ist, so erklärt mir José, der vor fünfzehn Jahren aus Venezuela herzog, wird von den meisten Amerikaner*innen aus Lust an der Unterhaltung besucht. Man muss schon lange mehr kein Country Music Fan sein, um sich in NashVegas die Zeit angenehm oder ekstatisch vertreiben zu können.
Ebenso ruhig wie zur Bon-Jovi-Bar spaziere ich nachmittags nach Germantown und fühle mich dort augenblicklich so wohl, dass ich bis zum späten Abend bleibe. Backsteinhäuschen mit Holzveranden und schmalen Säulen beweisen eine Rekombination europäischer Baustile. Es fehlt nicht an Schaukelstühlen, die auf den Sommer warten und Efeuranken, die dem kahlen Winter aushelfen. Ein paar Blocks lang tauchen zwischen umzäunten Gärtchen im Winterschlaf kleine, düstere und dennoch einladende Lokale auf. In einem setzte ich mich an den Tresen, direkt vor die verglaste Auslage beim Eingang, um die ankommenden Gäste zu beobachten. Wenn sie beim Präsentieren ihrer Ausweise stehenbleiben müssen, ergreife ich ein paar Mal die Chance meine neugierigen Seitenblicke von der Straße in den offenen Raum gleiten zu lassen. Je später es wird, desto mehr schillernde Outfits brennen sich in meine Augen. Sie schälen sich aus den großen SUVs oder kleinen Cabrios, die an der Ecke des Lokals, das ich für unspektakulär hielt, heraus. Ich erahne Stars und Sternchen aus der Musikindustrie, einfach weil das in Nashville auf der Hand liegt und das historische Germantown wahrscheinlich ein Ort des Gesehenwerdens ist. Wer was von sich hält, lässt sich hier blicken. Ich blicke.
Im Archiv der Fisk University treffe ich Candace, die mir erzählt, dass North Nashville in Sachen Gentrifizierung mittlerweile mit anderen Vierteln nachzieht, Rick dehnt die Diagnose auf East Nashville aus. Auch sie bemerken, dass die Stadt seit zehn Jahren einen Aufwind erlebt und ich kann schwer glauben, dass Candace ihre Heimatstadt New Orleans nicht vermisst. Rick sehnt sich indes nach Los Angeles. Gemeinsam gehen wir ins Kino, wo mir beim Kaufen des Tickets ein Schein für den Parkplatz angeboten wird, was ich erst nach der dritten Wiederholung verstehe. Nachdem der Barmann lange interessiert meinen Führerschein betrachtet hat, versuche ich den anderen zu folgen, kann sie aber im Kinosaal nicht mehr finden. Als der lange Werbeblock zu Ende ist, breitet sich zu meiner Verwunderung wohliges 35mm vor mir aus. The Testament of Ann Lee beginnt, ich bin im falschen Film. Wir hatten uns eigentlich für BLKNWS: Terms & Conditions entschieden. Ich überlege kurz und wechsle dann doch den Saal, um mich von Khalil Josephs Sturm von einem Essay überwältigen zu lassen. Im Tempo eines Rausches wechseln sich Schnipsel aus dem Archiv – Interviews mit Schwarzen Aktivist*innen und bekannten Persönlichkeiten – mit inszenierten Szenen ab. Auf der Leinwand: Afro-amerikanische Geschichte und Gegenwart als Erlebnis unzähliger Mosaikstücke, die mich mit ihrem ausklingenden Techno-Beat im Saal behalten möchten.
Aber ich muss gehen. Also durchschlendere ich diverse Campusse, die mit ihren idyllischen Wohnhäusern zwischen Esshallen und Sportplätzen wie wohlbehütete kleine Student*inneninseln mit fehlendem Realitätsbezug wirken. Ich pilgere weiter zum Parthenon. Nashville erhielt den Rufnamen Athens of the South aufgrund seiner großen Dichte an Universitäten, woraufhin im Zuge der Tennessee Centennial and International Exposition 1897 die Krone der Akropolis nachgebaut wurde. Warum nicht. Wieder ein Stück alter Welt in der neuen. Ich bahne mir den Weg zum Tempel. Rundherum liegt ein Park, der eine Woche nach dem Sturm wieder begehbar ist und dessen Pfade einladen, entlangzugleiten und zu wandern, den Windungen planlos zu folgen.

