Filmfest Hamburg Diary: Tag 8: kleingeschrieben

Nach fünf spannenden Tagen in Hamburg, endet das Filmfest mit einer jungen koreanischen Frau, die ein Filmscreening verlässt und sich auf ihren Weg durch die erbarmungslose Kälte zurück nach Hause macht. Am Vortag hatte sie Bekanntschaft mit dem Regisseur des Films geschlossen. Er ist nun wieder abgereist, sie bleibt zurück. Right Now, Wrong Then von Hong Sang-soo war hier in Hamburg auch der letzte Film den Patrick gesehen hatte, und es scheint fast so als könnte das kein Zufall sein (Patricks Besprechung hier). Auch ich verlasse nach diesem Screening das Kino und mache mich durch die ungewohnte, herbstliche Kälte Hamburgs auf nach Hause. Der Tag hat wie von Geisterhand auf so ein Ende hingearbeitet. Zuvor hatte ich Raúl Perrones Samuray-s gesehen, eine Erfahrung, die ich nur mit den Filmen Stan Brakhages und Kenneth Angers vergleichen kann – weniger wegen einer formalen oder motivischen Nähe, sondern wegen ihrem Effekt auf mich. Samuray-s ist ein kinematisches Traumwandeln, eine hypnotische Erfahrung aus Bild- und Toneindrücken, die sich immerzu verdichtet und wieder ausdehnt: eine filmische Lavalampe, ich schäme mich für den Vergleich. Ich war heilfroh nicht im Anschluss gleich einen weiteren Film sehen zu müssen. In der eintretenden Dunkelheit, bin ich durch St. Pauli gewandert, habe nach Luft geschnappt, versucht wieder aufzuwachen. Hong lullt einen anders ein. Was er macht, ist fast ebenso wenig zu fassen, wie Samuray-s. Die rotzigen Schwenks und Zooms, die Klarheit seiner Bilder, die unfassbar detailreiche Ausstattung der Räume, in denen er seine Schauspieler aufeinanderprallen lässt. Perrone und Hong scheinen in ihren Filmen an völlig gegensätzlichen Dingen interessiert zu sein, doch im Kern spürt man beiden eine große Liebe zum Kino, eine Faszination für die (Film-) Geschichte, aber eine totale Hingabe an die Gegenwart, die bei Hong in einer detailreich konstruierten, klinisch-lebendigen Wirklichkeit mündet, und bei Perrone in einer verzückend abstrakten Scheinwelt aus Schatten und Schemen, die durch ihre immersive Qualität zur Wirklichkeit wird.

Right Now, Wrong Then von Hong Sang-soo

Right Now, Wrong Then von Hong Sang-soo

Der letzte Tag, ein Tag, an dem nichts zusammenpasste, und irgendwie doch alles. Ein Schweben in eisiger Kälte, unterbrochen durch die Geborgenheit des Mutterleibs Kino (selbst wenn dieser Mutterleib von außen, besprayt und heruntergekommen aussieht wie das B-Movie Kino). Währenddessen kämpfe ich mit der Technik. Auch das gehört irgendwie zu einem Festival dazu. Läuft man den ganzen Tag mit Laptop herum und versucht in den Pausen zu schreiben, oder verlegt man das auf die Morgen- und Abendstunden? Was tut man, wenn der Laptop bockt, und auf einmal die Umschalttasten nur mehr sporadisch funktionieren? schreibt man dann einfach klein weiter, ohne rücksicht auf verluste, oder müht man sich mit irgendwelchen behelfen ab, die den schreibfluss unterbrechen? Aufgrund meiner neurotischen Veranlagung gelingt es mir nicht über orthographische Mängel hinwegzusehen und ich wähle die letztere Alternative. Das Leben geht weiter, mit und ohne Großschreibung, auch nach dem Festival, auch nach Hong.

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