Die schöns­ten New Yor­ker U‑Bahn-Momen­te fin­den dazwi­schen statt. Zwi­schen Brook­lyn und Man­hat­tan, beim Durch­wan­dern zwi­schen den Wag­gons, wenn die wach­sen­de Sky­line über dem East River auf­leuch­tet und der J‑Train die im Stau ste­hen­den Autos über­holt. In kur­zen zwi­schen­mensch­li­chen Inter­ak­tio­nen, wenn jemand vom Han­dy auf und um sich blickt – „Love that gui­tar. I saw you play­ing in a bar the other night“. Dann scheint auch die Acht-Mil­lio­nen-Stadt nicht mehr so ungreif­bar groß. Selbst wenn man eine Stun­de in der A, C, E, F, J, M oder Q sitzt, um von Man­hat­tan aus Gegen­den zu errei­chen, die noch nicht völ­lig unleist­bar gewor­den sind, wird die Welt klei­ner. Man kann sich also auch hier leicht wie­der­tref­fen, im Win­ter vor allem in Bars. Oder in Kinos. Seit den 1990ern bewegt sich die Gen­tri­fi­zie­rungs­wel­le in Jahr­zehnt­schrit­ten von Wil­liams­burg wei­ter öst­lich hin nach Bush­wick, das noch in Brook­lyn liegt und ist nun in Rid­ge­wood, Queens, ange­kom­men. Von Migrant*innen gegrün­de­te Social Clubs, in denen Bewohner*innen mit deut­scher, alba­ni­scher, ita­lie­ni­scher, ser­bi­scher, kari­bi­scher oder puer­to­ri­ca­ni­scher Her­kunfts­ge­schich­te iden­ti­täts­stif­ten­de gemein­schaft­li­che Akti­vi­tä­ten fort­füh­ren, wer­den nun von den Hip­stern aus Brook­lyn auf­ge­mischt. Sie brin­gen auch das Bar­geld aus ihren drei Par­al­lel­jobs mit, für den gegen­wär­ti­gen Moment eine Win-Win-Situation. 

Wäh­rend einer Histo­ry Night in einem klei­nen Pub in Rid­ge­wood prä­sen­tie­ren Performer*innen Geschich­ten aus der Nach­bar­schaft. Gro­ßes Geju­bel bricht aus, als die Gott­scheer Hall erwähnt wird, genau­so beim von Serb*innen gegrün­de­ten I O Caf­fe. Ich füh­le mich an Wien erin­nert, und an Ber­lin. Mit zwei Freund*innen besu­che ich die Gott­scheer Hall, um den Abend mit dem Geschmack von Bre­zeln und Bier aus­klin­gen zu las­sen. Im Ein­gangs­be­reich emp­fan­gen uns unzäh­li­ge Augen­paa­re der jähr­li­chen Miss Gott­schee seit 1964. Tracht war und ist beim Schön­heits­wett­be­werb Pflicht, genau­so wie die Prä­senz auf Ver­an­stal­tun­gen der Gott­sche­ers. Es ist nach zehn Uhr und die Küche hat bereits geschlos­sen, wes­halb auch für Back­wa­ren die letz­te Stun­de geschla­gen hat. Bis auf einen wei­te­ren Gast, der die Zapf­häh­ne und das Stiegl-Bier in greif­ba­rer Nähe im Visier hat, bemer­ken wir kei­ne wei­te­ren Besucher*innen. Als ich auf Eng­lisch ein baye­ri­sches Bier bestel­len möch­te, fra­ge ich mich, ob ich auf Deutsch spre­chen soll. Das Ergeb­nis ist eine Mischung, irgend­et­was zwi­schen „Bier“ und „Beer» und „plea­se“ und „dan­ke“. Schwei­gend sit­zen wir dem Bar­mann gegen­über. Nur das Sur­ren diver­ser elek­tro­ni­scher Kühl­ge­rä­te stört die abso­lu­te Stil­le, der Fern­seh­bild­schirm prä­sen­tiert die Olym­pi­schen Win­ter­spie­le stumm. In dem Wis­sen, dass er in zwan­zig Minu­ten schlie­ßen möch­te, fra­ge ich Bar­mann Bill nach sei­nen Deutsch­kennt­nis­sen und die Kon­ver­sa­ti­on gerät nach eini­gem Sto­cken doch noch ins Flie­ßen. Wie­der irgend­wo zwi­schen Deutsch und Eng­lisch. Zum drit­ten Mal an die­sem Tag wird mir nun vom ande­ren Besu­cher, der sich eben­so ein­brin­gen möch­te, erklärt, dass Öster­reich und Deutsch­land doch das glei­che sei­en. Dies­mal leh­ne ich noch vehe­men­ter ab als davor. 

Wäh­rend sich New Yor­ker Mike mit iri­schen Wur­zeln ent­schul­di­gend und beschwich­ti­gend nach hin­ten lehnt, um sei­nen Faux­pax aus­zu­glei­chen, insis­tiert der Gott­scheer-Nach­kom­me auf dem gemein­sa­men kul­tu­rel­len Erbe. Er betont, Deutsch­ös­ter­reich und das Begehr „aller“ Österreicher*innen vor dem Zwei­ten Welt­krieg, sich als Teil einer deut­schen Kul­tur zu ver­ste­hen. Ich plä­die­re für fei­ne­re Nuan­cen, sto­ße aber auf eine ableh­nen­de Ges­te. Sofort bekommt das Gespräch einen fah­len Bei­geschmack und ich möch­te lie­ber etwas über die Gott­scheer erfahren. 

Deren ehe­ma­li­ges Sied­lungs­ge­biet im slo­we­ni­schen Koče­v­je thront als über­di­men­sio­na­le Kar­te über den Tischen. Die Geschich­te der deutsch­spra­chi­gen Min­der­heit geht bis ins 13. Jahr­hun­dert zurück und war spä­ter als Teil des König­reichs Jugo­sla­wi­en und im Rah­men der „Heim ins Reich“-Politik der Nazis von Ver­trei­bung geprägt. Wer als Gott­scheer zu die­ser Zeit die Mög­lich­keit hat­te, trat die Flucht nach Über­see an. Eini­ge schaff­ten es nach New York, wo sie sich ein neu­es Leben in Rid­ge­wood oder im Man­hat­ta­ner Stadt­teil York­ville auf­zu­bau­en ver­such­ten. Bill zeigt uns Face­book-Vide­os von Volks­fes­ten und schwelgt in Erin­ne­run­gen an deut­sche Metz­ge­rei­en, Braue­rei­en und Gast­stät­ten, die bis vor zwan­zig Jah­ren noch nicht an ihrer Exis­tenz gezwei­felt hat­ten. Jetzt, mit dem Wech­sel der Gene­ra­tio­nen haben sich auch ihre Orte ver­än­dert. Wir lee­ren unser Bier, um Bills Heim­fahrt nach Long Island nicht noch län­ger hin­aus­zu­zö­gern. Im Febru­ar macht New York nicht den Ein­druck, als wäre es eine Stadt, die nie­mals schläft. Mit M spa­zie­re ich zwi­schen den zwei­stö­cki­gen Back­stein­häu­sern und klei­nen Läden in der Cypress Ave­nue und der Gro­ve Street hin­durch, fern­ab von den am Was­ser thro­nen­den Hoch­häu­sern in Man­hat­tan und Brook­lyn, und atme auf. Eine gemüt­lich Stil­le und nur weni­ge Leu­te, die die Käl­te durch­schrei­ten, ver­zau­bern die Wege. Auf den Bord­stein­kan­ten tür­men sich jetzt schwar­ze Plas­tik­sä­cke, als hät­te es, wäh­rend ich mich in den Bars in die Ver­gan­gen­heit hin­ein­zu­den­ken ver­such­te, geschneit. In der fast lee­ren U‑Bahn lie­gen ein paar Men­schen auf den war­men Bän­ken, die sich gut zum Aus­stre­cken eig­nen. Ihr Schlaf und ihre Träu­me lie­gen irgend­wo zwi­schen den Boroughs, wäh­rend ich beob­ach­te, wie der J‑Train von einem Ende zum ande­ren braust. Ob sie auch von der Ver­gan­gen­heit träu­men oder eher von der Zukunft? New Yor­ker Kon­ver­sa­tio­nen schwel­gen immer mehr in Träu­men von der Ver­gan­gen­heit, weil alles ande­re nicht viel ver­spricht. Es ist die neue Welt, die nun Nost­al­gie in sich verspürt.

Als ich im Film­fo­rum am Frei­tag­nach­mit­tag eine Vor­stel­lung von Hal Ash­bys The Land­lord besu­che, erbli­cke ich im zu drei Vier­teln gefüll­ten Saal vor allem Besucher*innen in den Boo­mer­jah­ren, die sich wäh­rend der Gen­tri­fi­zie­rungs­sa­ti­re gut amü­sie­ren. Bill Guns Dreh­buch fängt den ers­ten Schub der­sel­ben in Park Slo­pe ein. Ein wohl­ha­ben­der 29-jäh­ri­ger Wei­ßer kauft ein Wohn­haus im mehr­heit­lich von Schwar­zen bewohn­ten Vier­tel, um in Reno­vie­run­gen zu inves­tie­ren und die bis­he­ri­gen Mieter*innen zu ver­trei­ben. Dass sein Plan nicht ganz auf­ge­hen wird, setzt ein uto­pi­sches Gegen­ge­wicht zu den in der Fol­ge­zeit, also nach 1970, tat­säch­lich ein­tre­ten­den Ent­wick­lun­gen. Denn in Rea­li­tät gewin­nen die Rei­chen den Klas­sen­kampf. In The Land­lord füh­ren eine ein­ge­spiel­te Gemein­schaft und die Nai­vi­tät des neu­en Ver­mie­ters zu sei­nem Ver­sa­gen. Der Titel der Rei­heTene­ment Sto­ries: From Immi­grants to Bohe­mi­ans lässt eine Welt, in der noch von Klas­sen­auf­stieg oder zumin­dest von frei­er Zeit mit den nöti­gen Dol­lars geträumt wer­den kann, nur mehr erah­nen. Das rund ums Film­fo­rum gele­ge­ne Green­wich Vil­la­ge, ist auch lan­ge kein Schmelz­tie­gel neu­es­ter Trends und krea­ti­ven Zusam­men­pralls einer gegen­kul­tu­rel­len Bohe­me mehr. Eine Wol­ke von Nost­al­gie strömt über das Vier­tel hin­aus. Frü­he­re Insti­tu­tio­nen exis­tie­ren noch fort, wir­ken aber all­zu auf­ge­frischt und zugleich unbe­lebt. Auch das Film­fo­rum wur­de einst, im Jahr 1970, als Ort für Alter­na­ti­ve, die unab­hän­gi­gem Kino auf eini­gen weni­gen Klapp­ses­seln, fol­gen woll­ten, gegrün­det. Ein sol­ches Wag­nis könn­te man sich in Lower Man­hat­tan heu­te nicht mehr vor­stel­len. Dem längst eta­blier­ten Kino scheint es aber gut zu gehen, erst vor ein paar Jah­ren wur­de es reno­viert. Viel­leicht weil die alten, auf­ge­stie­ge­nen Bohe­mi­ens und deren Nachfolger*innen aus Green­wich Vil­la­ge ihre Aben­de noch ger­ne hier ver­brin­gen und sich in Zei­ten, die sie aus vagen Erin­ne­run­gen und nie ver­stum­men­den Erzäh­lun­gen ken­nen, zurückdenken.